ESC 2020 Rot­ter­dam

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Die Sai­son 2020 ist offi­zi­ell eröff­net: am 30. August 2019 gab das aus­rich­ten­de nie­der­län­di­sche Fern­se­hen NPO (Neder­land­se Publie­ke Omro­ep, das hol­län­di­sche Äqui­va­lent zur ARD) bekannt, dass der nächs­te Euro­vi­si­on Song Con­test am 12., 14. und 16. Mai 2020 in Rot­ter­dam statt­fin­det. Damit setzt sich der Trend weg von den Haupt­städ­ten fort: zwar befand sich Ams­ter­dam unter den fünf ursprüng­lich ange­tre­te­nen Kon­kur­ren­ten um die Aus­tra­gung, signa­li­sier­te aber zugleich, die Bewer­bung eher pro for­ma abge­ge­ben und kein wirk­li­ches Inter­es­se zu haben, sich noch mehr Tourist:innen in die ohne­hin schon über­lau­fen­de Metro­po­le zu holen. Am Ende ent­schied es sich zwi­schen Maas­tricht und der mul­ti­kul­tu­rel­len Hafen­stadt Rot­ter­dam. Die sich ver­mut­lich auch auf­grund der bes­se­ren Hal­len­si­tua­ti­on durch­setz­te: als Aus­tra­gungs­ort dient der Ver­an­stal­tungs­kom­plex Ahoy, der neben der bis zu 16.000 Zuschauer*innen Platz bie­ten­den Ahoy Are­na noch fünf wei­te­re Hal­len umfasst, in denen bei­spiels­wei­se das Pres­se­zen­trum unter­ge­bracht wer­den kann.

Mit der am direkt anschlie­ßen­den Ein­kaufs­zen­trum Hart van Zuid lie­gen­den Metro­sta­ti­on Zuid­plan ist das Ahoy vom Haupt­bahn­hof und der Innen­stadt aus schnell und direkt erreich­bar. Wich­tig für Fans, denen die pünkt­lich mit Bekannt­ga­be des Aus­tra­gungs­orts explo­die­ren­den Hotel­prei­se in Rot­ter­dam zu hoch sind: die U‑Bahn-Linie E ver­bin­det das Ahoy sogar mit der 25 Kilo­me­ter ent­fernt lie­gen­den Ver­wal­tungs­haupt­stadt Den Haag, wo es etwas güns­ti­ge­re Zim­mer geben dürf­te. An der sel­ben Stre­cke lie­gen auch das Crui­se Ter­mi­nal (U Wil­hel­mi­na­p­lein), wo am 10. Mai 2020 die Eröff­nungs­ze­re­mo­nie mit dem Schau­lau­fen der Stars statt­fin­det, sowie der Euro­club in der Par­ty­lo­ca­ti­on Maas­si­lo (U Maas­ha­ven). Rot­ter­dam ist als Stand­ort des größ­ten See­ha­fens Euro­pas ver­kehrs­tech­nisch auf alle Arten her­vor­ra­gend ange­schlos­sen, wobei sich für Fans aus dem deut­schen Sprach­raum eine Anrei­se per Flie­ger ange­sichts der Kli­ma­ka­ta­stro­phe, die als sol­che in abseh­ba­rer Zeit gar die Exis­tenz die­ser mit dem ICE bequem zu errei­chen­den Stadt bedroht, natür­lich ver­bie­tet. Vor­aus­ge­setzt, die Sau­se fin­det über­haupt vor Publi­kum statt: der­zeit schwebt das Damo­kles­schwert des gras­sie­ren­den Coro­na­vi­rus über der Ver­an­stal­tung, die womög­lich – wie schon das däni­sche Melo­di Grand Prix – vor lee­ren Rän­gen spie­len muss. Rot­ter­dam erlang­te in den Neun­zi­ger­jah­ren selbst welt­wei­te pop­kul­tu­rel­le Rele­vanz, als von ihr aus die die fröh­lich-mini­ma­lis­ti­sche Tech­no-Spiel­art Gab­ber ihren Sie­ges­zug antrat: eine Musik­rich­tung, die indes nie­mals Ein­zug in den musi­ka­li­schen Kos­mos des Euro­vi­si­on Song Con­test fand. Scha­de eigent­lich!

Ich will mir sofort eine E ein­wer­fen und zum Beat hüp­fen wie Jac­ques Hou­dek in sei­nen bes­ten Dora-Tagen: 1992 ver­öf­fent­lich­te Rot­ter­dam Records mit die­sem musi­ka­lisch abwechs­lungs­rei­chen Titel einen der geni­als­ten Tech­no-Tracks ever. War­nung: der Video­clip kann Epi­lep­sie trig­gern.

One Way Ticket to the Blues

Bereits im Dezem­ber 2019 ging die ers­te Tran­che der heiß­be­gehr­ten Tickets für das Live-Event über den vir­tu­el­len Tre­sen und war natür­lich wie­der in Minu­ten­schnel­le kom­plett aus­ver­kauft. Eine zwei­te Chan­ce besteht am 30. Janu­ar 2020, wenn die rest­li­chen Ein­tritts­kar­ten in den Ver­kauf gelan­gen, dar­un­ter auch für die aus­schließ­lich für jun­ge, stand­fes­te Fans geeig­ne­ten Plät­ze im Euro­vi­si­on Mosh Pit im Innen­raum direkt vor der Büh­ne. Von die­sen gin­gen aller­dings bereits 90% als Pake­te direkt an die orga­ni­sier­ten Fan­clubs – zum hap­pi­gen Preis von 800 € für alle neun Ver­an­stal­tun­gen. Solo­ti­ckets nur für das Fina­le kos­ten rund 250 €. Zu den fes­ten Ritua­len rund um den Euro­vi­si­on Song Con­test gehört auch das Feil­schen zwi­schen aus­rich­ten­dem Sen­der und der Poli­tik um Staats­kne­te für das Pres­ti­ge­ob­jekt. So auch in den Nie­der­lan­den: 15–20 Mil­lio­nen for­der­te der öffent­lich-recht­li­che Sen­der­ver­bund NPO von der Regie­rung, wel­che die­ses Ansin­nen mit Hin­weis auf die angeb­lich prall gefüll­ten Schatz­tru­hen des Fern­se­hens zunächst abwies und am Ende 12,4 Mil­lio­nen aus bereits ein­ge­stell­ten För­der­mit­teln für den Rund­funk abzweig­te. Die Gesamt­kos­ten für die Fest­spie­le belau­fen sich auf geschätz­te 26,5 Mil­lio­nen, wie euro­fire berich­tet.

Die Ter­mi­ne des ESC 2020 in der Über­sicht

Beginn Pro­ben27.04.20
Eröff­nungs­ze­re­mo­nie10.05.20
ESC 2020, 1. Semi12.05.20, 21:00 MEZ
ESC 2020, 2. Semi14.05.20, 21:00 MEZ
ESC 2020, Fina­le16.05.20, 21:00 MEZ

Das Mot­to 2020: Open up

Tri­jnt­je freut sich: ihr Büh­nenout­fit inspi­rier­te das dies­jäh­ri­ge ESC-Mot­to.

Über­ra­schend und ein­präg­sam fällt der offi­zi­el­le Slo­gan für den Euro­vi­si­on Song Con­test 2020 aus. Den kecken Appel­la­tiv “Open up” ken­nen über Acht­zehn­jäh­ri­ge bereits aus zahl­rei­chen fil­mi­schen Wer­ken der Erwach­se­nen­un­ter­hal­tung, dort meist in einem eher bestim­men­den Ton­fall aus­ge­spro­chen und um die Benen­nung eines Kör­per­teils ergänzt. Was es in Ver­bin­dung mit dem letzt­jäh­ri­gen Gewin­ner und dies­jäh­ri­gen Wett­be­werbs­bot­schaf­ter Dun­can Lau­rence um so pikan­ter erschei­nen lässt; wür­den die meis­ten schwu­len und hete­ra Grand-Prix-Fans die­ser For­de­rung aus dem Mund des offen bise­xu­el­len Dun­can sicher nur all zu ger­ne Fol­ge leis­ten! Und auch die offi­zi­el­le Erklä­rung von Siet­se Bak­ker lässt sich in eine ähn­li­che Rich­tung lesen: “Das Mot­to ‘Öff­ne Dich’ ist bewusst offen gehal­ten: öff­ne Dich gegen­über ande­ren. Öff­ne Dich der Musik. Öff­ne Dich für Rot­ter­dam. Öff­ne Dich für… was auch immer Du möch­test! Ergän­ze den Slo­gan ein­fach völ­lig frei auf Dei­ne eige­ne Art. Auf die­se Wei­se ler­nen wir uns alle bes­ser ken­nen,” so Bak­ker auf eurovision.tv. Klingt so, als könn­te es lus­tig wer­den in Rot­ter­dam!

Für die Eili­gen: Rot­ter­dam in fünf Minu­ten.

Abseits aller Läs­te­rei­en: nach dem gene­risch-wat­te­wei­chen “Wage es, zu träu­men”-Seich von Tel Aviv ist der Slo­gan “Öff­ne Dich” in der aktu­el­len, von sich ver­schär­fen­der gesell­schaft­li­cher Spal­tung und zuneh­mend offe­ner Feind­se­lig­keit gepräg­ten Zeit ein aus­ge­spro­chen klu­ges Mot­to. Eine grö­ße­re Offen­heit hat schließ­lich noch nie jeman­dem gescha­det und ist tat­säch­lich eine Grund­vor­aus­set­zung, die im Zuge von Kli­ma- und Finanz­kri­se vor uns lie­gen­den mas­si­ven Auf­ga­ben über­haupt auf irgend­ei­ne Wei­se schul­tern zu kön­nen. Und wo lie­ße sich die­se wich­ti­ge Offen­heit spie­le­ri­scher und leich­ter üben als beim völ­ker­ver­bin­den­den Event des Euro­vi­si­on Song Con­test?

Für die weni­ger Eili­gen: Rot­ter­dam in einer hal­ben Stun­de. Inter­es­san­te The­se aus dem Film: in dem die Deut­schen die Stadt im zwei­ten Welt­krieg fast kom­plett zer­stör­ten, schu­fen Sie die Vor­aus­set­zung, dass Rot­ter­dam heu­te eine archi­tek­to­nisch so inter­es­san­te und moder­ne Stadt ist. Sagt ein nie­der­län­di­scher Städ­te­bau­er.

Noch mehr Publi­kumsent­mün­di­gung

Die Anzahl der Teil­neh­mer­län­der bleibt gegen­über Tel Aviv mit 41 unver­än­dert. Mon­te­ne­gro sag­te für Rot­ter­dam aus finan­zi­el­len Grün­den ab. Ungarn folgt unter dem Faschis­ten Orban dem trau­ri­gen Vor­bild der Tür­kei und igelt sich kul­tu­rell ein: zwar ist für 2020 eine wei­te­re A Dal geplant, aller­dings als “Ver­an­stal­tung zur För­de­rung der unga­ri­schen Kul­tur” und nicht als Euro­vi­si­ons-Vor­ent­scheid. Dafür ist die Ukrai­ne nach dem unschö­nen innen­po­li­ti­schen Eklat um die Vid­bir 2019 und dem dar­auf erfolg­ten Rück­zug von Tel Aviv wie­der am Start. Und auch Bul­ga­ri­en kehrt nach einem Jahr finan­zi­el­ler Zwangs­pau­se zurück: der chro­nisch klam­me Sen­der BNT fand einen exter­nen Spon­so­ren, der alle Kos­ten über­nimmt. Die Vor­ent­schei­dungs­sai­son kommt, wenn­gleich etwas sto­ckend, eben­falls ins Rol­len: bereits Anfang Novem­ber 2019 begann die EMA Freš, ein Nach­wuchs­wett­be­werb des slo­we­ni­schen Fern­se­hens, bei dem 18 hoff­nungs­fro­he Talen­te um zwei Wild­cards für den eigent­li­chen Vor­ent­scheid kämpf­ten. Als Weih­nachts­ge­schenk durf­ten wir uns wie­der auf das tra­di­tio­nel­le alba­ni­sche Fes­ti­va­li i Kën­ges freu­en. Ins­ge­samt ver­stärkt sich jedoch der Trend zur inter­nen Aus­wahl: neben den nie­der­län­di­schen Gast­ge­bern sowie unse­ren Nach­bar­län­dern Öster­reich und der Schweiz grei­fen auch die Big-Five-Natio­nen Frank­reich, Spa­ni­en und Groß­bri­tan­ni­en dies­mal dar­auf zurück. Der NDR will sich offi­zi­ell erst Ende Janu­ar 2020 äußern, womit jedoch mehr oder min­der klar ist, dass man nach dem Scher­ben­ge­richt des Vor­jah­res auch in Ham­burg heu­er auf eine Direkt­no­mi­nie­rung zurück­greift, allen schlech­ten Erfah­rung mit ASOS oder dem Nai­doo-Gate zum Trotz.

Teil­neh­mer / VEs 2020

LandTeil­nah­me / VETer­min / Song
ALAri­le­na AraShaj
AMAthena Manou­ki­anChains on you
ATVin­cent Bue­noAli­ve
AUMon­tai­gneDon’t break me
AZSami­ra Efen­diCleo­pa­tra
BEHoo­ver­pho­nicRelease me
BGVic­to­ria Geor­gi­e­vaTears get­ting sober
BYValDa Vid­na
CHGjon’s TearsRépon­dez-moi
CYSan­dro Nico­lasRun­ning
CZBen­ny Cris­toKema­ma
DEBen DolicVio­lent Thing
DKBen & TanYes
EEUku Suvis­teWhat Love is
ESBlas Can­tóUni­ver­so
FIAksel Kan­ka­an­ran­taLoo­king back
FRTom LeebThe Best in me
GETor­ni­ke Kipi­a­niTake me as I am
GRSte­fa­nia Liber­a­ka­kisSuper­girl
HRDamir KedžoDivlji Vjet­re
IELes­ley RoySto­ry of my Life
ILEden Ale­neFeker Libi
ISDaði Freyr + Gagna­ma­gniðThink about Things
ITDio­d­a­toFai Rumo­re
LTThe RoopOn Fire
LVSaman­ta TīnaStill breat­hing
MDNata­lia Gor­dien­coPri­son
MKVasil Gar­v­an­lievYou
MTDesti­ny Chu­kun­ye­reoffen
NLJean­gu MacrooyGrow
NOUlrik­ke Brand­s­torpAtten­ti­on
PLAli­c­ja Szem­plińs­kaEmpi­res
PTEli­sa Sil­voMedo de Sen­tir
RORoxenAlco­hol you
RSHur­ri­ca­neHas­ta la Vis­ta
RULitt­le Big12.03.20
SEThe MamasMove
SIAna SokličVoda
SMSen­hit Zadik ZadikFre­aky
UAGo_ASolovey
UKJames New­manMy last Breath

Stand: 11.03.2020