Santiano

Die norddeutsche Shanty-Band Santiano vereint in ihrer Musik so ziemlich alles, was mich ästhetisch abstößt: traditionelle Seemannslieder, irischen Folk, mittelmäßigen Rockpop und grenzwertige Volksliedtexte. Das scheint aber ein eher persönliches Problem zu sein, denn selbstredend sind sie mit dieser furchtbaren Mischung unglaublich erfolgreich: zwei Nummer-Eins-Alben, ein Echo in der Kategorie Volkstümliche Musik, ausverkaufte Tourneen und umjubelte Auftritte sowohl in Wacken als auch gemeinsam mit Helene Fischer sprechen eine deutliche Sprache. Aufgrund der eher fischkoppmäßig anmutenden Prägung ihrer Musik dürfte südlich des Weißwurstäquators ihre Fan-Basis allerdings deutlich ausdünnen, weswegen die USFD-Teilnahme den vier Pseudo-Mackern wohl vor allem der Verbreiterung ihres Absatzgebietes gedient haben dürfte. Denn gegen ihren Hauptkonkurrenten Unheilig bestand für sie ohnehin keine Chance auf Sieg beim Vorentscheid 2014.

Der perfekte Anheizer für die Grillparty der örtlichen Wikingjugend: Santiano mit der Ode an Odin (Repertoirebeispiel)

Nicht nur musikalisch wildern sie in einer ähnlichen diffus-romantischen Ecke wie der Gothic-Schlager-Sänger, sondern auch in Sachen Pathos können sie es mit ihm spielend aufnehmen: „Die nächste große Mission auf unserer Reise bis ans Ende der Welt ist keine geringere als die, unser schönes Land beim ESC vertreten zu wollen. Wir hoffen und sind gleichzeitig überzeugt, dieser großen Verantwortung wie auch Ehre gerecht zu werden,“ tümelte es uns auf der NDR-Eurovisionsseite entgegen. Urgh. Zur Plünderungs-Weltreise im Namen der Ehre passte dann auch das Piraten-Shanty ‚Fiddler on the Deck‘, einem nach dem Genuss mehrerer Fässer Rum durchaus anhör- und mitsingbaren Titel für den Kindergeburtstag; so ein bisschen im ‚Pirates of the Sea‘-Stil (LV 2008), nur dass Santiano es im Gegensatz zu den Wolves of the Sea ernst zu meinen scheinten. Was die Sache ironischerweise irgendwie nur noch lustiger machte. Die Zuschauer in der Kölnarena gingen auf den Imperatorenstampfer ab wie ein Zäpfchen, denn er eignet sich bestens zum Mitklatschen. Und zugegeben: auch als bekennender Santiano-Gegner konnte ich mich dem Bann des von ARD mit großer Bühnendeko inszenierten Kneipenkrachers kaum entziehen.

Fiddler on the Deck: die Wolves of the Sea haben angerufen und wollen ihren Song zurück (Originalmitschnitt vom USFD-Auftritt ist dank der elenden Contentwichser von Brainpool [sterbt!] nicht frei verfügbar.)

Anders lag der Fall beim zweiten Beitrag, dem deutschsprachigen, wie schon zu besten Freddy-QuinnZeiten mit Heimweh, Sehnsucht und fremder Ferne hantierenden Schlachtenbummlerlied ‚Wir werden niemals untergehen‘. Hier bestätigte sich meine durch das den Heldentod auf dem Schlachtfeld romantisierende ‚Walhalla‘ angestachelte, latente Befürchtung: internationale Fans titulierten den Song vorab treffend als „Kampfgeschrei aus einer vergangenen deutschen Ära“. Und bevor mir noch jemand unterstellt, ich wolle Santiano politisch extremes Gedankengut unterstellen: das will ich nicht. Die Jungs sind vermutlich schwer in Ordnung, ihre Texte nicht anstößig. Ich persönlich – und auch das ist eine reine Geschmacksfrage – hielt und halte ‚Wir werden niemals untergehen‘ dennoch aus ästhetischer Sicht für schwierig und als Beitrag für einen internationalen, friedlichen Gesangswettstreit – gerade aus einem Land mit unserem geschichtlichen Hintergrund kommend – möglicherweise für missverständlich. Und mochte von diesem Lied daher lieber nicht repräsentiert werden. 

Mit dem Lied der „kaiserlichen Kriegsmarine“ (Spiegel) ging Santiano am Ende unter

Doch von dieser Gefahr befreiten uns die Televoter. Im Semifinale bestätigte sich, was bereits am Donnerstagnachmittag vor der Kölnarena zu beobachten war: der Graf verfügt eindeutig über die größeren Fanclubs als Santiano. Und die wählten den ebenso mit Pathos um sich werfenden, aber insgesamt etwas weniger martialisch („Zack ahoi!“) auftretenden Kitschfürsten dann ins Superfinale und ließen die Freibeuter untergehen. Zu meiner großen Beruhigung, wie ich anmerken muss.

<– Oceana

The Baseballs –>

6 Gedanken zu “Santiano

  1. Ich weiß gar nicht was du hast, dieses Lied klingt gar nicht so schlecht. Und Salz auf Meiner Haut ist auch sehr rhytmisch und eingängig. Wäre mal was anderes beim ESC. Und da sie auf Deutsch singen, würde keiner den Text verstehen.

  2. Der Fiddler erinnert mich ein bißchen an Wolves of the Sea – war das wirklich 2008? ist das wirklich schon 6 Jahre her? – nur, dass Santiano leider völlig die Ironie abgeht. Und zum Untergang-Lied … sag ich es … sag ich es nicht … ich sag es: Die Nazi-Schergen-Flattermäntel von Can Bonomos Seefahrertruppe sind ja jetzt wieder frei, das wäre doch die richtige Kostümierung zu diesem Lied, oder?

  3. Die Geschmäcker sind nun mal verschieden, aber deswegen versuchen, die Musik Santianos schlecht zu reden ist nicht richtig…
    Du magst deine Musik und ich die von Santiano, deswegen würde ich nie versuchen dir deine Musik auszureden!!!

  4. Deine Aussage:
    Als unzutreffend erwiesen sich zwischenzeitliche Spekulationen, nach denen die Jungs gemeinsam mit dem vom selben Produzenten betreuten ehemaligen Soapsternchen Senta Sofia Delliponti alias Oonagh antreten wollten
    ist nicht richtig!
    Am vergangenen Dienstag (11.02.2014) beim Konzert in Dortmund trat Oonagh auf!!!

  5. Das bezweifle ich auch nicht. Hier ging es aber um die beiden Beiträge von Santiano zu Unser Song für Dänemark, den deutschen Vorentscheid. Und da gab es zunächst das Gerücht, Santiano würden zusammen mit Oonagh bei USFD antreten – das trifft aber nicht zu.

    Ansonsten will ich auch niemandem Santiano „ausreden“ – wie sollte ich das auch? Wie Du selbst sagst, die Geschmäcker sind verschieden, entweder mag man sie oder nicht. Ich habe oben lediglich dargelegt, warum ich sie halt überhaupt nicht mag – das ist nur die Darlegung meines persönlichen Geschmacks, nicht mehr. Keine Tatsachenbehauptung, sondern nur eine Meinung von vielen – genau so viel oder wenig wert wie jede andere. 🙂

  6. Neid, Neid und Neid, warum singst du nicht selbst, beim Singen kannst du nicht so einen Mist verzapfen, ob du damit Geld verdienst,
    glaube ich nicht. Sogar den Mund kannst du weit aufreißen dabei.

Oder was denkst Du?