Andre­as Küm­mert

Was hat ihn nur gerit­ten? Seit Don­ners­tag­abend um 22:22:22 Uhr rät­selt die Nati­on, war­um Andre­as Küm­mert nach sei­nem Sieg beim deut­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­scheid 2015 das Ticket nach Wien an die Zweit­plat­zier­te Ann Sophie wei­ter­gab. In immer neu­en Arti­keln ver­su­chen Jour­na­lis­ten, sich in die See­le des frän­ki­schen Blues- und Rock­sän­gers hin­ein­zu­ver­set­zen und zu ergrün­den, wie der durch sei­nen Sieg bei der Cas­ting­show The Voice 2013 bekannt gewor­de­ne Küm­mert so tickt. Dabei hilft ein Blick auf eben die­se Sen­dung, das Gesche­he­ne zu ver­ste­hen: im Bestre­ben, sei­nem gesang­li­chen Tun eine brei­te­re Zuhö­rer­schaft zu ver­schaf­fen und ange­lockt von dem – natür­lich erlo­ge­nen – Ver­spre­chen der Sen­dung, hier gin­ge es nur um die Musik und nicht um die fami­liä­ren Hin­ter­grün­de oder das berüh­ren­de Schick­sal der Inter­pre­ten (wie bei der Freak­show DSDS), zeig­te sich Küm­mert näm­lich bereits bei The Voice genervt um den zuneh­men­den Rum­mel um sei­ne Per­son und fiel gegen Ende der Show, als sein Sieg sich zuneh­mend abzeich­ne­te, öfters krank­heits­be­dingt aus. Ein Ver­hal­tens­mus­ter, das sich bei Unser Song für Öster­reich wie­der­hol­te: die öffent­li­chen Pro­ben und Pres­se­kon­fe­ren­zen vor dem Fina­le ließ er aus­fal­len, da er unter einer schwe­ren Erkäl­tung litt, mit, wie Bab­si Schö­ne­ber­ger in der Sen­dung sag­te, zu der er den­noch antrat, “40 Grad Fie­ber”.

Ob sei­ne Ent­schei­dung nun im Fie­ber­wahn ent­stand oder als Ergeb­nis reif­li­cher Über­le­gun­gen, sei dahin­ge­stellt: Küm­mert, der sich beim drei­tei­li­gen Unser Song für Öster­reich schon beim Wei­ter­kom­men in die zwei­te Run­de und ins Super­fi­na­le nur sehr ver­hal­ten freu­en konn­te, zog wohl instink­tiv im letz­ten Moment die Reiß­lei­ne, spü­rend, dass er dem öffent­li­chen Druck, der als offi­zi­el­ler Gesand­ter sei­nes Hei­mat­lan­des beim inter­na­tio­na­len Gesangs­wett­be­werb Euro­vi­si­on Song Con­test auf ihm las­ten wür­de, nicht wür­de stand­hal­ten kön­nen. Zu emp­find­sam wohl die See­le des frän­ki­schen Joe Cocker, um hämi­sche Kom­men­ta­re über sein ung­la­mou­rö­ses Äuße­res (wie bei­spiels­wei­se das auch auf die­sem Blog ger­ne geäu­ßer­te “Wald­schrat”) oder media­le Shit­s­torms wie das genüss­li­che Breit­tre­ten einer ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zung des Knei­pensän­gers mit zwei reni­ten­ten Kon­zert­be­su­che­rin­nen in der Bild locker weg­ste­cken zu kön­nen.

Um so här­ter der media­le Shit­s­torm, durch den der nach sei­nem Abgang von der Vor­ent­scheid­büh­ne erst mal abge­tauch­te Küm­mert dann durch­muss­te: aller­or­ten war in der dau­er­auf­ge­reg­ten Pres­se vom “Skan­dal” und “Eklat” die Rede, kni­cke­ri­ge Fans for­der­ten ihre 14 Cent Tele­fon­ge­büh­ren zurück (ernst­haft?) und selbst Men­schen, die den Namen Küm­mert vor­her nicht kann­ten (wie ich) oder sich für den Song Con­test nicht inter­es­sier­ten, spe­ku­lier­ten öffent­lich über sei­nen Geis­tes­zu­stand. Auf der ande­ren Sei­te wur­de dem Reprä­sen­tanz­ver­wei­ge­rer für sei­nen Rück­zie­her auch Respekt gezollt und er gar zur Gali­ons­fi­gur in den öffent­li­chen Ver­hand­lun­gen über das neue Rol­len­bild des Man­nes erho­ben, dem es (hof­fent­lich) end­lich erlaubt sei, Stär­ke zu zei­gen, in dem er Schwä­che ein­ge­steht – eine Sicht­wei­se, die mir am sym­pa­thischs­ten erscheint. Man muss ja nicht soweit gehen, ihn zum Hel­den zu ver­klä­ren, weil er es gewagt hat, der gna­den­lo­sen Glit­zer­ma­schi­ne Song Con­test den Stin­ke­fin­ger zu zei­gen. Ein Nach­den­ken dar­über, wie sehr wir es uns ange­wöhnt haben, Künst­ler, die uns in einem eigent­lich absur­den Gesangs­wett­be­werb ver­tre­ten, als öffent­li­ches Eigen­tum zu betrach­ten, wäre den­noch ange­zeigt. Und in dem er dies ange­sto­ßen hat, bleibt Andre­as Küm­mert (des­sen Musik ich den­noch schlicht­weg per­sön­lich nicht mag, auch wenn er ein gran­dio­ser Sän­ger ist) ein Sie­ger.

← Ale­xa Feser

Ann Sophie →

Oder was denkst Du?