Unser Lied für Stockholm

Es war eine echte Achterbahnfahrt für den NDR bis zu diesem Abend im Februar 2016. Nachdem 2015 das groß aufgezogene Vorentscheidungskonzept mit Expertenauswahl, Wildcard und Clubkonzert mit dem nervenschwachen Casting-Zottelbarden Andreas Kümmert einen vom Publikum hoch geschätzten Sieger hervorbrachte, der es sich dann aber noch auf der Bühne anders überlegte und sein Ticket an die Wildcard-Gewinnerin und Zweitplatzierte Ann Sophie Dürmeyer weitergab, was bei Medien und Fans hohe Wellen schlug, holte die zunächst für ihre Souveränität gelobte zweite Wahl für uns in Wien bekanntlich legendäre → null Punkte. Woraufhin der NDR sie mitsamt dem Vorentscheidungskonzept fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. So entschied man sich in Hamburg zunächst für eine Direktnominierung und präsentierte stolz einen der wirklich großen Namen des deutschen Musikgeschäfts: Xavier Naidoo. Dumm nur, dass der sich in der Vergangenheit neben seinem langanhaltenden kommerziellen Erfolg und seinem signifikanten Ziegentimbre auch durch eine gewisse Nähe zur Aluhut-Fraktion und die ein oder andere fragwürdige Aussage hervorgetan hatte. Ein dem Grunde nach vielleicht noch nachvollziehbarer, in seinem Ausmaß aber nur noch hysterisch zu nennender Empörungssturm brach sich sowohl in den sozialen wie in den seriösen Medien Bahn, gegen den selbst das Kümmertgate verblasste. Und nachdem sich auch im eigenen Haus anhaltender Widerstand gegen den „Reichsbürger“ Naidoo manifestierte, zog der NDR, als folge er einem geheimen Leitfaden zur Erzielung des größtmöglichen Schadens für alle Beteiligten, nach nicht mal 48 Stunden feige den Schwanz ein und den Künstler zurück. Maximale Blamage. Bravo.

Dieser Weg sollte nicht nach Stockholm führen: der NDR balbierte Naidoo über den Löffel

Um so erstaunlicher also (und ein Beleg für den seit Guildo Horn [→ DE 1998] deutlich gewachsenen Stellenwert des Wettbewerbs, den noch nicht mal der NDR mit seinen Kamikaze-Aktionen kleinkriegt), dass es dem Hamburger Sender dennoch gelang, innerhalb weniger Wochen zehn Kandidat/innen aus dem Hut zu zaubern, die sich bereit fanden, es bei dem vom altbekannt unbewährten Brainpool-Team in Köln organisierten Vorentscheid unter dem Titel Unser Lied für Stockholm gegeneinander auszufechten. Erneut übernahm die altbekannt bewährte blonde Talkshowfee Barbara Schöneberger die Rolle der Gastgeberin für die zehn von den Plattenfirmen und dem Sender zusammengesammelten Kombattanten. Und vielleicht sollten die künftig immer nur so wenig Zeit bekommen, denn es kam eine für NDR-Verhältnisse musikalisch erfreulich abwechslungsreiche Runde dabei heraus, bestückt mit lauter Namen, die solchen vom aktuellen Popgeschehen längst entfremdeten alten Säcken wie mir wirklich nicht das Geringste sagten, während jüngere Menschen, welche die letzten Monate nicht unter einem Stein verbrachten, den ein oder anderen Künstler oder sogar das ein oder andere Lied schon mal gesehen und gehört haben könnten. Mit der The-Voice-Gewinnerin Jamie Lee Kriewitz (mit ihrem Siegersong ‚Ghost‘) sowie dem Betroffenheitslyriker Alex Diehl und seiner unter dem Eindruck der schrecklichen Geschehnisse des Pariser Terroranschlags vom November 2015 entstandenen Benefizsingle ‚Nur ein Lied‘ fanden sich sogar zwei Chart-Hits unter den Beiträgen. Respekt! Ansonsten war von Schlager über Bombastrock und gregorianischen Gesängen alles dabei – selbst, man rieb sich vor Verwunderung die Augen, ein Lied von Ralph Siegel, seit 2006 eigentlich Persona non grata beim deutschen Vorentscheid. Sein in Träsh-Hinsicht bereits sehr viel versprechender Titel ‚Under the Sun we are One‘ schaffte es am Ende auf einen respektablen vierten Platz.

Beste Interpreten-Postkarte aller Zeiten: Woods of Birnam. Leider resultierte daraus ein letzter Platz

Letzten Endes hätte man sich den ganzen Zauber aber auch schenken können. Denn es gewann, wie im Vorfeld allgemein erwartet und wie bei immer mehr europäischen Eurovisions-Vorentscheidungen üblich, die Abgesandte der örtlichen The-Voice-Castingshow. Haushoch (bereits in der ersten Abstimmungsrunde mit doppelt so viel Anrufen wie ihre beiden Mitbewerber Avantasia und Alex Diehl) und zu Recht: bot die erst 17jährige Hannoveranerin (wie einst Lena Meyer-Landrut!) Jamie Lee doch das überzeugendste Gesamtpaket aus aufwändigem Bühnenbild, auffälliger Manga-Verkleidung mit lustigem Toys-R-Us-Hütchen, guter Stimme und charmanter, jugendlich-unbekümmerter Ausstrahlung. Einzige Schwachstelle: ihr Song ‚Ghost‘, eine dieser typisch tranigen Formatradio-Nummern, die zwar niemandem weh tun, an die man sich aber bereits 20 Sekunden später schon nicht mehr erinnern kann. So ging es anscheinend auch den europäischen Zuschauer/innen und Juror/innen: zwar gab es diesmal ein paar einzelne Gnadenpünktchen, aber mehr als ein letzter Platz kam auf der großen Bühne auch diesmal nicht heraus. Es reicht halt eben nicht, nur den heimischen Geschmack zu bedienen: solange der NDR die Vorentscheidungsbeiträge von einer ausschließlich auf die Einsatzfähigkeit der Titel im deutschen Dudelfunk achtenden Jury aussieben lässt, kann nichts international Wettbewerbsfähiges dabei herauskommen.

Die Vorschauvideos aller zehn ULFS-Beiträge.

Nachfolgend der Komplettüberblick über alle zehn Teilnehmer/innen und ihre Ergebnisse. Wer sich etwas ausführlicher mit ihnen beschäftigen will, folgt den Links in der untenstehenden Tabelle.

Unser Lied für Stockholm

Deutsche Vorentscheidung 2016. Donnerstag, 25.02.2016, ab 20:15 Uhr aus Köln. 10 Teilnehmer, Moderation: Barbara Schöneberger
#InterpretSongTelevotePlatzCharts
01Ella EndlichAdrenalin5,3%07
02JocoFull Moon2,9%09
03GregorianMasters of Chant9,6%05
04Woods of BirnamLift me up (from the Underground)1,6%10
05LuxuslärmSo lange Liebe in mir wohnt5,5%06
06KeomaProtected3,3%08
07AvantasiaMystery of a Blood red Rose16,2% | 21,6%02 | 03
08Alex DiehlNur ein Lied16,1% | 33,9%03 | 0233
09Jamie Lee KriewitzGhost28,8% | 44,5%01 | 0111
10Laura PinskiUnder the Sun we are One11,1%04

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