Alex Diehl: Nur ein Lied

Wie ein moder­nes Euro­vi­si­ons­mär­chen klang die Geschich­te hin­ter der Teil­nah­me des mir bis zur Bekannt­ga­be sei­ner Betei­li­gung an Unser Lied für Stock­holm völ­lig unbe­kann­ten baye­ri­schen Sin­ger-Song­wri­ters Alex Diehl. Der laut Wiki­pe­dia 28jährige (ich weiß, ich kann das auch nicht glau­ben) macht seit sei­ner Kind­heit Musik, tin­gel­te jah­re­lang durch die Lan­de und ver­öf­fent­lich­te 2014 sein Debüt­al­bum ‘Ein Leben lang’, von dem aber nie­mand Notiz nahm. Sein Schick­sal wen­de­te sich am 13. Novem­ber 2015 (oh Gott, das ist jetzt Sat.1-Nachmittags-Niveau): unter dem erschüt­tern­den Ein­druck der Schre­ckens­bil­der der Pari­ser Atten­ta­te schrieb er angeb­lich “inner­halb weni­ger Minu­ten” einen Gedenk­song für die Opfer der furcht­ba­ren Anschlä­ge, film­te sich beim Sin­gen mit dem Han­dy und lud ‘Nur ein Lied’ bei Face­book hoch. Der Titel ging viral und gene­rier­te inner­halb weni­ger Tage Mil­lio­nen von Klicks. Zwei Wochen spä­ter erreich­te der Down­load Platz 33 in den deut­schen Sin­gle-Charts. Umge­hend folg­te eine Fan-Peti­ti­on, Diehl mit sei­ner Frie­dens­bot­schaft als deut­schen Ver­tre­ter zum Song Con­test zu schi­cken, und der nach den Schmutz­kam­pa­gnen um Xavier Nai­doo ver­zwei­felt nach etwas Hei­lem und Rei­nen suchen­de NDR griff die Idee begie­rig auf: bereits am 1. Dezem­ber 2015 wur­de der Bay­er auf der offi­zi­el­len Euro­vi­si­ons­sei­te der ARD por­trä­tiert. So über­rasch­te es wenig, dass er in Köln dabei war – mitt­ler­wei­le übri­gens mit einem neu­en Plat­ten­ver­trag beim Bran­chen­rie­sen Uni­ver­sal aus­ge­stat­tet.

Nun fällt es leicht, ins Zyni­sche abzu­rut­schen und über die aktua­li­sier­te Ver­si­on von Nico­le und ihrer Lager­feu­er­gi­tar­re zu läs­tern. Vor allem, wenn man dem Künst­ler Berech­nung unter­stellt, so wie das sei­ner­zeit bei Ralph Sie­gel und sei­ner unpo­li­ti­schen Frie­dens­schnul­ze frag­los der Fall war. Aber irgend­wie will mir das bei Alex Diehl nicht gelin­gen: nicht nur, dass er die Ein­nah­men aus ‘Nur ein Lied’ der Kriegs­wai­sen­or­ga­ni­sa­ti­on Save the Child­ren spen­den möch­te. Anders als die sieb­zehn­jäh­ri­ge Saar­län­de­rin in ihrem straß­be­setz­ten Kon­fir­man­din­nen­kleid geht dem boden­stän­di­gen Diehl jed­we­der Gla­mour­fak­tor ab. “Kei­ne Tän­ze­rin­nen und Feu­er­zau­ber” wol­le er für sei­nen Auf­tritt, wie der NDR kol­por­tiert. Der Bay­er erscheint mir irgend­wie auf­rich­tig, wes­we­gen ich ihm die oben skiz­zier­te Sto­ry vom schnell ver­fass­ten Betrof­fen­heits­song auch abkau­fe. Und der ent­puppt sich musi­ka­lisch jetzt zwar nicht als gro­ßer Wurf und zeigt sich text­lich auch nicht völ­lig frei von Kli­schees, wirkt aber ehr­lich und trans­por­tiert eine zur Beson­nen­heit auf­ru­fen­de Bot­schaft. Dar­an kann ich, gera­de der­zeit, beim bes­ten Wil­len nichts Ver­kehr­tes erken­nen.

Im Vor­feld spe­ku­lier­te ich, dass Diehl beim Vor­ent­scheid den­noch kei­ne Chan­ce habe, da das von ihm besun­ge­ne Ereig­nis zu die­sem Zeit­punkt schon wie­der gute drei Mona­te zurück lag, in unse­rer hek­ti­schen Reiz­über­flu­tungs­ge­sell­schaft eine hal­be Ewig­keit. Längst sei­en die dama­li­gen Emp­fin­dun­gen abge­klun­gen, hät­ten ande­re Ereig­nis­se die Erin­ne­run­gen an Paris aus dem kol­lek­ti­ven Ultra­kurz­zeit­ge­dächt­nis ver­drängt, so mei­ne Ein­schät­zung, mit der ich – wie so oft – ziem­lich weit dane­ben lag. Denn für einen kur­zen Moment sah es tat­säch­lich so aus, als ob Alex, der sich für sei­nen Auf­tritt in einen Maß­an­zug schmiss und den Text drei­spra­chig hin­ter sich an die Wand pro­ji­zie­ren ließ, Unser Lied für Stock­holm ablie­fern könn­te. Und da wur­de mir doch ein wenig bang. Denn dass er mit sei­ner wei­test­ge­hend in Lan­des­spra­che (die Erin­ne­rung an die kur­zen eng­li­schen und in fremd­schäm-pho­ne­ti­schem Fran­zö­sisch dar­ge­bo­te­nen Zei­len blo­ckier­te mein Ultra­kurz­zeit­ge­dächt­nis) gesun­ge­nen Gitar­ren­bal­la­de inter­na­tio­nal die Wurst vom Tel­ler zu zie­hen ver­mocht hät­te, kann man mit Sicher­heit ver­nei­nen: deut­sche Betrof­fen­heits­ly­rik stößt inter­na­tio­nal tra­di­tio­nell auf tau­be Ohren. Im Gegen­satz zur adret­ten Nico­le hät­te der erdi­ge Bay­er im Rah­men der gigan­ti­schen Glit­zer­ma­schi­ne Euro­vi­si­on Song Con­test zudem wie ein völ­li­ger Fremd­kör­per gewirkt. Einer, der sich in die fal­sche Ver­an­stal­tung ver­irr­te. Doch letzt­lich erwie­sen sich die aufs Dau­er­an­ru­fen kon­di­tio­nier­ten Cas­ting­show-Gucker/in­nen als deut­lich anruf­freu­di­ger und scho­ben Jamie Lee Krie­witz mit deut­li­chem Abstand an Alex vor­bei. So ging die­ser Kelch noch­mal an uns vor­über. Phew!

Alex Diehl Nur ein Lied
In einem Satz: Lied einer Nacht, für damals gemacht (aha), es hat­te doch so viel bedeu­tet.
aufrechtgehn.de-Wertung: 4/12 Punk­ten
Pro­gno­se: Sie­ges­chan­cen bei ULFS? 55%
Ergeb­nis bei ULFS: 2. Platz mit 33,9%

Ist ‘Nur ein Lied’ die rich­ti­ge Wahl für Deutsch­land?

  • Nein. Ein Typ ohne Gla­mour­fak­tor, deut­sches Gitar­ren­ge­schram­mel: här­ter kann man gar nicht abka­cken. (40%, 19 Votes)
  • Der Herr Diehl hat sei­ne 15 Minu­ten Ruhm gehabt, jetzt ist es gut. (35%, 17 Votes)
  • Abso­lut. Wich­ti­ge Mes­sa­ge, authen­ti­scher Typ: das ist ‘Ein biß­chen Frie­den’ für die Gegen­wart. (15%, 7 Votes)
  • Zu holen ist damit nichts, aber mich berührt das sehr. Der kriegt mei­ne Stim­me. (10%, 5 Votes)

Total Voters: 48

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Ella End­lich –>

2 Gedanken zu “Alex Diehl: Nur ein Lied

  1. Schock – schwe­re Not… ich glau­be echt, das sich Alex Diehl zu mei­nem Wunsch­kan­di­da­ten für Deutsch­land mau­sert. Ich fin­de das alles sehr ehr­lich und hand­werk­lich gut gemach­te Musik und kann da echt nur applau­die­ren. Zumin­dest ein Däum­chen wer­de ich bei der dt. VE dem Herrn Diehl wohl drü­cken!

  2. Ich kann irgend­wie dem Lied gar nichts abge­win­nen, so wich­tig der Glau­be an eine fried­li­che Welt auch ist. Aber irgend­wie wird es dem Guten dann doch zu viel. Am Ende wech­selt Alex Diehl auch ins Eng­li­sche und Fran­zö­si­sche. Gera­de sein Eng­lisch erin­nert ein wenig an Vol­taj.

    Ins­be­son­de­re im Kon­text der Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gung in Köln, wo der Vor­ent­scheid statt­fin­det, bin ich sehr auf sein Abschnei­den gespannt. Ich pos­tu­lie­re, dass er mehr Stim­men bekom­men wür­de, wenn es die­se Sex­at­ta­cken nicht gege­ben hät­te. Das hat ja schon der Stim­mungs­la­ge einen Schlag ver­setzt. Aber auf der ande­ren Sei­te dürf­ten viel­leicht nach den unsäg­li­chen Vor­komm­nis­sen in Claus­nitz wie­der ein, zwei Stim­men rein­kom­men. Es wird also ziem­lich span­nend zu sehen, was aus ihm am Don­ners­tag wird.

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