Avan­ta­sia: Myste­ry of a Blood red Rose

Ich hab’s grad mal nach­ge­schaut: die letz­te Hit­sin­gle von Meat Loaf datiert aus dem Jahr 2003. Selbst der NDR schrieb in sei­ner Künst­ler­vor­stel­lung von einer “tot­ge­glaub­ten Musik­rich­tung”. Aber hey, ich gehe heu­te noch wie ein Zäpf­chen ab auf Euro­dance, wer also bin ich, mich über die Fans von pom­pö­sem Bom­bast­rock zu belus­ti­gen? Und derer scheint es eini­ge zu geben: laut Prinz-Blog erreich­te das Musik-Oper-Pro­jekt des Ful­da­er Hard­ro­ckers Tobi­as Sam­met mit sei­nem 2013 ver­öf­fent­lich­ten Album ‘The Myste­ry of Time’ Rang 2 der deut­schen Album­charts. Genau so wie übri­gens auch das brand­ak­tu­el­le, Ende Janu­ar 2016 releas­te Album ‘Ghost­lights’, aus dem auch der Vor­ent­schei­dungs­ti­tel mit dem super­kit­schig-abge­grif­fe­nen Titel vom Mys­te­ri­um der blut­ro­ten Rose (ernst­haft? in 2016?) stamm­te. Mit sei­ner Band Edguy trat Sam­met unter ande­rem schon in Wacken auf, laut NDR arbei­te­te er bei Avan­ta­sia bereits mit Rock­grö­ßen wie Ali­ce Cooper, Klaus Mei­ne und Rudolf Schen­ker (Scor­pi­ons) zusam­men.

Das Stück fiel erwart­bar schwüls­tig aus und lässt in der Wol­le gefärb­te Euro­vi­si­ons­fans wie mich natür­lich laut schrei­end das Wei­te suchen, auch wenn es über zwei essen­ti­el­le, mitt­ler­wei­le jedoch von der Aus­rot­tung bedroh­te Grund­be­stand­tei­le eines guten Grand-Prix-Bei­trags ver­füg­te: einer star­ken, sofort iden­ti­fi­zier­ba­ren Melo­die und einer Rückung. Und so ertapp­te ich mich nach Über­win­dung des ers­ten ästhe­ti­schen Schocks beim wie­der­hol­ten Anhö­ren (was tue ich nicht alles für mei­ne Leser/innen!) des Lie­des tat­säch­lich beim Mit­sum­men. Erschre­ckend, denn natür­lich möch­te ich auf euro­päi­scher Ebe­ne nicht von die­sem rück­stän­di­gen Sound reprä­sen­tiert wer­den. Doch genau die­se Gefahr droh­te: Hard­rock, selbst in sei­ner kit­schigs­ten Form, ist beim Song Con­test (wie auch im For­ma­t­ra­dio und Fern­se­hen) ein äußerst sel­te­ner Gast. Sei­ne Fans sind dafür berüch­tigt, jede sich bie­ten­de Chan­ce zu nut­zen, ihrem Gen­re eine Mög­lich­keit zur tri­um­pha­len öffent­li­chen Auf­füh­rung zu ebnen – man den­ke nur an den Über­ra­schungs­sieg der fin­ni­schen Mons­ter­ro­cker Lor­di 2006 in Athen, für den ver­mut­lich nicht die sonst übli­cher­wei­se beim Grand Prix anru­fen­den Haus­frau­en und Homos ver­ant­wort­lich zeich­ne­ten. Und Tobi­as Sam­met hat eine eige­ne wöchent­li­che Radio­show beim Pri­vat­sen­der Bob, über die er sei­ne Fans noch bes­ser mobi­li­sie­ren konn­te.

(Hier war ursprüng­lich mal das Video vom Live­auf­tritt Avan­ta­si­as bei ULFS zu sehen. Das haben die elen­den Brain­pool-Scher­gen unfass­ba­rer­wei­se sper­ren las­sen. Als Gebüh­ren­zah­ler, der den deut­schen Vor­ent­scheid mit­fi­nan­ziert, emp­fin­de ich das als Raub an mei­nem Eigen­tum. Ich habe das bereits bezahlt, das ist Gemein­schafts­ei­gen­tum, jetzt will ich es auch nut­zen! Pein­lich ist das für den NDR ohne­hin – ande­re Sen­der schaf­fen es pro­blem­los, alle Vor­ent­schei­dungs­auf­trit­te in ihrem You­tube-Kanal zur Ver­fü­gung zu stel­len. Nur das deut­sche Fern­se­hen lebt noch tief in der digi­ta­len Stein­zeit. Lie­ber NDR, ich bit­te Euch: falls ihr wei­ter mit Brain­pool zusam­men­ar­bei­tet (war­um eigent­lich?), schreibt es künf­tig in den Ver­trag, dass die Vide­os aller Live-Auf­trit­te vom Vor­ent­scheid von Euch zeit­lich unbe­grenzt in You­tube zur Ver­fü­gung gestellt wer­den dür­fen. Kann doch nicht so schwer sein!)

Das Poten­zi­al nutz­te er weid­lich: in der ers­ten Abstim­mungs­run­de von Unser Lied für Stock­holm schaff­te er es auf zwei­ten Platz. Und das trotz der wirk­lich bru­tal zu nen­nen­den Kür­zung des Stücks auf die regel­kon­for­men drei Minu­ten, denen aus­ge­rech­net die Rückung zum Opfer fiel und die mehr einer Ampu­ta­ti­on glich. Und trotz der pein­li­chen blut­ro­ten Zir­kus­di­rek­to­ren-Uni­form mit gol­de­nen Lit­zen, mit denen Sam­met sich auf der Büh­ne zum Horst mach­te, und einer kata­stro­pha­len Gesangs­leis­tung. Im Super­fi­na­le der letz­ten Drei dreh­te sich das Ver­hält­nis jedoch um: Frie­dens­en­gel Alex Diehl, der in der ers­ten Abstim­mung Avan­ta­sia mit weni­gen Anru­fen knapp unter­lag, konn­te den Bom­bas­tro­cker nun mit deut­li­chem Abstand hin­ter sich las­sen. Aber an Jamie Lee war ohne­hin kein Vor­bei­kom­men. Gut, denn mit dem noch nicht mal mehr alt­mo­di­schen Stück Zom­bie-Rock hät­ten wir in Stock­holm natür­lich kei­nen Blu­men­topf gewon­nen. Und so heißt es für Tobi­as jetzt: zurück in die Manège. Und schnell, wer weiß, wie lan­ge es noch Zir­kus­se gibt.

Im Kurz­über­blick

Avan­ta­sia Myste­ry of a Blood red Rose
In einem Satz: Wow, was hat Meat­lo­af aber abge­nom­men!
aufrechtgehn.de-Wertung: 7/12 Punk­ten (Stu­dio­fas­sung, für die Live-Vari­an­te ledig­lich 2/12 Punk­ten)
Pro­gno­se: Sie­ges­chan­cen bei ULFS? 85%
Ergeb­nis bei ULFS: 3. Platz mit 21,6%

Ist ‘Myste­ry of a Blood red Rose’ die rich­ti­ge Wahl für Deutsch­land?

  • Ja. Ham­mer­song, gute Hook, Rückung, bestimmt eine gute Show. Und ein Con­test-unty­pi­sches Gen­re, das gibt Bonus­punk­te! (77%, 58 Votes)
  • Nein. Die­se Musik­gat­tung soll­te eigent­lich seit 30 Jah­ren tot sein. Damit ist kein Blu­men­topf zu holen. (13%, 10 Votes)
  • Auch wenn ich glau­be, dass wir damit beim ESC punk­ten könn­ten: ich krieg davon ästhe­ti­schen Her­pes. Bit­te nicht! (9%, 7 Votes)
  • Damit bla­mie­ren uns zwar inter­na­tio­nal, aber ich find’s trotz­dem geil und ruf dafür auch an! (0%, 0 Votes)

Total Voters: 75

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Alex Diehl –>

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