Ella End­lich: Adre­na­lin

Jac­que­line Zebisch: ost­deut­scher und Frau­en­tausch-kom­pa­ti­bler kann ein Name kaum klin­gen. Wes­we­gen die in Wei­mar gebo­re­ne Musi­cal­sän­ge­rin bei ULFS auch als Ella End­lich antrat. Unter sel­bi­gem Künst­le­rin­nen­na­men (der Fair­ness hal­ber: End­lich heißt auch ihr Vater hin­ten) lan­de­te die heu­te 31jährige, die Ende der Neun­zi­ger noch als Kin­der­star Junia (sie­he den pein­li­chen Video­be­weis wei­ter unten) auf Blüm­chens Spu­ren wan­del­te, im Jah­re 2009 ihren größ­ten Hit: mit ‘Küss mich, halt mich, lieb mich’, der kom­plett unnö­ti­gen Ein­deut­schung der traum­haf­ten Titel­me­lo­die der wirk­lich wun­der­schö­nen tsche­chi­schen Weih­nachts­film­schnul­ze ‘Drei Nüs­se für Aschen­brö­del’ (ein jähr­li­cher Pflicht­ter­min für Kit­schel­sen wie mich!), erreich­te sie Platz 12 in den Charts – und Gold­sta­tus. Ein 2014 ver­öf­fent­lich­tes Schla­ger­al­bum mit dem kitsch­ro­man­af­fi­nen Namen ‘Die süße Wahr­heit’ flopp­te indes ziem­lich (#94 in den Album­charts). Aktu­ell tourt sie mit Car­men Nebel – der Lebens­ge­fähr­tin ihres Vaters und Pro­du­zen­ten, wie der NDR mali­zi­ös ver­mel­det – durch die Mehr­zweck­hal­len und die weni­gen ver­blie­be­nen TV-Musi­kan­ten­scheu­nen der Repu­blik, wo sie aber haupt­säch­lich auf ein Publi­kum dies­seits der 70 trifft. Von ihrer Teil­nah­me an Unser Lied für Stock­holm erhoff­te sich Scha­ke­li­ne wohl vor allem einen höhe­ren Bekannt­heits­grad in der jün­ge­ren Ziel­grup­pe.

Denn auf die­se zeig­te sich sich Ellas Lied für Stock­holm abge­stimmt: es hieß ‘Adre­na­lin’ und besteht aus einer lieb­los zusam­men­ge­stop­pel­ten Stro­phe, einem gefühlt vier­hun­dert Mal wie­der­hol­ten Power­re­frain und dem im deut­schen Schla­ger des 21. Jahr­hun­derts offen­bar alter­na­tiv­los vor­ge­schrie­be­nen, laut wum­mern­den Dis­co­fox-Bumms­beat, der den Kopf des Hörers der­ar­tig voll­dröhnt, dass man nach den drei Minu­ten nur noch eine Art wei­ßes Rau­schen ver­nimmt und auch als Mut­ter­sprach­ler nicht sagen könn­te, was eigent­lich die inhalt­li­che Aus­sa­ge in Frau End­lichs Epos sein soll­te. Mit ande­ren Wor­ten: es klang wie ein schwa­cher Abklatsch von Hele­ne Fischers ‘Atem­los durch die Nacht’, bekann­ter­ma­ßen der Mons­ter­schla­ger des aktu­el­len Jahr­tau­sends, der sich selbst mehr als zwei Jah­re (!) nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung noch immer in den deut­schen Sin­glecharts tum­mel­te (Stand am 12. Febru­ar 2016: Rang 84, rauf von #96). Nun bestehen zwi­schen Euro­vi­si­ons- und Schla­ger­fans ja durch­aus gewis­se Schnitt­men­gen, und nicht nur der inof­fi­zi­el­le Hele­ne-Fan-Blog der Prin­zen erfleht seit Jah­ren die Teil­nah­me der Fische­rin am Euro­vi­si­on Song Con­test. Die aber möch­te (natür­lich) nicht: zu viel hät­te sie bei einem schlech­ten Abschnei­den zu ver­lie­ren. Die span­nen­de Fra­ge war also nun: bestehen die Deut­schen in Sachen Grand Prix Euro­vi­si­on wei­ter­hin auf dem Ori­gi­nal oder erweist sich der auf­ge­stau­te Schla­ger­druck als so über­mäch­tig, dass sie sich auch mit die­sem bil­li­gen Ersatz zufrie­den­ge­ben wür­den?

Kurz gesagt: sie gaben sich nicht damit zufrie­den. Der zahl­rei­chen Ver­glei­che mit Bir­ne Hele­ne ver­mut­lich über­drüs­sig, zog Ella statt­des­sen die Andrea-Berg-Kar­te und gab uns beim ULFS-Auf­tritt die Schla­ger­schlam­pe. Im schwar­zen, halb­durch­sich­ti­gen Netz­teil­chen, in die Höhe geho­ben und über die Büh­ne gewir­belt von halb­nack­ten (aller­dings etwas hüh­ner­brüs­ti­gen) Tän­zern, zog sie alle Regis­ter – und fiel auf den fla­chen Hin­tern: ledig­lich 41.000 Anru­fe oder 5,3% der Stim­men. Und damit Platz 7. “Das wür­de auch Hele­ne atem­los durch die Nacht brin­gen,” kom­men­tier­te Peter Urban ihren Song und lie­fer­te damit die Begrün­dung, war­um ‘Adre­na­lin’ noch nicht mal ins Super­fi­na­le der bes­ten drei ein­zog. Denn so sehr typi­sche Schla­ger­fans das Bekann­te und Bewähr­te bevor­zu­gen: noch nicht mal sie mögen einen zu offen­sicht­li­chen Abklatsch. Da nütz­te es auch nichts, dass die Kür­zung des in der Stu­dio­fas­sung doch extrem repe­ti­ti­ven Songs auf die euro­vi­si­ons­kon­for­men drei Minu­ten für eine erhöh­te Kna­ckig­keit ihres Schla­gers sorg­te. Und es gab womög­lich noch mehr Men­schen wie mich, die den Titel als Guil­ty Plea­su­re zwar sehr ger­ne in ihre Play­list auf­neh­men, denen gleich­zei­tig jedoch die musi­ka­li­sche Repu­ta­ti­on der Hei­mat am Her­zen liegt. Und denen die Vor­stel­lung, auf der euro­päi­schen Büh­ne von einen Dis­co­fox-Schla­ger reprä­sen­tiert zu wer­den, Schweiß­aus­brü­che auf die Stirn treibt.

Ellas Jugend­sün­de – eine musi­ka­li­sche Wei­ter­ent­wick­lung ist nicht fest­stell­bar

Obschon: die Men­schen­fi­sche­rin ver­kauft im gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum und in den angren­zen­den Län­dern, von ‘Atem­los’ gibt es meh­re­re (!) nie­der­län­di­sche Cover­ver­sio­nen, und erst weni­ge Tage vor dem deut­schen Vor­ent­scheid erfuhr Ellas offen­sicht­li­che Blau­pau­se im Rah­men­pro­gramm des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len sei­ne größ­te Ehrung, als Char­lot­te Per­rel­li (SE 1999, 2008) ihn als ‘Här är jag’ zu einer iro­ni­schen Kampf­hym­ne zur “Ret­tung der Schla­ger­di­ven” umfunk­tio­nier­te. Und der Titel im Anschluss in den schwe­di­schen iTu­nes-Charts ein­schlug. Erin­nern wir uns außer­dem an unse­re letz­te Euro­vi­si­ons-Schla­ger­di­va, Michel­le, die uns 2001 einen über­ra­schen­den ach­ten Platz bescher­te. Ein Ergeb­nis, an das Ella womög­lich End­lich hät­te anknüp­fen kön­nen, hät­ten wir uns ent­schlos­sen, auf den in den letz­ten Jah­ren so mühe­voll auf­ge­bau­ten, nach der Ann-Sophie-Plei­te ohne­hin wie­der fra­gi­len Ruf als ernst zu neh­men­de Pop­na­ti­on zu schei­ßen und der Welt zu geben, was sie ver­langt und von uns erwar­tet: good old Ger­man Schla­ger näm­lich. Viel­leicht beim nächs­ten Mal?

Räd­da Schla­ger­di­van (deut­sche Über­set­zung)!

Ella End­lich Adre­na­lin
In einem Satz: End­lich eine Ersatz­hele­ne!
aufrechtgehn.de-Wertung 7/12 Punk­ten (3-Minu­ten-Fas­sung)
Pro­gno­se: Sie­ges­chan­cen bei ULFS? 45%
Ergeb­nis bei ULFS 7. Platz mit 5,3%

Wäre ‘Adre­na­lin’ die rich­ti­ge Wahl für Deutsch­land?

  • Nein! Wenn, dann die ech­te Hele­ne, aber nicht so ein bil­li­ges Me-too-Pro­dukt. (55%, 22 Votes)
  • Ich müss­te aus Scham mei­ne Staats­bür­ger­schaft zurück­ge­ben, fürch­te aber, das wür­de zün­den. (20%, 8 Votes)
  • Ja! Das ist genau die Musik, mit der die Men­schen Deutsch­land ohne­hin ver­bin­den, und das haut rein! (15%, 6 Votes)
  • Die Repu­ta­ti­on ist mir egal – ich find Schla­ger toll! Schickt das! (10%, 4 Votes)

Total Voters: 40

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<– Axel Diehl

Gre­go­ri­an –>

7 Gedanken zu “Ella End­lich: Adre­na­lin

  1. Ich fin­de es ärger­lich das Ella hier so nega­tiv dar­ge­stellt wird. ELLA wäre eine per­fek­te Inter­pre­tin für des ESC. Sie kann SIN­GEN , singt auf DEUTSCH, hat AUS­STRAH­LUNG, kann sich “BEWE­GEN, und hat auch was “IM KOPF”.
    Das Lied ist bei der rich­ti­gen Prä­sen­ta­ti­on zeit­ge­mäß, sicher­lich gibt es bes­se­re Lie­der für so eine tol­le Inter­pre­tin.
    Das die letz­te CD von ihr gefloppt ist zeigt deu­tich, dass die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nur nur Trash und Bal­ler­mann­mu­sik hören.. ELLA gehört sicher­lich nicht dazu da sie anspruchs­vol­len Schla­ger bis hin zum Chan­son singt. WUN­DER­BAR.
    Die deut­sche Ver­si­on zu “Drei Nüs­se für Aschen­brö­del” war längs­tens fäl­lig und ein­fach schön.. Mil­lio­nen von Hörern sehen das auch so„ DU lei­der nicht.
    ELLA— hof­fent­lich schaffst Du es.….

    Ein besag­te Frau Kre­witz… oh gott… das darf nicht wahr sein das so ein BELANG­LO­SES ETWAS von Lied und Inter­pre­tin über­haupt die Mög­lich­keit bekommt zur Aus­wahl zu ste­hen.

    Ella End­lich- tol­le zeit­ge­mä­ße kom­pel­te­ne Inter­pre­tin.….. Stock­holm war­tet auf Dich …

  2. Hör den song heu­te zum ers­ten Mal, und irgend­wie öff­net sich gera­de mein Herz…waaah!
    Schla­ger­fans mögen sowas – ergo ich auch – lal­alaaaa…

    War­um nicht end­lich mal wie­der guten alten “All­tags-schla­ger” 2.1 zum esc sen­den, so wie die­sen song , ich fin­de das Expe­ri­ment könn­te gestar­tet wer­den…

    Adre­na­lin geht in Kör­per und Geist – hin­ter­lässt posi­ti­ven Ein­druck und könn­te recht sexy per­for­med wer­den von Ella!

    Ruhig mal auf die Schla­ger­kar­te set­zen , lie­bes Publi­kum – war­um soll­te Euro­pa “nein” sagen zu so nem leich­ten song…?

    Punk­te Punk­te Punk­te!!!

  3. Noch mehr Atem­los-Abklatsch war wohl nicht mehr mög­lich, ohne die Anwäl­te der Fische­rin vor der Tür ste­hen zu haben?

  4. Ich drü­cke Ella die Dau­men. Es wäre ein­fach zu schön, mal wie­der einen deut­schen Titel für Deutsch­land beim ESC zu haben, und an Stim­me und Aus­strah­lung hat sie nun wahr­lich genug vor­zu­wei­sen. Das Lied selbst erin­nert mich gar nicht so sehr an Atem­los, aber sehr an Paris von Michel­le. Trotz­dem: Alles Gute, Ella End­lich.

  5. Ich muss sagen, dass Ella End­lich mit “Adre­na­lin” mei­ne abso­lu­te Favo­ri­tin ist. Ich wer­de defi­ni­tiv für sie stim­men und dem­entspre­chend Freun­de eben­falls dazu moti­vie­ren. Tol­ler Up-Tem­po-Schla­ger mit dem sich mit Sicher­heit mehr Punk­te ein­sam­meln las­sen, als mit eini­gen ande­ren Songs dort im Vor­ent­scheid. Ich find’s klas­se, dass Ella End­lich beim Vor­ent­scheid dabei ist. Das sie mit “Adre­na­lin” eine “Atemlos”-Kopie singt, war doch klar. Genau das wol­len die Leu­te doch.

  6. …ich weiß gar nicht, was ich davon hal­ten soll. Irgend­wie ist es ein Uptem­po-Song, der aber trotz­dem nicht rich­tig in Fahrt kommt. Das Arran­ge­ment könn­te ruhig mehr rein­knal­len.

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