Jamie Lee Kriewitz: Ghost

Ja, ich gebe es zu: ich bin anders als die Anderen. Ich schaue keine Castingshows. Daher sagte mir auch der Name Jamie Lee Kriewitz erst mal nichts. Die gewann, wie ich erst nachlesen musste, im Dezember 2015 die aktuelle Staffel von The Voice, die Castingshow, welche auch einen gewissen Andreas Kümmert ins Rampenlicht führte. Die erst 17jährige Hannoveranerin (da gab es doch schon mal eine, gewann damals auch so ein ähnliches Format, wie hieß die nur gleich noch?) scheint sich dort aber wohler zu fühlen als der Franke. Jedenfalls zieht sie sich gerne auffällig an, in possierlichen comicbunten Manga-Kleidchen, was auch das Interessanteste an ihr zu sein scheint. Mit ihrem Siegertitel ‚Ghost‘, der es – für solch ein Produkt eher ungewöhnlich – „nur“ (wohlwollender könnte man aber auch sagen: immerhin) bis auf Rang 11 der Single-Charts brachte, trat Jamie Lee also nun beim Vorentscheid an. Da wollte man wohl seitens der Plattenfirma die Verwertungskette rasch nutzen, solange die Halbwertszeit noch läuft und der Scheiß noch heiß ist. Denn einerseits lag ihr Voice-Sieg erst zwei Monate zurück, also wirklich noch nicht sehr lange. Aus den (im Gegensatz zum britischen Pendant eigentlich eher langlebig-zähen deutschen) Top 100 Singlecharts verschwand ‚Ghost‘ aber bereits nach kürzester Zeit wieder in Richtung des Friedhofs für kurzlebige Pop-Phantome. Wollten die Menschen den Titel also überhaupt noch hören?

Leenie Mayer-Kriewitz. Oder wie hieß sie gleich noch mal?

Sie wollten, wie Jamie Lees eindeutiger Sieg bei Unser Lied für Stockholm bewies, wo sie bereits in der ersten Abstimmungsrunde so viele Stimmen erhielt wie ihre Superfinal-Mitbewerber Alex Diehl und Avantasia zusammen. Im zweiten Durchgang konnte sie die Zahl der Anrufe dann beeindruckender Weise auf eine halbe Million mehr als verdoppeln. Aus gutem Grund: singen kann das Mädel offenbar, über jugendlich-charmante Ausstrahlung verfügt sie auch, der kribbelbunte Kleidungsstil ist ein Hingucker, und der Titel ist nichts, für das man sich international schämen müsste. Der bleibt dennoch der einzige Schwachpunkt: so angenehm er ins linke Ohr hinein träufelt, so seicht läuft er aus dem rechten wieder hinaus (oder andersrum, völlig egal). Ich habe ‚Ghost‘ jetzt schon mindestens zwanzig Mal gehört und könnte ihnen nicht vorsummen, wie das Lied geht. Ob das den Millionen europäischer Zuschauer/innen beim Eurovision Song Contest im Mai 2016 anders geht? Oder erinnern sie sich am Ende des Abends, wenn sie insgesamt 26 Song über sich ergehen lassen mussten, wenn schon nicht an den Titel, dann vielleicht wenigstens an das charmante deutsche Mangamädchen mit der verspielt-selbstbewussten Ausstrahlung und dem lustigen bunten Aufzug? An die opulente Kopfdeko? Ein paar tun das bestimmt, denke ich, und so dürften wir mit Jamie Lee in Stockholm zumindest keine Ann Sophie pullen. Für mehr als einen unteren Mittelfeldplatz reicht es aber nicht, so meine Vorhersage.

Jamie Lee Kriewitz Ghost
In einem Satz: Wenn dieser Titel mal Geist besaß, ist er schon lange entwichen.
aufrechtgehn.de-Wertung: 3/12 Punkten.
Prognose: Siegeschancen bei ULFS? 80%
Ergebnis bei ULFS 1. Platz mit 44,5%
Prognose für Stockholm: Platz 18.

Ist 'Ghost' die richtige Wahl für Deutschland?

  • Nein. Der ESC ist keine Castingshow. Das ist ein laues Liedchen, damit gewinnen wir keinen Blumentopf. (37%, 19 Votes)
  • So klingt zeitgemäßer Pop nun mal, auch wenn ich das fade finde. (27%, 14 Votes)
  • Castingshow hin oder her: ich mag Jamie Lee und ich mag den Song. Für die ruf ich an! (24%, 12 Votes)
  • Na klar. Wer bei 'The Voice' gewinnen kann, schafft das auch in Stockholm. (12%, 6 Votes)

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<– Keøma

Luxuslärm –>

1 Kommentar zu „Jamie Lee Kriewitz: Ghost

  1. Kein schlechter song – aber zu wenig „esc-nötige“ Effekte möglich beim eigentlichen Auftritt!
    Und irgendwie stimmt der song nicht happy – wir brauchen Spass und Leichtigkeit beim contest – auch im Hinblick auf Punkte…

Oder was denkst Du?