Keøma: Protected

„Night Drive Pop“ nennt das aus dem Kölner Chris Klopfer und der Australierin Kat Frankie bestehende Duo Keøma (und ehrlich, alleine schon für das prätentiöse skandinavische Sonderzeichen im Bandnamen hasse ich es ein ganz kleines bisschen) seinen Stil, und das beschreibt es ziemlich gut. Musik für lange, verregnete nächtliche Autofahrten (sagt der letzte Mensch in Deutschland ohne Führerschein): entspannend und angemessen melancholisch, wobei der Sekundenschlaf durch die zurückhaltend eingesetzten elektronischen Beats gerade noch eben verhindert wird. Allerdings scheinen die Zwei eher auf der Bremse zu stehen als auf dem Gaspedal: ihr Vorentscheidungsbeitrag ‚Protected‘ benötigt (in der ungekürzten Studiofassung) alleine zwanzig Sekunden, bevor überhaupt irgendetwas passiert. Und auch danach bleibt das Tempo eher gemächlich, was zwar einerseits zu dem beinahe hypnotischen Reiz beiträgt, der von dem melancholischen Stück ausgeht, und der sich um so mehr entfaltet, je öfters man es hört. Ich gebe es zu: nach anfänglicher Skepsis nistete sich ‚Protected‘ um so hartnäckiger in meinen Gehirnwindungen ein und ich hätte mir tatsächlich sehr gewünscht, dass es Unser Lied für Stockholm geworden wäre. Auch wenn ich es für wenig wahrscheinlich hielt, das dies passierte.

Immer an den Schutz denken, gerade auch im Berliner Nachtleben!

Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine dastand, fiel auch Keøma selbst auf, und so zitierten sie auf ihrer Facebookseite zahlreiche entsprechende Fan-Einschätzungen wie „‚Protected‘ ist das beste Lied und landet auf Platz 10,“ die sie mit einem kleingedruckten „If you like it, put a Ring on it. Feb 25“ konterten. Sehr, sehr cool! Wie übrigens auch der dazugehörige, im Berliner Bassy-Club gedrehte Videoclip, in dem sich lauter wunderschöne Menschen tummeln und paaren. Und der mir, offen gesagt, noch besser gefällt, wenn ich ihn mit 1,25-facher Geschwindigkeit abspiele, weil dann der Song viel mehr Schub bekommt. In der auf die vorschriftsmäßigen drei Minuten gekürzten Eurovisionsfassung ging es aber leider weiterhin sehr gemächlich zu. Und auch die Liveperformance bei ULFS vermochte nicht zu überzeugen: fehlerfrei gesungen zwar, aber eben viel zu lahm. Und einschläfernd präsentiert: weswegen auf der Bühne so überhaupt gar nicht passierte, außer dass sich die anderen Bandmitglieder abwandten, wenn die tolle Kat Frankie sich ausnahmsweise mal bewegte und auf sie zukam (lag es an dem die Augen beleidigenden Goldlamé-Kleidchen?), und warum Keøma noch nicht einmal die Möglichkeiten der Projektionswand nutzten, kann ich einfach nicht begreifen. So vergaben sie selbst alle Chancen für einen der unzweifelhaft besten deutschen Vorentscheidungsbeiträge der letzten vierzig Jahre. Schade, denn auch auf internationaler Ebene hielt ich Keøma für eine ebenso mutige wie reputierliche und nicht zuletzt erfolgversprechende Wahl: dass elektronische Indie-Sounds ankommen können, bewies uns ja schon Aminata (LT 2015). Sie hätten halt einfach nur am Geschwindigkeitsregler drehen müssen.

Die Drei-Minuten-Fassung. Leider ist wegen der Kölner Beelzebuben von Brainpool kein Liveauftritt verfügbar, aber in dem passierte letztendlich auch nicht mehr als im obigen Clip.

Keøma Protected
In einem Satz: Ist Deutschland cool genug für diesen Song?
aufrechtgehn.de-Wertung: 12/12 Punkten.
Prognose: Siegeschancen bei ULFS? 45% (aber ich wäre aus dem Häuschen, hier falsch zu liegen)
Ergebnis bei ULFS 8. Platz mit 3,3%

Wäre 'Protected' die richtige Wahl für Deutschland?

  • Nein. Ich verstehe nicht, was manche Menschen an diesem lahmen Depri-Genudel finden. Weg damit. (45%, 14 Votes)
  • Ich liebe es, aber ich befürchte auch, dass das keine Chancen hat. Leider. (42%, 13 Votes)
  • Unbedingt! Das ist der beste Vorentscheidungsbeitrag, den wir jemals hatten. Schickt das! (13%, 4 Votes)

Total Voters: 31

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<– Joco

Jamie Lee Kriewitz –>

4 Gedanken zu “Keøma: Protected

  1. Großartig! Erinnert im Puncto Coolness und Avantgarde-haftigkeit an den lettischen Beitrag letztes Jahr. Und so was wird natürlich auf gar keinen Fall den deutschen Voreintscheid gewinnen. Seufz.

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