Unser Song 2017

Nach den selbst­ver­schul­de­ten Voll­flops der bei­den letz­ten Jah­re kehr­te der NDR für die Ermitt­lung des deut­schen Grand-Prix-Bei­trags 2017 zur Cas­ting­show zurück. Grund­sätz­lich kei­ne schlech­te Idee, denn die­ses For­mat bescher­te uns in Per­son von Lena Mey­er-Land­rut (→ DE 2010, 2011) schon mal eine Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin. Sel­bi­ge Lena gehör­te neben dem füh­ren­den Prot­ago­nis­ten der Neu­en Deut­schen Wei­ner­lich­keit®, Tim Bendzko, der bei die­ser Gele­gen­heit sei­ne neue Sin­gle bewer­ben durf­te, und dem Volks­mu­si­kan­ten Flo­ri­an Sil­be­rei­sen einer (nicht stimm­be­rech­tig­ten) “Exper­ten-Jury” an, deren Auf­ga­be ledig­lich dar­in bestand, die Auf­trit­te der Nach­wuchs­ta­len­te zu kom­men­tie­ren. Anders als bei einer klas­si­schen Cas­ting­show, die über meh­re­re Wochen läuft, gab es aller­dings nur eine ein­zi­ge TV-Sen­dung, mode­riert von der bewähr­ten Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger, die mit ihrer gewohnt locke­ren, schlag­fer­ti­gen Art im Allein­gang den sehr zähen Abend ret­te­te. Fünf Euro­vi­si­ons­hoff­nun­gen tra­ten an, für die zwei Songs zur Ver­fü­gung stan­den. Also zwei ins­ge­samt, nicht zwei pro Per­son! War das Bud­get so eng in Ham­burg? Laut Sen­der­an­ga­ben wur­den die Bei­trä­ge von “natio­nal und inter­na­tio­nal erfolg­rei­chen” (lies: US-ame­ri­ka­ni­schen) “Pro­du­zen­ten spe­zi­ell für den ESC 2017 vor­ge­schla­gen”. Anders aus­ge­drückt: die Songs gam­mel­ten schon län­ger in der Schub­la­de her­um und die Kom­po­nis­ten waren froh, sie dem NDR andre­hen zu kön­nen. Die ARD-Zuschau­er/in­nen kür­ten per hun­dert­pro­zen­ti­gem Tele­vo­ting aus den Fan­tas­ti­schen Fünf (Links zu den Beschrei­bun­gen der Künstler/innen in der unten­ste­hen­den Tabel­le) schließ­lich die Sie­ge­rin des Abends und deut­sche Ver­tre­te­rin 2017, Levina Lueen.

Die Tee­beu­tel­va­ri­an­te von David Guettas ‘Tita­ni­um’: unser Song 2017

Wenn man nur über zwei Songs ver­fügt, aber über drei Stun­den Sen­de­zeit, bleibt nichts ande­res übrig, als die Sen­dung durch maß­los kom­pli­zier­te Wahl­gän­ge künst­lich in die Län­ge zu stre­cken: sage und schrei­be vier Abstim­mungs­run­den  gab es! Zunächst muss­ten alle fünf deut­schen Nach­wuchs­hoff­nun­gen mit je einem Cover­song ihrer Wahl antre­ten. Für zwei von ihnen, näm­lich die Ersatz­kan­di­da­tin Yose­fin Bouh­ler und die dünn­stim­mi­ge Lenais­tin Feli­cia Lu Kür­biß, war danach bereits Schluss: nur die drei Best­plat­zier­ten im Zuschau­er­vo­ting zogen in die zwei­te Run­de ein und durf­ten dort den ers­ten der bei­den zur Wahl ste­hen­den Songs vor­stel­len, nament­lich das von sei­ner Kom­po­nis­tin ver­gleichs­wei­se pop­pig kon­zi­pier­te ‘Wild­fire’. Levina Lueen, die spä­te­re Sie­ge­rin, mach­te hier­aus aller­dings eine zähe, kleb­ri­ge Bal­la­de. Axel Fei­ge, dem ein­zi­gen Mann im Line-up, den Bab­si Schö­ne­ber­ger in einem freu­dia­ni­schen Ver­spre­cher auf­for­der­te, doch sei­nen “Pfer­de­schwanz her­aus­hän­gen” zu las­sen (was weiß sie, das wir nicht wis­sen?), lag der Song offen­bar gar nicht. Den­noch kam er eine Run­de wei­ter, denn Hele­ne Nis­sen, das Küken der Show, wel­ches die Vor­stel­lungs­run­de nur auf­grund ihrer kind­lich-nai­ven Nied­lich­keit über­lebt hat­te (und des toll­küh­nen Mutes, dort einen John­ny-Cash-Song zu covern), zeig­te sich nun voll­stän­dig über­for­dert und wur­de von den Zuschauer/innen her­ausge­wählt.

Noch eine Grand-Prix-Bal­la­de, und das Uni­ver­sum implo­diert. Das spür­ten wohl auch die Unser-Song-Zuschau­er

Die bei­den Übrig­ge­blie­be­nen, also Axel und Levina, durf­ten im drit­ten Durch­gang nun den zwei­ten poten­ti­el­len Euro­vi­si­ons­ti­tel vor­stel­len (Sie kön­nen noch fol­gen?), also das weni­ger ein­gän­gi­ge ‘Per­fect Life’. Das inter­pre­tier­ten die bei­den Kan­di­da­ten jeweils auf ihre sehr eige­ne, sehr unter­schied­li­che Wei­se: Levina als durch­hör­ba­ren Mid­tem­pos­eich ohne jeden Fun­ken von Eigen­stän­dig­keit, Axel Fei­ge hin­ge­gen als James-Bond-Bal­la­de, in der er sich sicht­bar mehr zuhau­se fühl­te, was auch die Juro­ren bemerk­ten. Die­sel­ben Juro­ren übri­gens, die ihn vor­her durch Kri­tik an sei­ner sta­ti­schen Prä­sen­ta­ti­on und der unver­hoh­le­nen Bevor­zu­gung sei­ner Kon­kur­ren­ten so rich­tig schön ver­un­si­chert hat­ten. Die Stra­te­gie ging auf: die vom Publi­kum mit ste­hen­den Ova­tio­nen gefei­er­te und von Auf­tritt zu Auf­tritt sicht­lich stär­ker auf­blü­hen­de Levina, die ich im Vor­feld noch (fälsch­lich!) als ver­bies­tert ein­ge­schätzt hat­te, zog mit bei­den Songs in die End­run­de ein, wo sie dann über­flüs­si­ger­wei­se gegen sich selbst sang. Dass am Ende das vom Saal­pu­bli­kum wie von der Jury prä­fe­rier­te ‘Wild­fire’ den Kür­ze­ren zog, lag mut­maß­lich auch dar­an, dass der NDR direkt vor der End­ab­stim­mung einen Schnell­durch­lauf der bis­lang schon in den Nach­bar­län­dern aus­ge­wähl­ten Kon­kur­renz­ti­tel zeig­te. Die klu­gen Zuschauer/innen ver­moch­ten so zu erken­nen, dass der Bal­la­den­see beim ESC 2017 bereits bis zum Über­lau­fen gefüllt war und wir mit noch so einer Num­mer dar­in mit noch grö­ße­rer Sicher­heit unter­ge­hen wür­den als mit dem mit­tel­schnel­len ‘Per­fect Life’.

Der NDR erklärt es noch­mal mit einer Power-Point-Prä­sen­ta­ti­on. Macht die Sache aber auch nicht ver­ständ­li­cher.

Im Vor­feld kam für das drei­stün­di­ge Cas­ting­show-Kon­zen­trat, wel­ches ver­geb­lich ver­such­te, die Ken­nen­lern-Arbeit von meh­re­ren Wochen in einen Abend zu quet­schen und so zu einer unnö­tig zähen und kom­pli­zier­ten Ange­le­gen­heit mit lau­ter ver­schenk­ten Chan­cen wer­den muss­te, weder in den Medi­en noch bei mir selbst die gerings­te Begeis­te­rung auf. Zu allem Über­fluss pro­gram­mier­te der NDR die Sen­dung auf einen Don­ners­tag­abend – aus­ge­rech­net gegen den Staf­fel­auf­takt von Ger­ma­nys next Buli­mie­op­fer auf Pro­Sie­ben! Fast alle unter Drei­ßig­jäh­ri­gen fie­len damit als poten­ti­el­le Zuschauer/innen für Unser Song 2017 schon mal aus. Und für die Berufs­tä­ti­gen ging die Sen­dung deut­lich zu lan­ge, um sie bis zum Ende zu ver­fol­gen. Auch die von Pro­gramm­di­rek­tor Vol­ker Her­res nach eige­nen Wor­ten erhoff­te “Chan­ce auf eine Top-Ten-Plat­zie­rung” konn­ten wir uns natür­lich abschmin­ken, was vor allem mit der Aus­wahl der Titel zusam­men­hing. Denn erneut zeig­te sich das NDR-Lied­fin­dungs­ko­mi­tee von der alten Krank­heit befal­len. Den ange­frag­ten Labels und Song­schrei­bern mach­te man strik­te Gen­re­vor­ga­ben: Sin­ger-Song­wri­ter-Pop, Alter­na­ti­ve Main­stream, Dance-Pop – aber kein Soul, kein R&B und “kein Quatsch”, so der Anfor­de­rungs­ka­ta­log. Oder auch, wie es sich beim Vor­ent­scheid dann mal wie­der zeig­te, die alt­be­kann­ten Schat­tie­run­gen von beige.

Nicht anecken, nicht auf­fal­len, nie­man­dem weh tun: so mag’s die ARD-Jury. Immer wie­der. Mit den bekann­ten Ergeb­nis­sen. Immer wie­der.

Wer sich die offi­zi­el­le Euro­vi­si­ons-App aufs Smart­pho­ne lud, durf­te die bei­den Songs schon einen Tag vor­her, bei der Gene­ral­pro­be, hören. Dem schwe­di­schen Vor­bild ein win­zi­ges Stück weit fol­gend, beab­sich­tig­te der NDR heu­er näm­lich erst­mals, die Schwar­min­tel­li­genz der euro­päi­schen Fans anzu­zap­fen, wel­che über die App die Show schau­en und für ihre Lieb­lin­ge voten durf­ten. Deren Stim­men flos­sen aller­dings nicht ins End­ergeb­nis ein, son­dern wur­den wäh­rend der Sen­dung als euro­päi­sche “Euro­vi­si­on Vibes” vor jeder Votin­grun­de ein­ge­blen­det, um dem abstim­mungs­be­rech­tig­ten deut­schen TV-Publi­kum einen Ein­blick zu gewäh­ren, wel­chen Titel und Inter­pre­ten die inter­na­tio­na­len Zuschauer/innen bevor­zug­ten. Prin­zi­pi­ell eine sehr gute Idee, denn die­se ver­ga­ben im Mai 2017 schließ­lich die (sehr spär­li­chen) Punk­te an Deutsch­land. In der Pra­xis klapp­te das aller­dings gar nicht mal so gut, weil die Ergeb­nis­se aus Euro­pa so über­haupt nicht zur Stim­mungs­la­ge im Sen­de­stu­dio pas­sen woll­ten und sich wie ein Fremd­kör­per anfühl­ten. Und in der drit­ten Run­de, als es um die Fra­ge “Axel oder Levina” ging, leg­ten die App-Nut­zer ein 50/50-Votum hin und führ­ten damit die Funk­ti­on der “Vibes” kom­plett ad absur­dum. Die gan­ze Geschich­te macht halt aber auch nur dann wirk­lich Sinn, wenn man wie in Schwe­den das Aus­lands­vo­tum tat­säch­lich in die End­ergeb­nis­se mit ein­flie­ßen lässt.

Rat­schlä­ge “von Außen” kön­nen Gold wert sein: die Wiwi­blog­ger kom­men­tie­ren Jamie-Lees Büh­nen­show

Die glei­chen “Exper­ten”, die für die Aus­wahl der bei­den schwa­chen Songs ver­ant­wort­lich zeich­ne­ten, sor­tier­ten übri­gens bereits im Novem­ber 2016 aus den über 2.300 Bewerber/innen für Unser Song 2017 in meh­re­ren nicht­öf­fent­li­chen Cas­tings zunächst 33 Nach­wuchs­hoff­nun­gen aus, dar­un­ter You­tube-Stars, Leh­rer und ehe­ma­li­ge aser­bai­dscha­ni­sche Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­me­rin­nen. Einer davon kam uns aller­dings im Vor­feld abhan­den: der Tiro­ler Schnu­ckel Nathan Trent, den uns der ORF weg­schnapp­te. Dann stand das Komi­tee vor der schwie­ri­gen Auf­ga­be, den ver­blie­be­nen Talen­te­pool auf die fünf Bes­ten ein­zu­damp­fen. Am Drei­kö­nigs­tag 2017 ver­kün­de­te man das Ergeb­nis: drei Mädels und zwei Jungs im Alter von 19 bis 28 Jah­ren, teils mit Cas­ting­show-Erfah­rung, teils mit ela­bo­rier­ter musi­ka­li­scher Aus­bil­dung, alle mit eige­nen You­tube-Kanä­len. Der Löwen­an­teil von ihnen laut Eigen­be­schrei­bung übri­gens dem “ver­bo­te­nen” Soul zuge­neigt. Ein Groß­teil der fan­tas­ti­schen Fünf hät­te sogar eige­ne Songs im Köcher gehabt, aber die waren nicht zuge­las­sen. Den poten­ti­ell erfolg­ver­spre­chends­ten Kan­di­da­ten hat­te uns aller­dings im Vor­feld der Show bereits Mit­te Janu­ar 2017 Deutsch­lands häss­lichs­tes Schmier­blatt abge­schos­sen. Gegen den ursprüng­lich nomi­nier­ten 19jährigen Wil­helm “Sadi” Rich­ter, so berich­te­te die Lügen­pres­se, lie­fe ein (mitt­ler­wei­le ein­ge­stell­tes) Ver­fah­ren wegen des Ver­dachts auf einen angeb­li­chen Ebay-Betrug vor einem Jugend­ge­richt. Eine Peti­tes­se – der geschock­te Sin­ger-Song­wri­ter aber zog sei­ne Teil­nah­me an Unser Song 2017 stan­te pede zurück: so kön­ne er kei­nen unbe­las­te­ten Auf­tritt absol­vie­ren, begrün­de­te er sei­ne Absa­ge gegen­über dem NDR. Ob der cha­ris­ma­ti­sche wie stimm­lich hoch­be­gab­te Künst­ler, der am Don­ners­tag wäh­rend der Sen­dung auf Face­book schlicht ein trau­ri­ges klei­nes Emo­ji pos­te­te, aus den bei­den Songs mehr hät­te machen kön­nen, ist eine Fra­ge, über die ich lie­ber gar nicht nach­den­ken möch­te, um nicht noch mehr in Depres­sio­nen zu ver­fal­len…

Von der Bild raus­s­kan­da­li­siert: Sadi Rich­ter zog sei­ne Kan­di­da­tur zurück. Was ein Ver­lust!

Unser Song 2017

Don­ners­tag, 9. Febru­ar 2017, 20:15 Uhr aus Köln (Raab TV Stu­di­os). Fünf Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Bar­ba­ra Schö­ne­ber­ger.
Interpret/in1. Run­de (Cover­song)Stim­menErgeb­nis
Yose­fin Buoh­lerLove on Top12.748x
Axel Fei­geYou know my Name39.242Q
Feli­cia Lu Kür­bißDan­cing on my own13.139x
Levina LueenWhen we were young89.156Q
Hele­ne Nis­senFol­som Pri­son Blues49.964Q
Interpret/in2. Run­de (Wild­fire)Stim­menErgeb­nis
Axel Fei­geWild­fire47.639Q
Levina LueenWild­fire79.811Q
Hele­ne Nis­senWild­fire41.459x
Interpret/in3. Run­de (Per­fect Life)Stim­menErgeb­nis
Axel Fei­gePer­fect Life57.631x
Levina LueenPer­fect Life60.474Q
Axel Fei­geWild­fire36.266x
Levina LueenWild­fire124.326Q
Interpret/in4. Run­de (Super­fi­na­le)Stim­menCharts
Levina LueenWild­fire45.285
Levina LueenPer­fect Life100.40728

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