Levina Lueen

Irgend­wie scheint es, als ob der NDR aus dem Desas­ter mit Ann Sophie Dür­mey­er nichts ler­nen möch­te. Mit der 25jährigen Bon­ne­rin (Isa­bel­le) Levina Lueen beför­der­te das Vor­auswahl­gre­mi­um erneut eine auf dem Papier topqua­li­fi­zier­te Bewer­be­rin (klas­si­sche Gesangs­aus­bil­dung an der Städ­ti­schen Musik­schu­le Chem­nitz, ers­te Plät­ze bei diver­sen ernst­haf­ten Wett­be­wer­ben wie Jugend musi­ziert, Stu­di­um an der Lon­do­ner Tech Music School und am King’s Col­le­ge, Sti­pen­di­en auf­grund her­aus­ra­gen­der Leis­tun­gen etc.) in die End­run­de, die aller­dings im Inter­view mit Bür­ger Lars Diet­rich und selbst in den Video­clips zu ihren eige­nen Songs einen win­zi­gen Hauch über­kon­trol­liert und bemüht her­über­kommt. Auch sie zeigt sich eher dem Soul zuge­neigt, aller­dings in der ent­kof­fein­ier­ten Vari­an­te, wie sich schon an der Nen­nung ihrer Lieblingskünstler/innen Joy Den­ala­ne (fan­tas­ti­sche Stim­me, lah­me Songs) und Bru­no Mars (würg!) erken­nen lässt. Die nach eige­nen Anga­ben “in Ber­lin und Lon­don” leben­de Levina hofft mit der Teil­nah­me am Euro­vi­si­on Song Con­test, ihrer bis­lang trotz allen Ehr­gei­zes noch nicht in die Gän­ge gekom­me­nen Solo­kar­rie­re Flü­gel zu ver­lei­hen. Best of luck.

Ganz ehr­lich, den gleich­na­mi­gen Song von den Bin­go­boys moch­te ich lie­ber (Reper­toire­bei­spiel)

Als per­sön­li­chen Cover-Song für die Vor­stel­lungs­run­de von Unser Song 2017 wähl­te Levina ‘When we were young’ von Ade­le. Ein, wie ich lesen konn­te, immer wie­der ger­ne genom­me­ner Cas­ting-Show-Klas­si­ker, den sie im ARD-Moma an der Bon­tem­pior­gel sit­zend prä­sen­tier­te. Was bei mir lei­der sofort ungu­te Erin­ne­run­gen an den schlim­men Auf­tritt von Maxi Gar­den (→ DE 1988) bei einem Fan­club­tref­fen des EC Ger­ma­ny in Köln vor ein paar Jah­ren weckt und der Sym­pa­thie­bil­dung nicht gera­de för­der­lich ist. Beim Vor­ent­scheid selbst ver­zich­te­te sie dann dan­kens­wer­ter­wei­se auf das Instru­ment und über­zeug­te icht nur durch eine wirk­lich her­aus­ra­gen­de Stim­me, son­dern auch durch eine erstaun­li­che Aus­strah­lung.

Auch zur frü­hen Stun­de schon ein biss­chen stre­ber­haft: Levina

Die drei Juro­ren ver­lieb­ten sich augen­blick­lich in sie und lob­ten ihre Leis­tung über den grü­nen Klee, und auch das Saal­pu­bli­kum ließ sich bereits an die­ser Stel­le zu ste­hen­den Ova­tio­nen hin­rei­ßen. Im Grun­de genom­men stand nach die­sem Auf­tritt bereits fest, dass sie nach Kiew fah­ren wür­de. Ihre Ren­di­tio­nen der bei­den poten­ti­el­len Euro­vi­si­ons­ti­tel ‘Wild­fire’ und ‘Per­fect Life’ ver­fes­tig­ten den Trend nur noch, die posi­ti­ven Reak­tio­nen gera­de aus dem Zuschau­er­be­reich, der sie auf einer Wol­ke aus purer Lie­be durch den Abend schwe­ben ließ, ver­lie­hen ihr zusätz­li­che Locker­heit und Sicher­heit und öff­ne­ten die anfangs noch etwas kon­trol­liert Wir­ken­de ein Stück weit. Kein Wun­der daher, dass sie am Ende mit bei­den Songs im Super­fi­na­le stand und gegen sich selbst sin­gen muss­te.

Die stim­mi­ge­re Per­for­mance, aber noch eine Bal­la­de in Kiew wäre nicht gegan­gen: ‘Wild­fire’

Im Super­fi­na­le ergab sich dann die para­do­xe Situa­ti­on, dass nach über­ein­stim­men­der Beur­tei­lung aller Juro­ren und Fans im Saal, aber auch nach mei­nem Emp­fin­den der von Levina als Bal­la­de inter­pre­tier­te Song ‘Wild­fire’ der deut­lich stär­ke­re und auch ihrer Stimm­far­be näher ste­hen­de Song war, der von Peter Urban mode­rier­te Schnell-Check der aus­ge­wähl­ten Euro­vi­si­ons­bei­trä­ge der ande­ren Natio­nen jedoch zeit­gleich offen­bar­te, wie mas­siv der Bal­la­den­markt beim Grand Prix 2017 bereits über­sät­tigt ist. Das klu­ge Publi­kum setz­te daher mit Zwei­drit­tel­mehr­heit statt­des­sen auf ‘Per­fect Life’, das Levina als in der musi­ka­li­schen Aus­ge­stal­tung sehr stark an David Guettas Hit ‘Tita­ni­um’ ange­lehn­ten Mid­tem­po­song into­nier­te.

Das ist alles nur geklaut: Levina mit dem Sie­ger­song

Nun hat die akus­ti­sche Ver­wand­schaft mit einem Chart-Stür­mer der letz­ten Jah­re beim Con­test ja noch nie­man­dem gescha­det, wie zuletzt Frans (→ SE 2016) unter Beweis stell­te. Den­noch glau­be ich kaum, dass wir dem zum einen Ohr ein und zum ande­ren wie­der raus gehen­den Song in Kiew ein bes­se­res Resul­tat als bei den letz­ten bei­den Malen erwar­ten dür­fen. Dafür ist die Num­mer, falls es nicht noch mal dra­ma­ti­sche Ände­run­gen am Arran­ge­ment gibt, dann doch zu mit­tel­mä­ßig und lahm. Und eine Büh­nen­show, die ihren Namen ver­dient, habe ich auch nicht gese­hen.

Der aufrechtgehn.de-Schnellcheck

Stim­me: Tief, stark, einen Hauch quä­kig. Kurz gesagt: Macy Gray. 4 von 12 Punk­ten.
Aus­se­hen: Groß, blond, gut­aus­se­hend. Fit but she knows it. 7 von 12 Punk­ten.
Aus­strah­lung: Über­qua­li­fi­ziert. 3 von 12 Punk­ten.
Erfah­rung: Mit ihrer Vita ist sie irgend­wie die Ursu­la von der Ley­en des Pop. Es gibt schein­bar nichts, was sie nicht kann. 10 von 12 Punk­ten.
bis­he­ri­ges Lied­gut: Kurz gesagt: Macy Gray. 4 von 12 Punk­ten.
ESC-Chan­cen: ‘Cra­ving’ (Saint Lu, Vor­ent­scheid DE 2013).

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