ESC 2018 Lis­sa­bon

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Die Mel­dung kam nicht wirk­lich über­ra­schend: wie die EBU im Som­mer 2017 bekannt gab, fin­det der 63. Euro­vi­si­on Song Con­test in der por­tu­gie­si­schen Metro­po­le Lis­sa­bon statt. Zwar hat­ten sich nach dem Sieg des ver­träum­ten Hip­pie-Schlump­fes Sal­va­dor Sobral in Kiew vier wei­te­re Städ­te der ibe­ri­schen Halb­in­sel um die Aus­tra­gung der euro­päi­schen Lied­wett­spie­le bewor­ben, doch auf­grund der infra­struk­tu­rel­len Vor­zü­ge der Haupt­stadt und der kul­tu­rel­len Bedeu­tung des ers­ten Grand-Prix-Sie­ges nach der gera­de­zu end­los schei­nen­den ESC-Lei­dens­ge­schich­te Por­tu­gals konn­te die Ent­schei­dung des ver­ant­wort­li­chen Sen­ders RTP kaum anders aus­fal­len. Und selbst­re­dend buch­te das por­tu­gie­si­sche Fern­se­hen die größ­te Hal­le des Lan­des, die im Jah­re 1998 zur dama­li­gen Welt­aus­stel­lung unter dem Namen Pavil­hão Atlân­ti­co errich­te­te, maxi­mal 20.000 Zuschauer/innen fas­sen­de, heu­ti­ge Alti­ce-Are­na im Stadt­teil Par­que das Nações, her­vor­ra­gend ange­bun­den durch die direkt neben­an lie­gen­de, zen­tra­le Metro- und Bahn­sta­ti­on Ori­en­te.

Nach Abzug der für die Büh­ne, die TV-Tech­nik, den Green Room und die Kom­men­ta­to­ren­bo­xen benö­tig­ten Flä­chen sind es aller­dings deut­lich weni­ger Plät­ze. Kein Wun­der, dass das Hau­en und Ste­chen um die Tickets dies­mal beson­ders hart aus­fiel: lockt die welt­weit als archi­tek­to­ni­sche und atmo­sphä­ri­sche Per­le gerühm­te Hafen­stadt des unter Tou­ris­ten nicht nur auf­grund des son­ni­gen Kli­mas hoch­gra­dig belieb­ten Urlaubs­lan­des Por­tu­gal doch deut­lich mehr Fans an als der letz­te Aus­tra­gungs­ort in der kri­sen­ge­schüt­tel­ten Ukrai­ne. Und zwar so vie­le, dass selbst die Tages­päs­se für das vom Fan­club OGAE ver­ant­wor­te­te Euro­ca­fé wegen der über­gro­ßen Nach­fra­ge aus­ge­lost wer­den muss­ten. Doch selbst ohne Tages­päs­se und Ein­tritts­kar­ten lohnt die Anrei­se: das Euro­vi­si­on Vil­la­ge, sta­tio­niert auf dem eben­so wie die Are­na direkt am Was­ser gele­ge­nen, pracht­vol­len Platz Pra­ça do Comércio (Metro­sta­ti­on Ter­rei­ro do Paço), wird mit gro­ßen Lein­wän­den aus­ge­stat­tet, auf denen die Fans die Live-Über­tra­gun­gen auch im Frei­en ver­fol­gen kön­nen. Die ers­te Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de fin­det am Diens­tag, dem 8. Mai 2018, statt. Das zwei­te Semi geht zwei Tage spä­ter, am Don­ners­tag, dem 10. Mai 2018, über die Büh­ne. Und das gro­ße sams­täg­li­che Fina­le am 12. Mai 2018 bil­det dann den Abschluss der Fest­spie­le.

Die Ter­mi­ne des ESC 2018 in der Über­sicht:

Start Pro­ben­wo­che29.04.18
ESC 2018, 1. Semi08.05.18, 21:00h
ESC 2018, 2. Semi10.05.18, 21:00h
ESC 2018, Fina­le12.05.18, 21:00h
Live­stream

RTP: “Bil­ligs­ter Con­test aller Zei­ten”

Das Land an der Algar­ve, das 2011 in eine schwe­re Finanz­kri­se geriet und den EU-Ret­tungs­schirm in Anspruch neh­men muss­te, sich mitt­ler­wei­le aber wie­der sta­bi­li­sier­te, möch­te den Grand Prix zum Schnäpp­chen­preis orga­ni­sie­ren: sprach der RTP-Sen­der­chef Gonça­lo Reis in einem Inter­view mit einem por­tu­gie­si­schen Bör­sen­blatt noch voll­mun­dig vom “bil­ligs­ten Euro­vi­si­on Song Con­test aller Zei­ten”, so dürf­te sich das Bud­get tat­säch­lich eher im Rah­men des Mal­mö­er Wett­be­werbs von 2013 bewe­gen, der etwa 19 Mil­lio­nen gekos­tet haben soll. Jeden­falls wol­le man Ein­schnit­te ins rest­li­che Pro­gramm ver­mei­den: das knap­pe Geld soll durch Krea­ti­vi­tät wett­ge­macht wer­den. Die bewies man bereits beim Art­work: sowohl der Slo­gan ‘All aboard’ als auch die Bestand­tei­le des dies­jäh­ri­gen Wim­mel­bild-Logos, das aus zwölf unter­schied­lich zum Ein­satz kom­men­den Ein­zel­mo­ti­ven mari­ti­mem Ursprungs – vom Plank­ton bis hin zur Qual­le – besteht, neh­men Bezug auf die geo­gra­fi­sche Lage des Lan­des direkt am Oze­an und sei­ne kul­tu­rel­le Tra­di­ti­on als stol­ze und welt­of­fe­ne See­fah­rer­na­ti­on (um das unschö­ne Kapi­tel des Kolo­nia­lis­mus mal ele­gant zu umschif­fen).

Vier­fach-Frau­en­power

Nicht ganz kohä­rent zum Vor­satz des Kos­ten­spa­rens ver­hält sich der Sen­der aller­dings in Sachen Mode­ra­ti­on: gleich vier (!) zu allem Über­fluss sich auch noch zum Ver­wech­seln ähn­lich sehen­de, ein­heit­lich lang­haa­ri­ge, klap­per­dür­re jun­ge Damen sol­len gemein­sam durch den Abend füh­ren. Was, wie zuletzt der ähn­lich über­frach­te­te ESC in Wien unter Beweis stell­te, natür­lich zur Fol­ge haben dürf­te, dass es kei­ner Ein­zi­gen von ihnen gelin­gen wird, eine nach­hal­ti­ge per­sön­li­che Note zu set­zen. Man möch­te ganz nost­al­gisch wer­den bei dem Gedan­ken an sol­che Grö­ßen wie Lill Lind­fors (→ SE 1966), die beim ESC 1985 die kom­plet­te Show völ­lig allei­ne schmiss und sou­ve­rän sowohl die Begrü­ßung als auch die Anmo­de­ra­ti­on, den Pau­se­nact, die Punk­te­ver­ga­be und die Ergeb­nis­prä­sen­ta­ti­on hand­hab­te. Und ganz neben­bei noch etwas Stand-up-Come­dy ein­pfleg­te. In Lis­sa­bon dür­fen sich nun die TV-Prä­sen­ta­to­rin­nen Filo­me­na Caut­e­la (die por­tu­gie­si­sche Punk­te­fee vom ESC 2017), Síl­via Alber­to (die Dau­er­mo­de­ra­to­rin des Fes­ti­val da Canção); Cata­ri­na Furtado (nicht ver­wandt) sowie die Schau­spie­le­rin Danie­la Ruah (NCIS: Los Ange­les) gegen­sei­tig die Bäl­le zuspie­len.

Maze­do­ni­en über mit an Bord, geteil­ter Rekord

Mit 43 Natio­nen teilt sich Lis­sa­bon den Teil­neh­mer­re­kord mit den Wett­be­wer­ben von Bel­grad (2008) und Düs­sel­dorf (2011). Russ­land kehrt nach dem unfrei­wil­lig-frei­wil­li­gen Aus­set­zer rund um das miss­li­che Julia­ga­te wie­der zurück, was bei der EBU und Con­test-Chef Jan Ola Sand für erheb­li­che Erleich­te­rung sorg­te. Die Teil­nah­me Maze­do­ni­ens stand hin­ge­gen zwi­schen­zeit­lich auf der Kip­pe: der dor­ti­ge Sen­der, nach einer Neu­struk­tu­rie­rung des Gebüh­ren­ein­zugs durch das im Som­mer 2017 neu gewähl­te Par­la­ment finan­zi­ell auf dem Tro­cke­nen sit­zend, konn­te sei­ne Schul­den in Genf nicht mehr bedie­nen und wur­de, wie schon Rumä­ni­en 2016, von der EBU zunächst gesperrt. Anders als dort einig­te man sich aber zwi­schen­zeit­lich, Skop­je ist wie­der mit an Bord. Hur­ra! Die völ­ker­recht­lich umstrit­te­ne ehe­dem ser­bi­sche Regi­on Koso­vo darf zur Ent­täu­schung der dor­ti­gen TV-Ver­ant­wort­li­chen nach den gül­ti­gen EBU-Sta­tu­ten indes wei­ter­hin nicht an den Start gehen, obwohl man dort ger­ne mit­ma­chen wür­de. Einen schmerz­li­chen Ver­lust stellt das fort­ge­setz­te Fern­blei­ben der Tür­kei (aus poli­ti­schen Grün­den) und Bos­ni­ens (auf­grund feh­len­der Mit­tel) dar. Dafür erhielt Aus­tra­li­en eine wei­te­re Ein­la­dung sei­tens der EBU.

Trend zurück zum Vor­ent­scheid

In Sachen Bei­trags­er­mitt­lung ging bei den teil­neh­men­den Natio­nen – nach einer zuneh­men­den Domi­nanz der sen­der­in­ter­nen Aus­wahl in den letz­ten Jah­ren – der Trend erst­ma­lig wie­der in Rich­tung des offe­nen Vor­ent­scheids. So such­te bei­spiels­wei­se das fran­zö­si­sche Fern­se­hen den gal­li­schen Ver­tre­ter im Rah­men einer mehr­tei­li­gen, mit fan­tas­ti­schen Lie­dern nur so voll­stopf­ten Show namens Desti­na­ti­on Euro­vi­si­on. Dane­ben durf­ten wir uns über die Rück­kehr der slo­we­ni­schen EMA freu­en. Auch Ser­bi­en leg­te nach meh­re­ren inter­nen Wah­len sei­ne (bril­lan­te!) Beo­vi­zi­ja wie­der auf, und der klei­ne Bru­der­staat Mon­te­ne­gro folg­te die­sem Bei­spiel und ver­an­stal­te­te nach zehn Jah­ren Pau­se erst­mals wie­der sei­ne (nicht ganz so bril­lan­te) Mon­te­vi­zi­ja. Selbst San Mari­no, bis dato fest in Sie­gel­scher Hand, ver­such­te sich erst­ma­lig an einem – wenn­gleich etwas dubio­sen – offe­nen Vor­ent­scheid nutz­te dazu das Inter­net. Das alba­ni­sche Fes­ti­va­li i Kën­gës, tra­di­tio­nell die ers­te Aus­wahl­ga­la der Sai­son, eröff­ne­te auch dies­mal den Rei­gen. Und der NDR mach­te sich, getrie­ben von den Total­plei­ten der letz­ten Jah­re, am 22. Febru­ar 2018 auf die völ­lig neu gestal­te­te Suche nach dem “kan­ti­gen” Lied für Lis­sa­bon.

Die 43 Teil­neh­mer­län­der und ihre Bei­trä­ge im Über­blick:

LandInterpret/inSong
ALEugent Bush­pe­paMall
AMSevak Kha­na­gyanQami
ATCesár Sam­psonNobo­dy but you
AUJes­si­ca
Mau­boy
We got Love
AZAisel Mam­ma­do­vaX my Heart
BESen­nekA Mat­ter of Time
BGEquinoxBones
BYAlek­seevFore­ver
CHZibbzStones
CYEle­ni Fou­rer­i­raFue­go
CZMiko­las JosefLie to me
DEMicha­el Schul­teYou let me walk alo­ne
DKRas­mus­senHig­her Ground
EEEli­na Netša­je­vaLa For­za
ESAma­ia Rome­ro Arbi­zu + Alfred Gar­cía Cas­til­loTu Can­ción
FISaa­ra Aal­toMons­ters
FRMadame Mon­sieurMer­cy
GEIriaoShe­ni gulist­vis
GRGian­na Ter­zisOnei­ro mou
HRFran­ka Bate­lićCra­zy
HUAWSViszlát Nyár
IERyan O’ShaughnessyTog­e­ther
ILNet­ta Bar­zi­laiToy
ISAri Ólafs­sonOur Choice
ITErmal Meta + Fabri­zio MoroNon mi ave­te fat­to nien­te
LTIeva Zasim­aus­kaitėWhen we’re old
LVLau­ra Riz­zot­toFun­ny Girl
MDDoRe­DosMy lucky Day
MEVan­ja Rado­va­no­vićInje
MKEye CueLost and found
MTChrista­bel­le BorgTaboo
NLWay­lonOut­law in ‘em
NOAlex­an­der RybakThat’s how you wri­te a Song
PLGro­mee + Lukas Mei­jerLight me up
PTCláu­dia Pas­co­alO Jar­dim
ROThe HumansGood­bye
RSSan­ja Ilić + Bal­ka­ni­kaNova Deca
RUJulia Samo­yl­o­vaI won’t break
SEBen­ja­min Ingros­soDance you off
SILea SirkHva­la, ne!
SMJes­si­ka Mus­cat + Jeni­fer Bre­ningWho we are
UAMélo­vinUnder the Lad­der
UKSuRieStorm

Die Semi­fi­na­le:

Am 29. Janu­ar 2018 über­gab im Lis­sa­bon­ner Rat­haus der Ex-Boxer Vita­li Klitsch­ko in sei­ner Funk­ti­on als Ober­bür­ger­meis­ter von Kiew die Stadt­schlüs­sel an sei­nen por­tu­gie­si­schen Amts­kol­le­gen “The­re was some­thing in the Air that night, the Stars were bright,” Fer­nan­do Medi­na. Anschlie­ßend fand die Zulo­sung der 43 Teil­neh­mer­län­der (natür­lich abzüg­lich der Big 5 und des Gast­ge­bers) in die bei­den Semi­fi­na­le statt. Dabei zeig­te sich Glücks­göt­tin For­tu­na ziem­lich zickig und teil­te die meis­ten erfolg­ver­spre­chen­den Lie­der der schwie­ri­ge­ren, weil um einen Start­platz umfang­rei­che­ren ers­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de zu, die damit zum Blut­bad gerät: wenigs­tens 12 Songs ver­dien­ten hier einen Final­platz, drei wei­te­re wer­den ihn statt­des­sen mit gro­ßer Sicher­heit unver­dien­ter­ma­ßen erhal­ten. Machen Sie sich also bereits jetzt auf ein viel­stim­mi­ges Heu­len und Weh­kla­gen gefasst – auch auf die­sem Blog! Völ­lig anders hin­ge­gen das Bild im don­ners­täg­li­chen zwei­ten Semi, in dem eben­falls zehn Tickets für das Fina­le zur Ver­fü­gung ste­hen, es aber maxi­mal sechs Lie­der gibt, die ein sol­ches auch ver­dien­ten. Die Schnell­über­sicht über alle Titel ein­schließ­lich der (noto­risch mise­ra­blen) aufrechtgehn.de-Ein­schät­zung ihrer Chan­cen fin­den Sie hier:

Ers­tes Semi­fi­na­le 2018

Zwei­tes Semi­fi­na­le 2018

Fina­le 2018

Und hier fin­den Sie die Berich­te von den Pro­ben aus Lis­sa­bon:

 

Die Rück­kehr des Flat­ter­lap­pens: ers­ter Pro­ben­tag

Griff ins Klo: zwei­ter Pro­ben­tag

We can’t move a Moun­tain: drit­ter Pro­ben­tag

Auf­er­stan­den aus Rui­nen: vier­ter Pro­ben­tag

Ich dach­te immer, Du seist bil­lig: fünf­ter Pro­ben­tag

Micha­el Schul­te auf LSD: sechs­ter Pro­ben­tag