ESC 2019 Tel Aviv

Das ICC in Tel Aviv

Das übli­che öffent­li­che Dra­ma ging der Ent­schei­dung über den Ver­an­stal­tungs­ort des ESC 2019 in Isra­el vor­aus, mit meh­re­ren Bewer­ber­städ­ten, das sich jedoch schnell auf einen Zwei­kampf zwi­schen Tra­di­ti­on und Moder­ne zuspitz­te. Im Sep­tem­ber 2018 kam von­sei­ten der EBU die von den Fans her­bei­ge­sehn­te, erlö­sen­de Nach­richt: der nächs­te Grand Prix fin­det am 14., 16. und 18. Mai 2019 (wie immer: Diens­tag und Don­ners­tag die zwei Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den, Sams­tag das gro­ße Fina­le) im Inter­na­tio­nal Con­ven­ti­on Cen­ter (ICC) auf dem Expo-Gelän­de in der Par­ty­me­tro­po­le Tel Aviv statt. Damit setz­ten sich die libe­ra­len Kräf­te gegen­über den Hard­li­nern durch, die das inter­na­tio­na­le Event in der poli­ti­schen und reli­giö­sen Haupt­stadt des Lan­des sehen woll­ten, in Jeru­sa­lem. Nicht nur den quee­ren Fans dürf­te ein Stein vom Her­zen gefal­len sein, son­dern auch den TV-Macher/in­nen. Tho­mas Schrei­ber vom NDR zähl­te in sei­nem State­ment die wich­tigs­ten Grün­de auf, die wohl den Aus­schlag gaben: “aus­rei­chend Hotel­zim­mer mit kur­zen Wegen, kei­ne zeit­li­chen Ein­schrän­kun­gen für Pro­ben, dazu eine Stadt am Mit­tel­meer, die nie­mals schläft. Wir freu­en uns auf Tel Aviv!” Und wie!

Dann kann der Gol­den Boy ja jetzt sein Ver­spre­chen “Befo­re I lea­ve / let me show you Tel Aviv” wahr machen.

Kampf der Kul­tu­ren

Büh­nen­ent­wurf 2019 © Flo­ri­an Wie­der

Die Ver­kün­dung mar­kier­te das Ende eines mit Nach­druck geführ­ten Kul­tur­kampfs, der bereits mit dem Sieg von Net­ta Bar­zi­lai in Lis­sa­bon begann. Stan­de pede rekla­mier­ten die kon­ser­va­ti­ven Kräf­te des Lan­des, allen vor­an Pre­mier Ben­ja­min Netan­ja­hu, dass der Con­test 2019 in der umstrit­te­nen Haupt­stadt statt­fin­den müs­se, wo nur zwei Tage nach Net­tas Grand-Prix-Tri­umph die von US-Prä­si­dent Donald Trump als poli­ti­sches Fanal vor­an­ge­trie­be­ne Eröff­nung der ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaft blu­ti­ge Unru­hen mit sech­zig paläs­ti­nen­si­schen Todes­op­fern pro­vo­ziert hat­te. Ortho­do­xe Reli­giö­se – auch sol­che in der Regie­rung – dran­gen zudem umge­hend dar­auf, dass der jüdi­sche Sab­bat auch wäh­rend des Euro­vi­si­on Song Con­tests ein­ge­hal­ten wer­den müs­se, also zwi­schen Frei­tag­abend und Sams­tag­nach­mit­tag weder Shows noch Pro­ben über die Büh­ne gehen dürf­ten. Was zu unge­wöhn­lich deut­li­chen Wor­ten sei­tens der EBU führ­te, die offen droh­te, dass man den Wett­be­werb eher in ein ande­res Land gebe, bevor man auf das wer­tungs­re­le­van­te Jury­fi­na­le am Frei­tag­abend ver­zich­te. Das Pro­blem stellt sich in Tel Aviv, wo man es mit den reli­giö­sen Vor­schrif­ten deut­lich locke­rer nimmt, nun nicht. 42 41 Natio­nen gehen dort an den Start, eine zwei weni­ger als im Vor­jahr: Bul­ga­ri­en setzt trotz eines zuletzt her­vor­ra­gen­den Lau­fes aus finan­zi­el­len Grün­den aus, die Ukrai­ne stor­nier­te ihre Teil­nah­me, nach­dem es bei ihrem Vor­ent­scheid zu einem Eklat um Auf­trit­te der Vid­bir-Sie­ge­rin Maruv im “Aggres­sor-Staat” Russ­land kam, die der Sen­der als Lan­des­ver­rat begriff.

Kon­zi­li­an­te Wor­te für die unter­le­ge­nen Mit­be­wer­ber, aber erkenn­ba­re Erleich­te­rung: Jan Ola Sand mit der Ent­schei­dung für Tel Aviv.

Alles Poli­tik!

Logo ESC 2019 © KAN

Wenig erfolg­reich ver­lief für den aus­rich­ten­den Sen­der Kan die mit har­ten Ban­da­gen geführ­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der israe­li­schen Regie­rung um die Finan­zen. Selbst die Dro­hung, die Aus­rich­tung des Wett­be­werbs wie­der zurück­zu­ge­ben, wenn der Staat sich nicht an den Kos­ten betei­li­ge, fruch­te­te nicht: Kan muss den ESC nun aus dem eige­nen Bud­get stem­men, ledig­lich eine Aus­fall­bürg­schaft für die not­wen­di­gen Kre­di­te ließ sich der Finanz­mi­nis­ter aus den Rip­pen lei­ern. Der gegen­über jour­na­lis­ti­scher Kri­tik an sei­ner Arbeit extrem emp­find­li­che Netan­ja­hu, dem der Sen­der dies­be­züg­lich ohne­hin ein Dorn im Auge ist, kün­dig­te im Gegen­zug die end­gül­ti­ge Auf­lö­sung des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens an, soll­te Kan den Grand Prix nicht gewuppt bekom­men. Schon 2017 hat­ten Ver­su­che des Staats­chefs, die sei­ner Mei­nung nach unbot­mä­ßi­ge Nach­rich­ten­ab­tei­lung der Vor­gän­ger­an­stalt IBA platt zu machen, zu einer Kri­se um einen mög­li­chen Aus­schluss Isra­els von der EBU (und damit auch vom ESC) geführt. Die Zeche zah­len die Fans, denn Kan refi­nan­ziert die Fes­ti­vi­tä­ten nun not­ge­drun­gen aus den Ein­tritts­kar­ten: um die tau­send (!) Euro kos­tet ein Ticket­pa­ket für die TV-Shows; selbst die Kar­ten für die Jury­show, bei der man auf das attrak­tivs­te Ele­ment des Wett­be­werbs – das Voting – ver­zich­ten muss, sum­mie­ren sich noch auf knapp die Hälf­te. Der Vor­ver­kauf star­te­te am 28. Febru­ar 2019 und wur­de mitt­ler­wei­le wegen fest­ge­stell­ter Unre­gel­mä­ßig­kei­ten wie­der unter­bro­chen.

Auch Dad­dy Frei­er (hier beim islän­di­schen Vor­ent­scheid 2017) for­der­te den ESC-Boy­kott.

Kei­ne Rei­se nach Jeru­sa­lem

Logoal­ter­na­ti­ven 2019 © KAN

Doch nicht nur aus der israe­li­schen Innen­po­li­tik warf man Treib­sand: eine Rei­he inter­na­tio­na­ler Künstler/innen, dar­un­ter der  iri­sche Grand-Prix-Gewin­ner von 1994, Char­lie McGet­ti­gan, sowie eini­ge fin­ni­sche und islän­di­sche ESC- bzw. Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mer, unter­zeich­ne­ten einen Boy­kott­auf­ruf: solan­ge Isra­el den Palästinenser/innen ihre “Grund­rech­te ver­wei­ge­re”, dür­fe die Show dort nicht statt­fin­den. Auch bei eini­gen natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen kam es zu Stör­ak­tio­nen, bei denen Akti­vis­ten die Büh­ne stürm­ten, und zu Todes­dro­hun­gen gegen­über dem fran­zö­si­schen Ver­tre­ter Bil­al Hassa­ni. Das islän­di­sche Fern­se­hen RÚV bestä­tig­te sei­ne Teil­nah­me am ESC 2019 in Isra­el erst unmit­tel­bar nach der Ent­schei­dung für Tel Aviv, ver­bun­den mit dem Hin­weis, dass man die Zusa­ge hier­von abhän­gig gemacht habe – also im Umkehr­schluss nicht nach Jeru­sa­lem gereist wäre. Im Gegen­satz übri­gens zu 1999, wo man damit noch kei­ne Pro­ble­me hat­te und Sel­ma Björns­dót­tir das bis­her bes­te Ergeb­nis des klei­nen Insel­staa­tes beim euro­päi­schen Wett­sin­gen holen konn­te. Eine so kla­re poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung einer natio­na­len TV-Anstalt gab es zuletzt im Umfeld der Show von 2012 in Aser­bai­dschan, wo es wegen der dor­ti­gen kata­stro­pha­len Men­schen­rechts­la­ge im Vor­feld eben­falls zu Boy­kott­for­de­run­gen kam und der deut­sche Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che Tho­mas Schrei­ber öffent­lich dar­über nach­dach­te, dass die ARD wohl (nur dann) zu Hau­se blei­ben wer­de, soll­te es eines Tages ins (dies­be­züg­lich noch deso­la­te­re) Weiß­russ­land gehen.

Never for­get: nach Baku ent­sand­ten die Islän­der zwei ihrer Bes­ten.

Nur 4.000 Tickets?

Sym­bol­bild Tickets © EBU

Nun ist die anti­zio­nis­ti­sche Hal­tung ara­bisch gepräg­ter Staa­ten nichts Neu­es: zuletzt schei­ter­te 2005 die erst­ma­lig geplan­te Teil­nah­me des Liba­non am Song Con­test dar­an, dass der Sen­der sich wei­ger­te, auch den israe­li­schen Auf­tritt zu über­tra­gen. Dass aber nun eine west­li­che (oder eher: nor­di­sche) Nati­on wie Island lie­ber nach Baku fährt als nach Jeru­sa­lem, hat eine neue – und in mei­nen Augen schi­zo­phre­ne – Qua­li­tät. Doch zurück nach Tel Aviv, wo es eng wird: die als Ver­an­stal­tungs­ort aus­ge­such­te Hal­le 2 des ICC fasst kei­ne 10.000 Besucher/innen, nach den erfor­der­li­chen tech­ni­schen Umbau­ten sogar nur rund 7.000, wovon gut die Hälf­te für die Dele­ga­tio­nen und die Fan­clubs reser­viert sind. Blei­ben für die gemei­nen Wald- und Wie­sen­fans weni­ger Plät­ze als in Lis­sa­bon, wo es auch schon zum Hau­en und Ste­chen um die Ein­tritts­kar­ten kam. Der Schwarz­markt freut sich! So knapp ist der Platz, dass der Green Room erst­ma­lig seit Mal­mö wie­der aus­ge­la­gert wird: in die benach­bar­te Hal­le 1. Ynet zufol­ge wol­len die Ver­an­stal­ter dort wei­te­re zwei- bis drei­tau­send Fans mit unter­brin­gen, die den Event (natür­lich gegen üppi­gen Auf­preis) im Krei­se der Stars per Lein­wand ver­fol­gen kön­nen. Ansons­ten bleibt das Euro­vi­si­on Vil­la­ge, das sei­ne Zel­te im Charles-Clo­re-Park direkt am Meer auf­schla­gen soll, wo sonst der Tel Aviv Pri­de gas­tiert.

Die Ter­mi­ne des ESC 2019 in der Über­sicht

Semi­fi­nal­aus­lo­sung28.01.19
Start Vor­ver­kauf28.02.19, 19:00 MEZ
Dead­line für Bei­trä­ge / Dele­ga­tio­nen­tref­fen11.03.19
Start Pro­ben­wo­che05.05.19
ESC 2019, 1. Semi14.05.19, 21:00 MEZ
ESC 2019, 2. Semi16.05.19, 21:00 MEZ
ESC 2019, Fina­le18.05.19, 21:00 MEZ

Alles, was man als Tel-Aviv-Besu­cher/in wis­sen muss. Das ICC liegt übri­gens unmit­tel­bar an der Bahn­sta­ti­on ‘Tel Aviv Uni­ver­si­ty’.

Träu­me sind für alle da

Mot­to 2019 © KAN

Das Anfang 2019 vor­ge­stell­te Logo greift – wenig über­ra­schend – den David­stern auf, das zen­tra­le Sym­bol des israe­li­schen Vol­kes. Das dazu­ge­hö­ri­ge offi­zi­el­le Mot­to die­ses Jahr­gan­ges dach­te sich offen­bar ein Absol­vent der Bernd-Mei­nun­ger-Schu­le aus: “Dare to dream” heißt es. Kann man die­sen übri­gens erst 2006 begon­ne­nen Unfug mit dem Slo­gan nicht ein­fach wie­der las­sen, wenn dabei doch immer nur ein poten­ti­el­ler mal­te­si­scher Euro­vi­si­ons­ti­tel her­aus­kommt? Inter­es­san­ter da schon eine Mel­dung, wonach im Kampf gegen die – wie in jeder ESC-Aus­rich­ter­stadt – explo­si­ons­ar­tig anstei­gen­den Zim­mer­prei­se in Tel Aviv die Bereit­stel­lung eines Hotel­schif­fes für 2.000 Fans geplant ist, auf dem es die Vie­rer­ka­bi­ne für 50 € die Nacht pro Nase geben soll, Par­ty­pro­gramm inklu­si­ve. Hin­zu kommt nun noch ein Frei­luft­camp im Ganei-Yehoshua-Park, der grü­nen Lun­ge von Tel Aviv, das in fuß­läu­fi­ger Ent­fer­nung zum ICC lie­gen soll und in dem wei­te­re 2.000 Fans kos­ten­güns­tig unter­kom­men kön­nen: gemäß dem Mot­to “camp as a row of tents” in ein­fa­chen Zel­ten oder, für das klei­ne Plus an Pri­vat­sphä­re und Kom­fort, in Wohn­wä­gen.

Poli­ti­sche Sym­bo­lik trifft Retro-Neon-Design: die Israe­lis las­sen uns Ster­ne sehen.

Teil­neh­mer / VEs 2019

LandInterpret/inSong
ALJoni­da Mali­qiKthe­ju tokës
AMSrbukWal­king out
ATPæn­daLimits
AUKate Mil­ler-Heid­keZero Gra­vi­ty
AZChen­giz Mus­ta­fay­evTruth
BEEli­ot Vas­sa­mil­letWake up
BYZenaLike it
CHLuca Hän­niShe got me
CYTam­ta Goduad­zeReplay
CZLake Mala­wiFri­end of a Fri­end
DESis­tersSis­ter
DKLeo­no­ra Jep­senLove is fore­ver
EEVic­tor Cro­neStorm
ESMiki NúñezLa Ven­da
FIDaru­de + Sebas­ti­an Rej­manLook away
FRBil­al Hassa­niRoi
GEOto Nemsad­zeSul tsin iare
GRKate­ri­na Dus­kaBet­ter Love
HRRoko Blaže­vićThe Dream
HUJoci PápaiAz én Apam
IESarah McTer­n­an22
ILKobi Meri­miHome
ISHata­riHat­rið mun sig­ra
ITMah­moodSol­di
LTJuri­jus Veklen­koRun with the Lions
LVCarou­selThat Night
MDAnna Odu­bes­cuStay
MED‑MollHea­ven
MKTama­ra Todevs­kaProud
MTMichae­la PaceCha­me­le­on
NLDun­can Lau­renceArca­de
NOKei­i­noSpi­rit in the Sky
PLTuliaPali się
PTCon­an Osí­risTele­mó­veis
ROEster Peo­nyOn a Sunday
RSNeve­na Božo­vićKru­na
RUSer­gey Laza­revScream
SEJohn LundvikToo late for Love
SIZala Kralj + Gašper ŠantlSebi
SMSer­hat HacıpaşalıoğluSay na na na
UKMicha­el RiceBig­ger than us

Stand: 11.03.2019