4. Deka­de (1986–1995)

Der Schmerz der gan­zen Welt

Von Abstieg, Zusam­men­bruch und Neu­be­ginn

Plötz­lich blie­ben die Zuschau­er weg. Erziel­te der Grand Prix in den vor­an­ge­gan­ge­nen Deka­den – auch man­gels Kon­kur­renz – noch Ein­schalt­quo­ten von über 50%, so nutz­ten die Men­schen nun lie­ber die Unter­hal­tungs­an­ge­bo­te der neu­en Pri­vat­sen­der. Oder scho­ben eine Video­kas­set­te ins VHS-Gerät. Auch die Pres­se nahm immer weni­ger Notiz vom sünd­teu­ren jähr­li­chen Wett­be­werb: selbst den Pro­gramm­zeit­schrif­ten war das Event kaum noch einen Hin­weis wert. Und das nimmt auch nicht wei­ter Wun­der, ver­kam die einst­mals rele­van­te Pop­show nun voll­ends zu einem obsku­ren TV-Spek­ta­kel mit pein­li­chen Prot­ago­nis­ten (Riva, YU 1989), das man allen­falls noch schau­te, um sich dar­über lus­tig zu machen. Und zwar selbst von offi­zi­el­ler Sei­te: 1989 ließ die ARD einen spöt­teln­den Tho­mas Gott­schalk die Über­tra­gung kom­men­tie­ren, der bei die­ser Gele­gen­heit der Vor­jah­res­sie­ge­rin Céli­ne Dion (CH 1988) attes­tier­te, man wer­de wohl nie wie­der was von ihr hören. Zudem beleg­te der Umgang des sei­ner­zeit feder­füh­ren­den Baye­ri­schen Rund­funks mit dem deut­schen Vor­ent­scheid die Ide­en- und Rat­lo­sig­keit der Öffent­lich-Recht­li­chen gegen­über den ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen: über­ließ man in stu­rer Schla­ger­se­lig­keit zunächst Ralph Sie­gel das Feld, gab man nach zag­haf­ten, erfolg­lo­sen Inno­va­ti­ons­ver­su­chen mit Hape Ker­ke­ling als Mode­ra­tor schlicht­weg auf und nahm in völ­li­ger Ver­zweif­lung schlicht­weg jeden, der über­haupt noch woll­te. Man ver­glei­che das Euro­vi­si­ons­auf­ge­bot nur mal mit den Ver­kaufs­charts aus die­ser Deka­de, dann zeich­net sich die Hoff­nungs­lo­sig­keit in erschre­cken­der Deut­lich­keit ab.

Avan­ti Dilet­tan­ti: Deutsch­lands Unter­gang (DE 1991)

’1990s: Time for Guru’, so eröff­ne­te bei­spiels­wei­se in ver­mut­lich durch die Ein­nah­me berau­schen­der Sub­stan­zen her­vor­ge­ru­fe­ner Selbst­über­schät­zung der bri­ti­sche Acid-Pop­per Guru Josh das neue Jahr­zehnt. Daheim brach das Frank­fur­ter Dan­ce­pro­jekt Snap! mit ‘The Power’ auf, die Hit­lis­ten für die nächs­ten zehn Jah­re zu regie­ren. Kurz­um: die Neun­zi­ger waren die Deka­de von House, Tech­no, Euro­dance und ande­rer Spiel­ar­ten der elek­tro­ni­schen Tanz­mu­sik. Deut­sche Chart­stür­mer hie­ßen Cul­tu­re Beat, Jam & Spoon, U96Scoo­ter (Vor­ent­scheid 2004) – und san­gen eng­lisch, was beim Grand Prix nach wie vor nicht erlaubt war. Doch auch deutsch­spra­chi­ger Hip-Hop (Fan­ta 4, Rödel­heim Hart­reim Pro­jekt), Ost­pop (Die Prin­zen) oder Goth-Rock (Ramm­stein) ver­kauf­te sich blen­dend. Eines aber einig­te die Prot­ago­nis­ten all die­ser Frak­tio­nen: die Teil­nah­me an der deut­schen Vor­auswahl kam für sie nicht in Fra­ge. Lächer­lich, unwich­tig, vor­gest­rig, voll­kom­men ohne Bezug zum aktu­el­len Musik­ge­sche­hen und fern­ab sämt­li­cher Hit­pa­ra­den prä­sen­tier­te sich der Grand Prix. Kar­rie­re­schä­di­gend, auch nur in Zusam­men­hang mit ihm gebracht zu wer­den. Hier ver­schwan­den Has­beens wie die Mün­che­ner Frei­heit (DE 1993) für immer in der Ver­sen­kung und tauch­ten Never­be­ens wie Meka­do (DE 1994) erst gar nicht dar­aus her­vor.

Ohne Kon­kur­renz: The three Lieb­chens from Ger­ma­ny (DE 1994)

So zog sich die zeit­wei­lig nur noch aus gelang­weil­ten Retor­ten­ac­ts und hoff­nungs­lo­sen Ama­teu­ren bestehen­de Show belei­digt nach Irland zurück, wo es wenigs­tens anstän­dig was zum Sau­fen gab, um die schlim­men Lie­der bes­ser ertra­gen zu kön­nen: die katho­li­sche Insel sieg­te in die­ser Deka­de fast unun­ter­bro­chen. Was auch damit zu tun hat­te, dass die Iren neben den Bri­ten als Ein­zi­ge in der Spra­che des Pop, Eng­lisch, sin­gen durf­ten. Vor allem aber war es ihrer legen­dä­ren Gast­freund­schaft geschul­det: hier cam­pier­te der Grand-Prix-Zir­kus ger­ne und bis zur völ­li­gen finan­zi­el­len Erschöp­fung der so stol­zen wie arg­lo­sen Gast­ge­ber. Doch ‘Wun­der gibt es immer wie­der’, und als Fol­ge der poli­ti­schen Umbrü­che konn­ten sie gescheh’n: die nach dem Zusam­men­bruch des Sowjet­im­pe­ri­ums neu zu Euro­pa gesto­ße­nen ehe­ma­li­gen Ost­block­län­der, über deren Abstim­mungs­ver­hal­ten wir heu­te so ger­ne lamen­tie­ren, taten das Unmög­li­che und nah­men den vom Wes­ten men­tal längst abge­schrie­be­nen Wett­be­werb wie­der ernst! Sie ent­sand­ten erst­klas­si­ge Sän­ge­rin­nen wie Edy­ta Gór­ni­ak (PL 1994), nam­haf­te Stars wie Alla Pugat­schowa (RU 1997) und Songs mit inhalt­li­chem Tief­gang wie Bos­ni­ens Bal­kan­kriegs­bal­la­de ‘Sva Bol svi­je­ta’ (‘Der Schmerz der gan­zen Welt’, 1993) und sorg­ten so für die lebens­er­hal­ten­de kul­tu­rel­le Atem­spen­de an die bei­na­he schon erstarr­te Lei­che Grand Prix.

Nie­mand lei­det so schön wie die Bos­ni­er™ (BA 1993)

Die ein­zel­nen Jahr­gän­ge (mit den dazu­ge­hö­ri­gen deut­schen Vor­ent­schei­dun­gen):

Ingrid Peters, DE 1986
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1986
Logo des Eurovision Song Contest 1986
Euro­vi­si­on Song Con­test 1986
Wind, DE 1987
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1987
Logo des Eurovision Song Contest 1987
Euro­vi­si­on Song Con­test 1987
Chris Garden, DE 1988
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1988
Logo des Eurovision Song Contest 1988
Euro­vi­si­on Song Con­test 1988
Nino de Angelo, DE 1989
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1989
Logo des Eurovision Song Contest 1989
Euro­vi­si­on Song Con­test 1989
Daniel Kovac, Chris Kempers, DE 1990
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1990
Logo des Eurovision Song Contest 1990
Euro­vi­si­on Song Con­test 1990
Atlantis 2000, DE 1991
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1991
Logo des Eurovision Song Contest 1991
Euro­vi­si­on Song Con­test 1991
Wind, DE 1992
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1992
Logo des Eurovision Song Contest 1992
Euro­vi­si­on Song Con­test 1992
Münchener Freiheit, DE 1993
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1993
Logo des Eurovision Song Contest 1993
Euro­vi­si­on Song Con­test 1993
MeKaDo, DE 1994
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 1994
Logo des Eurovision Song Contest 1994
Euro­vi­si­on Song Con­test 1994
Logo des Eurovision Song Contest 1995
Euro­vi­si­on Song Con­test 1995

<– 3. Deka­de (1976–1985)

5. Deka­de (1996–2005) –>

Oder was denkst Du?