6. Deka­de (2006–2015)

For real

Der Con­test wird poli­tisch

Mit der Demo­kra­ti­sie­rung des Abstim­mungs­ver­fah­rens (dem Tel­e­vo­ting) ging beim Euro­vi­si­on Song Con­test im sechs­ten Jahr­zehnt sei­nes Bestehens die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der audio­vi­su­el­len Dar­bie­tun­gen Hand in Hand: mit immer auf­wän­di­ge­rer Büh­nen­tech­nik, abge­feim­te­ren Trick­klei­dern, spek­ta­ku­lä­re­ren → Hoch­leis­tungs­cho­reo­gra­fi­en und wahn­sin­ni­ge­ren Mate­ri­al­schlach­ten, die beim rus­si­schen Sie­ger­bei­trag 2008 von Dima Bilan in einer Kunst­eis­lauf­bahn und einer mil­lio­nen­teu­ren Stra­di­va­ri ihren Höhe­punkt fan­den. Zum Ver­druss der west­li­chen Grün­der­vä­ter, deren Vertreter/innen mit den deut­lich ehr­gei­zi­ge­ren Kol­le­gen vom Bal­kan und der frü­he­ren Sowjet­uni­on schlicht­weg nicht mehr mit­hal­ten konn­ten. Was in einem eben­so ver­blen­de­ten wie laut­star­ken Lamen­to über das “Block­vo­ting” gip­fel­te und dazu führ­te, dass die um die Teil­nah­me­ge­büh­ren der → Big-Four-Län­der fürch­ten­de EBU das Rad der Geschich­te zurück­dreh­te und die dia­bo­li­schen → Jurys wie­der mit ins Boot hol­te – als “Kor­rek­tiv” mit 50% Stimm­macht. Immer­hin ende­te die Feu­er­tau­fe des neu­en Halb-und-halb-Ver­fah­rens auf mär­chen­haft ver­söhn­li­che Wei­se: mit dem (lei­der sehr vor­her­seh­ba­ren) Erd­rutsch­sieg von Alex­an­der Rybak (NO 2009), einem in Weiß­russ­land gebo­re­nen und in Nor­we­gen auf­ge­wach­se­nen Musik­ta­lent, des­sen glei­cher­ma­ßen folk­lo­ris­ti­sches wie pop­mo­der­nes ‘Fai­ry­ta­le’ sowohl das klas­si­sche Musik­in­stru­ment Gei­ge wie eine von sport­ge­stähl­ten Boden­tur­nern dar­ge­bo­te­ne Cho­reo­gra­fie auf­bot und somit mus­ter­gül­tig alle Ele­men­te eines Euro­vi­si­ons­bei­trags neue­rer Prä­gung in sich ver­ein­te. Inklu­si­ve des kom­mer­zi­el­len Erfolgs.

Cat­weaz­le und die Mana-mana-Sin­gers: Alex Rybak (NO 2009)

Um den kaum mehr zu bewäl­ti­gen­den Spa­gat zwi­schen den Prä­fe­ren­zen der Jury und den Vor­lie­ben der Zuschauer/innen hin­zu­be­kom­men, kauf­ten immer mehr Län­der ihre Bei­trä­ge bei schwe­di­schen Auto­ren und Bera­tungs­teams ein, deren Erfolgs­quo­te dar­auf hin­deu­tet, dass das skan­di­na­vi­sche Volk tat­säch­lich ein Händ­chen für die­se Show hat: nicht umsonst ist das Melo­di­fes­ti­va­len die belieb­tes­te Vor­ent­schei­dung unter Fans, für die in Zei­ten zahl­lo­ser Grand-Prix-Blogs, die über jede noch so pup­si­ge Nich­tig­keit hyper­ven­ti­lie­ren, und von Live­streams sämt­li­cher natio­na­len Finals im Netz aus der ehe­dem ein­mal im Jahr statt­fin­den­den Show eine Ganz-Jah­res-Beschäf­ti­gung gewor­den ist. Mit sei­nem zwei­ten Grand-Prix-Sieg im Jah­re 2010 läu­te­te Deutsch­land dann eine wei­te­re kul­tu­rel­le Zei­ten­wen­de ein: die Ära der Authen­ti­zi­tät. Lena Mey­er-Land­rut sieg­te ohne gro­ßen Show-Fir­le­fanz, ledig­lich mit einem ein­gän­gi­gen Pop-Lied­chen und dank ihrer fri­schen Aus­strah­lung, die kla­ren Sie­ges­hun­ger mit jugend­li­cher Unbe­küm­mert­heit und dem Wil­len ver­band, dabei Spaß zu haben. Man nahm ihr ab, den Wett­be­werb ernst zu neh­men, ohne ihn all zu ernst zu neh­men. Mit exakt die­ser Ein­stel­lung sieg­ten auch die eso­te­risch-ver­strahlt wir­ken­de schwe­di­sche Hou­se-Elfe Lore­en (2012) – die ers­te Gewin­ne­rin mit erkenn­bar afri­ka­ni­schen (marok­ka­ni­schen) Wur­zeln – und die öster­rei­chi­sche Drag-Queen Con­chi­ta Wurst (2014).

Bes­tes ESC-Ope­ning aller Zei­ten. Und das sage ich nicht, weil es aus Deutsch­land kam.

Der über­wäl­ti­gen­de Sieg der zunächst auch im Hei­mat­land hoch­gra­dig umstrit­te­nen und ange­fein­de­ten, tra­dier­te  Geschlech­ter­rol­len so spie­le­risch wie macht­voll auf­bre­chen­den Frau mit Bart illus­triert auf das Treff­lichs­te die vor­züg­li­che Sou­ve­rä­ni­tät des Publi­kums, das damit die rich­ti­ge Ant­wort auf die zuneh­men­den fort­schritts- und viel­falts­feind­li­chen Töne aus Russ­land und ande­ren ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten, aber auch von west­li­chen Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rern und Ewig­gest­ri­gen gab. Und auf die fei­ge Vogel-Strauß-Poli­tik der EBU beim The­ma Men­schen­rech­te, die sich bei­spiels­wei­se im hilf­lo­sen Umgang mit dem aser­bai­dscha­ni­schen Régime wäh­rend des Protz-Con­tests von 2012 mani­fes­tier­te, wofür Ste­fan Nig­ge­mei­er den tref­fen­den Begriff vom “Mulm von Baku” präg­te. Und er sorg­te für berech­tig­te Kri­tik an der Jury, die Con­chi­tas Sieg zwar nicht ver­hin­dern konn­te, die von Fans und Medi­en ein­hel­lig gelieb­te “Sis­si die Zwei­te” aber – nicht nur im offi­zi­ell hom­ofeind­li­chen Osten, son­dern auch im angeb­lich so tole­ran­ten Deutsch­land – mas­siv her­un­ter­wer­te­te. Selbst die­je­ni­gen, wel­che die Jury als Kor­rek­tur­in­stru­ment grund­sätz­lich befür­wor­ten, for­dern seit­her viel­fach, ihre Macht zumin­dest etwas ein­zu­schrän­ken.

Reborn and trans­for­med: Frau Wurst (AT 2014)

Eine For­de­rung, die durch den letz­ten Con­test die­ser Deka­de zusätz­lich Nah­rung erhielt, in dem erst­mals nicht die kla­ren Zuschau­er­fa­vo­ri­ten, Ita­li­ens Pope­ra-Hel­den Il Volo, gewan­nen, son­dern Jury­lieb­ling Måns Zelmerlöw aus – natür­lich! – Schwe­den. Immer mehr Men­schen fra­gen sich zu Recht, wofür sie über­haupt noch anru­fen sol­len, wenn am Ende doch ein Häuf­lein von fünf will­kür­lich aus­ge­wähl­ten “Exper­ten” das Ergeb­nis bestimmt? Ein Ärger­nis, auf das die EBU bis­lang aller­dings eben­so wenig eine schlüs­si­ge Ant­wort fand wie auf die schlei­chen­de Bedeu­tungs-Ero­si­on des Wett­be­werbs in den neue­ren Euro­vi­si­ons­län­dern, wo man dem Event des Öfte­ren aus finan­zi­el­len Grün­den oder auf­grund der Unzu­frie­den­heit mit der unge­rech­ten Pri­vi­le­gie­rung der → Big Five fern­bleibt. Statt­des­sen sucht man in Genf sein Heil in der Flucht: nach einer ent­spre­chen­den Ein­stim­mung des Publi­kums durch Ein­spie­ler und Pau­sen­acts aus dem Land der Kän­gu­ruhs und Wom­bats prä­sen­tier­te die EBU 2015 anläss­lich des sech­zig­jäh­ri­gen Euro­vi­si­ons­ju­bi­lä­ums Aus­tra­li­en als neu­es­tes Teil­neh­mer­land – angeb­lich “ein­ma­lig”, was sich aber flugs als so durch­schau­ba­re wie über­flüs­si­ge Lüge ent­pupp­te. Woge­gen prin­zi­pi­ell gar nichts ein­zu­wen­den ist: der Kon­ti­nent hat durch sei­ne Kolo­ni­al­ge­schich­te eine enge kul­tu­rel­le Bin­dung an Euro­pa, die Australier/innen sind begeis­ter­te Fans und sau­coo­le Leu­te, und schon der Pre­mie­ren­teil­neh­mer Guy Sebas­ti­an leg­te die musi­ka­li­sche Mess­lat­te für alle eins höher. Ob aber ange­sichts des all­mäh­li­chen Aus­ein­an­der­drif­tens Euro­pas die­ser Schritt, der natür­lich auch Begehr­lich­kei­ten aus Asi­en oder Chi­na Tür und Tor öff­net, der rich­ti­ge war, wird erst die Zeit zei­gen.

Mit ihm ger­ne heu­te Nacht noch­mal: der aus­tra­li­sche Guy

Die ein­zel­nen Jahr­gän­ge inklu­si­ve der Semi­fi­na­le und der deut­schen Vor­ent­schei­dun­gen:

Jane Comerford von Texas Lightning, DE 2006
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2006
Logo des Eurovision Song Contest 2006 (Semifinale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2006, Semi­fi­na­le
Logo des Eurovision Song Contest 2006 (Finale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2006, Fina­le
Roger Cicero, DE 2007
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2007
Logo des Eurovision Song Contest 2007 (Semifinale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2007, Semi­fi­na­le
Logo des Eurovision Song Contest 2007 (Finale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2007, Fina­le
No Angels, DE 2008
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2008
Logo des Eurovision Song Contest 2008 (1. Semi)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2008, 1. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2008 (2. Semi)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2008, 2. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2008 (Finale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2008, Fina­le
Alex Christensen, Oscar Loya, DE 2009
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2009
Logo des Eurovision Song Contest 2009 (Semi 1)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2009, 1. Semi
Logo Eurovision Song Contest 2009 (Semi 2)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2009, 2. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2009 (Finale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2009, Fina­le
Lena Mayer-Landrut, DE 2010
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2010
Logo des Eurovision Song Contest 2010 (Semi 1)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2010, 1. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2010 (Semi 2)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2010, 2. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2010 (Finale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2010
Lena Meyer-Landrut, DE 2011
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2011
Logo des Eurovision Song Contest 2011 (Semi 1)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2011, 1. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2011 (Semi 2)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2011, 2. Semi
Logo des Eurovision Song Contest 2011 (Finale)
Euro­vi­si­on Song Con­test 2011, Fina­le
Roman Lob, DE 2012
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2012
Logo ESC 2012 erstes Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2012, 1. Semi
Logo ESC 2012, zweites Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2012, 2. Semi
Logo ESC 2012 Finale
Euro­vi­si­on Song Con­test 2012, Fina­le
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2013
Euro­vi­si­on Song Con­test 2013, 1. Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2013, 2. Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2013, Fina­le
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2014
Euro­vi­si­on Song Con­test 2014, 1. Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2014, 2. Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2014, Fina­le
Deut­sche Vor­ent­schei­dung 2015
Euro­vi­si­on Song Con­test 2015, 1. Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2015, 2. Semi
Euro­vi­si­on Song Con­test 2015, Fina­le

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