Die Neunziger

’1990s: Time for Guru’, so eröffnete in offenbar durch die Einnahme berauschender Substanzen hervorgerufener Selbstüberschätzung der britische Acid-Popper Guru Josh das neue Jahrzehnt. Daheim brach das Frankfurter Danceprojekt Snap! mit ‘The Power’ auf, die Hitlisten dieser Dekade zu regieren. Kurzum: die Neunziger waren das Jahrzehnt von House, Techno, Eurodance und anderer Spielarten der Clubmusic. Deutsche Chartstürmer hießen fortan Culture Beat, Jam & Spoon, U96, Scooter – und sangen englisch. Doch auch deutschsprachiger Hip-Hop (Fanta 4, Rödelheim Hartreim Projekt), Ostpop (Die Prinzen) oder Goth-Rock (Rammstein) verkaufte sich hunderttausendfach. Eines einigte die Protagonisten all dieser Fraktionen: die Teilnahme an der deutschen Eurovisions-Vorauswahl kam für sie nicht in Frage. Lächerlich, unwichtig, vorgestrig, vollkommen ohne Bezug zum aktuellen Musikgeschehen und fernab sämtlicher Hitparaden präsentierte sich der Grand Prix. Karriereschädigend, auch nur in Zusammenhang mit ihm gebracht zu werden. Hier verschwanden Hasbeens wie die Münchener Freiheit in der Versenkung und tauchten Neverbeens wie Mekado erst gar nicht daraus hervor.


Der wichtigste Eurovisionssieg aller Zeiten (IL 1998)

So zog sich die zeitweilig nur noch aus gelangweilten Retortenacts und hoffnungslosen Amateuren bestehende Show beleidigt nach Irland zurück, wo es wenigstens anständig was zu Saufen gab, um die schlimmen Lieder besser ertragen zu können. Doch ‘Wunder gibt es immer wieder’, und als Folge der politischen Umbrüche konnten sie geschehn: die neu zu Europa gestoßenen ehemaligen Ostblockländer, über deren Abstimmungsverhalten wir heute so gerne lamentieren, taten das Unglaubliche und nahmen den vom Westen bereits abgeschriebenen Wettbewerb wieder ernst! Sie entsandten erstklassige Sängerinnen (legendär die Phalanx polnischer und kroatischer Eurovisionssirenen wie Edyta Górniak oder Doris Dragovic), vermischten landestypische Ethnoklänge mit westlichem Popsound und sorgten so für die lebenserhaltende kulturelle Atemspende an die beinahe schon erstarrte Leiche Grand Prix.


Der wichtigste deutsche Beitrag aller Zeiten (DE 1998)

Und die Deutschen bewiesen einer staunenden Weltöffentlichkeit mit Guildo Horn, dass auch wir zur Eigenironie fähig sind. “Der Meister” spaltete die Nation in euphorisierte Guildo-Jünger und erbitterte Guildo-Hasser. Doch wie immer man zu ihm stand, ob man ihn als Erneuerer feierte oder in ihm den Untergang des Abendlandes sah: er war einem nicht egal. Dass ein Grand-Prix-Beitrag die Nation beschäftigte, hatte es zuletzt 1982 gegeben. So weckte der Meister das Interesse der Medien und breiter Bevölkerungskreise, vor allem aber das der Zuschauer unter 50. Ohne ihn gäbe es den Wettbewerb heute schlichtweg nicht mehr. Und schließlich schaffte der Eurovision Song Contest nach über vierzig Jahren mit dem offen schwulen Paul Oscar, vor allem aber mit dem Zeichen setzenden Sieg der Transsexuellen Dana International, endlich sein offizielles Coming Out als jährliches, paneuropäisches schwules Familientreffen. Wurde aber auch Zeit!

Daniel Kovac, Chris Kempers, DE 1990

Deutsche Vorentscheidung 1990

Logo des Eurovision Song Contest 1990

Eurovision Song Contest 1990

Atlantis 2000, DE 1991

Deutsche Vorentscheidung 1991

Logo des Eurovision Song Contest 1991

Eurovision Song Contest 1991

Wind, DE 1992

Deutsche Vorentscheidung 1992

Logo des Eurovision Song Contest 1992

Eurovision Song Contest 1992

Münchener Freiheit, DE 1993

Deutsche Vorentscheidung 1993

Logo des Eurovision Song Contest 1993

Eurovision Song Contest 1993

MeKaDo, DE 1994

Deutsche Vorentscheidung 1994

Logo des Eurovision Song Contest 1994

Eurovision Song Contest 1994

Logo des Eurovision Song Contest 1995

Eurovision Song Contest 1995

Leon, DE 1996

Deutsche Vorentscheidung 1996

Logo des Eurovision Song Contest 1996

Eurovision Song Contest 1996

Bianca Shomburg, DE 1997

Deutsche Vorentscheidung 1997

Logo des Eurovision Song Contest 1997

Eurovision Song Contest 1997

Guildo Horn, DE 1998

Eurovison Song Contest 1998

Logo des Eurovision Song Contest 1998

Eurovision Song Contest 1998

Sürpriz, DE 1999

Deutsche Vorentscheidung 1999

Logo des Eurovision Song Contest 1999

Eurovision Song Contest 1999