Alters­gren­zen

Eine der ältes­ten Weis­hei­ten im Film­ge­schäft lau­tet, bloß nie­mals mit Kin­dern oder Tie­ren zu dre­hen, denn die­se steh­len jedem noch so gro­ßen Star die Schau. In bestimm­ten Zwei­gen der Erwach­se­nen­un­ter­hal­tung kön­nen sie die Betei­lig­ten sogar ins Gefäng­nis brin­gen, aber das ist hier nicht unser The­ma. Wir befin­den uns beim Euro­vi­si­on Song Con­test, bei dem geht es um Musik, und da lau­tet eine der ältes­ten Geschäfts­re­geln: Kin­der zie­hen immer. Ob die bereits kurz nach Kriegs­en­de mit dem Ever­green ‘Pack die Bade­ho­se ein’ zur Som­mer­fri­sche im Gru­ne­wald ein­la­den­de jun­ge Con­ny Fro­boess (→ DE 1962), ob der sich ins Mut­ter­herz schlei­men­de Bel­gi­er Heint­je (‘Mama’), ob die unter den Schei­dungs­ab­sich­ten der Eltern lei­den­de Andrea Jür­gens (‘Und dabei lie­be ich Euch bei­de’) oder ob der sei­ne glo­cken­hel­le Kna­ben­stim­me für kari­ta­ti­ve Zwe­cke ein­set­zen­de Manu­el: je min­der­jäh­ri­ger die Inter­pre­ten, des­to stei­ler die Umsät­ze, so eines der Erfolgs­re­zep­te des deut­schen Schla­ger­ge­schäfts, spe­zi­ell in den Sech­zi­gern und Sieb­zi­gern.

All sein Geld für Han­ne­lo­re Kohl gege­ben: so hat’s der Heck ger­ne (im Pony-Chor: die blut­jun­ge Anke Engel­ke!)

Auch beim Grand Prix, wo Tie­re auf­grund ihres völ­lig unbe­re­chen­ba­ren Ver­hal­tens und der damit für eine Live-Sen­dung ver­bun­de­nen Unwäg­bar­kei­ten schon immer ver­bo­ten waren, setz­te man ger­ne mal auf sin­gen­de Kin­der. Inter­es­san­ter­wei­se ver­stärkt in der Pha­se, als die­se aus dem rea­len Pop­ge­schäft bereits zuneh­mend ver­schwan­den: konn­te der 1969 als maß­stabs­ge­treue Kopie von Heint­je ange­tre­te­ne Jean-Jac­ques Ber­to­lai (‘Maman, Maman’) noch nicht reüs­sie­ren, so ver­fehl­te die Spa­nie­rin Bet­ty Mis­sie­go zehn Jah­re spä­ter mit dem vier­köp­fi­gen Kin­der­chor Cara­me­los und ‘Su Can­ción’ nur ganz knapp den Sieg. Der gelang dann 1986 der erst drei­zehn­jäh­ri­gen Bel­gie­rin San­dra Kim mit ‘J’aime la Vie’. Sie ist damit bis heu­te die jüngs­te Grand-Prix-Gewin­ne­rin aller Zei­ten. Und wird das auch blei­ben, denn die durch ihren Sieg in den fol­gen­den Jah­ren beim Con­test aus­ge­lös­te Kin­der­schwem­me, die 1989 ihren Höhe­punkt in der Teil­nah­me von gleich zwei knapp zwölf­jäh­ri­gen, mit ent­setz­lich hohen Schrill­stim­men ner­ven­den Interpret/innen (Gili Neta­nel für Isra­el und Natha­lie Pâque für Frank­reich) fand, sorg­te dafür, das bald Schluss war mit der Kin­der­ar­beit: 1990 erließ die EBU ein bis heu­te gül­ti­ges Min­dest­al­ter von 16 Jah­ren.

Min­der­jäh­ri­ge unter Dro­gen? Die offen­bar mit Speed voll­ge­pump­te San­dra Kim 1986.

Im Jah­re 2003 rief die an einer Aus­deh­nung ihrer Euro­vi­si­ons­mar­ke inter­es­sier­te EBU statt­des­sen den Juni­or Euro­vi­si­on Song Con­test (JESC) ins Leben, bei dem die obe­re Alters­gren­ze zunächst bei 16 Jah­ren lag. 2016 senk­te man sie auf 14 Jah­re, womit die EBU nun Lückekin­der geschaf­fen hat, die in den zwei här­tes­ten Jah­ren der Puber­tät nir­gends auf­tre­ten dür­fen. Der anfangs vor allem in Skan­di­na­vi­en und in Tei­len Ost­eu­ro­pas popu­lä­re Wett­be­werb war jedoch von Anfang an umstrit­ten: wie schon die in den neun­zi­ger Jah­ren auf RTL (und im bel­gi­schen Fern­se­hen) gezeig­te Mini Play­back Show, in der klei­ne Kin­der sich als ihre Popido­le ver­klei­de­ten und ihre Hits nach­plärr­ten, sah sich die Sen­dung stets dem Vor­wurf aus­ge­setzt, der Pädo­phi­lie Vor­schub zu leis­ten. Was in die­ser Zuspit­zung natür­lich Quatsch ist. Den­noch: das dahin­ter ste­hen­de Miss­be­ha­gen tei­le ich. Denn Pop­mu­sik steht nun mal für Sex & Drugs & Rock’n’Roll, und da haben Kin­der nichts ver­lo­ren. Zum einen, weil sie natür­lich noch zu jung dafür sind; vor allem aber auch, weil jedes noch so put­zig gemein­te Nach­ah­men durch die Infan­ten den Pop eben genau die­ser drei Kern­ele­men­te beraubt und ihn so ent­wer­tet.

Giglio­la hat’s erfasst: noch nicht alt genug für die Lie­be – noch nicht reif für den Con­test!

Denn wie der Blog­ger schau­en ver­mut­lich die meis­ten Men­schen den Euro­vi­si­on Song Con­test unter ande­rem auch, um sich an herr­lich dop­pel­deu­ti­gen Tex­ten (‘Hop onto my Ship, Baby, I’ll make you fly’, TR 2012) zu delek­tie­ren und sich im opti­schen Genuss gut aus­se­hen­der Sänger/innen und leicht­ge­schürz­ter, durch­trai­nier­ter Tänzer/innen zu suh­len. Und in die­sem Hin­blick ist alles unter 16 schlicht unin­ter­es­sant (oder, wie die gute Giglio­la Cin­quet­ti sin­gen wür­de: ‘Non ho l’eta per Arma­ti’). Die paar Omis und Pädo­phi­len aber, die sich an acht­jäh­ri­gen Madon­na-Imi­ta­ten erfreu­en, rei­chen nun mal nicht für eine anstän­di­ge Ein­schalt­quo­te. Das brach hier­zu­lan­de schon der Mini Play­back Show das Genick. Und das lässt auch den JESC kaum über sei­nen bis­he­ri­gen Sta­tus einer eher unbe­deu­ten­den Rand­er­schei­nung hin­aus­kom­men, was ihn für TV-Märk­te mit extre­mer Kon­kur­renz wie in Deutsch­land ein­fach unin­ter­es­sant macht.

Sex sells: leicht­ge­schürz­te But­ter­mäg­de wie beim pol­ni­schen ESC-Bei­trag 2014 gibt’s beim JESC nicht.

Die Höchst­teil­neh­mer­zahl erreich­te der JESC mit der zwei­ten Aus­ga­be in 2004 mit 18 Län­dern, danach sank sie ste­tig, um 2012 und 2013 mit müh­sam zusam­men­ge­kratz­ten zwölf Natio­nen den nied­rigs­ten Stand zu errei­chen. Aktu­ell (2017) liegt er mit 16 Natio­nen dazwi­schen. Die ARD zeig­te aus oben genann­ten Grün­den nie ech­tes Inter­es­se an der Show, auch wenn sich zwi­schen­drin mal Über­le­gun­gen abzeich­ne­ten, even­tu­ell mit dem gemein­sam mit dem ZDF betrie­be­nen KIKA ein­zu­stei­gen. Aller­dings nur unter der Vor­aus­set­zung, dass sich das inter­na­tio­na­le Event nach dem augen­schein­lich unver­rück­ba­ren Sen­de­schluss des deut­schen Kin­der­ka­nals um 21 Uhr rich­tet und den Show­start ent­spre­chend vor­ver­legt. 2016 fand die Show dann auch tat­säch­lich sonn­tags von 16 bis 18 Uhr statt. Jedoch woll­te man bei KIKA nun das sen­der­ei­ge­ne For­mat Dein Song als Vor­ent­scheid nut­zen, und dort dür­fen die Kandidat/innen älter sein als beim JESC. Seit­her ruht der See wie­der still in Sachen deut­scher Teil­nah­me.

Zu alt für den JESC: Dein-Song-Sie­ge­rin 2013, Lina (und Mia).

Mit Ita­li­en nahm 2017 ein ein­zi­ges → Big-Five-Land an dem schwer­punkt­mä­ßig im Osten popu­lä­ren Kin­der-Event teil. Des­sen eigent­li­che Stär­ke liegt in einer Neben­funk­ti­on: die EBU nutzt die Ver­an­stal­tung mitt­ler­wei­le mit Begeis­te­rung als fle­xi­bles Ver­suchs­la­bor für ange­dach­te Regel­än­de­run­gen aller Art. Ob neue Ver­fah­ren bei der Stim­men­aus­zäh­lung, ob → Spra­chen­re­ge­lun­gen, ob Teil­play­back: sämt­li­che poten­ti­el­len Neue­run­gen prü­fen die Gen­fer zunächst hier auf Pra­xis­taug­lich­keit, bevor man sie even­tu­ell auch für den rich­ti­gen Song Con­test über­nimmt. So tes­te­te man beim JESC 2017 bei­spiels­wei­se erst­ma­lig ein Online­vo­ting, des­sen Ein­satz seit Jah­ren auch beim Grand Prix im Gespräch ist und das sich, wie nicht anders zu erwar­ten, im Ver­such als extrem anfäl­lig für Mani­pu­la­tio­nen erwies. Was bei der Kin­der-Gesangs-Olym­pia­de sogar eine mög­li­cher­wei­se frie­dens­sta­b­li­sie­ren­de Wir­kung zei­tig­te: konn­ten sich so die Rus­sen pro­blem­los zum Sieg hacken und damit ein men­ta­les Trost­pflas­ter auf die krän­ken­den Buh­ru­fe und den von der ESC-Jury ver­hin­der­ten Sieg gegen die feind­li­che Ukrai­ne beim Wett­be­werb von 2016 kle­ben.

Wenigs­tens beim JESC hat man die Rus­sen noch lieb: die gefak­te Sie­ge­rin von 2017, Poli­na.

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3 Gedanken zu “Alters­gren­zen

  1. Wer den JESC schaut, ver­passt eigent­lich im Grund genom­men nichts. Ich habe mir im letz­ten Dezem­ber den JESC ange­se­hen, der in Jere­wan statt­fand und es war nicht mehr und nicht weni­ger als ein net­ter Kin­der­kram, der aller­dings nicht wirk­lich welt­be­we­gend war. Da muss die ARD nicht unbe­dingt mit­ma­chen. Das von einer Grup­pe süßer klei­ner Mäd­chen vor­ge­tra­ge­ne Sie­ger­lied war zwar ganz nett, aber trotz­dem fällt die­ses Stück genau­so wie die kom­plet­te Kon­kur­renz unter die Kate­go­rie “Lie­der, die die Welt nicht braucht”. Eine Ver­an­stal­tung, bei der klei­ne Kin­der allen­falls die Mög­lich­keit haben, einen Abend lang Miley Cyrus oder Jus­tin Bie­ber zu spie­len, muss nicht sein, auch wenn die­se Ver­an­stal­tung trotz­dem von man­chen Leu­ten ernst genom­men wird (das arme­ni­sche Sie­ger­lied von 2010 wur­de von Der­Ho­va geschrie­ben, der auch schon “Qélé Qélé” geschaf­fen hat und der Typ hat da schon gan­ze Arbeit geleis­tet. Das Lied wäre auch beim ESC weit gekom­men; Dia­spo­ra-Voting hin oder her). Schluss­end­lich gibt man dafür nur unnö­tig Geld aus.
    Dann lie­ber den Erwach­se­nen-ESC mit den gut­aus­se­hen­den Sän­ge­rin­nen (Ich sag nur: Solu­na Samay <3 <3 <3).

  2. Und wie hat es Maar­ja-Liis Illus 1996 geschafft, mit 15 Jah­ren auf die Büh­ne zu kom­men?
    Auch wenn sie einen erwach­se­nen Beglei­ter hat­te – sie war doch zu jung.

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