Altersgrenzen

Eine der ältesten Regeln im Filmbusiness lautet: „Drehe niemals mit Kindern oder Tieren, denn sie stehlen dir garantiert die Schau“! Gut, in bestimmten Zweigen der Erwachsenenunterhaltung können sie die Beteiligten sogar ins Gefängnis bringen, aber das ist nicht unser Thema. Wir sind beim Eurovision Song Contest, da geht es um Musik, und hier lautet eine der ältesten Umsatzregeln: „Kinder ziehen immer“. Ob die zur Sommerfrische einladende Conny Froboess (‚Pack die Badehose ein‘), der sich ins Mutterherz schleimende Belgier Heintje (‚Mama‘), die unter den Scheidungsabsichten der Eltern leidende Andrea Jürgens (‚Und dabei liebe ich Euch beide‘) oder der seine glockenhelle Knabenstimme für karitative Zwecke einsetzende Manuel (im Chor begleitet von der blutjungen Anke Engelke): je minderjähriger die Interpreten, um so steiler die Umsätze, so eins der Erfolgsrezepte des Schlagergeschäfts in den Sechzigern und Siebzigern.

All sein Geld für Hannelore Kohl gegeben: so hat’s der Heck gerne!

Auch beim Grand Prix setzte man gerne mal auf singende Kinder (Tiere waren auf der Eurovisionsbühne schon immer verboten), interessanterweise verstärkt in der Phase, als diese aus dem realen Popgeschäft zunehmend verschwanden. Konnte der 1969 für Monaco als maßstabsgetreue Kopie von Heintje angetretene Jean-Jacques Bertolai (‚Maman, Maman‘) noch nicht reüssieren, so verfehlte die Spanierin Betty Missiego zehn Jahre später mit dem vierköpfigen Kinderchor Caramelos und ‚Su Canción‘ nur knapp den Sieg. Der gelang dann 1986 der erst dreizehnjährigen Belgierin Sandra Kim mit ‚J’aime la Vie‘. Sie ist damit bis heute die jüngste Grand-Prix-Gewinnerin aller Zeiten – und wird das auch bleiben, denn die durch ihren Sieg in den folgenden Jahren ausgelöste Kinderschwemme beim Contest, die 1989 ihren Höhepunkt in der Teilnahme von gleich zwei knapp zwölfjährigen, mit entsetzlich hohen Schrillstimmen nervenden Interpreten (Gili Netanel für Israel und Nathalie Pâque für Frankreich) fand, sorgte dafür, das bald Schluß war mit der Kinderarbeit: 1990 erließ die EBU eine bis heute gültige Mindestaltersgrenze von 16 Jahren zum Zeitpunkt der Teilnahme am Eurovision Song Contest.

Minderjährige unter Drogen? Die offenbar mit Speed vollgepumpte Sandra Kim 1986

Im Jahre 2003 rief die an einer Ausdehnung ihrer Eurovisionsmarke interessierte EBU stattdessen den Junior Eurovision Song Contest (JESC) ins Leben, bei dem die obere Altersgrenze zunächst bei 16 Jahren lag. 2016 senkte man sie auf 14 Jahre, womit die EBU nun Lückekinder geschaffen hat, die in den zwei härtesten Jahren der Pubertät nirgends auftreten dürfen. Der anfangs vor allem in Skandinavien und in Teilen Osteuropas populäre Wettbewerb war jedoch von Anfang an umstritten: wie schon die in den neunziger Jahren auf RTL (und im belgischen Fernsehen) gezeigte Mini Playback Show, in der kleine Kinder sich als ihre Popidole verkleideten und ihre Hits nachsangen, sah sich die Sendung stets dem Vorwurf ausgesetzt, der Pädophilie Vorschub zu leisten. Was in dieser Zugespitztheit natürlich Quatsch ist. Dennoch: das dahinter stehende Mißbehagen teile ich. Denn Popmusik steht nunmal für ‚Sex and Drugs and Rock’n’Roll‘, und da haben Kinder nichts verloren. Zum einen, weil sie natürlich noch zu jung dafür sind, vor allem aber auch, weil jedes noch so putzig gemeinte Nachahmen durch die Infanten den Pop eben genau dieser drei Kernelemente beraubt und ihn so entwertet.

Gigliola hat’s erfasst: noch nicht alt genug für die Liebe – noch nicht reif für den Contest!

Die Popularität des echten Grand Prix konnte der JESC jedoch nie erreichen. Die Höchstteilnehmerzahl erreichte er mit der zweiten Ausgabe in 2004 mit 18 Ländern, danach sank sie stetig, um 2012 und 2013 mit mühsam zusammengekratzten zwölf Nationen den niedrigsten Stand zu erreichen. Mittlerweile (2015) liegt er aber wieder bei 17 Nationen. Die ARD zeigte lange Zeit keinerlei Interesse an der Show, zwischenzeitlich zeichnen sich aber Überlegungen ab, mit dem gemeinsam mit dem ZDF betriebenen KIKA einzusteigen – allerdings wohl nur dann, wenn sich das internationale Event nach dem augenscheinlich unverrückbaren Sendeschluss des deutschen Kinderkanals um 21 Uhr richtet und den Showstart um zwei Stunden vorverlegt. Was mittlerweile der Fall ist: 2016 findet die Show Sonntags von 16 bis 18 Uhr statt. Außerdem will man bei KIKA jedoch das sendereigene Format Dein Song als Vorentscheid nutzen, und dort dürfen die Kandidat/innen älter sein als beim JESC. Auch hier scheint eine Anpassung an deutsche Verhältnisse (mit der die Grenzen zum echten Song Contest bis zur Unkenntlichkeit verwischten) Voraussetzung. Beim echten Song Contest funktionierte solches „Großmachtsgehabe“ (Zitat Jürgen Meier-Beer) in der Vergangenheit, mal sehen, ob auch bei der Kinderausgabe.

Zu alt für den JESC: Dein-Song-Siegerin 2013, Lina (und Mia)

Mit Italien nahm zuletzt 2014 ein einziges Big-Five-Land am Kinder-Event teil. Dass in den über zehn Jahren seines Bestehens bereits fünf Mal Kaukasusstaaten wie Armenien, Georgien und das besonders umstrittene Weißrussland den Wettbewerb gewannen, macht ihn auch nicht gerade attraktiver. Letztlich entscheidet aber die Quote, und da sieht es eher mau aus. Denn den meisten Menschen dürfte es gehen wie mir: ich schaue den Eurovision Song Contest auch, um mich an doppeldeutigen Texten (‚Hop onto my Ship, Baby, I’ll make you fly‘, TR 2012) zu delektieren sowie mich im optischen Genuss gut aussehender Sänger/innen und leichtgeschürzter, durchtrainierter Tänzer zu suhlen. Und da ist alles unter 16 uninteressant (oder, wie die gute Gigliola Cinquetti singen würde: ‚Non ho l’eta per Armati‘). Die paar Omis und Pädophilen aber, die sich an achtjährigen Madonna-Imitaten erfreuen, reichen nicht für eine anständige Einschaltquote. Das brach schon der Mini Playback Show das Genick und das wird es auf lange Sicht vermutlich auch beim JESC tun, denke ich.

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3 Kommentare zu „Altersgrenzen

  1. Wer den JESC schaut, verpasst eigentlich im Grund genommen nichts. Ich habe mir im letzten Dezember den JESC angesehen, der in Jerewan stattfand und es war nicht mehr und nicht weniger als ein netter Kinderkram, der allerdings nicht wirklich weltbewegend war. Da muss die ARD nicht unbedingt mitmachen. Das von einer Gruppe süßer kleiner Mädchen vorgetragene Siegerlied war zwar ganz nett, aber trotzdem fällt dieses Stück genauso wie die komplette Konkurrenz unter die Kategorie „Lieder, die die Welt nicht braucht“. Eine Veranstaltung, bei der kleine Kinder allenfalls die Möglichkeit haben, einen Abend lang Miley Cyrus oder Justin Bieber zu spielen, muss nicht sein, auch wenn diese Veranstaltung trotzdem von manchen Leuten ernst genommen wird (das armenische Siegerlied von 2010 wurde von DerHova geschrieben, der auch schon „Qélé Qélé“ geschaffen hat und der Typ hat da schon ganze Arbeit geleistet. Das Lied wäre auch beim ESC weit gekommen; Diaspora-Voting hin oder her). Schlussendlich gibt man dafür nur unnötig Geld aus.
    Dann lieber den Erwachsenen-ESC mit den gutaussehenden Sängerinnen (Ich sag nur: Soluna Samay <3 <3 <3).

  2. Und wie hat es Maarja-Liis Illus 1996 geschafft, mit 15 Jahren auf die Bühne zu kommen?
    Auch wenn sie einen erwachsenen Begleiter hatte – sie war doch zu jung.

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