Big Five

Eine im Zusammenhang mit dem Abstimmungsverfahren beim Eurovision Song Contest immer wieder aufflammende Diskussion dreht sich um die Beibehaltung oder Abschaffung der Sonderbehandlung der sogenannten „Big Five“. Selbst innerhalb der EBU kursierten zeitweilig Überlegungen, den heftig kritisierten Ausnahmestatus abzuschaffen. Dann müsste Deutschland künftig ebenfalls durch die Qualifikationsrunde. Chance oder Risiko? Zwei Szenarien.

„Keiner mag uns“ – aus gutem Grund!

Stellen Sie sich einmal vor, liebe Leserin, lieber Leser, in Ihrer Firma gäbe es unter den Beschäftigten eine Wahl zur/zum Angestellten des Jahres. Der Sieger bekommt eine Prämie, alle anderen gehen leer aus. Bis auf die fünf Abteilungsleiter/innen, die ohnehin überdurchschnittlich gut verdienen und exklusiv an einer Gewinnausschüttung partizipieren, aber dennoch an der Wahl teilnehmen. Hand aufs Herz: gäben Sie einem von den Fünfen Ihre Stimme?


Kriminell unterbewertet, trotz Jimmy Jump (ES 2010)

Dass die Hauptzahlerländer Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland seit Einführung des Televoting fast immer geschlossen (und seit der Wiedereinführung der Jurys im Rotationsverfahren) auf den letzten Rängen landen, hat – neben den oft erbärmlichen Beiträgen – auch mit diesem Sonderstatus zu tun. Alle anderen Länder müssen sich für das samstägliche Finale qualifizieren, einige schafften das seit Einführung der Semis kein einziges Mal mehr. Nur wir sind direkt gesetzt – wundert sich da ernsthaft noch jemand, dass uns keiner lieb hat und die Punkte so spärlich fließen? 1997 eingeführt und 2011 um das lange Zeit absente Italien erweitert, wackelt die Regelung zunehmend. Denn durch die Etablierung der zwei Qualifikationsrunden erweiterte sich der Teilnehmerkreis deutlich, die Kosten verteilen sich auf mehr Schultern als zuvor. Ein finanzieller Aderlass bei Nichtteilnahme einer der Großen Fünf (seinerzeit Grund für die Einführung der Sonderbehandlung) ließe sich also etwas leichter verkraften. Zumal Länder wie Holland, die ebenfalls – im Verhältnis zur Einwohnerzahl – viel zahlen, bis 2013 aber jedesmal im Semi rausflogen, immer lauter murrten. Zeit also, das Big-Five-Privileg abzuschaffen?


Ihm verdanken wir es: Leon, der disqualifizierte deutsche Vertreter 1996

Everyone’s a Winner

Szenario Eins: die Win-Win-Situation. Erstmal bedeutete das doppelt so viel Grand Prix im Ersten, denn natürlich müsste die ARD dann auch das Semifinale ausstrahlen, in dem wir drin wären. Bis 2011, als das Erste die Düsseldorfer Show produzierte und daher alle drei Teile auch im Hauptprogramm zeigte, wussten die meisten Deutschen nämlich gar nichts von der Existenz der Vorrunden. Der verantwortliche NDR tat vorher (und hinterher) sein Bestes, sie erfolgreich vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Viel entscheidender als das: endlich läge es im ureigensten Interesse des Hamburger Senders, einen richtig guten Beitrag auszuwählen, der auch Chancen hätte, die Endrunde zu erreichen. Denn die Liveübertragung des samstäglichen Grand-Prix-Finales könnte er ja nicht einfach kurzfristig canceln, sollten wir in der Vorrunde ausscheiden.

An Fabelhaftigkeit kaum zu überbieten: Betty Dittrich, DVE 2013

Allerdings würde er in diesem Fall auf dem prominentesten Sendeplatz der Woche erwartbar schlechte Quoten einfahren. Eine Vorstellung, bei der sich die Programmverantwortlichen auch der gebührenfinanzierten Sender wohl rituell bekreuzigen. Somit wäre der NDR also gezwungen, sich Mühe zu geben und sich Gedanken darüber zu machen, was international ankommt. Dass er das grundsätzlich kann, stellte der Sender ja bereits 2004 und 2013 unter Beweis. Das Beste aber: wir spielten endlich fair, erführen im Gegenzug (hoffentlich) eine faire, von rachebedingter Stimmenthaltung unbelastete Wertung und kämen mit einem guten Song so ins Finale weiter. Wodurch unsere Chance auf eine gute Endplatzierung insgesamt stiege, denn so vernähme halb Europa unseren Song nicht erstmalig im Finale, sondern schon im Semi. Und das Erste hätte gleich zwei Shows mit guten Einschaltquoten. Alle gewönnen.

Das tut unheimlich weh

Nun, als wildes Gedankenspiel, das Horrorszenario: die erneut vom NDR kontaktierten Plattenfirmen bieten eine bunte Palette hoffnungsfroher bis etablierter Künstler für den deutschen Vorentscheid Unser Song für… auf. Darunter, von vielen Fans heiß ersehnt, die Schlagerikone Helene Fischer, die den Wettbewerb aufgrund ihrer Beliebtheit in heimischen Gefilden spielend gewinnt und mit ihrem Beitrag, nennen wir ihn mal ‚Ich fühl Dich so tief in mir‘, einen nationalen Nummer-Eins-Hit landet. In der Qualifikationsrunde erhält sie auch zahlreiche Anrufe aus Österreich und den schlageraffinen Niederlanden. Nichts aber aus der Schweiz und dem ebenfalls fischerfreundlichen Dänemark, denn die starten – so hat es das Losglück gewollt – im anderen Semi. Das etwas geschmackssicherere restliche Europa zeigt der Schlagerqueen die kalte Schulter und dank des gezielten Downvotings durch die Jurys, die solche Musik natürlich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden, scheidet Frau Fischer am Ende mit wenigen Punkten im Semi aus.


Helenes Tophit in einer Neubearbeitung

Man kann sich die entsprechende Bild-Schlagzeile schon jetzt ausmalen! Vermutlich riefe das Springer-Hetzblatt gar zum GEZ-Boykott („Nicht von unseren Gebühren!“) auf, nachdem beim am Samstag ohne deutsche Beteiligung ausgestrahlten Finale erwartbar die Quoten wegsackten. Innerhalb der ARD brächen kontroverse Debatten vom Zaun – und am Ende gäben die Öffentlich-Rechtlichen dem Druck nach und stiegen komplett aus dem Grand Prix aus. Große Chancen also, um den logischen Preis großer Risiken. Und da Risikofreude nun einmal keine allzu typische deutsche Eigenschaft darstellt – um es vorsichtig zu formulieren – hege ich gewisse Zweifel, dass sich an der Big-Five-Regelung in naher Zeit etwas ändert.

14 thoughts on “Big Five

  1. Ich fände es ehrlich gesagt nicht schlecht, wenn Deutschland wirklich mal eine ESC-Pause machen würde. Schliesslich haben wir 2010 gewonnen – was soll da noch kommen? Erstmal nix besonderes mehr, in ein paar Jahren vielleicht wieder. Unser Song für Baku ist ok, aber nichts besonderes wie Lena es 2010 war. Sollte ich mich irren und Roman das Ding reissen – umso besser 😉

    Trotzdem würde ich mir für 2013 (wenn wir alle dann noch leben :D) ein anderes Vorentscheid-Verfahren wünschen, diese Castingkiste hat sich langsam.
    Und Deutschland im Halbfinale? Warum auch nicht, hätte ich nichts gegen.

  2. Pingback: ESC Semi 2004: Take my Shoes and go straight
  3. Pingback: Wo ist Andorra? (ESC Semi 2007)

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