Eine immer wieder aufflammende Diskussion dreht sich um die Beibehaltung oder Abschaffung der Sonderbehandlung der sogenannten “Big Four”. Selbst innerhalb der EBU kursierten zeitweilig Überlegungen, den heftig kritisierten Ausnahmestatus abzuschaffen. Dann müsste Deutschland künftig ebenfalls durch die Qualifikationsrunde. Chance oder Risiko? Zwei Szenarien.
“Keiner mag uns” – aus gutem Grund!
Stellen Sie sich einmal vor, liebe Leserin, lieber Leser, in Ihrer Firma gäbe es unter den Beschäftigten eine Wahl zum Angestellten des Jahres. Der Sieger erhält eine Gehaltserhöhung, alle anderen gehen leer aus. Bis auf die vier Abteilungsleiter, die ohnehin jedes Jahr mehr kriegen, aber dennoch an der Wahl teilnehmen. Hand aufs Herz: gäben Sie einem von den Vieren Ihre Stimme?
Kriminell unterbewertet, trotz Jimmy Jump (ES 2010)
Dass die Hauptzahlerländer Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland seit Einführung des Televoting fast immer geschlossen auf den letzten Rängen landen, hat – neben den erbärmlichen Beiträgen – auch mit diesem Status zu tun. Alle anderen Länder müssen sich für das samstägliche Finale qualifizieren, einige haben das seit Einführung der Semis nicht mehr geschafft. Nur wir sind direkt gesetzt – wundert sich da ernsthaft noch jemand, dass uns keiner lieb hat und die Punkte so spärlich fließen? 1997 eingeführt, wackelt die Regelung zunehmend. Denn durch die Etablierung der zwei Qualifikationsrunden erweiterte sich der Teilnehmerkreis mittlerweile deutlich, die Kosten verteilen sich auf mehr Schultern als zuvor. Ein finanzieller Aderlaß bei Nichtteilnahme einer der Großen Vier ließe sich also leichter verkraften. Zumal Länder wie Holland, die ebenfalls viel zahlen, aber jedesmal im Semi rausfliegen, immer lauter murren. Zeit also, das Big-Four-Privileg abzuschaffen?
Everyone’s a Winner
Szenario Eins: die Win-Win-Situation. Erstmal bedeutete das doppelt so viel Grand Prix im Ersten, denn natürlich müsste die ARD dann auch das Semifinale ausstrahlen, in dem wir drin sind. Bis 2011, als das Erste die Show produzierte und daher alle drei Teile auch zeigte, wussten die meisten Deutschen nämlich gar nichts von der Existenz der Vorrunden. Der verantwortliche NDR tat vorher sein Bestes, sie erfolgreich vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Viel entscheidender als das: endlich läge es im ureigensten Interesse des Hamburger Senders, einen richtig guten Beitrag auszuwählen, der auch Chancen hätte, die Endrunde zu erreichen. Denn die Liveübertragung des samstäglichen Grand-Prix-Finales könnte er ja nicht einfach kurzfristig canceln, sollten wir in der Vorrunde ausscheiden. So aber wäre der NDR gezwungen, sich Mühe zu geben und sich Gedanken darüber zu machen, was international ankommt. Das Beste aber: wir spielten endlich fair, erführen im Gegenzug eine faire, von rachebedingter Stimmenthaltung unbelastete Wertung und kämen mit einem guten Song so ins Finale weiter. Wodurch unsere Gesamtchance auf eine gute Endplatzierung stiege, denn so vernähme halb Europa unseren Song nicht erstmalig im Finale, sondern schon im Semi. Und das Erste hätte gleich zwei Shows mit guten Einschaltquoten. Alle gewönnen.
Das tut unheimlich weh
Nun, als Gedankenspiel, das Horrorszenario: der (noch zu findende) Sieger von Unser Star für Baku, in Deutschland dank der massiven TV-Promotion natürlich hochgradig beliebt und mit einem Nummer-Eins-Hit im Gepäck, ginge durch die Qualifikationsrunde – und scheiterte dort auf Platz 11 ganz knapp an den Jurys, denen der (ebenfalls noch zu findende) deutsche Titel zu modern ist. Und die stattdessen irgendeine strunzlangweilige Seichtballade aus, sagen wir mal, Irland oder Polen durchwinkten. Man kann sich die Bild-Schlagzeile jetzt schon vorstellen! Vermutlich riefe das Springer-Hetzblatt gar zum GEZ-Boykott (“Nicht von unseren Gebühren!”) auf, nachdem am Samstag beim Finale erwartbar die Quoten wegbrächen. Innerhalb der ARD brächen kontroverse Debatten vom Zaun – und am Ende gäben die Öffentlich-Rechtlichen dem Druck nach und stiegen aus dem Grand Prix aus.
Hätten die Europäer ihn ins Finale gewählt? Leon Taylor, Teilnehmer von USFO
Große Chancen also, um den logischen Preis großer Risiken. Und da Risikofreude nun einmal keine typische deutsche Eigenschaft darstellt – um es vorsichtig zu formulieren – hege ich gewisse Zweifel, dass sich an der Big-Four-Regelung in naher Zeit etwas ändert…
