Das Problem

Mein Haus, meine Straße, mein Viertel, mein Block

Blockvoting existiert. Das ist statistisch bewiesen. Der Brite Derek Gatherer schrieb darüber eine Examensarbeit und belegte die Existenz der “Pyrenäenachse” (Spanien und Andorra), des “Balkanblocks”, des “Warschauer Pakts” (Russland, Polen und die Ukraine) sowie des “Wikingerimperiums”  (Skandinavien und das Baltikum). Andere Statistikfreaks wollen in den letzten Jahren eine “Muslimbrüderschaft” (Türkei, Aserbaidschan, Bosnien, Mazedonien, Albanien) ausgemacht haben. Am augenfälligsten (gegenseitiger 12-Punkte-Austausch) funktioniert es aber bei benachbarten Staaten, die kulturell, sprachlich und geschichtlich eigentlich ein gemeinsamer sind und sich auch als Brudervolk betrachten, wie Griechenland + Zypern, die Türkei + Aserbaidschan oder Rumänien + Moldawien. Ist das aber ein Problem? Die Exjugoslawen beispielsweise stimmen ja nicht aus Bösartigkeit für sich selbst ab. Sie hören und mögen nun mal dieselbe Musik, auch wenn es jetzt sieben Länder sind statt einstmals eines. Es steht uns ja frei, ebenfalls einen blutigen Bürgerkrieg anzuzetteln und Deutschland in 16 Staaten zu teilen, um uns beim Grand Prix endlich auch mal gegenseitig Punkte zuzuschustern…


Den liebt der Balkan: Schlagerkönig Željko Joksimović

Dima Bilan (Sie erinnern sich, der Grund für die Rückkehr der Jurys) war bereits vor dem Eurovision Song Contest ein im gesamten russischsprachigen Raum kommerziell höchst erfolgreicher Popstar – ein Justin Timberlake des Ostens quasi. Dass er sowohl 2006 (Platz 2 mit ‘Never let you go’) als auch 2008 dort überall abräumte, ist also seiner Popularität geschuldet und nicht seiner Nationalität. Zudem siegte seit der Einführung des Televotings 1997 beim Eurovision Song Contest jedes Mal ein anderes Land. Im deutlichen Gegensatz zu dem Dezennium davor, wo Irland praktisch ein Dauerlos innehatte. Und auch der Westen, allen voran Deutschland, verteilte jedesmal reichlich Punkte an den späteren (Ost-)Sieger. Jawohl, auch an Drogen-Dima. Kein Grund zur Aufregung also? Ist doch alles in bester Ordnung?

Nein, ist es nicht. Denn als geübter Eurovisionszuschauer kann man die Zehn- und Zwölf-Punkte-Wertungen der meisten Länder blind vorhersagen. Immer. Und liegt dabei traurigerweise richtig. Immer. Das macht das Voting langweilig – und es schmeckt nach Betrug. Ja, ich weiß, es ist keiner. Spaß macht die Stimmenauszählung, das Kernelement des Wettbewerbs, so aber keinen mehr. Ja, der Osten gibt sich mehr Mühe und hat meist die besseren Songs. Es ist auch okay, wenn die siegen. Und, wie Alexander Rybak (NO 2009), Lena Meyer-Landrut (DE 2010) und Loreen (SE 2012) bewiesen: wenn er sich anstrengt, kann auch der Westen gewinnen! Das – unstreitig existierende – Nachbarschaftvoting krönt weder Sieger noch verhindert es sie.


Es geht doch: Alexander aus Norwegen (2009)

Doch der Sieg ist gar nicht das Entscheidende: es gibt ja noch 25 weitere Plätze in der Tabelle! Dass mein persönlicher Favorit fast nie den Grand Prix gewinnt, damit habe ich mich schon lange abgefunden. Aber was ist mit den zehn anderen guten Songs pro Jahrgang? Wo landen die? Wenn beispielsweise solche Contestperlen wie ‘Senhora du Mar’ (PT 2008) im Mittelfeld versacken, weil die vorderen Plätze durch einen stabilen Verbund der immergleichen Länder blockiert sind, reagiere ich halt verschnupft. Und hier hat das Blockvoting eben doch einen Effekt: Länder wie die Türkei, Griechenland, Mazedonien oder Russland starten mittlerweile mit einem satten Punktevorsprungs ins Rennen. Und schieben sich so selbst mit schlechten Songs an besseren Titeln vorbei. Das Gleiche gilt für die Semis: auch hier existiert ein relativ starker Verbund von zehn Ländern, allesamt Angehörige einer der beschriebenen Votingblöcke, die sich mit über achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit jedes Mal qualifizieren – egal, wie gut oder schlecht der Song sein mag. 


Dank des Balkanblocks im Finale: der mazedonische Tankwart (MK 2005)

Nachbarschafts- vs. Diasporavoting

So wie die Verengung der Debatte auf den Siegertitel den Blick auf die Problematik verstellt, so lenkt auch die Fokussierung auf die Nachbarschaftsstimmen vom eigentlichen Thema ab. Und das heißt: Diasporavoting. Dass aus Deutschland stets zwölf Publikumspunkte an die Türkei gehen, hat nicht mit der (wechselhaften) Qualität der osmanischen Beiträge zu tun, sondern mit den hier lebenden Immigranten. Noch augenfälliger ist das bei den Qualifikationsrunden, bei denen die deutschen Punkte quasi eins zu eins mit der Einwanderungsstatistik übereinstimmen. Genauso stehen viele Punkte aus der Ukraine oder Lettland keinesfalls für einen Rückkehrwillen der abtrünnigen Ex-GUS-Staaten an den Busen von Mütterchen Russland – sie sind den dort lebenden russischen Minderheiten geschuldet. Auch die Existenz der “Little Four”, eines Viererbundes an Ländern 1, die sich dank Televoting stets sicher für das Finale qualifizieren, und wenn sie einen Besen auf die Bühne stellten, verdankt sich einzig und alleine der hohen Zahl von Exilanten in ganz Europa. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Nachbarschafts- und Diasporavoting vor allem aus einem Grund: der wettbewerbsverzerrende Effekt letzteren Verhaltens ließe sich nämlich, anders als beim ersten, tatsächlich eindämmen. Wenn man denn nur wollte. Wie? Das verrate ich natürlich erst im letzten Teil. Und wer jetzt direkt dahin vorspringt, ist doof… ;-)

Notes:

  1. Nämlich Griechenland, Armenien sowie die osmanischen Brüderstaaten Türkei und Aserbaidschan,