Das Pro­blem

Mein Haus, mei­ne Stra­ße, mein Vier­tel, mein Block

Block­vo­ting exis­tiert. Das ist sta­tis­tisch bewie­sen. Der Bri­te Derek Gathe­rer schrieb dar­über eine Examens­ar­beit und beleg­te das Vor­han­den­sein der “Pyre­näe­n­ach­se” (Spa­ni­en und Andor­ra), des “Bal­kan­blocks”, des “War­schau­er Pakts” (Russ­land, Polen und die Ukrai­ne) sowie des “Wikin­ger­im­pe­ri­ums”  (Skan­di­na­vi­en und das Bal­ti­kum). Ande­re Sta­tis­tik­nerds wol­len in den letz­ten Jah­ren ergän­zend eine “Mus­lim­brü­der­schaft” (Tür­kei, Aser­bai­dschan, Bos­ni­en, Maze­do­ni­en, Alba­ni­en) aus­ge­macht haben. Am augen­fäl­ligs­ten im Sin­ne eines gegen­sei­ti­gen 12-Punk­te-Aus­tauschs funk­tio­niert es aber bei benach­bar­ten Staa­ten, die kul­tu­rell, sprach­lich und geschicht­lich eine Ein­heit bil­den und sich auch als Bru­der­volk bezeich­nen, wie Grie­chen­land und Zypern, die Tür­kei und Aser­bai­dschan oder Rumä­ni­en und Mol­da­wi­en. Ist das objek­ti­ve Vor­han­den­sein des Block­vo­tings aber wirk­lich ein Pro­blem? Die ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wen bei­spiels­wei­se stim­men ja nicht aus Bös­ar­tig­keit für die ande­ren Exmit­glie­der des unter exor­bi­tan­tem Blut­zoll aus­ein­an­der gebro­che­nen Staa­ten­bun­des ab. Sie sind (wenn vor 1991 gebo­ren) in einem gemein­sa­men Land auf­ge­wach­sen, spre­chen – auch wenn sie das gele­gent­lich vehe­ment bestrei­ten mögen – die sel­be Spra­che und natür­lich hören und mögen sie die­sel­be Musik, auch wenn sie sich jetzt auf sie­ben Län­der ver­tei­len.

Den liebt der gesam­te Bal­kan: Schla­ger­kö­nig Žel­j­ko Jok­si­mo­vić

Dima Bilan (Sie erin­nern sich, der Grund für die Rück­kehr der Jurys) war bereits vor dem Euro­vi­si­on Song Con­test ein im gesam­ten rus­sisch­spra­chi­gen Raum kom­mer­zi­ell höchst erfolg­rei­cher Pop­star, gewis­ser­ma­ßen der Jus­tin Tim­ber­la­ke des Ostens. Dass er sowohl 2006 (Platz 2 mit ‘Never let you go’) als auch 2008 im gesam­ten rus­sisch­spra­chi­gen Raum abräum­te, ver­dank­te er also sei­ner Popu­la­ri­tät und nicht sei­ner Natio­na­li­tät. Zudem sieg­te seit der Ein­füh­rung des Tel­e­vo­tings beim Euro­vi­si­on Song Con­test (1997) jedes Mal ein ande­res Land. Im deut­li­chen Gegen­satz zu der Deka­de davor, in der Irland prak­tisch ein Dau­er­los inne­hat­te. Und die angeb­li­che “Ost­ro­vi­si­on” kam stets mit­hil­fe des Wes­tens zustan­de: auch die alten euro­päi­schen Län­der, allen vor­an Deutsch­land, ver­teil­ten jedes­mal reich­lich Punk­te an den spä­te­ren (Ost-)Sieger. Jawohl, auch an Dro­gen-Dima. Kein Grund zur Auf­re­gung also? Alles in bes­ter Ord­nung?

Erhielt in Baku Applaus wie ein Heim­bei­trag: Can Bono­mo (TR)

Nein, ist es nicht. Denn nicht nur als geübte/r Eurovisionszuschauer/in konn­te man bis 2009 die Zehn- und Zwölf-Punk­te-Wer­tun­gen der meis­ten Län­der blind vor­her­sa­gen. Und lag dabei trau­ri­ger­wei­se rich­tig. Immer. Das mach­te das Voting lang­wei­lig – und es schmeck­te nach Betrug. Auch wenn es, wie oben erläu­tert, tat­säch­lich kei­ner war: Spaß mach­te die Stim­men­aus­zäh­lung, das Kern­ele­ment des Wett­be­werbs, so kei­nen mehr. Gut, der Osten gab sich bis ins aktu­el­le Jahr­zehnt hin­ein meist deut­lich mehr Mühe als der Wes­ten, nahm den Con­test im Gegen­satz zu uns als Wett­be­werb ernst und hat­te in der Regel die bes­se­ren Songs. Es ist daher gar nichts dage­gen ein­zu­wen­den, wenn die­se sie­gen. Zumal Alex­an­der Rybak (NO 2009), Lena Mey­er-Land­rut (DE 2010) und Lore­en (SE 2012) bewie­sen: wenn er sich anstrengt, kann auch der Wes­ten gewin­nen! Das – unstrei­tig exis­tie­ren­de – Nach­bar­schafts­vo­ting krönt also weder Sieger/innen, noch ver­hin­dert es sie.

Es geht doch: Alex­an­der aus Nor­we­gen (2009)

Doch der Sieg ist nicht das allein Ent­schei­den­de: es fol­gen ja noch 25 wei­te­re Plät­ze in der Tabel­le! Dass mein per­sön­li­cher Favo­rit fast nie die Kro­ne holt, damit habe ich mich schon lan­ge abge­fun­den. Aber was ist mit den unge­fähr zehn ande­ren guten (im Sin­ne von: mir per­sön­lich gut gefal­len­den) Songs pro Jahr­gang? Wo lan­den die? Dass bei­spiels­wei­se sol­che Con­test­per­len wie ‘Sen­ho­ra du Mar’ (PT 2008) im Mit­tel­feld ver­sack­ten, weil die vor­de­ren Plät­ze durch einen sta­bi­len Ver­bund der immer­glei­chen Län­der blo­ckiert waren, ver­darb mir schon ein wenig den Spaß am Grand Prix. Und hier hat­te das Block­vo­ting eben doch einen Effekt: Län­der wie die Tür­kei (bis 2012), Grie­chen­land, Maze­do­ni­en oder Russ­land star­te­ten dank nach­bar­schaft­li­cher Hil­fe mit einem sat­ten Punk­te­vor­sprung ins Ren­nen und scho­ben sich so selbst mit schlech­ten Songs an bes­se­ren Titeln vor­bei. Noch ent­schei­den­der aber: das Glei­che galt für die Semis. Auch hier exis­tier­te ein rela­tiv star­ker Ver­bund von zehn Län­dern, alle­samt Ange­hö­ri­ge einer der beschrie­be­nen Voting­blö­cke, die sich mit über acht­zig­pro­zen­ti­ger Wahr­schein­lich­keit jedes Mal qua­li­fi­zier­ten – egal, wie gut oder schlecht der Song sein moch­te.

Dank des Bal­kan­blocks ins Fina­le geflitt­chent: Ele­na Ris­tes­ka (MK 2006)

Nach­bar­schafts- vs. Dia­spor­a­vo­ting

So wie die von der Skan­dal­pres­se for­cier­te Ver­en­gung der Debat­te allei­ne auf den Sie­ger­ti­tel den Blick auf die Pro­ble­ma­tik ver­stell­te, so lenk­te auch die Fokus­sie­rung auf die Nach­bar­schafts­stim­men vom eigent­li­chen The­ma ab. Und das heißt: Dia­spor­a­vo­ting. Dass aus Deutsch­land bis 2012 stets zwölf Publi­kums­punk­te an die Tür­kei gin­gen, hat­te nicht nur mit der (oft sehr guten, manch­mal aber auch grot­ti­gen) Qua­li­tät der osma­ni­schen Bei­trä­ge zu tun, son­dern vor allem mit den hier leben­den, einst von uns ins Land gehol­ten “Gast­ar­bei­tern” aus Ana­to­li­en, denen wir unter ande­rem das deut­sche Wirt­schafts­wun­der ver­dan­ken. Noch augen­fäl­li­ger zeig­te sich der Dia­spo­ra-Effekt bei den von der ARD vor dem brei­ten Publi­kum bis heu­te wei­test­ge­hend geheim gehal­te­nen Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den, bei denen die deut­schen Punk­te qua­si eins zu eins mit der Ein­wan­de­rungs­sta­tis­tik über­ein­stimm­ten. Genau­so stan­den hohe Zäh­ler aus der Ukrai­ne oder Lett­land kei­nes­falls für einen Rück­kehr­wil­len der abtrün­ni­gen Ex-GUS-Staa­ten an den Busen von Müt­ter­chen Russ­land: sie waren viel­mehr den in die­sen Län­dern leben­den rus­si­schen Min­der­hei­ten geschul­det. Ob auf­fal­lend vie­le Punk­te aus Ita­li­en in die benach­bar­ten Mas­sen­aus­wan­de­rungs­län­der Alba­ni­en und Mol­da­wi­en oder Punk­te­spen­den litaui­scher Klemp­ner aus Irland bezie­hungs­wei­se por­tu­gie­si­scher Putz­frau­en aus Frank­reich in Rich­tung Hei­mat: das rei­ne Tel­e­vo­ting bil­de­te stets zuver­läs­sig die inner­eu­ro­päi­schen Wan­de­rungs­be­we­gun­gen ab. Die ich übri­gens – um nicht miss­ver­stan­den zu wer­den – nicht kri­ti­sie­re: Migra­ti­on ist inte­gra­ler Bestand­teil der Mensch­heits­ge­schich­te, ohne die wir heu­te noch immer in Höh­len hau­sen wür­den. Sie stärkt den Gen­pool und sorgt für kul­tu­rel­len Aus­tausch, was ich stets als Berei­che­rung emp­fin­de. Denn eine inzes­tuö­se, sich nicht stän­dig mit Ein­flüs­sen von Außen ver­mi­schen­de und erneu­ern­de Kul­tur stirbt not­wen­di­ger­wei­se rasch aus.

Pro­fi­tier­te von der Dia­spo­ra wie vom Wel­pen­bo­nus: Fili­pa Schnar­cha aus Por­tu­gal

Auch die Exis­tenz der aus Grie­chen­land, Arme­ni­en sowie den osma­ni­schen Brü­der­staa­ten Tür­kei und Aser­bai­dschan bestehen­den “Litt­le Four”, eines Vie­rer­bun­des an Län­dern, die sich dank Tel­e­vo­ting stets sicher für das Fina­le qua­li­fi­zier­ten, und wenn sie einen Besen auf die Büh­ne gestellt hät­ten, ver­dank­te sich ein­zig und allei­ne der hohen Zahl von Exilant/innen in ganz Euro­pa. Wich­tig ist die Unter­schei­dung zwi­schen Nach­bar­schafts- und Dia­spor­a­vo­ting vor allem aus einem Grund: der wett­be­werbs­ver­zer­ren­de Effekt letz­te­ren Ver­hal­tens lie­ße sich näm­lich, anders als beim (aus mei­ner Sicht auch gar nicht zu bean­stan­den­den) ers­ten, tat­säch­lich ein­däm­men. Wenn man denn nur woll­te. Wie? Das ver­ra­te ich natür­lich erst im letz­ten Teil. Und wer jetzt direkt dahin vor­springt, ist doof!  😉

13 Gedanken zu “Das Pro­blem

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