The History Book on the Shelf is always repeating itself
Dem aufmerksamen Leser meines Blogs dürfte nicht entgangen sein, dass ich eine tiefsitzende Antipathie gegen die organisierte Bevormundung durch Jurys hege. Fassungslos musste ich zur Kenntnis nehmen, wie ein nicht geringer Teil der Fans während der kurzen reinen Televotingperiode von 1997 bis 2008 Jahr für Jahr gebetsmühlenartig die Rückkehr der klandestinen Klüngelklubs forderte. Ist das kollektive Kurzzeitgedächtnis denn wirklich so schwach ausgeprägt? Sind all die spektakulären, unfasslichen Fehlurteile denn tatsächlich schon vergessen, welche die Jurys während ihrer jahrzehntelangen Regentschaft fällten und die den Wettbewerb nah an den Rand des Abgrunds brachten? All die Wertungsskandale und gekauften Siege schon verdrängt? Und welche Scheuklappen muss man tragen, um zu glauben, Jurys träfen wirklich objektivere, nicht von nationalistischen Interessen beeinflußte Urteile? Dass Juroren Punkte gegen Geld anboten, ist überliefert. 1 Die Existenz der griechisch-zypriotischen und der skandinavischen Punkteallianz kann man aus den Wertungstabellen alter Jahrgänge mühelos ablesen. Dass Jurys bessere Urteile fällen als der anrufende europäische Plebs, haben sie während der ersten vierzig Jahrgänge des Wettbewerbs eindrucksvoll und erschöpfend widerlegt.
Extra gesetzt, um nicht wieder zu gewinnen – doch nicht mit den Jurys! (IE 1994)
Und nein, das lässt sich auch nicht durch die Zusammensetzung der Jurys beeinflussen. Mehr “Musiksachverständige”, Juroren unter 25 Jahren, das “junge Fräulein”: alles schon mehrfach ausprobiert, meist mit verheerenden Ergebnissen. Einen Weg gäbe es natürlich, solche katastrohalen Siegertitel wie ‘I wanna’ (LV 2002) zu verhindern und wieder zu erfreulicheren Wertungslisten zu kommen: ausschließlich mit schwulen Grand-Prix-Fans besetzte Jurys. Denn natürlich hat die Mehrheit der heterosexuellen Zuschauer überhaupt keinen Musikgeschmack. Das beweist bereits ein kurzer Blick in die Popcharts. Doch genau an denen muss sich der Contest orientieren, wenn er mehrheitsfähig bleiben will. Von Ralph Siegel ist der klassische Irrglaube überliefert: “Beim Grand Prix geht es nicht um Hits”. Doch, geht es: nur, wenn die Siegertitel anschließend europaweit die Hitlisten stürmen (wie beispielsweise ‘Everyway that I can’ [TR 2003], ‘Satellite’ [DE 2010] oder akutell ‘Euphoria’ [SE 2012]), kann der Wettbewerb das Quäntchen popmusikalischer Relevanz vorweisen, das er zum Überleben braucht.
Halb & halb = halb so gut, doppelt so schlecht
Der Hinweis, dass die EBU das Televoting ohnehin niemals canceln wird, weil es zum einen für sprudelnde Einnahmen durch die Telefongebühren und zum anderen für stabile Einschaltquoten sorgt (die Semis beweisen: nur wer mitstimmen darf, schaltet auch ein), zog leider unvermeidlich den klassischen Kompromißvorschlag nach sich, den Grand Prix zur Hälfte durch das Publikum und zur Hälfte durch Jurys entscheiden zu lassen. Na klar, warum nicht die Nachteile eines undemokratischen, korruptionsanfälligen Verfahrens (Jury) mit den Nachteilen (Anfälligkeit für nationalistische Voten) eines demokratischen Systems verknüpfen und so die negativen Einflüsse beider Systeme potenzieren? So rette ich den Grand Prix, na bravo! Im Übrigen wandten etliche Länder das Halb-und-halb-Verfahren bereits vorher in ihren nationalen Vorentscheidungen an, meist mit dem Ergebnis, dass das zweitbeste Lied gewann. Weil die Jury dem Publikumsfavoriten oft gar keine oder nur sehr wenige Punkte gab, das Publikum hingegen den Juryfavorit links liegen ließ. Wenn zwei sich streiten, freut sich immer der Dritte: es gewinnt dann ein Song aus der zweiten Reihe. Ein Verfahren aber, bei dem nur zweite Wahl herauskommt, ist schlichtweg Müll. Was im Wesen des Kompromisses liegt: alle verlieren, niemand bekommt, was er will und das Optimum wird verhindert. Kompromisse sind nun mal immer faul.
Bestes Beispiel hierfür: Charlotte Perrelli und ihr ‘Hero’. Ein geradezu klassischer Grand-Prix-Schlager, von organisierten Fans heißgeliebt. Wie auch von mir: Songs wie ‘Hero’, ‘This is my Life’ (IS 2008) und ‘Senhora du Mar’ (PT 2008) sind für mich der Grund, den Grand Prix einzuschalten. Gleich zwei mal ließ sich Charlotte heldenhaft von Juroren retten: beim schwedischen Melodifestivalen, wo sie auf dem zweiten Platz landete, aber mehr Punkte von der Jury bekam. Und in der Qualifikationsrunde in Belgrad, wo sie Zwölfte wurde, die erstmals wieder installierte und nur für den zehnten Platz zuständige Jury sie aber hinterrücks an Mazedonien vorbeimogelte. Mit dem Ergebnis, dass sie zur großen Enttäuschung eingefleischter Fans (wie auch mir) im Finale abkackte – weil sich die Zuschauer von einem wie Chuckys Braut aussehenden Botoxmonster keinen fröhlichen Schwedenschlager vorsetzen lassen wollten. Um so schlimmer also, dass die EBU mit diesem halbgaren Minimalkompromiß die Tür öffnete – denn, wie wir heute wissen, reichte dieser natürlich nicht aus, die beständig quengelnden Anhänger der organisierten Bevormundung ruhig zu stellen.
Argument genug gegen die Jurys: Kuunkuiskaajatgate (FI 2010)
Übrigens scheint es so etwas wie Karma-Ausgleich zu geben: schmuggelte die Jury 2008 (‘Hero’) und 2009 (‘Lose Control’ von Waldos People) jeweils auf Kosten Mazedoniens einen skandinavischen Beitrag ins Finale, so verhinderten dieselben Geschmacksgeronten 2010 und 2011 das Weiterkommen skandinavischer Titel aus dem Semis – darunter mit die besten Beiträge (‘Haba haba’, ‘Työlki ellää’), die jemals von der arktisnahen Halbinsel kamen! Auch hier beweist sich wiederum nur, dass das Publikum stets die besseren Urteile fällt.
Notes:
- Dr. Jürgen Meier-Beer, deutscher Eurovisionsverantwortlicher von 1996 bis 2005, berichtet in Jan Feddersens Buch “Ein Lied kann eine Brücke sein” von seinen Erfahrungen beim Eurovision Song Contest 1997: “Eingestimmt wurde ich durch das Angebot eines Kollegen aus einem anderen Land: ‘If you give me 12 points, I give you 12 points’. Mein ‘but we have televoting’ parierte er mit: ‘I understand your problem’.” ↩