Die Jury

The Histo­ry Book on the Shelf is always repea­ting its­elf

Auf­merk­sa­men Leser:innen mei­nes Blogs dürf­te nicht ent­gan­gen sein, dass ich eine tief sit­zen­de Anti­pa­thie gegen die orga­ni­sier­te Bevor­mun­dung durch Jurys hege. Fas­sungs­los muss­te ich zur Kennt­nis neh­men, wie ein nicht gerin­ger Teil der Grand-Prix-Fans wäh­rend der lei­der viel zu kur­zen Ära des rei­nen Tele­vo­tings zwi­schen 1999 und 2008 Jahr für Jahr gebets­müh­len­ar­tig (und letz­ten Endes erfolg­reich) die Rück­kehr der klan­des­ti­nen Klün­gel­klubs for­der­te. Ist das kol­lek­ti­ve Kurz­zeit­ge­dächt­nis denn wirk­lich so erschre­ckend schwach aus­ge­prägt? Sind all die spek­ta­ku­lä­ren, unfass­li­chen Fehl­ur­tei­le denn tat­säch­lich schon ver­ges­sen, wel­che die Jurys wäh­rend ihrer jahr­zehn­te­lan­gen Allein­herr­schaft bis 1997 fäll­ten und die den Wett­be­werb nahe an den Rand des Abgrunds brach­ten? Sind all die wütend machen­den Wer­tungs­skan­da­le und die schänd­lich gekauf­ten Sie­ge erfolg­reich ver­drängt? Und wel­che gigan­ti­schen Scheu­klap­pen muss man tra­gen, um allen Erns­tes zu glau­ben, Jurys trä­fen tat­säch­lich objek­ti­ve­re, nicht von natio­na­lis­ti­schen oder finan­zi­el­len Inter­es­sen beein­fluss­te Urtei­le?

Lie­be ist kein unge­deck­ter Scheck” ent­geg­ne­te die Öster­rei­che­rin Bet­ti­na Sori­at 1997 mutig der mal­te­si­schen Jury.

Dass ein­zel­ne Juror:innen der Kor­rup­ti­on frön­ten, also Punk­te gegen Gefäl­lig­kei­ten anbo­ten, ist sogar von höchs­ter Stel­le über­lie­fert. So berich­tet Dr. Jür­gen Mei­er-Beer, in den Jah­ren von 1996 bis 2005 der deut­sche Grand-Prix-Ver­ant­wort­li­che und stets emsig bemüht um die drin­gend erfor­der­li­che Auf­fri­schung des damals hoff­nungs­los ver­staub­ten Wett­be­werbs, in Jan Fed­der­sens Buch “Ein Lied kann eine Brü­cke sein” von sei­nen Erfah­run­gen als Dele­ga­ti­ons­lei­ter beim Euro­vi­si­on Song Con­test 1997 in Dub­lin: “Ein­ge­stimmt wur­de ich durch das Ange­bot eines Kol­le­gen aus einem ande­ren Land: ‘If you give me 12 points, I give you 12 points’. Mein ‘but we have tele­vo­ting’ parier­te er mit: ‘I under­stand your pro­blem’.” Das ein­gangs die­ser Arti­kel­se­rie erwähn­te, als Argu­ment für die Wie­der­ein­füh­rung der Jurys pro­ble­ma­ti­sier­te Phä­no­men des Block­vo­tings bestand zudem schon immer, auch als die Punk­te­scha­che­rer noch allei­ne das Zep­ter schwun­gen: die Exis­tenz bei­spiels­wei­se der (rein jury­ba­sier­ten!) grie­chisch-zyprio­ti­schen und der skan­di­na­vi­schen Punk­te­al­li­anz lässt sich aus den Wer­tungs­ta­bel­len älte­rer Jahr­gän­ge mühe­los able­sen.  Dass Jurys angeb­lich bes­se­re Urtei­le fäl­len sol­len als der anru­fen­de euro­päi­sche Plebs, haben sie wäh­rend der ers­ten vier­zig Jahr­gän­ge des Wett­be­werbs nun wirk­lich ein­drucks­voll und erschöp­fend wider­legt.

Extra gesetzt, damit der erschöpf­te Dau­er­gast­ge­ber bloß nicht wie­der gewinnt – doch nicht mit den Jurys! (IE 1994).

Und nein, das lässt sich auch nicht durch die Zusam­men­set­zung der Jurys beein­flus­sen. Ob ledig­lich zwei oder gar sech­zehn Mit- oder Ohne­glie­der, ob Lai­en oder “Musik­sach­ver­stän­di­ge”, Juror:innen unter oder über 25 Jah­ren, das “jun­ge Fräu­lein” – alles schon aus­pro­biert, stets mit dem sel­ben Ergeb­nis: Jury­ab­stim­mun­gen sind und blei­ben will­kür­lich. Denn Musik ist immer und aus­schließ­lich eine Fra­ge des per­sön­li­chen Geschmacks, und der dif­fe­riert nun mal von Mensch zu Mensch. Was für den einen eine wun­der­bar sanf­te Qua­li­täts­bal­la­de sein mag, lässt den ande­ren vor Lan­ge­wei­le ins Koma fal­len. Wo auf­wän­dig cho­reo­gra­fier­ter Euro­dance mich in höchs­te Ver­zü­ckung ver­setzt, wol­len ande­re schrei­end davon­lau­fen. Ob der Ein­satz einer Rock­gi­tar­re beim Hörer einen Ohr­gas­mus aus­löst oder ästhe­ti­schen Her­pes: all dies ist ein­zig eine Fra­ge der per­sön­li­chen Vor­lie­ben und Abnei­gun­gen. Und auch, wenn jemand eine sol­che Prä­fe­renz oder Aver­si­on auf­grund erwor­be­nen Dis­tink­ti­ons­wis­sens in wohl­ge­setz­te Wor­te zu klei­den ver­mag und dabei mit latei­ni­schen Fach­be­grif­fen um sich wirft, die nur weni­ge Men­schen ver­ste­hen: letz­ten Endes destil­liert sich jede schein­bar noch so objek­ti­ve Kri­tik auf einen ganz simp­len Kern her­un­ter. Näm­lich auf “mag ich” oder “mag ich nicht”. Musik lässt sich nun mal nur sub­jek­tiv beur­tei­len.

Ver­ka Ser­duch­ka lie­fer­te 2007 unbe­streit­bar fabel­haf­tes­ten Euro­vi­si­ons­trash. Davon braucht es beim Wett­be­werb wie­der viel, viel mehr!

Song­gur­ken der Han­dels­klas­se I

Das gilt auch für die von Juryfreund:innen gebets­müh­len­ar­tig benutz­te Argu­men­ta­ti­on, die­se Insti­tu­ti­on sol­le für “mehr Qua­li­tät” sor­gen. Denn nach wel­chen objek­ti­ven, also über­prüf­ba­ren Kri­te­ri­en soll sich die­se sich bemes­sen? In Beats per Minu­te? Der Anzahl oder Obsku­ri­tät der ver­wen­de­ten Instru­men­te? Der Ton­hö­he, Laut­stär­ke und Dau­er der gesun­ge­nen Schluss­no­te? Nun geht es beim Euro­vi­si­on Song Con­test bekannt­lich um Pop­mu­sik. Und das “Pop” in Pop­mu­sik steht für “popu­lär”, also für kom­mer­zi­ell erfolg­reich. Der ein­zi­ge tat­säch­lich objek­tiv über­prüf­ba­re Maß­stab für die Qua­li­tät von Pop­mu­sik sind somit die Umsatz­zah­len. Also einst­mals die Ton­trä­ger­ver­käu­fe oder bezahl­ten Down­loads, ables­bar an den Plat­zie­run­gen in den Ver­kaufs­hit­pa­ra­den; heut­zu­ta­ge die Anzahl der Streams oder You­tube-Abru­fe. Und genau an die­ser Qua­li­tät muss sich der Con­test ori­en­tie­ren, wenn er mehr­heits­fä­hig blei­ben will. Vom deut­schen Kom­po­nis­ten­kö­nig Ralph Sie­gel ist die (eben­falls im Buch-Inter­view mit Jan Fed­der­sen geäu­ßer­te) Ein­schät­zung über­lie­fert: “beim Grand Prix geht es nicht um Hits”. Irr­tum, Ralph, genau um die geht es: nur dann, wenn die Sie­ger­ti­tel anschlie­ßend euro­pa­weit die Charts stür­men (wie bei­spiels­wei­se Nico­les ‘Ein biss­chen Frie­den’), kann der Wett­be­werb das Quänt­chen pop­kul­tu­rel­ler Rele­vanz vor­wei­sen, das er zum dau­er­haf­ten Über­le­ben braucht.

Eric Saa­de hat’s erkannt: es geht um Popu­la­ri­tät. Und über die bestim­men die Zuschauer:innen, nicht ein eli­tä­res Häuf­chen von “Musikexpert:innen”.

Wes­we­gen also hat die Mei­nung der letzt­lich auch nur nach den eige­nen Geschmacks­maß­stä­ben wer­ten­den Juror:innen so viel mehr Gewicht (in Deutsch­land etwa 1 : 200.000) als das der Anrufer:innen? Eine Grup­pe von fünf (oder auch fünf­zehn oder fünf­zig) Men­schen stellt ange­sichts der Viel­zahl mög­li­cher kul­tu­rel­ler Prä­gun­gen und per­sön­li­cher Vor­lie­ben immer eine völ­lig will­kür­li­che Zufalls­pro­be dar. Ent­spre­chend kom­men stets Zufalls­er­geb­nis­se her­aus: lie­ße man fünf ande­re “Musik-Expert:innen” aus dem glei­chen Land abstim­men, fie­le die Punk­te­wer­tung kom­plett anders aus. Für eini­ger­ma­ßen aus­sa­ge­kräf­ti­ge Umfra­gen, man kennt das aus der Demo­sko­pie, braucht es nicht umsonst in aller Regel min­des­tens fünf­hun­dert, eher tau­send nach sta­tis­tisch gewich­te­ten Gesichts­punk­ten aus­ge­wähl­te Men­schen. Reprä­sen­ta­tiv kön­nen die Jurys also gar nicht sein, das zeigt sich beim Ver­gleich der Tele­vo­ting- gegen­über der Jury­er­geb­nis­se: wäh­rend die brei­te Mas­se der Zuschauer:innen ten­den­zi­ell eher auf­wän­di­ge Büh­nen­shows und fröh­li­che Uptem­po­num­mern prä­fe­riert, bevor­zu­gen Juror:innen auf­fäl­lig oft Bal­la­des­kes mit zurück­ge­nom­me­ner Prä­sen­ta­ti­on. Und so ent­schei­det auch die eige­ne Zuge­hö­rig­keit zum einen oder ande­ren geschmack­li­chen Lager meist dar­über, ob man selbst den Ein­satz von Jurys ten­den­zi­ell befür­wor­tet oder ablehnt.

Für Juryhasser:innen das Weih­was­ser, in dem sie baden: Gina Gs ‘Ooh aah’. Bespritzt man Jury­freun­de damit, lösen sie sich auf.

Halb & halb = halb so gut, dop­pelt so schlecht

Das Tele­vo­ting lässt sich indes unter kei­nen Umstän­den mehr strei­chen, weil es sowohl für spru­deln­de Ein­nah­men durch die Tele­fon­ge­büh­ren als auch für sta­bi­le Quo­ten sorgt. Der Ver­gleich mit den nur noch unter dem Elek­tro­nen­mi­kro­skop mess­ba­ren Zuschau­er­zah­len in der dunk­len Pha­se des Con­tests beweist: nur wer mit­stim­men darf, schal­tet auch ein. Der Demo­kra­ti­sie­rung der Abstim­mung folg­te in den gol­de­nen Jah­ren des Con­tests auch eine Demo­kra­ti­sie­rung des Ange­bots: da im Tele­vo­ting zu mei­nem per­sön­li­chen Wohl­ge­fal­len fröh­li­che Num­mern mit auf­fäl­li­ger Büh­nen­show meist sehr gut abschnit­ten, stieg ihr Anteil zwi­schen 1999 und 2008 spür­bar. Was wie­der­um ein per­pe­tu­el­les Lamen­to der zah­len­mä­ßig unter­le­ge­nen Bal­la­den­fans nach sich zog, die spek­ta­ku­lär Tra­shi­ges wie ‘Dan­cing Lasha Tum­bai’ oder ‘Vod­ka’ nicht als ret­ten­de, regen­bo­gen­far­be­ne Licht­strah­len im ewig­grau­en Elend der mensch­li­chen Exis­tenz emp­fin­den, son­dern als unab­läs­si­ge Sin­nes­fol­ter. Nach­dem das kon­ser­va­ti­ve Dau­er­quen­geln kein Ende fand, ent­schied sich die EBU 2009 also für den klas­si­schen allen-Wohl-und-kei­nem-Wehe-Kom­pro­miss, den Grand Prix seit­her zur Hälf­te durch das Publi­kum und zur Hälf­te durch Jurys bestim­men zu las­sen.

Vom Publi­kum geliebt, von den puri­ta­nisch-humor­be­frei­ten Jurys schnö­de zurück­ge­wie­sen: die kes­sen pol­ni­schen But­ter­mäg­de und ihre groß­ar­ti­ge Fema­le-Empower­ment-Hym­ne. Schan­de über euch! 

Sie kom­bi­niert so ein demo­kra­ti­sches, dank der län­der­zen­trier­ten Aus­zäh­lungs­arith­me­tik und des Dia­spora­vo­tings jedoch für migra­ti­ons­be­ding­te Ver­zer­run­gen anfäl­li­ges Ver­fah­ren mit einer vom rei­nen Zufall bestimm­ten Will­kür­herr­schaft, die das Pro­blem natio­na­lis­ti­scher Vor­lie­ben eher noch ver­schärf­te und zudem der Kor­rup­ti­on Tür und Tor öff­ne­te. Ob die jewei­li­gen Nach­tei­le bei­der Abstim­mungs­ar­ten sich nun durch die Kom­bi­na­ti­on bei­der Ver­fah­ren auf mira­ku­lö­se Art und Wei­se irgend­wie gegen­sei­tig aus­glei­chen (wie Jury­freun­de gebets­müh­len­ar­tig wie­der­ho­len) oder poten­zie­ren (wovon ich fel­sen­fest über­zeugt bin), ist wie­der­um rei­ne Glau­bens­sa­che. Wel­cher Reli­gi­on man in die­ser Fra­ge zuneigt, hängt in der Regel eben­falls mit der Zuge­hö­rig­keit zum Lager der Bal­la­den­freun­de oder Dis­co­häs­chen zusam­men. Wie die Jahr­gän­ge 2016 und 2019 schließ­lich zeig­ten, gewinnt bei die­sem Abstim­mungs­mix schon mal nur das zweit­bes­te Lied, wenn die Jury dem Publi­kums­fa­vo­ri­ten sehr weni­ge Punk­te gibt, die Zuschauer:innen hin­ge­gen den Jury­fa­vo­ri­ten links lie­gen las­sen. Mer­ke: wenn zwei sich strei­ten, freut sich der Drit­te. Ein Ver­fah­ren aber, bei dem nur zwei­te Wahl her­aus­kommt, ist Müll. Was schlicht­weg im stets fau­len Wesen des Kom­pro­mis­ses liegt: alle ver­lie­ren, nie­mand bekommt, was er will, und das Opti­mum wird ver­hin­dert.

Muss seit ihrem ESC-Sieg 1999 wohl nichts mehr geges­sen haben: Char­lot­te, die Mör­der­pup­pe, beim zwei­ten Anlauf.

Das trau­ri­ge Schick­sal der im Jah­re 2008 als unfrei­wil­li­ge Vor­bo­tin fun­gie­ren­den Schwe­din Char­lot­te Per­rel­li und ihres fabel­haft dis­co­t­as­ti­schen ‘Hero’, einem wun­der­bar fut­ti­gen Grand-Prix-Schla­ger aus der Feder des ein­schlä­gig bekann­ten Fre­drik Kem­pe, dem unbe­streit­ba­ren “Meis­ter der klo­bi­gen Rückung (Schla­ger­boys), hät­te eigent­lich War­nung genug sein sol­len. Gleich zwei­mal ließ sich die Grand-Prix-Gewin­ne­rin von 1999 hel­din­nen­haft von den Juror:innen ret­ten: zunächst beim schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len, wo sie im Tele­vo­ting auf dem zwei­ten Platz lan­de­te, aber mehr Punk­te von der Jury bekam. Und anschlie­ßend in der Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de zu Bel­grad, wo sie zwar nur Zwölf­te wur­de, die erst­ma­lig pro­be­hal­ber wie­der instal­lier­te und nur für den zehn­ten Platz zustän­di­ge ESC-Jury sie aber hin­ter­rücks an Maze­do­ni­en vor­bei in die End­run­de mogel­te. Mit dem Ergeb­nis, dass sie zu mei­ner gro­ßen Ent­täu­schung dort hart abkack­te, weil sich die im Fina­le sei­ner­zeit noch allei­ne abstim­men­den Zuschauer:innen von einem an Chu­ckys Braut erin­nern­den Botox­mons­ter kei­nen fröh­li­chen Schwe­den­schla­ger vor­set­zen las­sen woll­ten.

Argu­ment genug gegen die Jurys: das Kuun­kuis­kaajatga­te.

Kar­ma is a Bitch

Um so schlim­mer also, dass die EBU mit die­sem halb­ga­ren Mini­mal­kom­pro­miss sei­ner­zeit die Tür einen win­zi­gen Spalt­breit öff­ne­te. Denn, wie wir heu­te wis­sen, reich­te das nicht aus, die bestän­dig nör­geln­den Anhänger:innen der orga­ni­sier­ten Bevor­mun­dung ruhig zu stel­len, son­dern bestärk­te sie nur in ihrem Irr­glau­ben an die Jury und bot ihnen das Ein­falls­tor, durch das sie wie eine Zom­bie­ar­mee hin­durch­quel­len konn­ten. So nahm dann das Unglück ab dem Fol­ge­jahr sei­nen Lauf. Und fand sei­nen Weg auch zu aus­glei­chen­der Unge­rech­tig­keit: schmug­gel­te die Jury, wie bereits erwähnt, im Jah­re 2008 mit ‘Hero’ sowie 2009 mit ‘Lose Con­trol’ der fin­ni­schen Wal­dos Peop­le jeweils auf Kos­ten Maze­do­ni­ens einen skan­di­na­vi­schen Bei­trag ins Fina­le, so ver­hin­der­ten die Geschmacksgeront:innen in den bei­den Fol­ge­jah­ren das Wei­ter­kom­men jeweils eines Titels aus dem Reich der Wikin­ger­nach­fah­ren. Und zwar bestür­zen­der­wei­se gleich zwei der bes­ten Bei­trä­ge, die jemals von der ark­tis­na­hen Halb­in­sel kamen, näm­lich Stel­la Mwan­gis fabu­lös fröh­li­ches ‘Haba haba’ (Nor­we­gen 2011) und den fin­ni­schen Hand­klatsch-Quetsch­kom­mo­den-Tur­bo­kra­cher ‘Työl­ki ell­ää’ (2010)! Seit­her bleibt kein Semi­fi­na­le ohne Voting-Gate, bei dem sich stets aufs Neue beweist, dass das Publi­kum die bes­se­ren Urtei­le fällt.

Zuge­ge­ben, die Stimm­stärks­te ist Stel­la nicht. Aber allei­ne für die fabel­haf­te Hand-Cho­reo­gra­fie hät­te ihr der Final­ein­zug gebührt!

Doch die Schlecht­be­hand­lung Nor­we­gens durch die Jury beschränk­te sich nicht allei­ne auf die schö­ne Stel­la. 2019 ver­hin­der­ten die Wertungsfälscher:innen durch bru­talst­mög­li­ches Down­vo­ting gar den Sieg des camp­tas­ti­schen Nord­lich­ter-Tri­os Kei­i­no mit­samt des cha­ris­ma­ti­schen Glat­zen­ko­bolds Fred Bul­jo und ihres pop­pi­gen Dis­co­jod­lers ‘Spi­rit in the Sky’. Immer­hin ein ledig­lich auf ihrer noto­ri­schen Spaß-Aver­si­on beru­hen­des Fehl­ur­teil und kein poli­tisch fun­dier­tes wie noch drei Jah­re zuvor, als die Jurys die eigens auf ihren Geschmack hin kon­zi­pier­te und vor leis­tungs­be­ton­tem Vokal­ge­wich­se nur so trie­fen­de Bal­la­de ‘Sound of Silence’ aus Tra­li­en prä­fe­rier­ten, wäh­rend die Zuschauer:innen den Rus­sen Ser­gey Laza­rev und sei­ne spek­ta­ku­lä­re Insze­nie­rung des durch­schnitt­li­chen Dis­co­schla­gers ‘You are the only One’ zu ihrem Lieb­ling kür­ten. Was im Gesamt­ergeb­nis dazu führ­te, das statt­des­sen die nir­gends favo­ri­sier­te Jama­la aus der (mit Russ­land in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung ver­wi­ckel­ten) Ukrai­ne mit ihrem musi­ka­lisch anspruchs­vol­len und inhalt­lich hoch­po­li­ti­schen Lied ‘1944’ gewann. Von dem sie anschlie­ßend aller­dings kaum eine Kopie ver­kauf­te. Ein umstrit­te­ner Sie­ger­song, der als lied­ge­wor­de­ne Soli­da­ri­täts­adres­se eines Abends den Con­test wie­der zurück in die über­wun­den geglaub­te Pha­se der pop­mu­si­ka­li­schen Irrele­vanz führ­te: bra­vo, EBU!

Ver­hin­der­ter Sie­ger: die Jurys stie­ßen Publi­kums­lieb­ling Ser­gey hin­ter­rücks vom Podest (RU 2016).

Fremd­be­stimmt im eige­nen Land

Bei aller berech­tig­ten Schel­te mag es den­noch einen Platz für die Jurys geben. Nicht beim Euro­vi­si­on Song Con­test natür­lich, aber in den natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen! Hier, wo die Sen­der seit jeher freie Hand bei der Ermitt­lung ihres Grand-Prix-Bei­trags haben, wur­de schon immer mit allen mög­li­chen For­men des Abstim­mungs­ver­fah­rens expe­ri­men­tiert. Und so erblick­te auch dort eine bemer­kens­wer­te Idee das Licht der Welt: die inter­na­tio­na­le Jury näm­lich! Erst­ma­lig ein­ge­setzt bei der Köni­gin aller Vor­ent­schei­de, dem schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len, erober­te sie in unter­schied­li­cher Auf­stel­lung und mit unter­schied­lich star­kem Ein­fluss in den letz­ten Jah­ren zügig wei­te­re Natio­nen. Das Grund­kon­zept: ein wahl­wei­se aus Fans, Euro­vi­si­ons­blog­gern, den unver­meid­li­chen Musik-Pro­fes­sio­nel­len oder ehe­ma­li­gen ESC-Juror:innen ande­rer Län­der zusam­men­ge­setz­tes Gre­mi­um bewer­tet die hei­mi­schen Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­ge. Was im Hin­blick auf die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit getreu des Mot­tos “Der Wurm muss dem Fisch schme­cken, nicht dem Ang­ler” völ­li­gen Sinn macht, denn beim Con­test stim­men ja auch die ande­ren Europäer:innen über das eige­ne Lied ab und nicht die ent­sen­den­de Nati­on selbst.

2017 ver­hin­der­te das Aus­land ganz knapp die ESC-Teil­nah­me des Rag’n’Bonelessman und schick­te statt­des­sen den boto­xier­ten Robin Beng­ts­son.

Beim Mel­lo gelang es der mit den hei­mi­schen Zuschauer:innen gleich­be­rech­tig­ten inter­na­tio­na­len Jury bereits, die für ihren noto­risch schlech­ten Geschmack berüch­tig­ten Schwed:innen zu über­stim­men und ihren eige­nen Favo­ri­ten durch­zu­drü­cken. Bei der rumä­ni­schen Sel­ecția Națio­nală kam es 2019 zur natio­na­len Auf­ruhr, weil die sechs Damen und Her­ren der Jury, dar­un­ter gleich zwei bri­ti­sche Wiwi­blog­ger, über jeweils genau so viel Stimm­recht ver­füg­ten wie alle anru­fen­den Zuschauer:innen zusam­men. Und weil sie in einer kon­zer­tier­ten Akti­on die evan­ge­li­ka­le, durch ihr Enga­ge­ment gegen die Homo-Ehe nega­tiv auf­ge­fal­le­ne, haus­ho­he Publi­kums­sie­ge­rin Lau­ra Bre­tan weg­drück­ten. Beim NDR hin­ge­gen hat das eben­falls ein­ge­setz­te Gre­mi­um eher Ali­bi­cha­rak­ter: mit nur 33% Stimm­kraft ver­fügt es nicht über genü­gend Power, die übli­chen Fehl­ent­schei­dun­gen der deut­schen Televoter:innen wirk­sam kor­ri­gie­ren zu kön­nen. Regio­na­len hei­mi­schen Jurys hin­ge­gen ver­dan­ken wir den ver­träumt-ver­zau­ber­ten Gewin­ner­ti­tel des ESC 2017. Wäre es nach dem Votum der Portugies:innen gegan­gen, hät­ten wir näm­lich Sal­va­dor Sobral nie ken­nen­ge­lernt – und das ibe­ri­sche Land sei­nen bis­lang ein­zi­gen ESC-Sieg ver­passt.

Sel­ten rühr­te mich etwas so tief wie Sal­va­dors Auf­tritt im ers­ten Semi des FdC. Hier gilt den Jurys mein auf­rich­ti­ger Dank, dass sie ihn gegen der Zuschau­er­wil­len nach Kiew schick­ten.

Die Bevor­mun­dung der Zuschauer:innen kann also ihre Berech­ti­gung haben, wenn sie auf die natio­na­le Ebe­ne beschränkt bleibt. Denn so wie bekannt­lich der Pro­phet im eige­nen Land nichts gilt, so geht dem gewöhn­li­chen TV-Kon­su­men­ten oft­mals jed­we­des Gespür dafür ab, was auf inter­na­tio­na­ler Büh­ne Erfolg ver­spre­chen könn­te. Denn genau das kön­nen oder wol­len die Zuschauer:innen nicht ver­ste­hen: es geht im natio­na­len Vor­ent­scheid nicht dar­um, was zu Hau­se ankommt, son­dern was beim ESC zün­det. Eine Mehr­heits­ent­schei­dung läuft zudem meist auf Mit­tel­maß hin­aus: beim här­tes­ten Musik­wett­be­werb der Welt ein siche­res Rezept für die hin­te­ren Rän­ge, wie gera­de wir Deut­schen aus leid­vol­ler Erfah­rung wis­sen. “Kan­ti­ge” (Tho­mas Schrei­ber) Bei­trä­ge oder kon­tro­ver­se Künstler:innen haben es im Vor­ent­scheid meist schwer, wes­we­gen vie­le Sen­der zuneh­mend zur inter­nen Aus­wahl über­ge­hen. Ohne eine sol­che hät­te es bei­spiels­wei­se Con­chi­ta Wurst nicht zum ESC geschafft: im öffent­li­chen Vor­ent­scheid zog die Öster­rei­che­rin den Kür­ze­ren. Aber auch in Deutsch­land blie­ben kom­mer­zi­ell teils weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus erfolg­rei­che Acts wie Scoo­ter oder Unhei­lig chan­cen­los.

Unter­lag arsch­knapp den Tracks­hit­taz: Con­chi­ta Wurst bei ‘Öster­reich rockt den Song Con­test’. Im Nach­hin­ein eine gute Ent­schei­dung, denn nur so konn­te sie zwei Jah­re spä­ter wie ein Phö­nix der Asche ent­stei­gen.

Es bleibt als Fazit: bei natio­na­len Vor­auswah­len macht eine (inter­na­tio­na­le!) Jury Sinn. Beim Euro­vi­si­on Song Con­test selbst muss sie weg. Und falls Ihnen nach die­sem läng­li­chen Rant die Lust am Lesen noch nicht ver­gan­gen ist: in Teil 3 der Serie geht es um das Aus­zäh­lungs­ver­fah­ren und wie man es jus­tie­ren könn­te.

Stand: 26.10.2019

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