Die Jury

The History Book on the Shelf is always repeating itself

Den aufmerksamen Leser/innen meines Blogs dürfte nicht entgangen sein, dass ich eine tief sitzende Antipathie gegen die organisierte Bevormundung durch Jurys hege. Fassungslos musste ich zur Kenntnis nehmen, wie ein nicht geringer Teil der Fans während der kurzen reinen Televotingperiode von 1999 bis 2008 Jahr für Jahr gebetsmühlenartig (und letzten Endes erfolgreich) die Rückkehr der klandestinen Klüngelklubs forderte. Ist das kollektive Kurzzeitgedächtnis denn wirklich so schwach ausgeprägt? Sind all die spektakulären, unfasslichen Fehlurteile denn tatsächlich schon vergessen, welche die Jurys während ihrer jahrzehntelangen Alleinherrschaft fällten und die den Wettbewerb nah an den Rand des Abgrunds brachten? All die Wertungsskandale und gekauften Siege schon verdrängt? Und welche Scheuklappen muss man tragen, um zu glauben, Jurys träfen wirklich objektivere, nicht von nationalistischen Interessen beeinflusste Urteile? Dass Juroren Punkte gegen Geld anboten, ist überliefert. So berichtet Dr. Jürgen Meier-Beer, der deutsche Eurovisionsverantwortliche von 1996 bis 2005, in Jan Feddersens Buch „Ein Lied kann eine Brücke sein“ von seinen Erfahrungen beim Eurovision Song Contest 1997: „Eingestimmt wurde ich durch das Angebot eines Kollegen aus einem anderen Land: ‚If you give me 12 points, I give you 12 points‘. Mein ‚but we have televoting‘ parierte er mit: ‚I understand your problem‘.“ Die Existenz der (rein jurybasierten) griechisch-zypriotischen und der skandinavischen Punkteallianz kann man aus den Wertungstabellen alter Jahrgänge mühelos ablesen. Dass Jurys bessere Urteile fällen als der anrufende europäische Plebs, haben sie während der ersten vierzig Jahrgänge des Wettbewerbs eindrucksvoll und erschöpfend widerlegt.


Extra gesetzt, um nicht wieder zu gewinnen – doch nicht mit den Jurys! (IE 1994)

Und nein, das lässt sich auch nicht durch die Zusammensetzung der Jurys beeinflussen. Ob lediglich zwei oder gar sechzehn Jurymitglieder, ob Laien oder „Musiksachverständige“, Juroren unter oder über 25 Jahren, das „junge Fräulein“ – alles schon ausprobiert, stets mit dem selben Ergebnis: Juryabstimmungen sind und bleiben willkürlich. Denn Musik ist immer und ausschließlich eine Frage des persönlichen Geschmacks, und der differiert nun mal von Mensch zu Mensch. Was für den einen eine wunderbar sanfte Qualitätsballade sein mag, lässt den anderen vor Langeweile ins Koma fallen. Wo aufwändig choreografierter Eurodance mich in höchste Verzückung versetzt, rollen sich bei anderen die Fußnägel auf. Ob der Einsatz einer Rockgitarre beim Hörer einen Ohrgasmus auslöst oder ästhetischen Herpes: all dies ist einzig eine Frage der persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Und auch, wenn jemand eine solche Vorliebe oder Abneigung aufgrund angelesenen Expert/innenwissens in wohlgesetzte Worte zu kleiden vermag oder mit lateinischen Fachbegriffen um sich wirft, die nur wenige Menschen verstehen: letzten Endes destilliert sich jede scheinbar noch so objektive Musikkritik auf einen ganz simplen Kern herunter: nämlich „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Musik lässt sich nun mal nur subjektiv beurteilen.


Unbestreitbar klassischer Eurovisionstrash. Davon braucht es viel, viel mehr! (UA 2007)

Songgurken der Handelsklasse I

Das gilt auch für die von Juryfreund/innen gerne benutzte Argumentation, diese Institution solle für „mehr Qualität“ sorgen. Beim Eurovision Song Contest geht es bekanntlich um Popmusik. Und das „Pop“ in Popmusik steht für „populär“, also erfolgreich. Der einzige tatsächlich objektiv überprüfbare Maßstab für die Qualität von Popmusik ist denn auch der kommerzielle Erfolg, also die Tonträgerverkäufe oder bezahlten Downloads, ablesbar an den Hitparadenplatzierungen. Und genau an denen muss sich der Contest orientieren, wenn er mehrheitsfähig bleiben will. Von Ralph Siegel ist der (im Interview mit Jan Feddersen für dessen Buch „Ein Lied kann eine Brücke sein“ geäußerte) klassische Irrglaube überliefert, „beim Grand Prix geht es nicht um Hits“. Doch, Ralph, genau darum geht es: nur dann, wenn die Siegertitel anschließend europaweit die Hitlisten stürmen (wie es ja übrigens auch bei Nicoles ‚Ein bisschen Frieden‘ [DE 1982] der Fall war), kann der Wettbewerb das Quäntchen popmusikalischer Relevanz vorweisen, das er zum Überleben braucht.


Eric Saade hat’s erkannt: es geht um Popularität (SE 2011)

Jurys hingegen werten nach den eigenen, stets subjektiven Geschmacksmaßstäben. Und da eine Gruppe von fünf (oder auch zehn oder fünfzig) Menschen angesichts der Vielzahl möglicher kultureller Prägungen und persönlicher Vorlieben immer nur eine willkürlich Zufallsprobe darstellt, kommen dabei halt auch immer Zufallsergebnisse heraus. Für einigermaßen aussagekräftige Umfragen, man kennt das aus der Demoskopie, braucht es nicht umsonst in aller Regel mindestens fünfhundert, eher tausend nach statistisch repräsentativen Gesichtspunkten ausgewählte Menschen. Repräsentativ ausgewählt können die Jurys also gar nicht sein, und das zeigt sich auch beim Vergleich der reinen Televoting- gegenüber den reinen Juryergebnisse: während die breite Masse der Zuschauer tendenziell eher aufwändige Bühnenshows und fröhliche Uptemponummern präferiert, bevorzugen die Jurys auffällig oft Balladeskes mit zurückgenommener Präsentation. Und so entscheidet auch die eigene Zugehörigkeit zum einen oder anderen geschmacklichen Lager meist darüber, ob man selbst den Einsatz von Jurys befürwortet oder ablehnt.


Brachte den Contest „up – up – up“: Loreen (SE 2012)

Halb & halb = halb so gut, doppelt so schlecht

Nun lässt sich das Televoting ohnehin nicht mehr canceln, weil es für sprudelnde Einnahmen durch die Telefongebühren und für stabile Einschaltquoten sorgt. Der Vergleich mit den nur noch unter dem Elektronenmikroskop messbaren Zuschauerzahlen in der dunklen Phase des Contests beweist: nur wer mitstimmen darf, schaltet auch ein. Da jedoch die zahlenmäßig unterlegenen Balladenfans ob der Vorliebe der Zuschauermehrheit für spektakulär Trashiges nicht aufhörten, zu lamentieren, entschied sich die EBU 2009 für den klassischen Kompromiss, den Grand Prix seither zur Hälfte durch das Publikum und zur Hälfte durch Jurys bestimmen zu lassen. Und kombiniert so ein immerhin demokratisches, aber für nationalistische Verzerrungen anfälliges Verfahren (das Diasporavoting) mit einem vollständig undemokratischen, welches darüber hinaus noch der Korruption Tür und Tor öffnet.


Von der Jury verhindert: die estnischen Punkrocker Winny Puuh

Ob die jeweiligen Anfälligkeiten beider Abstimmungsarten sich nun durch die Kombination beider Verfahren auf mirakulöse Art und Weise irgendwie gegenseitig ausgleichen (wie Juryfreunde gebetsmühlenartig wiederholen) oder einfach nur potenzieren (wie ich fest überzeugt bin), ist wiederum reine Glaubenssache. Welcher Religion man in dieser Frage zuneigt, hängt in der Regel ebenfalls mit der Zugehörigkeit zum Lager der Balladenfreunde oder Discohäschen zusammen. Immerhin handelt es sich um einen erprobten Kompromiss: etliche Länder wandten das Halb-und-halb-Verfahren bereits vor der Übernahme durch die EBU in ihren nationalen Vorentscheidungen an. Sehr oft mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass das zweitbeste Lied gewinnt, weil die Jury dem Publikumsfavoriten gar keine oder nur sehr wenige Punkte gibt, das Publikum hingegen den Juryfavoriten links liegen lässt. Wenn zwei sich streiten, freut sich immer der Dritte: es gewinnt dann ein Song aus der zweiten Reihe. Ein Verfahren aber, bei dem nur zweite Wahl herauskommt, ist Müll. Was schlichtweg im Wesen des Kompromisses liegt: alle verlieren, niemand bekommt, was er will, und das Optimum wird verhindert. Kompromisse sind nun mal immer faul.


Juryliebling: Chuckys Braut (SE 2008)

Bestes Beispiel hierfür: Charlotte Perrelli und ihr ‚Hero‘ (SE 2008). Ein geradezu klassischer Grand-Prix-Schlager, wie er von organisierten Fans meist heiß geliebt wird. So wie auch von mir: Songs wie ‚Hero‘, ‚This is my Life‘ (IS 2008) und ‚Senhora du Mar‘ (PT 2008) sind für mich der Grund, den Grand Prix einzuschalten. Gleich zwei mal ließ sich Charlotte heldenhaft von Juroren retten: beim schwedischen Melodifestivalen, wo sie auf dem zweiten Platz landete, aber mehr Punkte von der Jury bekam. Und in der Qualifikationsrunde in Belgrad, wo sie Zwölfte wurde, die erstmals wieder installierte und nur für den zehnten Platz zuständige Jury sie aber hinterrücks an Mazedonien vorbeimogelte. Mit dem Ergebnis, dass sie zur großen Enttäuschung eingefleischter Fans (wie auch mir) im Finale abkackte – weil sich die im Finale alleine abstimmenden Zuschauer/innen von einem wie Chuckys Braut aussehenden Botoxmonster keinen fröhlichen Schwedenschlager vorsetzen lassen wollten.


Argument genug gegen die Jurys: Kuunkuiskaajatgate (FI 2010)

Um so schlimmer also, dass die EBU mit diesem halbgaren Minimalkompromiss seinerzeit die Tür öffnete – denn, wie wir heute wissen, reichte dieser natürlich nicht aus, die beständig quengelnden Anhänger der organisierten Bevormundung dauerhaft ruhig zu stellen, sondern bestärkte sie nur in ihrem Irrglauben. Und so nahm das Unglück im Folgejahr erstmals seinen Lauf… Übrigens scheint es so etwas wie Karma-Ausgleich zu geben: schmuggelte die Jury 2008 (‚Hero‘) und 2009 (‚Lose Control‘ von Waldos People) jeweils auf Kosten Mazedoniens einen skandinavischen Beitrag ins Finale, so verhinderten dieselben Geschmacksgeronten 2010 und 2011 das Weiterkommen skandinavischer Titel aus dem Semis – darunter die besten Beiträge, die jemals von der arktisnahen Halbinsel kamen  (‚Haba haba‘ [NO 2010]‚Työlki ellää‘ [FI 2011])! Seither bleibt kein Semifinale ohne Voting-Gate. Auch hier beweist sich wiederum nur, dass das Publikum stets die besseren Urteile fällt.

Verhinderter Sieger: die Jurys stießen Publikumsliebling Sergey hinterrücks vom Podest (RU 2016)

Vollends ins Absurde driftete es dann beim Eurovision Song Contests 2016: hier präferierten die Jurys die extra auf ihren Geschmack hin konzipierte und vor Vokalgewichse nur so triefende Ballade ‚Sound of Silence‘ (AU 2016); die Zuschauer – auch die im Westen! – wählten den Russen Sergey Lazarev und seine spektakuläre Inszenierung des durchschnittlichen Discoschlagers ‚You are the only One‘ zu ihrem Sieger. Im Gesamtergebnis gewann stattdessen die nirgends favorisierte Jamala aus der Ukraine mit ihrem (wunderschönen!) anspruchsvollen, politischen Lied ‚1944‘, von dem sie allerdings europaweit kaum eine Kopie verkaufen konnte. Ein umstrittener Siegersong also, den weder die Zuschauer noch die Jurys gewählt haben und der den Contest wieder zurück in die überwunden geglaubte Phase der popmusikalischen Irrelevanz führt: bravo, EBU!