Stimm­ge­wich­tung

Neben der letz­ten Endes lei­der durch­ge­setz­ten Rück­kehr der Jurys gab es noch wei­te­re Ide­en zur Refor­mie­rung des Grand-Prix-Wer­tungs­we­sens. Im drit­ten Teil mei­ner klei­nen Serie wird an der Stimm­aus­zäh­lung her­um­ge­fum­melt: von schlich­ten Ver­bo­ten über die BuVi­So­Co-Metho­de, regio­na­len Vor­auswah­len oder einer Stimm­ge­wich­tung bis hin zur voll­stän­di­gen Abschaf­fung der Län­der­stim­men.

Haut den Lukas

Die belei­dig­ten Reak­tio­nen, ins­be­son­de­re im Wes­ten, auf das Nach­bar­schafts­vo­ting erin­nern ja durch­aus an das Gegrei­ne eines ein­ge­schnapp­ten Kin­des auf dem Spiel­platz, dem die bösen Jungs aus dem Schmud­del­kin­der­block das Schip­p­chen weg­nah­men und das jetzt androht, heim­zu­ge­hen und nicht mehr mit­zu­spie­len. Man­che ver­in­ner­lich­ten die­se Opfer­hal­tung so sehr, dass sie ernst­haft ein Ver­bot for­der­ten: alle Stim­men eines Lan­des für die umlie­gen­den Nach­barn müss­ten unter den Tisch fal­len. Unge­recht auf gleich meh­re­ren Ebe­nen: zum einen hät­ten Insel­staa­ten wie Island, Mal­ta und Zypern hier einen Vor­teil. Oder auch Isra­el, des­sen freund­lich geson­ne­ne Nach­barn alle­samt ohne­hin nicht teil­neh­men. Für Deutsch­land aber hie­ße das, nie mehr für einen öster­rei­chi­schen, schwei­ze­ri­schen, fran­zö­si­schen, bel­gi­schen, hol­län­di­schen, pol­ni­schen, däni­schen oder tsche­chi­schen Bei­trag anru­fen zu dür­fen. Gut, bei den bei­den Letzt­ge­nann­ten wäre das nicht schlimm, die schi­cken eh immer Schei­ße oder machen nicht mehr mit. Aber man stel­le sich vor, wir hät­ten Con­chi­ta Wurst (AT 2014) nicht unter­stüt­zen kön­nen. Undenk­bar!


Stark und schön: die Wurst

Etwas bes­ser geeig­net erscheint da zunächst die bei Ste­fan RaabBun­des­vi­si­on Song Con­test prak­ti­zier­te Vari­an­te: Anru­fe für das eige­ne Land ein­fach erlau­ben! Der Vor­teil: jedes Land bekä­me auto­ma­tisch schon mal zwölf Punk­te und nie­mand müss­te mehr mit lee­ren Hän­den nach Hau­se fah­ren (wie zuletzt Ann Sophie). Wahr­schein­lich sän­ke sogar das Bedürf­nis nach Nach­bar­schafts­vo­ting als natio­na­le Ersatz­be­frie­di­gung. Der alles ent­schei­den­de Nach­teil: gäh­nen­de Lan­ge­wei­le bei der Stim­men­aus­zäh­lung. Außer­dem wir­ken 12 Punk­te aus Deutsch­land an Deutsch­land noch pein­li­cher als ein “Gefällt mir” bei Face­book für die eige­ne Sta­tus­mel­dung: Eigen­lob stinkt nun mal. Wei­te­rer Vor­schlag: Euro­pa in zwei (Ost/West) bis fünf Regio­nen (Skan­di­na­vi­en, West­eu­ro­pa, Mit­tel­meer, Bal­kan, Ost­eu­ro­pa) auf­tei­len und eige­ne Qua­li­fi­ka­tio­nen durch­füh­ren las­sen, aus denen dann die bes­ten Titel ins inter­na­tio­na­le Fina­le kom­men. So was in der Art gab es sogar schon mal: 1993, als die EBU erst­mals in der Flut der Anmel­dun­gen aus dem Osten ertrank, muss­ten es die Debü­tan­ten in Ljub­lja­na gegen­ein­an­der aus­fech­ten. Mit dem Ergeb­nis, dass die jugo­sla­wi­schen Bür­ger­kriegs­län­der die ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen (Satelliten-)Staaten geschlos­sen raus­keil­ten.


Aus der Mill­street-Qua­li­fi­ka­ti­ons­show: Dida Drăgan men­stru­iert

Zudem steckt der Teu­fel im Detail: wo sor­tiert man bei­spiels­wei­se Grie­chen­land ein? Geo­gra­fisch gehört es zu Süd­ost­eu­ro­pa, also zum erwei­ter­ten Bal­kan. Als klas­si­sches Euro­vi­si­ons­land zählt es aber mei­nes Erach­tens – wie auch Isra­el – kul­tu­rell zum “Alten Euro­pa”. Und man stel­le sich vor, die Hel­le­nen müss­ten mit den namens­ver­fein­de­ten Maze­do­ni­ern in die­sel­be Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de: das gäbe Krieg! Zumin­dest in den Kom­men­tar­spal­ten der Euro­vi­si­ons­sei­ten, wo sich schon heu­te jedes Mal die glei­chen, so unver­meid­li­chen wie ermü­den­den Hass­ti­ra­den ins Netz ergie­ßen, wenn der alber­ne Namens­zu­satz FJR fehlt! Hut ab daher vor der EBU, die das Gan­ze den­noch in homöo­pa­thi­scher Dosie­rung in das seit 2008 prak­ti­zier­te neue Qua­li­fi­ka­ti­ons­sys­tem ein­flie­ßen ließ, in dem sie alle Län­der je nach Abstim­mungs­ver­hal­ten und geo­gra­fi­scher Lage in sechs Töpf­chen sor­tiert und auf zwei Vor­run­den auf­teilt. Bei der Pre­miè­re funk­tio­nier­te das sehr gut: im Gegen­satz zu 2007, wo der Osten gna­den­los durch­mar­schier­te, ging das Vor­rund­en­er­geb­nis im Jahr dar­auf völ­lig in Ord­nung. Seit­her stö­ren nur noch absur­de Jury-Fehl­ent­schei­dun­gen die fein aus­ta­rier­te Balan­ce. 

Das Land mit dem Meis­ten

Als wei­te­rer Ansatz­punkt gegen die emp­fun­de­ne Über­macht der Ost­staa­ten dien­te der Vor­schlag einer bevöl­ke­rungs­ab­hän­gi­gen Gewich­tung der Stim­men. Wäh­rend west­li­che Regie­run­gen auf poli­ti­scher Ebe­ne in zum Teil völ­ker­recht­lich frag­wür­di­ger Wei­se die per­ma­nen­te Zell­tei­lung im Osten unter­stüt­zen – wie zuletzt die Abspal­tung des Koso­vo – emp­fin­den vie­le Grand-Prix-Zuschau­er/in­nen es als unge­recht, dass die neu­en Winz­staa­ten trotz der Ein­woh­ner­stär­ke eines Eifel­dörf­chens beim Grand Prix über die glei­chen Stimm­rech­te ver­fü­gen wie Staa­ten mit sie­ben­stel­li­gen Bevöl­ke­rungs­zah­len. War­um also nicht die zu ver­tei­len­den Punk­te mit der Ein­woh­ner­schaft (oder, wie im Euro­pa­par­la­ment, einem dar­an gekop­pel­ten Fak­tor) mul­ti­pli­zie­ren? Wäre doch nur gerecht, oder? Nun ja, ganz sicher nicht aus Sicht der Klein­staa­ten, die oft jah­re­lang und unter hohem Blut­zoll für ihre Unab­hän­gig­keit kämp­fen muss­ten. Sich jetzt von den gro­ßen bösen Nach­barn, von denen sie sich gera­de lös­ten, wie­der an die Wand drü­cken zu las­sen, könn­ten die­se ver­ständ­li­cher­wei­se nie­mals hin­neh­men. Zudem zögen grö­ße­re Län­der wie Deutsch­land aus ihrer Stim­men­über­macht kei­nen prak­ti­schen Nut­zen, denn Anru­fe für das eige­ne Land haben wir bereits aus gutem Grund ver­wor­fen! Auf dem Grand-Prix-Thron säße dann wohl für alle Zei­ten die Tür­kei, die bekannt­lich auch aus ande­ren ein­woh­ner­star­ken Staa­ten wie Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich absahnt. A pro­pos: mit dem Big-Five-Sta­tus exis­tiert bereits eine mehr als aus­glei­chen­de Bevor­zu­gung gegen­über den klei­ne­ren Län­dern.


Schlech­te Wahl: Mon­te­ne­gro spal­te­te sich extra von Ser­bi­en ab, um einen Sie­gel-Song schi­cken zu kön­nen (ME 2009)

Blie­be noch der radi­kals­te Vor­schlag, näm­lich die getrenn­ten Län­der­vo­ten voll­stän­dig abzu­schaf­fen. Also ein­fach alle Anru­fe aus ganz Euro­pa zusam­men­ad­die­ren – und wer die meis­ten Stim­men hat, gewinnt. Ganz sim­pel und gerecht, oder? Ja, abso­lut – und völ­lig unprak­ti­ka­bel: denn damit fie­le der span­nends­te Teil des Abends weg, der übri­gens auch die höchs­ten Zuschau­er­zah­len erzielt. Ein nicht uner­heb­li­cher Teil der TV-Seher/in­nen erspart sich näm­lich, wie der Quo­ten­ver­lauf wäh­rend der Sen­dung jedes Jahr aufs Neue beweist, auf­grund seiner/ihrer nied­ri­gen ästhe­ti­schen Lei­dens­be­reit­schaft die Lie­der ganz und schal­tet erst zur Abstim­mung ein. Auch hier blie­be die ent­schei­den­de Fra­ge: darf man für das eige­ne Land anru­fen? Dann näm­lich fän­de der Euro­vi­si­on Song Con­test künf­tig wohl jedes Jahr in Mos­kau, Sot­schi oder St. Peters­burg statt. Falls nein, rück­te ein drit­ter deut­scher Sieg in noch uner­reich­ba­re­re Fer­ne. Wir sehen also: das Herum­fin­gern an der Stim­men­aus­zäh­lung bringt – gar nichts.

2 Gedanken zu “Stimm­ge­wich­tung

  1. Zitat:
    “1993, als die EBU erst­mals in der Flut der Anmel­dun­gen aus dem Osten
    ertrank, muss­ten es die Debü­tan­ten in Ljub­lja­na gegen­ein­an­der
    aus­fech­ten. Mit dem Ergeb­nis, dass die jugo­sla­wi­schen Bür­ger­kriegs­län­der die Ex-GUS-Staa­ten geschlos­sen raus­keil­ten”

    Bei der “Qua­li­fi­ka­ti­on für Mill­street” in Ljub­lja­na waren doch gar kei­ne GUS-Staa­ten am Start. Est­land war (wie auch Lett­land und Litau­en) nie Mit­glied der GUS – Rumä­ni­en, die Slo­wa­kei und Ungarn erst recht nicht.

  2. Vie­len Dank für den Hin­weis, Bern­hard!
    Ich hab’s jetzt umfor­mu­liert, ich den­ke, so soll­te kla­rer wer­den, was ich mein­te.

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