Stimmgewichtung

Neben der (leider teildurchgesetzten) Rückkehr der Jurys gab und gibt es aber noch weitere Ideen. Im dritten Teil unserer kleinen Serie fummeln wir an der Stimmauszählung herum: vom schlichten Verbot der Nachbarschaftsvoten über die BSC-Methode, regionale Vorauswahlen oder eine Stimmgewichtung bis hin, als radikalsten Vorschlag, zur vollständigen Abschaffung der Länderstimmen. Was führt weiter, was hätte Chancen auf Verwirklichung?

Die Diskussionen um das Nachbarschaftsvoting erinnern gelegentlich an das Gegreine eines eingeschnappten Kindes auf dem Spielplatz, dem die bösen Jungs aus dem anderen Block das Schippchen wegnahmen und das jetzt androht, heimzugehen und nicht mehr mitzuspielen. Manche haben das so sehr verinnerlicht, dass sie ernsthaft ein Verbot fordern: alle Stimmen eines Landes für die umliegenden Nachbarn müssten unter den Tisch fallen. Was gleich mehrfach ungerecht erscheint: Vorteil für Inseln wie Island, Malta und Zypern, die keine direkten geografischen Nachbarn haben. Oder Israel, deren freundlich gesonnene Anrainerstaaten nicht teilnehmen. Für Deutschland aber hieße das, nie mehr für einen österreichischen, schweizerischen, französischen, belgischen, holländischen, dänischen, tschechischen oder polnischen Beitrag anrufen zu dürfen. Das macht nun im ersten Fall keinen Unterschied, im letzten aber ist es schade – vielleicht schicken die ja mal wieder Ich Troje! Schon praktikabler erschiene mir da die BuViSoCo-Variante: Anrufe fürs eigene Land einfach erlauben! Jeder hätte automatisch schon mal zwölf Punkte und niemand müsste mehr mit völlig leeren Händen nach Hause fahren (wie Jemini 2003). Und vielleicht – aber auch nur vielleicht – sänke das Bedürfnis nach Nachbarschaftsvoting als nationale Ersatzbefriedigung. Entscheidender Nachteil: gähnende Langeweile bei der Stimmauszählung. Und peinlich wirkte es auch.


Ost oder West? (GR 2009)

Anderer Vorschlag: Europa in zwei (Ost/West) bis fünf Regionen (Skandinavien, Westeuropa, Mittelmeer, Balkan, Osteuropa) aufteilen und eigene Qualifikationen durchführen lassen, aus denen dann die besten Titel ins internationale Finale kommen. Bestechende Idee, jedenfalls auf den ersten Blick. So was in der Art gab’s schon mal: 1993, als die EBU erstmals in der Flut der Anmeldungen aus dem Osten ertrank, mussten es die Debütanten in Ljubljana gegeneinander ausfechten. Mit dem Ergebnis, dass die jugoslawischen Bürgerkriegsländer die ehemaligen sowjetischen (Satelliten-)Staaten geschlossen rauskeilten… Zudem steckt der Teufel im Detail: wo sortiert man z.B. Griechenland ein? Geografisch gehört’s zu Südosteuropa, also zum Balkan. Als klassisches Eurovisionsland zählt es aber kulturell zum Westen. Und man stelle sich vor, die Hellenen müssten ins selbe Semi mit den verfeindeten Mazedoniern: das gäbe Krieg! Hut ab daher vor der EBU, die das Ganze dennoch in homöopathischer Dosierung in das neue Qualifikationssystem einfließen ließ, in dem sie alle Länder je nach Abstimmungsverhalten und geografischer Lage in sechs Töpfchen sortierte und auf zwei Vorrunden aufteilte. Bei der Premiere funktionierte das sehr gut: im Gegensatz zu 2007, wo der Osten geschlossen durchwanderte, ging das Vorrundenergebnis 2008 völlig in Ordnung!

Das Land mit dem Meisten

Als weiteren Ansatzpunkt gegen die empfundene Übermacht der Oststaaten schlagen Einige eine unterschiedliche Gewichtung der Stimmen vor. Während westliche Regierungen auf politischer Ebene in zum Teil völkerrechtlich fragwürdiger Weise die permanente Zellteilung im Osten unterstützen – wie zuletzt die Abspaltung des Kosovo – empfinden viele Grand-Prix-Zuschauer es als ungerecht, dass die zahlreichen neuen Winzstaaten trotz einer Einwohnerzahl eines Eifeldörfchens beim Grand Prix über gleiche Stimmrechte verfügen. Also warum nicht die zu verteilenden Punkte mit der Einwohnerzahl (oder, wie im Europaparlament, einem daran gekoppelten Faktor) multiplizieren? Wäre doch gerecht, oder? Nun ja, ganz sicher nicht aus Sicht der Kleinstaaten, die ja oft jahrelang und unter hohem Blutzoll für ihre Unabhängigkeit kämpfen mussten. Sich jetzt von den großen bösen Nachbarn, von denen sie sich gerade lösten, wieder an die Wand drücken zu lassen, könnten diese, verständlicherweise, niemals hinnehmen. Und gerade Deutschland zöge aus seiner Stimmenübermacht auch keinen Vorteil, denn wir dürfen ja nicht für uns stimmen! Auf dem Grand-Prix-Thron säße dann wohl für alle Zeiten die Türkei – die ja auch aus anderen einwohnerstarken Staaten wie Großbritannien und Frankreich absahnt. A propos: mit dem Big-Four-Status existiert bereits eine mehr als ausgleichende Bevorzugung gegenüber den kleineren Ländern.


Spaltete sich extra von Serbien ab, um einen Siegel-Song schicken zu können (ME 2009)

Bliebe noch der radikalste Vorschlag, nämlich die Ländervoten vollständig abzuschaffen. Also einfach alle Anrufe aus ganz Europa zusammenzählen – und wer die meisten Stimmen hat, gewinnt. Ganz simpel, oder? Ja – und unpraktikabel: denn damit fiele der spannendste Teil des Abends weg. Der übrigens auch die höchsten Einschaltquoten erzielt. Ein nicht unerheblicher Teil der Zuschauer spart sich ja, wie der Quotenverlauf jedes Jahr beweist, aufgrund seiner niedrigen ästhetischen Leidensbereitschaft die Lieder ganz und schaltet erst zur Abstimmung ein. Und es bliebe die Frage: darf man für das eigene Land anrufen? Dann nämlich könnte es sein, dass Russland ein Abo auf den Sieg erhält (und auch andere große Staaten wie Deutschland hätten unfaire Vorteile). Falls nein, rückte ein weiterer deutscher Sieg in noch unerreichbarere Ferne.

  • Bernhard

    Zitat:
    “1993, als die EBU erstmals in der Flut der Anmeldungen aus dem Osten
    ertrank, mussten es die Debütanten in Ljubljana gegeneinander
    ausfechten. Mit dem Ergebnis, dass die jugoslawischen Bürgerkriegsländer die Ex-GUS-Staaten geschlossen rauskeilten…”

    Bei der “Qualifikation für Millstreet” in Ljubljana waren doch gar keine GUS-Staaten am Start. Estland war (wie auch Lettland und Litauen) nie Mitglied der GUS – Rumänien, die Slowakei und Ungarn erst recht nicht.

    • Anonymous

      Vielen Dank für den Hinweis, Bernhard!
      Ich hab’s jetzt umformuliert, ich denke, so sollte klarer werden, was ich meinte.