Drei-Minuten-Regel

Als leidgeprüfter Grand-Prix-Fan kennt man das Phänomen zur Genüge; besonders verbreitet bei, aber weiß Gott nicht limitiert auf dänische oder mazedonische Eurovisionsbeiträge: die ersten Töne eines bis dato unbekannten Liedes erklingen – und ein tiefer Schmerz durchfährt den Körper. Sei es ein besonders schreckliches Instrument, eine extrem nervtötende Stimme oder einfach eine Melodie, die schon mit den ersten Tonfolgen ihre herausragende Mittelmäßigkeit annonciert: du weißt instinktiv, du wirst diesen Song hassen. Abgrundtief. Und du wirst leiden. Denn anders als der gewöhnliche Popfan, der jetzt einfach den Sender wechseln, die Skip-Taste betätigen oder für die Dauer der Ausstrahlung schnell aufs Klo gehen könnte, steht einem aufrechten Eurovisionista diese Fluchtmöglichkeit nicht zur Verfügung. Er hat sich einem ganzheitlichen Erlebniskonzept verschrieben: der Preis für die höchsten Wonnen der rauschhaften Schlagerekstase, beispielsweise bei Eurobands ‚This is my Life‘ (IS 2008), besteht dabei im Erdulden der ins Unendliche ausgewalzten Ideenlosigkeit von Poprockseich wie ‚New Tomorrow‘ (DK 2011), selbst wenn alle Sinne dagegen revoltieren.

Die Bestie in Liedgestalt: gegen A Friend in London (DK 2011) hilft nur Weihwasser

So windest du dich unter tiefsten körperlichen Qualen, während A Friend in London ihren verlogenen, abgeschmackten Sülz darbringen, Strophe um nicht enden wollende Strophe. Und, gerade als du glaubst, es jetzt aber um keinen Preis der Welt auch nur noch eine Sekunde länger aushalten zu können, nochmals zum verhassten, das Gehirn in Schockstarre versetzenden Refrain anheben, zum gefühlt wohl fünf millionsten Mal. Da die Folter in Europa verpönt ist, ersann ein so mitleidiger wie hellsichtiger Mitarbeiter der veranstaltenden EBU die Drei-Minuten-Regel, nach der ein Eurovisionsbeitrag unter keinen Umständen die magische 180-Sekunden-Grenze überschreiten darf. Höchstwahrscheinlich basierend auf der essentiellen Erkenntnis „in der Kürze liegt die Würze“. Und der leidvollen Erfahrung, dass sich gerade die Apologeten der Fadheit, die weder musikalisch noch textlich oder wenigstens optisch irgendetwas auch nur annähernd Interessantes zu erzählen vermögen, genau daran eben nicht halten. Wie das Beispiel der ‚Corde della mia Chitarra‘ von Nunzio Gallo (IT 1957) belegt, dem mit mehr als fünf Minuten längsten Grand-Prix-Lied der Geschichte. Weswegen seit 1958 – bis heute – strikt auf die Einhaltung der Liedlängenobergrenzenverordnung geachtet wird.

Das immerhin steht fest: die Italiener haben den Längsten

Schöne Erklärung, oder? Ist natürlich völliger Quatsch: interessierten sich die Fernsehverantwortlichen auch nur im Geringsten für die Leidensbereitschaft der Zuschauer, könnten sie ja kaum noch Programme machen. Tatsächlich dürfte eher eine gewisse Planungssicherheit hinsichtlich der für die Show zu veranschlagenden Sendezeit den Ausschlag für die Drei-Minuten-Regel gegeben haben, also ein technisches Bedürfnis des Mediums. In Teilen vielleicht auch die angesichts der Ausgestaltung des Eurovision Song Contest als Länderwettbewerb stets virulente Forderung nach Chancengleichheit für alle Teilnehmer. Natürlich bringt die Regelung auch Nachteile: gerade heutzutage, wo sich die durchschnittliche Länge von Popsongs auf vier bis viereinhalb Minuten eingependelt hat, fallen oft filigrane Instrumentalparts der Eurovisionsschere zum Opfer. Was sich ganz gut dort beobachten lässt, wo in den nationalen Vorentscheidungen die Liedlänge noch freigegeben ist (wie in Albanien) und anschließend das große Kürzen einsetzt. Manchmal sorgt die Regel auch für ein sehr abruptes Songende. Beispiel hierfür: Miro‚Angel si ti‘ (BG 2010), ein wunderschönes Discodrama vom Balkan. Das einen aber unbefriedigt hinterlässt, weil das Lied kurz vor Erreichen der 180-Sekunden-Grenze ausblutet, wo eigentlich noch eine Rückung und ein aufwallendes Finale hingehört.

Als hätte jemand den Stecker gezogen: ‚Angel si ti‘ verendet, statt zu enden

Wie unverzichtbar und menschenfreundlich die Vorschrift dennoch ist, zeigt sich vor allem bei jenen Ländern, die sie nicht nur als Maximal-, sondern auch als verbindliche Mindestvorgabe begreifen und in ihren nationalen Vorrunden eine exakte Liedlänge von 3 Minuten und 00 Sekunden vorschreiben. Wie  zum Beispiel die Schweiz. Denn, wie schon weiter oben ausgeführt, hängen gerade die Komponisten der ödesten Schnarchlieder (und das sind im dortigen Finale immer ausnahmslos alle) an ihre spätestens nach 30 Sekunden auserzählten und kaum noch auszuhaltenden Songs stets noch Strophe um Strophe, Rückung um Refrain an, wenn man sie lässt. So, als betrieben sie einen wissenschaftlichen Feldversuch darüber, wie lange es dauert, bis Langeweile tatsächlich körperlich tötet. Um so wichtiger, dass man ihnen wenigstens nach drei Minuten Einhalt gebietet, bevor sie ernsthaften Schaden anrichten können.

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3 Kommentare zu „Drei-Minuten-Regel

  1. Deine Schreibe finde ich sehr amüsant. Nur deinen Geschmack teile ich nicht. 😉 Dieser Balkan-Disco-Krempel ist für mich die größte Qual beim ESC. Das „Botox-Monster“ aus Schweden hingegen find ich super. 🙂

  2. Das große Kürzen in Albanien. Das ist schon sinnvoll, hat man auch dieses Jahr gesehen. Drei Minuten Suus resp. QAAAAAAAAAAAAAAAAAAAIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII haben völlig gereicht. Länger hätte es wohl kaum einer aushalten können.

  3. Sehr schönes Beispiel! Also, dafür, wie verschieden die Geschmäcker sind: gerade ‚Suus‘ finde ich in der Viereinhalb-Minuten-FiK-Fassung viel, viel besser, weil atmosphärischer und nicht so dicht gepackt. Aber ich liebe dieses Lied auch heiß und innig und könnte es auch neun Minuten lang anhören. Ich verstehe aber auch gut, welch geradezu körperliche Qual es sein muss, wenn man da nur anstrengendes Gekreische hört und nicht filigranen Hochleistungsgesang und große, echte Gefühle. Umgekehrt würde ich wiederum bei den meisten dänischen Beiträgen nach drei Minuten zur Pumpgun greifen, weil ich’s nicht mehr aushielte.

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