Haldor-Lægreid-Skala

Dass es sich beim Eurovision Song Contest um die jährliche Schwulenolympiade handelt, ist kein Geheimnis. Jedenfalls spätestens seit 1997 nicht mehr, als mit dem Isländer Paul Oscar der erste bekennende schwule Sänger auftrat und auch eine Show hinlegte, die keine Fragen mehr offen ließ. Doch auch ungeoutete Interpreten neigten gelegentlich zu schreiend schwulen Auftritten. So beispielsweise im Jahre 2001 der norwegische Musicalsänger Haldor Lægreid, der mit ‘On my own’ nicht nur einen célinesk gesungenen Schmatzfetzen ablieferte, sondern auch noch in einer Art weißer Spitzenbluse auftrat. Und dabei dermaßen theatralisch affektiert mit den Augen rollte und grimmassierte, dass es einem die Schuhe auszog. Er gilt seither als das Referenzmaß, gewissermaßen die 12 auf der in seinem Angedenken benannten Skala. Als Vergleichsexemplare finden Sie nachfolgendend die 15 schwulsten Auftritte beim Eurovision Song Contest. Viel Vergnügen!

Platz 15: Philip Kirkorov mit ‘Kolibjeljnaja dlja Vulkana’, RU 1995

Hierfür müssen Sie jetzt stark sein, denn dieser Beitrag belegt zugleich die Spitzenposition der gruseligsten Eurovisionsauftritte aller Zeiten. Eine grausam ondulierte und mit dem Spachtel geschminkte Grand-Prix-Schabracke in Seidenbluse singt von mühsam im Zaum gehaltenen Vulkanausbrüchen – und ja, es ist ein Mann!

Platz 14: Zoli Ádok mit ‘Dance with me’, HU 2009

Ein professioneller Tänzer, und das sieht man. Leider hört man es auch, denn damit seine campe Nummer nicht so schwul aussieht, hatte sich Zoli lauter Frauen mit auf die Bühne geholt, aber leider nicht genügend Back-up-Sänger. Immerhin reichte es für den Barbara Dex Award als am schlechtesten gekleideter Sänger des Jahres. Soviel zum Thema “Schwule haben Geschmack”!

Platz 13: Cliff Richard mit ‘Power to all our Friends’, UK 1973

Noch heute gibt es Menschen, die sich überrascht zeigen, wenn man ihnen sagt, dass Sir Richard (mittlerweile auch halboffiziell) schwul ist. Dabei muss man sich nur diesen Auftritt hier anschauen…

Platz 12: Milan Stanković mit ‘Ove je Balkan’, RS 2010

Allerliebst, wie Spucki aus der Teleportationskabine auf das Kommandodeck des Traumschiff Surprise – sorry, die Bühne in Oslo, einschwebt. Und diese blondierte Mireille-Mathieu-Gedächtnisfrisur! Très chic, sicher der neueste Trend auf dem Uranus!

Platz 11: Renato mit ‘Singing this Song’, MT 1975

Schaut, liebe Freunde: mein selbst gehäkelter metallicblauer Fransenpullunder, mein ganzer Stolz! Schaut doch, ich werfe extra meine Ärmchen ganz hoch in die Luft, damit ihr die Troddeln besser bewundern könnt! Sind sie nicht allerliebst?

Platz 10: Paul Oscar mit ‘Min hinnsti Dans’, IS 1997

Paul Oscar, der Jimmy Somerville des Eurovision Song Contest. Er revolutionierte die Show. Und ich sage mit den Ärzten: Paul, Paul, Paul ist toll!

Platz 9: DQ mit ‘Drama Queen’, DK 2007

Eine klassische Travestiedarbietung mit Krönchen, Federboa und Trickkleid. Und einem klassischen Schwuppenschlager. Leider ist im homophoben Europa kein Platz mehr für solche possierlich schwule Unterhaltung: DQ scheiterte im Semi. Buh!

Platz 8: Scooch mit ‘Flying the Flag’, UK 2007

Die extra für den Contest reunionierte Popband Scooch konnte nicht im Semi scheitern: als Vertreter des Big-Four-Landes Großbritannien waren sie fest fürs Finale gesetzt. Dort ging ihre lustige Lufthuschenchoreografie leider komplett unter. Der finnische Kommentator sagte sie korrekt an: “Flying the Fag”.

Platz 7: Ivan & 3Ms mit ‘Pozdrav Svijetu’, YU 1969

Einen klingenden Gruß in allen Sprachen an “alle Jungen aller Farben und Fahnen” der Welt entbot der unglaublich verzickt grimassierende und das Händchen in die Luft werfende Ivan. Dabei durfte Thailand doch gar nicht mitstimmen!

Platz 6: Verka Serduchka mit ‘Dancing Lasha Tumbai’, UA 2007

Die explodierte ukrainische Discotranse, neben Scooch der zweite extrem schwul wirkende Act des Abends, der von einem heterosexuellen Mann gegeben wurde. Gewissermaßen der Gegenentwurf zum Straight Acting, wo schwule Männer so tun, als seien sie hetero. Und was für ein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn das sogar mit einem zweiten Platz beim Song Contest belohnt wird!

Platz 5:  Anžej Dežan mit ‘Mr. Nobody’, SI 2006

Wenige Monate nach seinem Eurovisionsauftritt war Anžej Stargast einer Grand-Prix-Party des Fanclubs EC Germany in der schwulen Frankfurter Discothek Blue Angel, in der er sich sichtlich wohl fühlte. Wer diesen Auftritt mit dem camptastischen Balkanschlager ‘Mr. Nobody’ sieht, ahnt, warum.

Platz 4: Westend mit ‘Hurricane’, AT 1983

“Ich warte auf die Eine, nur auf mich da wartet keine” – mit diesem Spruch wollten die österreichischen Synchrontänzer in ihren augenwehbunten Pullis wohl den nagenden Verdacht ihrer Mütter besänftigen. Ebenso wie mit der zur Tarnung hingestellten Ballerina. Die aber die Beine nicht halb so hoch schmiß wie ihr männlicher Kompagnion….

Platz 3: Deen mit ‘In the Disco’, BA 2004

“Take your shoes and go straight”: eine sehr merkwürdige Verquickung von Sneakerfetisch und Homoheilung, die das bosnische Discohäschen Deen hier zelebrierte. Im pinkfarbenen Westchen, mit freiliegenden harten Nippeln. Und ein unglaubwürdigeres Trockenficken als in seiner Choreografie dürfte es wohl nie gegeben haben. Ganz große Klasse!

Platz 2: Gili + Galit mit ‘Derech hamelech’, IL 1989

Er wird es mit seinen damals 12 Jahren vielleicht schon geahnt haben. Aber für die ganze Welt war es bei diesem Auftritt zu sehen: nein, der kleine Gili wird später mal kein Mädchen freien. Auch nicht seine ältere Begleitung Galit. Nix zu machen.

Platz 1: Haldor Lægreid mit ‘On my own’

Natürlich kann es nur einen geben, der diese Liste anführt. On his own!

  • deutscheland

    Wie kam es eigentlich dazu, dass der Eurovision Song Contest so viele homosexuelle Fans hat?

    • http://www.facebook.com/profile.php?id=1243937604 Oliver Rau

      Darüber sind schon ellenlange Abhandlungen geschrieben worden. In Kurzform: weil der Grand Prix früher weitestgehend frei war von E-Gitarren, pubertärer Lyrik und grölenden, sich prügelnden Fans. Sprich: von allem dampfend Heterosexuellen. Und stattdessen voll mit schönen Kleidern, harmonischen Melodien, kunstvollen Tänzen und friedlichem, zivilisiert ausgetragenem, aber dennoch nicht minder spannenden und teils tragischen Wettstreit. Weil man hier endlich Wertungstabellen mitverfolgen und ausgefeilteste Statistiken führen konnte, ohne sich mit schwulenfeindlichen, besoffenen, stinkenden Horden in ein zugiges Fußballstadion stellen zu müssen. Weil die heterosexuellen Klassenkameraden den Grand Prix nicht kuckten oder das nicht zugaben, auf jeden Fall aber die dort gespielte Musik, also Schlager und Chanson, brüsk ablehnten. Und weil man irgendwann merkte, man gehört halt zu der Gruppe derer, die lieber den Denver-Clan schauen als Dallas, die Abba für die wichtigste Popband aller Zeiten halten und nicht die Beatles, lieber Disco hören als Rock, lieber Eiskunstlauf verfolgen als Fußball und eben leidenschaftlich gerne den Grand Prix schauen. Das war identitätsstiftend.

  • Little Imp

    Was hat eigentlich Thailand mit Grimassen und Händen in der Luft zu tun? Ist da etwas an mir vorbei gegangen?

    • http://www.facebook.com/profile.php?id=1243937604 Oliver Rau

      Da ging’s eher um die Jungen. Phuket ist auch unter schwulen Sextouristen ein beliebtes Reiseziel.

      • Little Imp

        Ah, klar. Da hab ich bei dem Satz nicht weit genug zurück gedacht.