Nul Points

Bis zu 43 Interpret/innen balgen sich jedes Jahr beim televisionären Wettsingen der Nationen um die europäische Gesangskrone, der am schwierigsten zu gewinnenden Trophäe des Kontinents. Doch nur jeweils eine Königin des Abends kann es geben, nur einen Sieger, und mit etwas Glück (und einer reaktionsschnellen Plattenfirma im Rücken) landet er oder sie mit seinem Beitrag vielleicht noch einen kleineren oder größeren Hit. Doch das ist nicht garantiert. Der eigentliche Lohn der Mühen besteht denn auch in der vagen Chance auf Unsterblichkeit: der Sieg beim Eurovision Song Contest garantiert zumeist, später mal in einem der gerne gesendeten launigen Grand-Prix-Rückblicke wieder aufzutauchen; in einem der zahllosen Bücher oder Internetblogs über den Wettbewerb besondere Erwähnung zu finden; bei entsprechender Fantauglichkeit und moderater Gagenforderung als Stargast zu den immer zahlreicheren ESC-Galas eingeladen zu werden; vielleicht gar als Punkteansager/in für das eigene Land noch mal 15 Sekunden Ruhm zu genießen oder als Juror/in fungieren zu dürfen. Und, am wichtigsten von allem, in aller Ewigkeit in der Liste der Siegertitel – der eurovisionären Hall of Fame – zu stehen. Für den großen Rest der mit großen Hoffnungen angetretenen Künstler/innen sieht es hingegen finster aus: er fällt in der Regel rasch dem kollektiven Vergessen anheim.

The Looser’s standing small? Nicht hier!

Außer, man kann mit einer anderen, ganz besonderen Leistung auftrumpfen. Und zwar, wenn schon nicht mit der höchstmöglichen Punktezahl, dann eben mit dem niedrigstmöglichen Ergebnis: mit null Punkten, den gefürchteten Nul Points. Auch den völlig Glücklosen, den Verstoßenen der Eurovisionsgeschichte kommt nämliche besondere (wenn auch vielleicht nicht immer erwünschte) Aufmerksamkeit zuteil, ihnen widmen sich gar eigene Webseiten und museale Ausstellungen wie beispielsweise die exzellente Sammlung von Tex Rubinowitz. Ein besonders lesenswertes, sehr amüsantes Buch von Tim Moore befasst sich zudem mit dem Schicksal derjenigen, die auszogen, die Chansonkrone zu erringen und mit leeren Taschen wieder nach Hause kamen. Auch ich will ihnen hier das zustehende Denkmal setzen und sie Revue passieren lassen, die bis heute 38 Don Quichottes des Grand Prix, die sympathischen Verlierer/innen, die heldenhaft Gescheiterten, für die mein Herz natürlich besonders stark schlägt. Viel Vergnügen daher beim virtuellen Spaziergang durch die…

Hall of Shame des ESC!

1962 Belgien (1) Fud Leclerc Ton Nom

Viel Schwarzweiß wird Ihnen in den nächsten Minuten begegnen, denn die frühen Sechzigerjahre, als das Farbfernsehen noch in der fernen Zukunft lag, waren die hohe Zeit der Nulpointer beim Grand Prix. Was vor allem mit den damals verwendeten, öfters wechselnden Wertungssystemen zusammenhing, bei denen die Juroren insgesamt nur sehr wenige Punkte zu verteilen hatten. So traf es den seit Anbeginn des Wettbewerbs regelmäßig alle zwei Jahre für die französischsprachige Wallonie startenden Belgier Fud Leclerc (→ BE 1956, 1958, 1960, 1962) besonders hart: bei seinem vierten und letzten Eurovisionsauftritt ging er nicht nur als allererster Nulpointer überhaupt in die Annalen ein, sondern musste sich den letzten Platz auch noch mit drei weiteren Mitstreiter/innen teilen.

1962 Spanien (1) Victor Balaguer Llámame

Direkt nach Monsieur Leclerc aufgetreten, riss es auch den besonders dramatisch gestikulierenden und intonierenden Spanier Victor Balaguer, seinerzeit einer der heißesten neuen Stars des Landes. Zu meinem völligen Unverständnis übrigens, denn solchermaßen aus reiner Seele kommenden, in ihrer Ausdruckskraft schon ans Parodistische grenzenden Darbietungen bilden für meinen Geschmack das Herz und die Seele des Grand Prix. Die damaligen, überwiegend aus den steiferen nordischen Ländern stammenden Juroren brachten für solcherlei Gefühlsausbrüche jedoch keinerlei Toleranz auf und straften Victor mit Nichtachtung. Buh!

1962 Österreich (1) Eleonore Schwarz Nur in der Wiener Luft

Als dreiminütige Tourismusreklame entpuppte sich der intern ausgewählte österreichische Beitrag von 1962, als so nervtötende wie langweilende Aneinanderreihung der abgedroschensten Klischees über die Hauptstadt des Alpenlandes, welche sich das Fremdenverkehrsbüro aus den Fingern saugen konnte. Und dann noch, ganz dem gewünschten Bild der Metropole klassischer Musik entsprechend, als Operettennummer dargeboten; einem Musikstil also, der beim Grand Prix Eurovision de la Chanson ungefähr so beliebt ist wie Rap. Die Null Punkte hatte sich Frau Schwarz redlich verdient. Die besungene, tatsächlich fabelhafte Stadt allerdings nicht: Rainhard Fendrich bewies 1985 mit ‚Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehn‘, wie es wirklich geht, allerdings leider außerhalb des Song Contests.

1962 Niederlande (1) Spelbrekers Katinka

Ach ja, die unschuldigen Sechziger (und Siebziger), als die Welt noch in Ordnung war *hüstel* und Pädophilie nicht alleine der katholischen Kirche vorbehalten blieb. Sondern auch Lobpreisung im Schlager erfuhr, wie zum Beispiel bei Heino (‚Polenmädchen‘, ‚Die schwarze Barbara‘), Bernd Clüver (‚Mexican Girl‘) oder beim Kaiser, dem Roland (‚Joana‘, ‚Santa Maria‘). Auch das ziemlich creepy dreinblickende niederländische Duo Spelbrekers, das sich bei der Kriegsgefangenen-Zwangsarbeit in Bremen kennen gelernt hatte, besang hier die lieblichen Reize einer koketten Dreizehnjährigen, welche die Herren auf dem Schulweg stalkten. Dass während ihren Auftritts ständig das Licht ausfiel, müssen die Juroren wohl als Wink verstanden haben…

1963 Niederlande (2) Annie Palmen Een Speeldos

Auch im folgenden Jahr, beim Mogel-Contest von 1963, gab es gleich vier Nulpointer. Und auch 1963 ging einer der ungeliebten Trostpreise wiederum an die Niederlande, die mit einer unfassbar betulichen Weise über eine ‚Spieldose‘ antraten, gegen welche Siw Malmkivsts ‚Primaballerina‘ (→ DE 1969) geradezu als Technoschlager daherkommt. Wer derartig krass gegen das erste Grand-Prix-Gebot verstößt, nämlich „Du sollst nicht langweilen“, der riskiert zu Recht die Null!

1963 Norwegen (1) Anita Thallaug Solhverv

Norwegens erste (von insgesamt vier) Nulpointer/innen, die anstelle der so hellsichtigen wie unwilligen Vorentscheidungssiegerin Nora Brockstedt (→ NO 1960, 1961) in London antrat, erlangte dereinst Berühmtheit für ihre Hauptrolle als drogensüchtiges Go-Go-Girl in dem schwedischen Explorationsstreifen Blondin in Fara (deutscher Verleihtitel: Mona, die Schwedin). Und dafür, eines der wenigen Eurovisions-Lieder gesungen zu haben, das man niemals auf Platte presste. Daumen hoch für diesen noblen Akt der Ressourcenschonung, denn tatsächlich wäre hier jeder Materialeinsatz Verschwendung.

1963 Finnland (1) Laila Halme Muistojeni Laulu

Was für fabelhafte Kleider, was für tolle Frisuren und was für sterbenslangweilige Lieder bei diesem Contest in London! Die von den Jurys auch aufgrund der fantastisch skurrilen Idioms bis zum Wegfall des Heimatsprachenzwangs leider durchgängig missachteten Finnen suchten (in Gestalt von Frau Halme) Zuflucht beim leicht verständlichen „La la la“, was diese lahme Nummer aber auch nicht retten konnte. Dennoch: alleine schon das Outfit hätte eine milde Gabe verdient!

1963 Schweden (1) Monica Zetterlund En Gång i Stockholm

Die vielgeliebte Film- und Jazz-Legende Monica Zetterlund nahm uns mit auf eine winterliche Segeltörn durch die verschneiten Buchten der schwedischen Hauptstadt. Eine elegante, melancholisch schwebende Ballade voll filigraner Textarbeit, ein musikalisch anspruchsvolles Kleinod, von Kritikern und Aficionados geliebt – und doch, ich muss es zu meiner Schande gestehen, schliefen und schlafen mir dabei die Füße ein. Den Juroren anscheinend auch: die 2005 auf tragische Weise bei einem Zimmerbrand ums Leben gekommene Monica reiste mit leeren Händen aus London ab.

1964 Deutschland (1) Nora Nova Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne

Und auch 1964, beim Skandal-Contest von Kopenhagen, teilten sich gleich vier Sänger/innen die Goldene Null. Das erste von bis dato drei Malen traf es dabei Deutschland. Das aber mit Grandezza: immerhin hält die seinerzeit für uns singende gebürtige Bulgarin Nora Nova bis heute den Rekord für den längsten Liedtitel und den coolsten Künstlerinnennamen. Neben ihrem fabelhaften Schlager im flotten Siebenachtelrhythmus überzeugte sie auch durch eine fantastische Bienenkorbfrisur.

1964 Portugal (1) António Calvário Oração

Portugal feierte in Kopenhagen Premiere beim Grand Prix – und kassierte zur Begrüßung, neben Protesten gegen seinen damaligen Diktator, gleich mal zero Points. Ein (leider unverstanden gebliebener) Wink mit dem Zaunpfahl für die Freunde des Fado, die bis heute zu den erfolglosesten Nationen beim europäischen Wettsingen zählen. Und das mit Recht! Hier übrigens ausnahmsweise mal nicht: Senhor Calvário da Paz‘ Gottespreisung verfügte zwar über keinerlei Ohrwurmqualitäten, wurde aber mit absolut adorabler Hingabe interpretiert. Ein dickes Plus in meinem Buch, ein absolutes No-no bei den gefühlskalten Juror/innen.

1964 Jugoslawien (1) Sabahudin Kurt Život je sklopio krug

„Das Leben ist rund“, so sang der in Sarajewo geborene Sabahudin, seines Zeichens der vierte Vertreter Jugoslawiens beim Eurovision Song Contest. Rund lief es für ihn und seine sanfte Schnulze in Kopenhagen allerdings nicht: null Punkte. Und, naja, mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen.

1964 Schweiz (1) Anita Traversi I miei Pensieri

Sie gehörte in der ersten Dekade des Grand Prix Eurovision praktisch zur Grundausstattung des Schweizer Vorentscheids, die im Tessin geborene Anita Traversi. Zweimal durfte sie die Eidgenoss/innen denn auch vertreten, stets mit getragenen Grand-Prix-Balladen. Beim ersten Mal (1960) genügte es für einen achten Rang, hier aber erreichte sie das Ende der Fahnenstange. Danach verlegte sie ihr Wirken auf den häuslichen Bereich, sicher nicht die schlechteste Entscheidung.

1965 Spanien (2) Conchita Bautista ¡Qué bueno, qué bueno!

Seit jeher gehört Spanien beim Song Contest zu den am krassesten unterbewerteten Ländern. Wieso die rundweg fabelhafte Conchita, nicht umsonst die Vornamensvetterin der ebenso fabelhaften Frau Wurst (→ AT 2014), bei ihrem zweiten Einsatz für die sonnige Halbinsel für diesen engagiert dargebotenen, feurigen Flamenco-Schlager abgestraft wurde, bleibt mir ein absolutes Rätsel. Annonciert doch der Songtitel bereits die Qualität des Liedes: „Wie gut, wie gut“! Wie wahr, wie wahr!

1965 Deutschland (2) Ulla Wiesner Paradies, wo bist Du?

Zwei Mal in Folge Nul Points fürs Vaterland: der Grand Prix stand für uns in den Sechzigern unter keinem guten Stern. Dabei hätte Ullas Trennungsschmerz-Tränenzieher durchaus ein besseres Ergebnis verdient, zumal er musikalisch ausgesprochen schwungvoll daherkam. Leider wirkte Frau Wiesner in Neapel, als wäre sie gerade lieber ganz weit weg; irgendwo anders, bloß nicht hier auf der Bühne. Verschreckt, verwirrt und verzweifelt sah sie aus, was vielleicht auch daran lag, dass das RAI-Orchester sie im Schweinsgalopp durch ihr Lied hetzte. Wer aber von sich selbst nicht überzeugt ist, vermag niemanden zu überzeugen – auch nicht die Jurys. Eine Solokarriere sollte Ulla daraufhin nicht mehr gelingen, als Chorsängerin aber leistete sie Großes, wie beispielsweise ihre Mitarbeit bei ‚The Girls from Paramaribo‘ (Berry Lipman), einem der besten Easy-Listening-Stück aller Zeiten.

1965 Belgien (2) Lize Marke Als het weer Lente is

„Ik spaar de Druppels van de Dauw,“ so lautete die erste Zeile von Lizes Beitrag. Und bereits an dieser Stelle, so bin ich überzeugt, standen ihre Nul Points fest. Denn mal abgesehen davon, dass das „Sammeln der Tautröpfchen“ ein selbst für die Sechzigerjahre extrem betuliches Textklischee darstellt: auf holländisch klingt das einfach noch einen Tick lächerlicher als auf deutsch. Miss Marke bekam zu Hause dennoch eine eigene TV-Show und tritt bis heute noch auf.

1965 Finnland (2) Viktor Klimenko Aurinko laskee länteen

Ja, auch 1965 sollte es ein Quartett an Ländern sein, das punktelos nach Hause fuhr. Für alle vier betroffenen Nationen war es bereits die zweite Null, so auch für die Finnen. Die forderten es aber auch heraus: das in den Zeiten des Kalten Krieges blockfreie Land schickte einen gebürtigen Russen (mit einem fabelhaften Backenbart!), der auch noch davon sang, dass die Sonne im Westen untergeht, womit seine Liebe sterbe. Da sahen die pro-westlichen Juroren natürlich rot. Der „finnische Kosak“ wechselte später zum christlichen Gospel.

1966 Monaco (1) Téréza Kesovija Bien plus fort

1966 erwies sich als ein vor erlesenen Contest-Perlen geradezu überquellender Jahrgang. Der monegassische Beitrag, einer von „nur“ zwei Nulpointern in diesem Jahr, zählte allerdings nicht dazu. Halbherzig dahingeschluderte Massenware, so wirkte das, was die in Kroatien geborene Tereza Kesovija, im Vorjahr nach Frankreich ausgewandert und für ihren ersten Eurovisionseinsatz mit zwei frankophilen accent aigus geschmückt, hier präsentierte. Hoch anrechnen muss man ihr aber, dass sie sich auf knapp zwei Minuten beschränkte. 1972 vertrat sie Jugoslawien beim ESC – deutlich erfolgreicher.

1966 Italien (1) Domenico Modugno Dio, come ti amo

Der mehrfache San-Remo-Sieger und Grand-Prix-Repräsentant Domenico Modugno (→ 1958, 1959), der Mann, welcher der Welt den unsterblichen Klassiker ‚Volare‘ schenkte, ist das vielleicht tragischste Opfer des Orchesters beim Eurovision Song Contest. Den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllte es fraglos, was die Luxemburger Saitenschänder diesem in der Studioversion unbestreitbar zerbrechlich-schönsten Liebesflehen aller Zeiten antaten. Wenn es nicht gar auf Meuchelmord hinausläuft. Alleine dafür, dass der Cantautore mühsam die Contenance bewahrte und das Orchester nicht vor laufenden Kameras mit ihren Instrumenten verprügelte, während dieses eine laute, schräge Faschingsfassung seines sterbensschönen Songs raushaute und ihn zwang, angestrengt gegen ihren Krach anzubrüllen, statt sanft zu säuseln wie auf der Platte, gebührt ihm Respekt und Hochachtung. Und jedem Nostalgiker, der noch immer die Rückkehr der Big Band beim Contest fordert, gebührt ein Satz heißer Ohren.

 1967 Schweiz (2) Géraldine Gaulier Quel Cœur vas-tu briser?

Et voilà: die erste Nulpointerin, die sich ihr Ergebnis alleine durch stimmliche Leistung verdiente. Da werden Sie mir sicher zustimmen, sobald Sie die Blutung in ihren Ohren wieder stoppen konnten. Besonders markerschütternd: der unvermittelte, jaulend laute Schrei drei Sekunden vor Schluss. Respekt aber für die unerschütterliche Selbstsicherheit, mit der Frau Gaulier in der Wiener Hofburg im „rosa Gewand“ konsequent schief sang. Fun Fact: 1975 trat beim Contest eine irische Sängerin (für Luxemburg) an, die sich ebenfalls nur Geraldine nannte – und die genau so selbstsicher und schief performte. Die erhielt aber 84 Punkte. Verrückte Welt.

Und Achtung: ab jetzt wird’s bunt, denn wir betreten die Siebziger!

1970 Luxemburg (1) David Alexandre Winter Je suis tombé du Ciel

1970 unternahm das den Contest austragende niederländische Fernsehen bei der Bühnengestaltung eine radikale Abkehr von der frankophilen Chansonseligkeit der Sechzigerjahre. Endlich! Der modernistische Hintergrund mit freischwebenden Kugeln passte perfekt zum frischen musikalischen Wind, der beispielsweise in Form von Katja Ebsteins ‚Wunder gibt es immer wieder‘ durch diesen Contest wehte. Winter wirkte in seinem Rüschenhemd umso mehr wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Zumal sein Lied klang, als hätten sich Vader Abraham und Peter Alexander mit Séverine (→ MC 1971) gepaart und einen gemeinsamen Bastard gezeugt. Er sei vom Himmel gefallen, sang er – augenscheinlich ohne Fallschirm.

1978 Norwegen (2) Jahn Teigen Mil etter Mil

Und hier ist er: der Auftritt, der in keinem ernst zu nehmenden Zusammenschnitt der schrägsten Eurovisionsmomente fehlen darf! Der erste und damit der berühmteste Nulpointer nach dem 1975 in Kraft gesetzten, bis heute gültigen 12-Punkte-System. Dass von 1962 bis 1967 insgesamt 15 Titel eine dicke fette Null kassierten und dann – mit Ausnahme von Herrn Winter – zehn Jahre lang gar keine, hatte aber nicht nur etwas mit dem Wertungssystem zu tun, sondern vor allem mit der hitparadenkompatiblen Bestückung des Wettbewerbs in dieser Zeit. Mit der war es nun, den fortwährenden Fehlentscheidungen der → Jurys sei Dank, wieder vorbei; der Song Contest koppelte sich erneut vom realen Musikgeschehen ab. Teigen, der in Norwegen zum trotzigen Volkshelden und zur Eurovisionslegende aufstieg und noch zwei Mal wiederkommen durfte (→ 1982, 1983), gab in Paris den herumhampelnden Volltrottel: er krisch, wimmerte und zupfte an seinen Nippeln, während das wohl unfähigste Orchester aller Zeiten seinen in der Studiofassung ganz hübschen, unaufdringlichen Song unter scheppernden Trompeten begrub.

1981 Norwegen (3) Finn Kalvik Aldri i Livet

Auf Platte eine sanfte Ballade, musste der im Sport-Shirt mit Sommerschal völlig unangemessen gekleidete Finn beim Contest gegen die vom Orchester errichtete Klangmauer anschreien: der Tod für sein lahmes Liedchen, das zudem schwach anfängt und dann stark nachlässt. Tragisch: anders als sein Landsmann und Null-Punkte-Kollege Jahn Teigen ging der mental zartbesaitete (und bis dahin recht erfolgreiche) Norweger mit seinem Tritt ins Fettnäpfchen ziemlich unsouverän um – und wurde so im Heimatland zur Zielscheibe des Spotts, wo eine wöchentliche TV-Satireshow in regelmäßigen „Finn Kalvik News“ von seinem sich anschließenden, ausgiebigen Karriereloch berichtete. Eine Häme, die den Künstler sehr nachhaltig beutelte, wie Tim Moore beim Interview für sein Nil-Pointer-Buch herausfinden musste.

1982 Finnland (3) Kojo Nuku pommiin

Ein Antikriegslied, beim ESC von 1982 im britischen Harrogate, kurz nach dem Ausbruch des Falklandkrieges. Das kann doch nur gewinnen? Richtig, wenn man Nicole heißt und mit unschuldsvollem Blick im Konfirmandinnenkleid singt. Während ‚Ein bisschen Frieden‘ mit dem bis dahin größten Punktevorsprung siegte, ging Finnland vollständig leer aus. Kein Wunder, bei einer derart grauenhaften Klangcollage mit wirren Tempowechseln und quietschenden Zwischenspielen sowie einem Sänger, der sich ständig wie irre an den Kopf klopft. „Jemand zu Hause, McFly“? Immerhin brachte der dritte suomische Nulpointer es zu dauerhafter Berühmtheit: noch heute wird ein torloses Eishockeyspiel in Finnland als „Kojo-Kojo“ angesagt.

1983 Türkei (1) Çetin Alp Opera

„Die Magie der Eurovision: wo sonst bekommt man so etwas zu sehen,“ spottete der britische Kommentator Terry Wogan nach dem türkischen Auftritt von 1983 und fasste es damit sehr schön zusammen. Çetin Alp, optisch das gemeinsame Kind von Horst Tappert und John Travolta, knödelte sich hilflos durch eine grottenhafte Fahrstuhlbeschallungs-Musicalnummer. Über, ausgerechnet, die Oper. Vermutlich in dem Versuch, die nachteilige → Sprachenregel zu umschiffen und mit international verständlichen Begriffen wie „Carmen, Aida“ um sich zu werfen. Man muss es selbst gesehen haben, um es in all seiner pompösen Schrecklichkeit zu begreifen. Nachtragend, wie die Türken sind, bekam Alp im Heimatland nie wieder einen Fuß an Deck und starb 2004, kurz vor dem ersten Contest in Istanbul, gramgebeugt an einem Herzinfarkt.

1983 Spanien (3) Remedios Amaya ¿Quién maneja mi Barca?

Direkt auf Çetin folgte 1983 die spanische Neo-Flamenco-Königin Remedios (oder „Rammedios“, wie unsere Marlène Charell sie so unnachahmlich ansagte) Amaya. Zu Hause von Puristen verteufelt für das kommerzielle Weichspülen der geheiligten iberischen Nationalmusik, stieß sie in München auf kulturell taube Ohren, die das zornig-existentialistische Geschrei des barfüssigen Klageweibes in ihrem Blockstreifen-Bademantel vollkommen verschreckte. Mich als am TV-Gerät zuschauendem damals Fünfzehnjährigen übrigens auch. Heute liebe ich dieses vielleicht unverdienteste Nulpointer-Stück in der Geschichte, bereits das dritte für die Spanier, um so mehr.

1987 Türkei (2) Seyyal Taner Sarkim sevgi üstüme

Wie Duracell-Häschen wirbelten der Film- und Gesangsstar Seyyal und ihre Lokomotiven in Brüssel über die Bühne. Und das nicht nur, weil ihr offenbar zugekokster Dirigent das Orchester zwanzig Sekunden zu schnell durch das auch so schon sehr flotte Popliedchen hetzte. Buchautor Tim Moore („Null Punkte – Ein bisschen Scheitern beim Song Contest“) macht den vokuhila-tragenden Chorsänger für die Nul Points verantwortlich – mir bleiben sie weiterhin ein vollkommenes Rätsel.

1988 Österreich (2) Wilfried Scheutz Lisa, Mona Lisa

Was hat er sich dabei nur gedacht, der „große alte Mann der österreichischen Popmusik“, wie Moderator Pat Kenny ihn süffisant ankündigte? Mit brüchiger Reibeisenstimme fräste er sich durch sein selbst geschriebenes Musikverbrechen, krude Reime absondernd, begleitet von einer schlecht eingestimmten Chordame. Einige von Alkohol- und Drogenexzessen begleitete Jahre sollten nötig sein, um genügend inneren Abstand von dieser selbst verschuldeten Schande zu gewinnen, wie sein Sohn Hanibal später in einem Legenden des Austropop-TV-Special verriet. Oder, wie im Falle der damaligen Zuschauer/innen, um diese Darbietung zu verdrängen.

1989 Island (1) Daníel Ágúst Haraldsson Það sem enginn sér

Drei Mal hatte das kleine und sehr weit entfernt liegende Island bislang mitgemacht beim europäischen Wettsingen, und drei Mal war man auf dem 16. Platz gelandet. Diesmal schickten die Insulaner einen androgynen jungen Mann, der optisch ein wenig an Annie Lennox erinnerte. Er sang auf isländisch den Mond an, um ihm ein dunkles Geheimnis zu beichten. Und entsprechend verstörend wirkte der Auftritt auch. Irritierte es stärker, wenn Daníel an der Kamera vorbei blickte (wie meistens) – oder hinein? Sah die Am-Knöchel-wallend-unter-der-Achsel-kneifend-Hose furchtbarer aus oder die Priesterinnenbluse, die er trug? Bei der Schwere der optischen Prüfungen fiel immerhin kaum noch ins Gewicht, wie schrecklich der Song war. Mitte der Neunziger gründete Daníel die Band GusGus, die zu den Pionieren der elektronischen Musik zählt.

1991 Österreich (3) Thomas Forstner Venedig im Regen

Ah, mein allerliebstes ♥ ESC-Guilty-Pleasure! Hier stimmte einfach alles: ein zum kraftvollen Mitschmettern einladender, schamloser Sülzschlager mit watteweichem Traum-und-Schaum-Text; das unvermeidliche, blechern scheppernde Saxophon; eine klobige → Rückung; ein plombenziehend schief jaulender Begleitchor; ein gerne mal messerscharf am Ton vorbeizielender Sänger; ein selbst für die damalige, von fortlaufenden Modeverbrechen gekennzeichnete Zeit unfassbar futtiges Eisläuferkostüm und schließlich zur Krönung des Ganzen noch die prachtvollste Fußballerfrisur aller Zeiten, die ihr optisches Grauen durch das sichtbare Schütterwerden des Forstnerschen Schopfes erst zur vollen Entfaltung brachte. Für den ehemaligen Teeniestar bildete seine zweite Eurovisionsteilnahme (nach 1989) den Sargdeckel zu seiner Karriere – und dennoch bleibt er mit diesem Auftritt für alle Zeiten unsterblich!

1994 Litauen (1) Ovidijus Vyšniauskas Lopšinė Mylimai

Was für ein Entrée: erstmalig ging der Baltenstaat 1994 in Dublin beim ESC an den Start – und kassierte, wie dreißig Jahre zuvor die Portugiesen, zur Begrüßung gleich einmal Nul Points. Ovid, den das in Sachen Eurovision damals wie heute vollkommen ahnungslose litauische Fernsehen sehr kurzfristig nominierte, musste die lyrisch hübsche Nummer über das sanfte Begehren der Defloration in Windeseile an nur einem Nachmittag schreiben – entsprechend halbgar hörte es sich an. Da nutzte auch der selbstbewusste Auftritt des bärigen Litauers leider nichts. In der örtlichen Lederbar erfuhr Ovid aber sicher Trost und Zuspruch.

1997 Norwegen (4) Tor Endresen San Francisco

1997 begann beim ESC mit der Einführung des Televoting und dem Siegeszug der Ethno-Disco ein neues Zeitalter. Norwegen hatte das Memo nicht erhalten und schickte einen sonst hauptsächlich auf Touristendampfern auftretenden Entertainer mit einem entsetzlich altmodischen Song. Der sich nur deswegen um ‚San Francisco‘ drehte, weil man hoffte, mit möglichst vielen amerikanischen Vokabeln die vermaledeite → Sprachenregel zu umgehen. Schiffbruch für die Wikinger, bereits das vierte Mal!

1997 (2) Portugal Célia Lawson Antes do Adeus

Waaaaas? Erst der zweite Nulpointer für Portugal? Unglaublich, wo dieses Land uns doch so oft mit superdrögen Beiträgen bis zur Hirnstarre langweilte. Auch 1997: eine Hommage an den berühmtesten Eurovisionsbeitrag der Halbinsulaner sollte es sein, an das Revolutionslied ‚E depois do Adeus‘ von 1974 nämlich, was Frau Lawson hier in Begleitung eines fingerschnippsenden Begleitchores darbot, der direkt aus dem Film Matrix hergebeamt schien. Und ja: in Sachen Ödnis konnte es die zweite Null dieses Jahrgangs spielend mit Paulo de Carvalho aufnehmen. Der bekam trotzdem drei Trostpunkte damals, Célia nicht. Was sie laut Tim Moore auf eine Verschwörung zurückführte, in welche die CIA und Aliens verstrickt gewesen sein sollen. Vielleicht auch Christer Björkman, wer weiß das schon.

1998 (3) Schweiz Gunvor Guggisberg Lass ihn

Was für ein chauvinistisches, sexistisches Schwein Terry Wogan doch war! Und wie recht er hatte: „Dieses Kleid versprach irgendwie mehr, als es lieferte“, moderierte der britische Kommentator Gunvors Auftritt ab, und das gleiche kann man über den Song sagen. Selbst die Backing-Truppe der zuvor im Heimatland von der Boulevardzeitung Blick öffentlich gevierteilten schweizerischen Repräsentantin schien nur mit halbem Herzen dabei zu sein. Kein Wunder bei einem derartig kruden Schlichtschlager. Oder, in den Worten der Interpretin: „sag, tut’s nicht weh“? Und wie!

2003 Großbritannien (1) Jemini Cry Baby

Hochmut kommt vor dem Fall: das (damals noch) Vereinigte Königreich, selbsternanntes und stolzes Mutterland des Pop, traditionell auf Kontinentaleuropa und ihren skurrilen Wettbewerb der absurden Songs und kitschigen Kostüme herabblickend, wurde Letzter beim Wettsingen. Und das auch noch selbst verursacht: da sich die BBC zu geizig zeigte, sein Liverpooler (!) Proll-Duo mit In-Ohr-Monitoren auszustatten, konnte sich Gemma auf der Bühne der Skonto-Halle in Riga selbst nicht hören – und setzte eine halbe Oktave zu tief ein. Was ihre Backings so aus der Bahn warf, dass sie jaulten wie getretene Katzen. Ein Desaster, eine nationale Schande, die vermutlich größte kulturelle Blamage, welche die Briten jemals hinnehmen mussten. Und ein japanisches Kirschblütenfest der Schadenfreude für ganz Europa. Ach, watt herrlich!

2004 Schweiz (4) Piero Esteriore Celebrate!

Für den mit großen Hoffnungen angetretenen Castingshow-Burschen war der Auftritt im Semifinale zu Istanbul im Grunde nach 40 Sekunden vorüber: da schlug er sich vor lauter Aufregung nämlich selbst das Mikrofon in die Fresse. Man konnte zusehen, wie dem prollschnuckligen Italoschweizer die Gesichtszüge entglitten, und sang er bis dahin schon wirklich schlecht, so wurde es danach richtig unterirdisch. Auch sein Begleitchor, die Music Stars, ebenfalls Teilnehmer/innen des selben Castings, ließ sich vom Horror anstecken. Schlimmer kann die Situation auch kaum sein: Du weißt, Du hast es komplett verkackt, musst aber noch zweieinhalb Minuten auf der Bühne überleben. Schmerzvoll, auch für den Zuschauer. Esteriore, der den Eidgenossen damit die vierte Null bescherte, verkehrt seither hauptsächlich auf dem Boulevard: so demolierte er aus Wut über einen abschätzigen Artikel im Revolverblatt Blick mit dem Auto den Eingangsbereich des Verlagshauses und trat in Deutschland bei den Prekariatsshows Big Brother und Das Supertalent in Erscheinung.

2009 Tschechien (1) Gipsy.cz Aven Romale

Im offiziellen Videoclip, unterlegt von der Studioversion, war ‚Aven Romale‘ tatsächlich ein ganz unterhaltsamer, okayer Song. Live geriet der Versuch, selbigen kribbelbunten Clip nachzustellen, zum Fiasko. Die Roma-Superhelden-Kapelle legte mit ihren Null Punkten im Moskauer Semifinale bei einem 42 Länder starken Teilnehmerfeld das offiziell schlechteste Ergebnis aller Zeiten hin und bescherte ihrem Land den Status der bis dato erfolglosesten Eurovisionsnation. Weswegen Tschechien nach nur drei Teilnahmen (mit zwei letzten und einem vorletzten Platz im Semi) für die nächsten fünf Jahre aussetzte.

2015 Österreich (4) Makemakes I am yours

Was für ein Absturz: hatte die glamouröse, anbetungswürdige Conchita Wurst 2014 mit dem gesellschaftspolitisch wohl wichtigsten Sieg aller Zeiten unser sympathisches, mit dem Contest jedoch stets grantelndes Nachbarland nach fast fünfzigjähriger Durststrecke endlich wieder auf die eurovisionäre Landkarte zurückgeholt, so schickte der ORF, der in Wien einen fantastischen ESC organisierte, einen derartig superseichten Song zum Wettbewerb, dass er als erster Gastgeber in der Eurovisionsgeschichte die Schmach erleiden musste, kein einziges Gastgeschenk einsammeln zu können. Noch nicht mal aus Höflichkeit. From Hero to Zero – gemeinsam mit den (L)Eidgenossen und den Norwegern zählt Österreich nun zu den größten Nullen des Grand Prix.

2015 Deutschland (3) Ann-Sophie Dürmeyer Black Smoke

Zumindest aber bewiesen wir in Wien deutsch-österreichisches Feingefühl: auch unsere Vertreterin Ann-Sophie blieb aus Solidarität punktelos. Dabei gab es in der Geschichte des Wettbewerbs schon deutlich schlechtere Lieder, selbst an diesem Abend. Doch das Fräulein Rottenmeier, das bei der deutschen Vorentscheidung eigentlich Zweite wurde und nur deswegen nach Wien reisen durfte, weil der Sieger Andreas Kümmert das Nervenflattern bekam und nicht wollte, schreckte das Publikum wohl durch ihr krampfhennenhaftes Auftreten ab. Und ihr Song, von der NDR-Jury mal wieder nur nach Formatradiotauglichkeit ausgesucht, bot auch keine besonderen Anrufe-Anreize. Um mit der Werbeikone Karin Sommer zu sprechen: „Mühe alleine genügt nicht“!

Never forget

Und damit sind wir vorerst am Ende unserer Führung durch die Grand-Prix-Hall-of-Shame angelangt. Ich hoffe, Sie hatten bis hierher genau so viel Vergnügen wie ich! So schnell dürfte übrigens kein neuer Beitrag mehr hinzukommen, denn das seit 2016 geltende doppelte Wertungssystem, bei dem Jurys und das Publikum getrennt werden, lässt eine Doppelnull extrem unwahrscheinlich (wenngleich nicht vollständig ausgeschlossen) erscheinen. Irgendwie schade…

Und nun kannst Du die Nulpointer von ihrem Schicksal erlösen und ihnen Punkte zuschustern. Wer von ihnen hat welche verdient? (Maximal 10 Nennungen)

View Results

Loading ... Loading ...