Postkarten

Logistisch gesehen muss der Eurovision Song Contest für jeden ausrichtenden Sender ein Alptraum sein. Das beschränkt sich nicht nur auf die rund um die Show zu organisierenden Dinge wie die Unterbringung der Delegationen, die Probenzeiten, den Vorverkauf und die tausenden technischen Anforderungen, sondern vor allem auch auf die Live-Show. Eine besondere Herausforderung liegt darin, dass hier pro Sendung bis zu 27 Acts in kurzer Folge die Bühne entern und nach → drei Minuten wieder verlassen, während der nächste Künstler bereits parat steht. Doch auch wenn sei 1999 das Orchester faktisch abgeschafft ist, die Musik vom Band kommt und eventuell zur Vortäuschung von Authentizität mitgebrachte Instrumente nicht eingestöpselt werden, so entstehen zwischen den Auftritten unvermeidliche Umbaupausen. Da gilt es, teils extrem aufwändige Bühnenaufbauten (in dieser Kategorie führend: die Ukraine) zu installieren und wieder abzubauen, Windmaschinen neu zu justieren, liegengebliebene Trickkleidteile zu entfernen und heruntergeregnetes Konfetti aufzufegen, auf dass nicht ein wild wirbelnder Tänzer darauf ausrutscht und sich ein Bein bricht. Selbst die geschicktesten, eingespieltesten Roadies benötigen hierfür eine halbe bis ganze Minute, die es zu überbrücken gilt, ohne dass der Spannungsbogen darunter leidet. Das probate Mittel hierfür nennt sich „Postkarte“ und bezeichnet einen Einspieler, der schon mal auf das nächste Land und den nächsten Act visuell einstimmt, während die Kommentatoren der teilnehmenden Rundfunkstationen die Zuschauer mit ergänzenden Informationen oder launigen Kommentaren unterhalten.

Richtig harte Arbeit: 2014 mussten die teilnehmenden Künstler/innen ihre Landesflagge kreativ nachbauen. Da konnte einem schon einmal die Puste ausgehen.

Dabei handelt es sich bei den erstmals 1970 eingeführten Postkarten – bis dahin sagte die Moderatorin des gastgebenden Senders in der Regel zwischen den Beiträgen jeden einzelnen Titel persönlich an – um eine Erfindung aus der schieren Not heraus. Denn seinerzeit gab es lediglich 12 Teilnehmer/innen: aus Protest gegen die Wertungsfarce von 1969 mit gleich vier Siegerinnen hatten alle skandinavischen Länder sowie Portugal abgesagt. Um die zu füllende Sendezeit auf ein halbwegs akzeptables Maß zu strecken (und weil die Holländer generell keine Freunde der Zwischenmoderation sind), kam das ausrichtende niederländische Fernsehen NOS auf die grandiose Idee, die Künstler/innen bei einem kleinen Stadtbummel in ihren Herkunfts-Metropolen zu filmen und diese Aufnahmen musikalisch mit vagem, scheinbar ziellos mäanderndem Geklimper orchestral zu untermalen. Gegenüber unserer Katja Ebstein ließ NOS übrigens Milde walten: da es in Berlin gerade schneite, als man drehte, durfte sie nach frostigen Außenaufnahmen im Tiergarten rasch in ein geheiztes Gasthaus einkehren. Und obgleich bereits im Folgejahr alle Protestanten zum Wettbewerb zurückkehrten, hielt sich die Neuerung, wenngleich weniger aufwändig in Szene gesetzt: mit einigen wenigen Ausnahmen überbrückte man in den Siebzigern und Achtzigern die (zu dieser Zeit aufgrund der weniger elaborierten Bühnenshows deutlich kürzeren) Umbaupausen mit bunten Tourismuswerbefilmchen, in denen Bilder der bekanntesten Sehenswürdigkeiten schon mal auf das nächste Land einstimmten.

Lago Maggiore im Schnee: die Katja stapft durchs winterweiße Berlin

Manche Nationen nutzten die Gelegenheit indes lieber zur Eigenreklame und zwangen die angereisten Sänger/innen, während der knapp bemessenen Probenwoche nebenher noch in lieblicher Alpenkulisse (Schweiz 1989) oder auf sattgrünen Schafweiden (Irland 1993) vor der Kamera herumzustolpern, um die Postkarten für den Contest zu filmen. Besondere Kreativität bewies hingegen das israelische Fernsehen, das 1979 (und auf ähnliche Weise noch einmal 1999) bekannte Sagen der jeweiligen Teilnehmernationen in einem Mix aus Zeichentrick und per Blue-Box-Verfahren daruntergemischtem Laienspieltheater auf die Schippe nahm beziehungsweise lustige Szenen vor historischer Kulisse nachstellen ließ. Ein weiteres Zeichentrickexperiment ging indes auf horrible Art und Weise schief: das von den Jugoslawen 1990 ins Rennen geschickte Maskottchen Eurocat nämlich, das jedoch weniger an eine (räudige) Katze erinnerte als vielmehr an das offenbar in die Drogenabhängigkeit abgerutschte Kind des rosaroten Panthers mit der blauen Elise. Auch die schwedische Singdrossel von 1992 nervte eher. Gleichermaßen schamlos egozentrisch wie originell hingegen die Idee der RAI, die 1991 antretenden Partizipant/innen in der Postkarte einen bekannten italienischen Schlager eigener Wahl ansingen zu lassen, womit das Schicksal etlicher von ihnen bereits besiegelt war, noch bevor sie ihr eigenes Lied zum Besten geben konnten.

Hut ab für die Hybris von Bebi Dol (YU), ‚Non ho l’eta‘ zu schänden, zumal Gigliola Conquetti moderierte!

1996, als der Wettbewerb dank der hartnäckigen Fehlentscheidungen der → Jurys den absoluten Tiefpunkt seiner Popularität erreicht hatte, versuchte das norwegische Fernsehen gegenzusteuern und dem Contest wieder etwas mehr Bedeutung und Glanz zu verleihen, in dem er die Postkarten mit einem Glückwunsch eines politischen oder kulturellen Repräsentanten des jeweiligen Landes abschloss. Woran man den unterschiedlichen Stellenwert der Veranstaltung in den verschiedenen Teilen Europas wunderbar ablesen konnte: drückte beispielsweise der damalige türkische Staatspräsident Demirel seiner Vertreterin Sebnem Paker öffentlich die Daumen, so musste sich die Fan-Favoritin Gina G. mit der britischen Staatssekretärin für den Denkmalschutz begnügen. Autsch! Im hiesigen Jahrtausend gerieten die Postkarten dann immer elaborierter: so verhob sich das schwedische Fernsehen SVT im Jahre 2000 daran, einen kulturellen Bezug zwischen Stockholm, wo der Wettbewerb stattfand, und dem jeweils vorgestellten Teilnehmerland an den Haaren herbeizuziehen, um die eigene Weltoffenheit zu betonen. Beispielsweise warf jemand in der futuristisch gestalteten Zentralbibliothek der schwedischen Metropole ein Buch eines israelischen Autoren durch den Raum, um die Gruppe Ping Pong anzukündigen. Kann man machen, muss man aber nicht. 2002, als der Wettbewerb erstmalig jenseits des früheren Eisernen Vorhangs stattfand, im estnische Tallin nämlich, rief der dortige Sender das hochgradig originelle Motto „Märchen“ als Thema aus und zeigte mehr oder minder lustige Dreißigsekünder, die sowohl einen inhaltlichen Bezug zur Balten-Metropole (wie zum Beispiel „In den Clubs von Tallin kann alles passieren“) als auch zu einer Sage herstellen sollten. Nicht ohne Risiko: die Briten reagierten angeblich not amused, als man ihnen das Märchen vom Hässlichen Entlein zuwies…

Die Deutschen sind also biertrinkende, handwerklich begabte, notorische Lügner – „Pinocchio“ hieß unsere Postkarte

Noch weiter weg vom Konzept des Anteaserns der Teilnehmerländer entfernten sich 2007 die Finnen, welche ihre Postkarten stattdessen dazu nutzen, hochgradig amüsante bis interessante Kurzgeschichten über die skurrilen Eigenheiten der Einwohner der gastgebenden Nation zu erzählen und sich mit dieser erfrischenden Selbstironie für immer den Platz als coolstes Volk Europas in meinem Herzen zu sichern. Die Serben hingegen waren die Ersten und bislang Einzigen, die sich 2008 von dem Namen der Überbrückungsclips dazu inspirieren ließen, „echte“ Postkarten in die Teilnehmerländer zu schreiben, während im Hintergrund Künstler, Sportler oder andere Promis der jeweiligen Nationen die Landesflagge nachstellten und sich dazu gelegentlich mit Farbe übergießen ließen. Eine Idee, die das schwedische Fernsehen 2014 in veränderter Form aufgriff. Hier mussten die antretenden Künstler/innen herhalten, in einer Art Kreativworkshop die eigene Fahne nachzubasteln (Elaiza beispielsweise fertigten schwarz-rot-goldene Bonbons, Sanna Nielsen bastelte mit Hilfe von gelben Luftmatratzen in einem mit blauen Fliesen gekachelten Schwimmbecken das Schwedenkreuz nach). Deutlich mehr Aufwand also als noch 1975, als die Sänger/innen lediglich ein Wasserfarbenbild von sich selbst pinselten und dabei unter Beweis stellten, dass Talent in einem einzelnen musischen Fach nicht bedeutet, dass man es in allen haben muss. Harte Arbeit erwartete auch die Interpret/innen des „Building Bridges“-Wettbewerbs zu Wien: der ORF schickte ihnen Pakete mit einem kleinen Präsent nach Hause, dafür aber mussten sie, in Österreich angekommen, an allerlei abstrusen alpenländischen Freizeitaktivitäten partizipieren, erkennbar nicht immer zur eigenen Begeisterung.

Mal eine hübsche Abwandlung von „Tanze Deinen Namen“: „Bastele Deine Flagge“.

Für einen unrühmlichen Zwischenfall sorgte das 2012 gastgebende Aserbaidschan, wo man für hochglanzpolierte, vollkommen ironiefreie Tourismus-Werbefilme aus dem „Land des Feuers“ optierte. Was in den Achtzigern noch funktionierte, stieß dank des nunmehr deutlich ausgeweiteten Teilnehmerfelds schnell an seine Grenzen: bei über 40 Postkarten gehen einem irgendwann selbst dem Findigsten die Motive aus. Und spätestens beim dritten Herzeigen des futuristischen Flammenturms zu Baku stöhnte auch der gutwilligste Zuschauer auf. Pikant jedoch: den eigenen Auftritt bebilderte ITV mit majestätischen Aufnahmen von Karabagh-Pferden – ein mehr als deutlicher Seitenhieb auf die zwischen Aserbaidschan und Armenien umstrittene Region Berg-Karabach, die beide Nationen als zu sich gehörig betrachten. Deutlich friedvoller präsentierte sich Deutschland 2011: mit der im Bewegtbildbereich seinerzeit brandneuen Shift-und-Tilt-Technik nahm die ARD verschiedenste heimatliche touristische Destinationen in Spielzeugeisenbahn-Optik auf, was fantastisch aussah und wohl auch die Aufgabe erfüllen sollte, das aufgrund seiner finanziellen Vormachtstellung in Europa wenig beliebte Land etwas niedlicher und damit sympathischer erscheinen zu lassen. Was man dadurch unterstrich, dass man zusätzlich hierzulande lebende und / oder arbeitende Menschen mit Migrationshintergrund aus dem jeweiligen Starterland in die Clips einband, die das eher dämliche Contestmotto „Feel your Heart beat“ in ihrer Heimatsprache ansagten. Womit wir uns als das präsentierten, was wir entgegen aller ideologischen Scheuklappen bei den Rechten nunmal tatsächlich sind: ein internationales, weltoffenes Einwanderungsland nämlich. So geht Patriotismus! Wer immer die Idee zu diesen Postkarten hatte, meiner Meinung nach die besten in der Contestgeschichte: aus tiefstem Herzen Dank dafür!

Danke, Märklin: meine Heimat als multikulturelles Spielzeugland. Ich ♥ es.