Rückung

Wenn es ein musi­ka­li­sches Stil­mit­tel gibt, das einen Euro­vi­si­ons­song zum typi­schen Grand-Prix-Schla­ger macht, dann ist es die Rückung (eng­lisch: Key Chan­ge). Ralph Sie­gel wäre ohne sie prak­tisch nicht arbeits­fä­hig, sein schwe­di­scher Kom­po­nis­ten­kol­le­ge Tho­mas G:sson nutzt sie eben­falls mit Vor­lie­be und sei­nem Lands­mann Fre­de­rik Kem­pe ver­lie­hen die bri­ti­schen Schla­ger­boys gar den Ehren­ti­tel “Meis­ter der klo­bi­gen Rückung”. Aber was zur Höl­le muss man sich eigent­lich vor­stel­len unter einer Rückung? Es ist der ger­ne genom­me­ne “Halb­ton höher”, ein abrup­ter Wech­sel der Melo­die­fol­ge um eine hal­be (sel­te­ner: gan­ze) Ton­hö­he, bevor­zugt im letz­ten Refrain. Zu theo­re­tisch? Die däni­schen Olsen Bro­thers waren so freund­lich, zu Demons­tra­ti­ons­zwe­cken die bei ihrem 2000er Sie­ger­ti­tel ‘Fly on the Wings of Love’ an der vor­schrifts­mä­ßi­gen Stel­le, nach 2:30 Minu­ten, ein­ge­bau­te Rückung mit einer klei­nen vor­an­ge­hen­den Kunst­pau­se, einem Pau­ken­schlag und Licht­ef­fek­ten so deut­lich zu mar­kie­ren, dass wirk­lich nie­mand sie ver­feh­len kann. Über­zeu­gen Sie sich selbst:

Pau­se – Bamm! – Halb­ton höher: die viel­leicht klo­bigs­te Rückung aller Zei­ten (DK 2000).

Und? Gefun­den? Sehen Sie, war doch leicht! ‘Fly on the Wings of Love’ folgt, was den Lied­auf­bau angeht, ohne­hin wei­test­ge­hend dem klas­si­schen Grand-Prix-Rezept: Stro­phe > Refrain > Stro­phe > Refrain > Brü­cke > Refrain > Rückung > Schluss. Nach einer kur­zen erzäh­le­ri­schen Ein­füh­rung durch Jør­gen Olsen in die The­ma­tik des Lie­des (ers­te Stro­phe) folgt nach 50 Sekun­den der ers­te Refrain, sein Bru­der Niels (der, der so aus­sieht wie eine Krö­te) tritt gesang­lich hin­zu. Dann geht es in die zwei­te Stro­phe: hier wie­der Jør­gen allei­ne, gefolgt vom zwei­ten Refrain bei 1:38 Minu­ten. Der geht bei 1:57 Minu­ten in ein kur­zes musi­ka­li­sches Inter­mez­zo über, die Brü­cke. Ab 2:15 Minu­ten bekom­men wir den Refrain ein drit­tes Mal auf die Ohren, dies­mal mit durch Vocoder­ein­satz ver­zerr­ten Stim­men, eben­so wie die durch besag­te Effek­te ange­kün­dig­te Rückung bei 2:30 Minu­ten ein Stil­mit­tel, um einen Song abwechs­lungs­rei­cher erschei­nen zu las­sen und dem jetzt schon zum vier­ten Male gehör­ten Kehr­reim Dyna­mik und Fri­sche zu ver­lei­hen.

So schreibt man einen Dis­co­hit! Mor­ris Minor erklärt das Rezept.

Übri­gens fol­gen nicht nur Grand-Prix-Schla­ger die­sem Mus­ter. Prak­tisch jeder ein­zel­ne Titel aus dem Hau­se der Acht­zi­ger­jah­re-Hit­fa­brik Stock / Aitken / Water­man ist streng nach die­sem Sche­ma auf­ge­baut. Nie­mand beschreibt dies schö­ner als der bri­ti­sche Come­di­an Tony Hawks (aka Mor­ris Minor), wenn er in sei­ner bril­lan­ten S/A/W-Par­odie ‘This is the Cho­rus’ singt: “This is the Key Chan­ge, this is the Key Chan­ge, it’s our stan­dard Device to stop us soun­ding mun­da­ne”. Und auch Pop­grö­ßen wie (unter ande­rem) Micha­el Jack­son nutz­ten sie ger­ne. In den letz­ten Jah­ren nimmt die Beliebt­heit die­ses Stil­mit­tels aller­dings dra­ma­tisch ab. Auch bei der Euro­vi­si­on, ihrem natür­li­chen Refu­gi­um, wie die Sei­te escu­ni­ted in einer Unter­su­chung her­aus­fand: in den Jah­ren 2003 bis 2012 sank der Anteil von Grand-Prix-Bei­trä­gen mit Rückung von sagen­haf­ten 61,5% auf beschä­mend mage­re 16,7%! Nei­gen sich die Zei­ten, da die Rückung gleich­sam das Rück­grat des Euro­vi­si­on Song Con­test bil­de­te, also dem Ende ent­ge­gen?

Auch schön gelöst: hier mar­kiert das Erschei­nen des Chors die Rückung (IS 2013).

escu­ni­ted sieht als mög­li­chen Grund für den Rück­gang der bei den Hard­core-Fans aus­ge­spro­chen belieb­ten Key Chan­ges den stei­gen­den Ein­fluss der teuf­li­schen → Jurys auf die Euro­vi­si­on, weil die­se Songs mit näm­li­chem Ele­ment reflex­ar­tig her­un­ter­vo­ten. Bei Musik­schaf­fen­den, mit denen die­se Gre­mi­en meist besetzt sind, gilt der abrup­te Ton­art­wech­sel augen­schein­lich als schla­ger­haf­te, plum­pe Metho­de, einem eher durch­schnitt­li­chen Song zusätz­li­che Dra­ma­tik zu ver­lei­hen. Und Dra­ma­tik scheint – auch im ech­ten Hit­pa­ra­den­pop – mitt­ler­wei­le voll­ends ver­bo­ten zu sein. Aller­dings: mit Farid Mam­ma­dovs fan­tas­ti­schem Schmachtz­fet­zen ‘Hold me’ lan­de­te 2013 ein Titel mit gera­de­zu lehr­buch­haf­ter Rückung im letz­ten Refrain beim Wett­be­werb auf dem zwei­ten Platz. Und auch ansons­ten zeig­ten sich im Feld klas­si­sche Euro­vi­si­ons­bal­la­den gut ver­tre­ten (vgl. ‘What if’ von Dina Gari­po­va oder ‘Water­falls’ von Nodi & Sopho), die ohne die­se Grund­zu­tat gar nicht denk­bar wären.

Drei Rückun­gen in einem Song: ich ver­nei­ge mich in Demut vor Salo­mé! (ES 1969)

Die Rückung dürf­te also nie­mals kom­plett aus­ster­ben, und das ist auch gut so. Gibt sie doch wie kein ande­rer musi­ka­li­scher Kniff dem Kom­po­nis­ten die Mög­lich­keit, den Refrain so oft wie mög­lich zu wie­der­ho­len, um ihn dem Zuhö­rer in den Schä­del zu häm­mern, ohne dabei all zu mono­ton zu klin­gen. Und nichts zeich­net einen gelun­ge­nen Grand-Prix-Bei­trag so sehr aus wie das gro­ße, auf­wal­len­de, dra­ma­ti­sche Ende, bei dem Sän­ger, Orches­ter (heu­te: Instru­men­tal­spur vom Band) und Chor sich noch mal rich­tig rein­schaf­fen und alles geben. Die­ser Moment, wenn man sich schwer zusam­men­rei­ßen muss, um nicht die Arme aus­zu­brei­ten und laut­hals mit­zu­schmet­tern (wobei: war­um soll­te man sich da zusam­men­rei­ßen?), den erzeugt nur eine Rückung. Und so wäre ein Grand Prix ohne sie in etwa so wie ein Nutel­la­bröt­chen ohne But­ter: theo­re­tisch mach­bar, aber sinn­los.

Und hier zäh­le ich sogar vier Ton­art­wech­sel. Hal­le­lu­jah! (IL 1979)

Stand: 08.08.2018

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1 Gedanke zu “Rückung

  1. NIcht zu ver­ges­sen, dass in den Jah­ren 2002 bis 2014 genau EIN Titel mit Rückung (sogar zwei Rückun­gen in einem Lied!) gewon­nen hat – der war aber so gut, dass er wohl auch ohne Rückung gewon­nen hät­te. Wel­ches Lied das war, bleibt den geneig­ten Kom­men­tarle­sern zur Übung über­las­sen 😉

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