Sechs-Per­so­nen-Regel

Maxi­mal sechs Men­schen (und nicht ein ein­zi­ges Tier, so eine wei­te­re eiser­ne Regel) dür­fen es sein, die wäh­rend der drei Minu­ten eines Euro­vi­si­ons­auf­trit­tes gemein­sam auf der Büh­ne ste­hen. Seit 1971 fin­det sich das nie­der­ge­schrie­ben in den Euro­vi­si­ons­sta­tu­ten der EBU. Bis dahin waren beim Grand Prix offi­zi­ell nur Solosänger/innen und Duos erlaubt, aller­dings dul­de­te man von Beginn an das Mit­brin­gen von Begleit­chö­ren oder Musiker/innen. Die Schweiz zeig­te sich dabei stets ganz vor­ne­weg: so ließ sich schon die Pre­mie­ren-Euro­vi­si­ons­sie­ge­rin von 1956, Lys Assia, im ‘Refrain’ ihres Bei­trags von einem fünf­köp­fi­gen Chor unter­stüt­zen – übri­gens als ein­zi­ge Teil­neh­me­rin des Abends, was viel­leicht auch ihren Sieg erklärt. Als sich 1964 in Kopen­ha­gen das aus drei ita­lie­nisch­stäm­mi­gen Geschwis­tern bestehen­de und in Latein­ame­ri­ka kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Trio Los TNT für Spa­ni­en ins Ren­nen stürz­te, da muss­te es das unter Deck­na­men tun: laut des offi­zi­el­len Pro­gramm­hef­tes trat im Tivo­li die Solo­künst­le­rin Nel­ly auf, in Beglei­tung ihrer Chor­sän­ger Tim und Tony. Auch fünf Jah­re spä­ter in Madrid durf­te das kroa­ti­sche Män­ner­ge­sangs­quar­tett 4M nicht unter die­sem Namen antre­ten, son­dern als Ivan (Kra­jač) und die Ms. 1971 dann nutz­ten Peter, Sue & Marc – wie­der­um Eidgenoss/innen – als Aller­ers­te offi­zi­ell die damals neue Zulas­sung von Gesangs­grup­pen.

Skan­dal: mit dem Blu­men­boy sind es sie­ben Per­so­nen auf der Büh­ne! (CH 1956)

Die­se letz­te Libe­ra­li­sie­rung der Auf­tritts­be­stim­mun­gen liegt nun über 45 Jah­re zurück, und mitt­ler­wei­le erscheint die noch immer gel­ten­de Beschrän­kung auf ins­ge­samt maxi­mal sechs Per­so­nen genau so anti­quiert wie frü­her das Ver­bot von Grup­pen. Denn im Gegen­satz zu den bei­den ers­ten Grand-Prix-Jahr­zehn­ten, als es noch voll­kom­men genüg­te, sich starr vors Mikro­fon zu stel­len und zu sin­gen, bezie­hungs­wei­se als mehr auch gar nicht erlaubt war, erwar­ten die heu­ti­gen Zuschauer/innen zusätz­lich eine unter­halt­sa­me und auf das Lied abge­stimm­te Show. Kaum ein Bei­trag, der ohne eine auf den Song pas­sen­de, wohl­durch­dach­te → Cho­reo­gra­fie aus­kommt. Hier leis­te­ten übri­gens die deut­schen Kess­ler-Zwil­lin­ge Grand-Prix-Grund­la­gen­ar­beit, die bereits 1959 ihr ‘Heut’ Abend will ich tan­zen gehn’ mit einer syn­chron dar­ge­bo­te­nen Tanz­ein­la­ge auf­lo­cker­ten. Doch die visu­el­le Gestal­tung des Auf­tritts stellt eine zusätz­li­che Bür­de da, denn es soll ja nicht nur gut aus­se­hen, son­dern auch gut klin­gen – und das Gan­ze live. Und hier sto­ßen gera­de auf­wän­di­ge­re Uptem­po­num­mern immer öfter an ihre Gren­zen.

Curieux: die Kess­lers mit dem ers­ten Syn­chrontanz der Grand-Prix-Geschich­te (DE 1959).

Denn bereits das ver­nehm­li­che Schnau­fen der deut­schen Grand-Prix-Gast­ge­be­rin und Bal­let­teu­se Mar­lè­ne Cha­rell nach ihrer Pau­sen­ein­la­ge beim Grand Prix 1983 von Mün­chen bewies es aufs Schöns­te: auf beein­dru­cken­de Schau­dar­bie­tun­gen ange­leg­ter Hoch­leis­tungs­tanz lässt den Künstler/innen kaum noch Luft zum Atmen, geschwei­ge denn zum Sin­gen. Fili­gra­ne­re Vokal­leis­tun­gen als ein hei­ser gebrüll­tes “Hey! Hey! Hey! Wild Dan­ces!” (UA 2004) sind im Zusam­men­hang mit auf­wän­di­gen Cho­reo­gra­fi­en kaum zu bewerk­stel­li­gen, zumal, wenn alle sechs Per­so­nen auf der Büh­ne bereits mit ihren gym­nas­ti­schen Übun­gen aus­ge­las­tet sind. Doch es bleibt ein unlös­ba­res Dilem­ma: Syn­chron­tän­ze sehen nun mal nur dann rich­tig beein­dru­ckend aus, wenn sie von mög­lichst vie­len Men­schen gleich­zei­tig betrie­ben wer­den, viel­stim­mi­ge Refrains ver­lan­gen aber den zeit­glei­chen unge­teil­ten Ein­satz zahl­rei­cher Lun­gen­flü­gel. Da die Sechs-Per­so­nen-Regel nur beim gesamt­eu­ro­päi­schen Wett­be­werb gilt, nicht aber in den natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen, wo die ein­zel­nen Sen­der völ­lig freie Hand in der Gestal­tung ihres Aus­wahl­ver­fah­rens haben, gehen pro­gres­si­ve­re Län­der dort zwi­schen­zeit­lich ver­stärkt zum Ein­satz von Teil- oder Voll­play­back über, damit es wenigs­tens bei der (oft quo­ten­stär­ke­ren) hei­mat­li­chen Vor­auswahl gut aus­sieht und klingt.

Anstren­gend, so ein deut­sches Hit­me­lo­di­en­pot­pour­ri: die Cha­rell beim Pau­sen­tanz beim ESC 1983.

Das bes­te Bei­spiel hier­für lie­fert das schwe­di­sche Melo­di­fes­ti­va­len: gera­de des­sen Impre­sa­rio Chris­ter Björk­man (→ SE 1992) for­dert seit Jah­ren vehe­ment die Abschaf­fung der über­hol­ten Six­pack­re­ge­lung. Und er legt bei der erfolg­reichs­ten und belieb­tes­ten Grand-Prix-Vor­ent­schei­dung der Welt schon mal los: selbst zehn Tänzer/innen plus ein­ge­spiel­te Jubel­chö­re sind beim MF kein Pro­blem. Die dor­ti­gen Auf­trit­te sehen dem­entspre­chend fan­tas­tisch aus – und sie klin­gen genau so! Das aber ist brand­ge­fähr­lich: denn – das Kon­zept ken­nen die Älte­ren hier­zu­lan­de noch aus Zei­ten der seli­gen ZDF-Hit­pa­ra­de – stimm­lich eher dürf­tig auf­ge­stell­te Interpret/innen kön­nen sich hier­bei sehr bequem hin­ter dem Chor­ge­sang vom Band ver­ste­cken. Oder aber auch den eige­nen Vokal­part als Back­ground auf­neh­men und dann live ein­fach lip­pen­syn­chron “sin­gen”. So wie Madon­na, Brit­ney Spears oder (hier den Namen eines ange­sag­ten Top-Acts ein­set­zen) bei ihren Kon­zer­ten. Kön­nen die dort ja auch machen – beim Euro­vi­si­on Song Con­test aber will ich Live­ge­sang. UND eine tol­le Show. Bei­des zusam­men geht mit der Sechs-Per­so­nen-Kap­pung aber schlicht­weg nicht. Wenigs­tens eine Ver­dop­pe­lung der bis­he­ri­gen Höchst­zahl erscheint daher drin­gend gebo­ten, wobei ja eine 50/50-Quo­te für Tänzer/innen und Sänger/innen ein­ge­führt wer­den kann (sprich: maxi­mal sechs von jeder Sor­te und 12 ins­ge­samt).

Per­fek­ti­on: der teil­play­back­un­ter­stütz­te Eric Saa­de beim MF 2011.

Natür­lich gab es wie bei jeder ande­ren blöd­sin­ni­gen Euro­vi­si­ons­re­gel auch bei der Sechs-Per­so­nen-Beschrän­kung schon etli­che Umge­hungs­ver­su­che, inter­es­san­ter­wei­se wie­der­um mit der Schweiz vor­ne­weg: der Kin­der­ge­burts­tags-Hip-Hop­per DJ Bobo, bezeich­nen­der­wei­se der erfolg­reichs­te Kul­tur­ex­port des Lan­des, stell­te bei sei­nem mit gro­ßen Medail­len­hoff­nun­gen ange­gan­ge­nen Grand-Prix-Auf­tritt von 2007 in Hel­sin­ki zusätz­lich zu sei­nen fünf Begleitsänger/innen und -tänzer/innen noch jede Men­ge wild kos­tü­mier­ter Schau­fens­ter­pup­pen auf, um die von sei­nen übli­chen, auf­wän­di­gen Büh­nen­shows gewohn­te Per­so­nen­stär­ke vor­zu­täu­schen. Das ging aller­dings in die Hose: der Mix aus tap­fer tan­zen­den Men­schen und sta­tisch her­um­ste­hen­den Pup­pen wirk­te total lächer­lich. Und sei­ne arg dezi­mier­te Trup­pe kam vom wil­den Her­um­hop­sen so außer Atem, dass sein eigent­lich sehr euro­vi­si­ons­kom­pa­ti­bler Bei­trag ‘Vam­pi­res are ali­ve’ live ein­fach nur grau­en­haft klang. So schied er im Semi aus: einer der spek­ta­ku­lärs­ten Favo­ri­ten­stür­ze aller Zei­ten. In der letz­ten Deka­de hat es sich hin­ge­gen ein­ge­bür­gert, auf der LED-Wand im Hin­ter­grund die Sil­hou­et­ten zahl­rei­cher tan­zen­den Men­schen ein­zu­blen­den, um die Illu­si­on jener Per­so­nen­fül­le vor­zu­spie­geln, die wir aus allen ande­ren Musik­shows der Welt mitt­ler­wei­le fest gewohnt sind und ohne die gera­de ein tanz­ba­rer Bei­trag optisch schal und impro­vi­siert wirkt.

Vam­pi­res died on Sta­ge: der Bobo in Hell­sin­ki (CH 2007).

Da kon­ser­va­ti­ve Grand-Prix-Fans Ver­än­de­run­gen fürch­ten wie der Teu­fel das Weih­was­ser, folg­te natür­lich sofort ein kol­lek­ti­ver Auf­schrei, als der Sen­der SVT ein Kip­pen der Sechs-Per­so­nen-Regel ins Gespräch brach­te: dies benach­tei­li­ge finanz­schwa­che Län­der, die sich einen per­for­ma­to­ri­schen Over­kill nicht leis­ten kön­nen, so eines der Gegen­ar­gu­men­te. Stimmt – aber das tut die → Big-Five-Rege­lung, nach wel­cher sich die Haupt­zah­ler­län­der Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Ita­li­en und Spa­ni­en nicht dem Risi­ko eines Schei­terns im Semi stel­len müs­sen, auch. Und das starr­köp­fi­ge Fest­hal­ten an der anti­quier­ten Ober­gren­ze ändert auch nichts an der fak­tisch ohne­hin bestehen­den Ungleich­heit: dann ver­pul­vern die Skan­di­na­vi­er und die Rus­sen ihr Geld halt nicht für Tänzer/innen, son­dern für explo­die­ren­de Glas­kä­fi­ge und Eis­lauf­bah­nen, wäh­rend stär­ker gebeu­tel­te Klein­staa­ten mitt­ler­wei­le schon an den Teil­nah­me­ge­büh­ren und den Hotel­kos­ten schei­tern. Eine Chan­cen­gleich­heit im sozia­lis­ti­schen Sin­ne wäre natür­lich wün­schens­wert, exis­tiert aber – rea­lis­tisch betrach­tet – jetzt schon nicht. Der Tri­umph von Lena Mey­er-Land­rut im Jah­re 2010 beweist im Übri­gen, dass man es auch ohne gro­ßes Schnick­schnack schaf­fen kann: ein auf­wän­dig cho­reo­gra­fier­ter Bei­trag mit viel Per­so­nal auf der Büh­ne muss also nicht zwin­gend im Vor­teil sein.

Es geht auch ohne: Lena braucht kei­ne Tän­zer (DE 2010).

Dann gibt es auch die Fans, denen es “auf die Lie­der ankommt und nicht auf die Show”. Nur sehe ich da gar kei­nen Wider­spruch! Denn natür­lich benö­tigt eine sanf­te Bal­la­de wie bei­spiels­wei­se ‘Amor pelos Dois’ (PT 2017) kei­ne tau­send Tänzer/innen. Im Gegen­teil, die wären für so eine Num­mer völ­lig kon­tra­pro­duk­tiv. Die Show (und ja, auch das schein­bar so völ­lig simp­le sich-ruhig-vor-das-Mikro-stel­len-und-mit-geschlos­se­nen-Augen-sin­gen ist eine Show!) muss zum Song pas­sen, wenn sie ihn unter­stüt­zen und nicht kil­len soll. Doch der Con­test besteht ja – Gott sei Dank! – nicht nur aus lang­sa­men Lie­dern, son­dern auch aus Uptem­po­num­mern, die es gegen die ein­deu­tig bal­l­ado­phi­len → Jurys ohne­hin schon schwer genug haben. Schnel­le Tanz­mu­sik wirkt aber nun mal nur mit per­so­nal­in­ten­si­ver Cho­reo­gra­fie rich­tig gut. Und klingt vor allem nur dann akzep­ta­bel, wenn die Tänzer/innen nicht auch noch sin­gen müs­sen. Hier for­de­re nun ich Chan­cen­gleich­heit ein. Ich weiß, die Gegner/innen einer Auf­wei­chung der Sechs-Per­so­nen-Regel has­sen flot­te­re Titel in der Regel ohne­hin von gan­zem Her­zen und sähen im Fina­le am liebs­ten 26 zart fle­hen­de Chan­teu­sen. Bit­te, das ist Euer Geschmack, und natür­lich bleibt es Euch völ­lig unbe­nom­men, beim Tel­e­vo­ting aus­schließ­lich für die­je­ni­gen Län­der anzu­ru­fen, die nur eine ein­zel­ne Frau mit gro­ßer Stim­me vor ein Mikro­fon stel­len und sin­gen las­sen. Mein per­fek­tes ESC-Fina­le wie­der­um beinhal­te­te 26 auf­wän­dig insze­nier­te Dance­floor-Kra­cher, 26 mal “Plas­tik­mu­sik”. Der Song Con­test lebt aber davon, bei­de Lager zufrie­den zu stel­len. Und, ein klei­ner Tipp: je mehr Län­der gigan­ti­sche Shows auf die Bei­ne stel­len, um so grö­ßer sind die Chan­cen für die­je­ni­gen, die sich – wie Sal­va­dor Sobral – mit einer simp­len Song­prä­sen­ta­ti­on davon abhe­ben kön­nen. Win-win also, für bei­de Frak­tio­nen.

Sanf­te Ver­zau­be­rung: man­che Per­sön­lich­kei­ten fül­len eine Hal­le völ­lig allei­ne (PT 2017).

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4 Gedanken zu “Sechs-Per­so­nen-Regel

  1. Die sol­len es so las­sen, wie es ist.
    Und die von Schwe­den aus­ge­hen­de Über­le­gung, ein Halb- oder gar Voll­play­back zuzu­las­sen, ist Schwach­sinn.

    Gera­de das The­ma Schwe­den ist so eine Sache. Für die Hard­core-ESC-Fans ist Schwe­den das Glei­che wie z.B. Isra­el für die Juden – näm­lich das Hei­li­ge Land. Wen wun­derts, dass sie da rich­tig aus­ge­flippt waren, als Lore­en nach die­sem uner­träg­lich über­trie­be­nen Hype gewon­nen hat.
    Dabei ver­sucht Schwe­den den ESC kaputt­zu­ma­chen. Die hät­ten es wohl ger­ne, dass nie­mand mehr singt, son­dern alle nur noch ihre Lip­pen bewe­gen. Es ist ja schon schlimm genug, dass jeder zwei­te Bei­trag “Made in Swe­den” ist und dass die Schwe­den Lie­bes­be­zie­hun­gen zu Dik­ta­tu­ren wie Aser­bai­dschan füh­ren.

  2. Wer kauft denn den gan­zen Schwe­den­kram? Und vor allem, war­um? Sogar live vor­ge­tra­gen kommt das Zeug ein­fach an. Das kann man bedau­ern, aber von “Lie­bes­be­zie­hun­gen” kann wohl kaum die Rede sein. Das sind Geschäfts­be­zie­hun­gen.

    Außer­dem: Bedenkt man, wie viel Ein­fluss die Hard­core-ESC-Fans auf das Ergeb­nis haben (ich ver­wei­se hier mal auf das Resul­tat von Hera Björk bei der OGAE-Abstim­mung und im Ver­gleich dazu ihr Ergeb­nis beim ESC), bezweif­le ich, dass Lore­en nur durch den Hype hoch­ge­spült wur­de. Drei Mona­te in den deut­schen Top 10 kön­nen nicht aus­schließ­lich durch Hard­core-Fans erreicht wor­den sein. Ich fand die Ver­göt­te­rung die­ser Frau auch über­trie­ben, aber Fak­ten sind Fak­ten.

  3. Ich will ja auch kein (Teil-)Playback. Und genau des­we­gen bin ich für eine Frei­ga­be der Per­so­nen­zahl, sonst wird näm­lich das Play­back eines Tages kom­men.

  4. Ja, wenn ich an Bul­ga­ri­ens Sofi heu­er den­ke, der hät­te so ein biß­chen Show sicher die not­wen­di­gen 2 Punk­te fürs Fina­le beschert. Mög­li­cher­wei­se wäre eine Frei­ga­be da sinn­voll.

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