Sprachenregel

In den Anfangsjahren des Grand Prix galt sie schlicht als ungeschriebenes Gesetz, und erst, als im Laufe der Zeit immer mehr Nationen sie übertraten, wurde sie verbindlich festgezurrt: die bis einschließlich 1998 geltende Regelung, nach welcher jeder teilnehmende Staat in einer seiner amtlichen Landessprachen antreten musste. Wie hinderlich sich das nicht nur auf die nicht-anglophonen Länder, sondern auch für den Contest selbst auswirkte, dafür trat das schwedische Quartett Abba den plastischen Gegenbeweis an. Die fabelhaften Vier profitierten wie kein anderer Eurovisionsact nämlich davon, dass zwischen 1973 und 1976 auf Wunsch der Skandinavier/innen die Pflicht zur Muttersprache offiziell aufgehoben war. So, dass die beste Band der Welt 1974 mit dem auf englisch gesungenen ‚Waterloo‘ den bekanntesten und beliebtesten Siegertitel aller Zeiten abliefern, einen europaweiten Nummer-Eins-Hit landen und eine Weltkarriere starten konnte. Was wiederum sehr positiv auf die Reputation des TV-Show als Königsmacherin des Pop zurückstrahlte. Dennoch kehrten die hirnvernagelten Verantwortlichen der EBU – gerade auch auf halsstarriges Betreiben Deutschlands hin – 1977 zur sprachlichen Nationaltümelei zurück und sorgten so für die Abspaltung des Wettbewerbs vom realen Popmarkt, was den Grand Prix tief in die kulturelle Bedeutungslosigkeit führte, aus welcher er sich erst in diesem Jahrtausend wieder ein wenig befreien konnte.

In Schwedisch wär’s mit der Weltkarriere wohl nix geworden: Abba (SE 1974).

Sprachpuristinnen und Nostalgiker beklagen bis heute gerne die durch den Wegfall der Regelung ausgelöste Anglifizierung des Wettbewerbs, die ohne jede Frage einen herben kulturellen Verlust darstellt. Denn natürlich hatte es einen sehr großen Reiz, einmal im Jahr mit der ungeheuren kulturellen Vielfalt unseres Kontinents Bekanntschaft schließen zu können, die sich eben auch in Vielzahl unterschiedlichster, teilweise sehr pittoresk klingender Sprachen manifestiert. Andererseits darf man hierüber nicht aus dem Blick verlieren, dass der viel wichtigere Schlüsselfaktor für den lang anhaltenden Publikumserfolg des Eurovision Song Contest in seiner (wenngleich natürlich völlig absurden) Funktion als Wettbewerb liegt. Einen reinen paneuropäischen Liederabend ohne Punktevergabe und Sieger/in würde allenfalls eine Handvoll Enthusiasten verfolgen, niemals jedoch die Abermillionen, die über die Jahrzehnte zuschalteten, wenn es hieß „Can I have your Votes, please?“. Ein Wettbewerb setzt, soll er einigermaßen fair ablaufen, allerdings auch eine gewisse Chancengleichheit voraus.

Seit jeher hatte Finnland unter sprachignoranten Juroren zu leiden. So auch 2010.

Denn will man bei diesem Wettsingen der europäischen Völker gut abschneiden, Staaten wie Finnland, Dänemark oder Portugal wissen ein Klagelied davon zu singen, ist eine über die Landesgrenzen hinweg verständliche Sprache zumeist sehr hilfreich. Nicht ohne Grund wurde von bislang 60 Grand-Prix-Siegertiteln fast jeder vierte auf französisch gesungen. Als noch erfolgreicher erwies sich indes die Weltsprache des Internetzeitalters, nämlich Englisch, mit 28 Siegersongs und damit fast der Hälfte der Beiträge. Gerade die angeblich so sehr auf kulturelle Qualität achtenden → Jurys beförderten dies nach Leibeskräften, wenn sie beispielsweise in den frühen Neunzigern Jahr um Jahr die (englischsprachigen) Beiträge Irlands und Großbritanniens routiniert auf die ersten Ränge setzten, völlig unabhängig von jeglicher musikalischen Relevanz der Titel. Vor allem in den Anfangsjahren des Grand Prix bevorzugten die Juror/innen hingegen mit ebensolcher Einseitigkeit Frankophiles. Was zur Folge hatte, dass sprachlich benachteiligte Länder wie Deutschland oder Österreich gerne mal französische Text-Einsprengsel in ihre Lieder streuten, was dann beispielsweise im Falle von Udo Jürgens‚Merci, Chérie‘ 1966 auch zum gewünschten Erfolg führte.

Küsschen, Küsschen: Udos frankophile Finte sorgte 1966 für den Sieg (AT).

Das in den Siebzigern zum Contest gestoßene einstige britische Protektorat Malta schwenkte nach zwei spektakulär erfolglosen Auftaktversuchen mit dem eher aggressiv-arabisch klingenden Maltesisch konsequent auf die zweite Amtssprache Englisch um, mit deutlich besseren Ergebnissen. Und die linguistisch dreigeteilte (viergeteilte, wenn man den aussterbenden rätoromanischen Dialekt mitzählen will) Schweiz erzielte ihre einzigen beiden Siege sowie fast alle der spärlichen Medaillenplätze auf französisch. Sprachlich weniger privilegierte Staaten verführte die starre Regelung zu kreativen Umgehungsversuchen wie dem (erlaubten) Zitieren englischer Redewendungen im Refrain (‚Soldiers of Love‘, ‚Sing me a Song‘, etc.). Krassestes und erfolgreichstes Beispiel: ‚Rock me‘ von Riva (YU 1989), das aus äußerst spärlichen feigenblatthaften Textzeilen auf kroatisch bestand, in der Hauptsache aber aus gefühlt sechshundert Wiederholungen der englischen Titelzeile. Oder die berüchtigten Lautmalereien wie ‚Tom Tom Tom‘, ‚Tipi tii‘, ‚Pump pump‘‚La la la‘, ‚Ring dinge ding‘‚Ding a Dong‘ oder gar ‚Diggy loo, diggy ley‘, einerseits eine Art von Notwehr gegen den Muttersprachenzwang, andererseits ein kultureller Kapitulationsakt.

Wird in jeder Sprache verstanden: La, la, la (ES 1968).

Dennoch führte erst „deutsches Großmachtsgehabe“ seitens des NDR-Unterhaltungschefs Jürgen Meier-Beer 1999 zum Wegfall der völlig antiquierten Regelung, die nicht nur die Siegeschancen nicht-anglophoner Länder massiv einschränkte, sondern auch die internationale Vermarktbarkeit der Wettbewerbsbeiträge, was wiederum Gift für das Interesse der Plattenfirmen am Eurovision Song Contest war. Und ohne diese Firmen keine starken Beiträge, so die Rechnung des damaligen deutschen Delegationsleiters. Auch aus den nordischen Ländern war zu hören, dass man dort ohne die Möglichkeit, auf englisch singen zu können, keine Vorentscheidung mehr zustande bekäme. Wie Recht Meier-Beer hatte, zeigte sich, als in ehemaligen Ferner-liefen-Ländern wie Dänemark, Griechenland oder der Türkei die Musikindustrie mit in die Vorentscheide einstieg, englischsprachige Titel wie ‚Fly on the Wings of Love‘ (DK 2000), ‚Everyway that I can‘ (TR 2003) und ‚My Number One‘ (GR 2005) einreichte und nach deren Sieg europaweit erfolgreich vermarktete. Grand-Prix-Lieder in den Verkaufs-Hitparaden, das hatte es in den fünfzehn Jahren zuvor nicht mehr gegeben.

Ein Hit auch in Deutschland: die Olsen-Bande (DK 2000).

Natürlich schlug das Pendel nach der Freigabe der Sprache erst einmal in die entgegengesetzte Richtung aus, was zur verständlichen und berechtigten Klage vieler Fans führte, dass die einstmals linguistisch so wunderbar vielfältige Show in einem englischen Einheitsbrei versinke. Doch das regelt sich von selbst: mittlerweile ebbt die übermäßige Anglisierung der Ära um die Jahrtausendwende herum dankenswerterweise wieder etwas ab. Die Siege der herzergreifenden Balladen ‚Molitva‘ (RS 2007) und ‚Amor pelos Dois‘ (PT 2017) bewiesen, dass es nicht immer Englisch sein muss, und eine zunehmende Zahl von Teilnehmerländern experimentiert seither zumindest gelegentlich wieder mit ihrer Muttersprache. Oder mit buntem linguistischem Mischmasch (Beispiel: das elfsprachige ‚Love Unlimited‘, BG 2012), was ich persönlich im Sinne der multikulturellen Vielfalt besonders schön finde. Denn meines Erachtens trägt die Gesangssprache genau so viel zum klanglichen Gesamtpaket eines Liedes bei wie die Instrumentierung. Sie sollte daher in erster Linie zum Song passen. Dramatische Balkanballaden beispielsweise klingen nur in einem der slawischen Dialekte authentisch und damit ergreifend (ohne ‚Ruzmarin‘ keine Rührung!). Die beim Contest immer noch beliebten Weltfriedenshymnen, für sich genommen eine tote Musikgattung, sind allenfalls sechssprachig noch halbwegs akzeptabel. Dancetitel wiederum kommen auf englisch einfach am besten.

Verzauberte einen ganzen Kontinent: der portugiesische Hipsterschlumpf Salvador Sobral.

Und ich würde mich sogar aufrichtig freuen, wenn wir beim Eurovision Song Contest mal wieder einen Beitrag in unserer Muttersprache entböten, einen guten natürlich. Seit 2013 bietet uns die ARD (genauer: der NDR) zumindest hin und wieder auch welche zur Auswahl an, das finde ich lobenswert. Aber natürlich muss sich der Interpret damit auch wohl fühlen: ‚Glorious‘ (DE 2012) hätte auf deutsch genau so wenig funktioniert wie unser letzter Siegertitel ‚Satellite‘ (DE 2010). Die norddeutsche Band Santiano zeigte 2014 beim Vorentscheid Unser Song für Dänemark mit ihren beiden Beiträgen ‚Fiddler on the Deck‘ und ‚Wir werden niemals untergehen‘, dass man völlig problemlos in beiden Sprachen antreten kann, und dass es schlichtweg darum geht, was jeweils besser zum Lied passt. So plädiere ich letzten Endes für einen entspannten, unideologischen Umgang mit der Sprache als gleichberechtigtem Teil des musikalischen Gesamtkonzeptes. Und möchte die heutige Wahlfreiheit nicht mehr missen.

Selbes Konzept wie Massiel (ES 1968), aber auf deutsch: die Betty (Vorentscheid 2013).

Wie sieht das meine Leserschaft? Brauchen wir wieder eine Pflicht zur Landessprache?

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