Türkvizyon 2013

Türkvizyon 201324 Länder und Regionen Eurasiens mit (unterschiedlich starken) türkischen Bevölkerungsanteilen, wie beispielsweise die autonome russische Republik Tatarstan westlich des Ural oder die zu diesem Zeitpunkt noch ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim, nahmen am 19. und 21. Dezember 2013 in der anatolischen Provinzmetropole Eskişehir, seinerzeitige Kulturhauptstadt der “türkischen Welt” (und bis heute Partnergemeinde meiner Heimatstadt Frankfurt am Main), an der feierlichen Premiere der Türkvizyon teil. Es gab sogar eine Vorrunde, aus der sich 12 Länder für das Finale qualifizierten, und die wohl hauptsächlich die Funktion hatte, die Vielzahl von teilnehmenden russischen Republiken zu dezimieren sowie im Finale  genügend Zeit für die ausführlichen Ansprachen zahlreicher wichtiger Würdenträger zu schaffen.

Türkvizyon 2013

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 19. und 21.12.2013 in Eskişehir, Türkei.
Land / RepublikTeil vonInterpretSong
AltaiRUArtur MarlujokovAltayım Menin
AserbaidschanAZFərid HəsənovYaşa
BalkarienRUEldar ZhanikaevAdamdı Bizni Atıbız
BaschkortostanRUDiana IshniyazovaKuray Şarkısı
BosnienBAEmir & the frozen CamelsTers Bosanka
ChakassienRUVladimir DorjuTus çirinde
GagausienMDLudmila TukanVernis Lubov
GeorgienGEEynar Balakişiyev + Afik NovruzovKalbini Saf Tut
KasachstanKZRin'GoBirlikpen Alğa
KemerowoRUÇıldız TannakeşevaŞoriya'nın Unu
KirgisienKGÇoroKaygırba
KosovoKO (RS)Ergin KarahasanŞu Prizen
KrimUAElvira SarihalilDağların Elları
MazedonienMKİlkay YusufDüşlerde Yaşamak
NordzypernCYGommalarHavalanıyor
RumänienROGenghiz Erhan CutcalaiAy Ak Shatır
Sacha (Jakutien)RUOlga SpiridonovaSulus Uonna Tuun
TatarstanRUAlina ŞaripjanovaÜpkelemim
TuwaRUSailyk OmmunCavidak
TürkeiTRManevraSen, Ben, Biz
TürkmeneliIQAhmed DuzluKerkük'ten yola Çıkak
UkraineUAFazile IbraimovaElmalım
UsbekistanUZNilüfer UsmanovaUnutgin
WeißrusslandBYGunesh AbasovaSon hatiralar

Anders als ursprünglich angekündigt, stimmten in beiden Runden ausschließlich Jurys ab. Als Gesamtsieger ging Aserbaidschan aus der Premiere hervor, was angesichts der äußerst engen Bindungen der beiden Länder, des Involviertseins früherer aserbaidschanischer Eurovisionsteilnehmer/innen in die Organisation und Präsentation der Sendung und des eher durchschnittlichen Songs von Fərid Həsənov, um es mal vorsichtig auszudrücken, ein kleines Geschmäckle hatte. Wenigstens ging es 2014 nicht nach Baku: anders als beim ESC ist mit dem Sieg keine Austragungsverpflichtung im Folgejahr verknüpft, die Show war jedenfalls zum Start offiziell als Projektreihe der türkischen Kulturhauptstädte konzipiert. Als nachfolgender Austragungsort stand daher bereits die tatarische Metropole Kasan fest, die den Staffelstab am 21.  November 2014 von Eskişehir übernahm.

Der Siegersong der Erstausgabe: Fərid Həsənov – Yasa (AZ)

Neben dem vorgeblichen türkischen Protest gegen die (in Teilen sicherlich zu Recht) empfundene Ungleichbehandlung durch die EBU darf die Türkvizyon auch als (mäßig erfolgreicher) Versuch der Regierung in Ankara unter Premier Erdoğan gelten, an die glorreichen Zeiten des osmanischen Reichs anzuknüpfen und zur führenden kulturellen Instanz in der selbst so postulierten „türkischen Welt“ aufzusteigen. Turkvölker wie die Aserbaidschaner oder türkischsprachige Minderheiten wie die Gagausen in Moldawien existieren im gesamten eurasischen Raum, Wikipedia zählt an die 200 Millionen Sprecher/innen von einander eng verwandten Turksprachen. Sie stärker aneinander zu binden, dazu bietet sich ein solcher Gesangswettstreit an – schließlich wurde auch der Grand Prix Eurovision einst erfunden, um das kriegsgeschüttelte Europa im friedlichen Wettstreit einander näher zu bringen.

Die moralischen Sieger: Rin’Go – Birlikpen Alğa (KZ)

Und obgleich sowohl die Türkei selbst als auch die EBU die kulturelle Bedeutung der Türkvizyon als (von modernen westlichen Zumutungen wie sich küssenden Frauen oder bärtigen Dragqueens freien) Gegenentwurf zum Grand Prix herunterspielt, so ist ihr Beitrag zur weiteren Abwendung des Landes von Europa unverkennbar. Dennoch empfinde ich die Veranstaltung als Gewinn, bietet sie doch in homöopathischer Dosierung Einblick in eine (jedenfalls mir) bislang weitestgehend unerschlossene musikalische Welt. Da gab es bei der Premieren für westliche Ohren bizarren mongolischen Kehlgesang zu entdecken, endlose orientalische Klagelieder zu erdulden (keine Übertreibung: die beim ESC geltende Drei-Minuten-Regel kam hier nicht zur Anwendung) und sich an scheinbar unpassenden Instrumenten wie der Flöte in Hardrocksongs zu erfreuen. All das natürlich neben klassisch trashiger Orient-Disco, hochdramatischen Balladen, pittoresken Kostümierungen und völlig ernst gemeinten, in ihrem popkulturellen Scheitern dadurch nur um so lustigeren Lobliedern auf die teure Heimat (wie zum Beispiel diesem altaischen Beitrag:).

Altai: Artur Marlujokov – Altayım Menin (Vorschauvideo)

Schon die nationalen Vorentscheidungen zur Erstauflage der Türkvizyon boten etliche Highlights: so musste das Finale in Baschkortostan wegen eines Brandes im Veranstaltungsgebäude abgebrochen werden, an die tausend Menschen wurden evakuiert (glücklicherweise kam es zu keinerlei Personenschäden). Im türkischen Teil Zyperns trat eine Teilnehmerin mit einer Coverversion von ‚I will survive‘ an (anscheinend hatte ihr niemand gesagt, dass sie einen eigenen Titel braucht). Ein anderer Finalist zeigte sich über die Kritik der Jury an seiner Darbietung über die Maßen erbost und debattierte eine Viertelstunde lang erhitzt mit dem Punktegremium – vor weiterhin laufenden Kameras. Das würde ich mir mal beim Bohlen wünschen!

Bosnien: Emir & the frozen Camels – Ters Bosanka (Vorschauvideo)

In der Republik Altai (die an der Folgeausgabe nicht teilnahm, weil sie angeblich keine Einladung erhalten habe) dauerte es elf Stunden, bis sich die Jury für einen drögen Minnesänger mit dem bereits erwähnten Heimatlobgesang entschieden hatte. Und das erst später hinzugekommene Kabardino-Balkarien wählte die Hauptstadt der Nachbarrepublik Karatschai-Tscherkessien als Austragungsort seiner nationalen Vorentscheidung – die beiden russischen Kaukasusrepubliken mit dem gemeinsamen Faible für Bindestrich-Namen traten als gemeinsame Region an. Überhaupt gab es etliches Hin und Her um die Frage, wer denn jetzt eigentlich mitmacht: von ursprünglich 20 Teilnehmerländern erhöhte sich die Zahl im Laufe der Wochen scheibchenweise auf 24, in einem Werbespot war sogar mal von 28 Kombattanten die Rede.

Mazedonien: Ikay Yusuf – Düşlerde Yaşamak (Vorschauvideo)

Dass man bei der ersten Veranstaltung dieser Art organisatorisch noch übte (was allerdings auch heute noch der Fall zu sein scheint), zeigte sich auch an weiteren, nur mangelhaft kommunizierten Änderungen im Vorfeld: sollten es ursprünglich zwei Vorrunden (zu je zehn Ländern) und ein Finale sein, die zunächst am 19., 21. und 23. Dezember stattfinden sollten, so verlegte man diese Termine zuerst um zwei Tage nach vorne auf den 17., 19. und 21., was von den Wochentagen her (Di, Do, Sa) deutlich mehr Sinn machte. Schließlich strich man zehn Tage vor der Veranstaltung das erste Semi und warf zwei Tage vorher noch schnell drei Länder raus, die nicht rechtzeitig mit ihren Beiträgen zu Potte kamen. Dafür nahm man in letzter Sekunde vier weitere hinzu, darunter das Kosovo und den Irak.

Das vollständige Halbfinale 2013

Türkvizyon 2013, Semifinale

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 19.12.2013 in Eskişehir, Türkei.
#Land / RepublikInterpretSongFinale?
01Altai (RU)Artur MarlujokovAltayım Meninja
02AserbaidschanFərid HəsənovYaşaja
03Baschkortostan (RU)Diana IshniyazovaKuray Şarkısınein
04WeißrusslandGunesh AbasovaSon hatiralarja
05BosnienEmir & the frozen CamelsTers Bosankaja
06Gagausien (MD)Ludmila TukanVernis Lubovnein
07GeorgienEynar BalakişiyevKalbini Saf Tutnein
08Chakassien (RU)Vladimir DorjuTus çirindenein
09Türkmeneli (Irak)Ahmed DuzluKerkük'ten yola Çıkaknein
10Kabadino-Balkarien (RU)Eldar ZhanikaevAdamdı Bizni Atıbıznein
11KasachstanRin'GoBirlikpen Alğaja
12Kemerowo (RU)Çıldız TannakeşevaŞoriya'nın Ununein
13KirgisienÇoroKaygırbaja
14Krim (UA)Elvira SarihalilDağların Ellarınein
15KosovoErgin KarahasanŞu Prizenja
16NordzypernGommalarHavalanıyorja
17Mazedonienİlkay YusufDüşlerde Yaşamaknein
18UsbekistanNilüfer UsmanovaUnutginja
19RumänienGenghiz Erhan CutcalaiAy Ak Shatırnein
20Sacha (Jakutien) (RU)Olga SpiridonovaSulus Uonna Tuunnein
21Tatarstan (RU)Alina ŞaripjanovaÜpkelemimja
22Tuwa (RU)Sailyk OmmunCavidaknein
23TürkeiManevraSen, Ben, Bizja
24UkraineFazile IbraimovaElmalımja

24 Kombattanten traten also in der Qualifikationsrunde am Donnerstag an, streng alphabetisch nach Herkunftsland sortiert, von denen zwölf ins Finale am Samstag weiterkamen, ausgesiebt durch eine überwiegend mit Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter besetzte Jury aus Offiziellen der Teilnehmerländer. Was angesichts der eingangs erwähnten Begründung des veranstaltenden türkischen Senders TRT für sein Fernbleiben vom Eurovision Song Contest, nämlich wegen der diabolischen Expertengremien, besonders absurd anmutete. Und, wie man das von Jurys kennt, sortierten sie natürlich gnadenlos sämtliche musikalisch anspruchsvolleren bzw. interessanteren Titel aus.

Skandalöses Opfer der Jury: Çıldız Tannakeşeva (Kemerowo)

Dafür blieb der Heimbeitrag von Manevra, von den Fans (beziehungsweise von den busladungsweise herangekarrten Studenten, die im Auftrag des Veranstalters die leeren Stuhlreihen auffüllten) im Universitäts-Sportzentrum von Eskişehir frenetisch bejubelt (und vom Moderator der Show auch völlig hemmungslos mit nationalem Pathos in der Stimme angesagt), natürlich im Rennen, ebenso wie das Klagelied aus dem türkisch besetzten Teil Zyperns. Am Samstag kämpften dann ab 17:30 Uhr deutscher Zeit im Finale die verbliebenen Zwölf um Ruhm und Reichtum: der Sieger bekam 20.000 Euro und eine 150 Gramm schwere Goldskulptur; die Silber- und Bronzeplätze, die an zwei Klageweiber aus Weißrussland und der Ukraine gingen, erhielten noch jeweils 10.000 Euro. Die türkische Rocknummer erreichte schließlich einen Mittelfeldplatz – alles andere wäre wohl zu auffällig gewesen.

Der Heimbeitrag der Türkei: Manevra – Sen, Ben, Biz (Vorschauvideo)

Wie man hören konnte, wussten die meisten Einwohner/innen von Eskişehir noch am Tag der Veranstaltung nichts von dem Event, den man hauptsächlich auf quotenschwachen Regional- und Musikstationen versendete und von dem – außer ein paar eingefleischten Eurovisionsfans – wohl selbst in der Türkei nur die Wenigsten Notiz nahmen. Dennoch: als musikalische Horizonterweiterung und vergnüglicher Zeitvertreib in der Aufwärmphase auf die nächste Vorentscheidungssaison leistet die Türkvizyon hervorragende Dienste!

Das vollständige Finale 2013

Türkvizyon 2013, Finale

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 21.12.2013 in Eskişehir, Türkei.
#Land / RepublikInterpretSongPkt.Platz
01TürkeiManevraSen, Ben, Biz18707
02WeißrusslandGunesh AbasovaSon hatiralar19503
03KosovoErgin KarahasanŞu Prizen15112
04KasachstanRin'GoBirlikpen Alğa17809
05BosnienEmir & the frozen CamelsTers Bosanka18706
06Tatarstan (RU)Alina ŞaripjanovaÜpkelemim19204
07UkraineFazile IbraimovaElmalım20002
08Altai (RU)Artur MarlujokovAltayım Menin18905
09AserbaidschanFərid HəsənovYaşa21001
10NordzypernGommalarHavalanıyor17510
11KirgisienÇoroKaygırba18308
12UsbekistanNilüfer UsmanovaUnutgin17311

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