Türk­vi­zyon 2015

Turkvizyon-2015Die drit­te Aus­ga­be des mitt­ler­wei­le fast schon eta­blier­ten osma­ni­schen Euro­vi­si­ons­ab­le­gers fand Mit­te Dezem­ber 2015 gemein­sam mit der Pre­mie­re der Bala Türk­vi­zyon (also der Kin­der­va­ri­an­te) in Istan­bul statt. Der Haupt­wett­be­werb bestand dies­mal indes nur aus dem Türk­vi­zyons-Fina­le am Sams­tag, dem 19. Dezem­ber 2015. Und zwar am hell­lich­ten Nach­mit­tag: los ging es um 15:30 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit. Drei Stun­den dau­er­te die Show, die vor maxi­mal halb­vol­len Rän­gen im Yahya-Kemal-Beyat­lı-Kul­tur­zen­trum über die Büh­ne ging. Und das trotz kom­plett frei­en Ein­tritts für die Zuschauer/innen. Orga­ni­sa­to­ri­sches Cha­os beherrsch­te das Event: wie der Euro­vi­si­ons­fach­mann Dr. Irving Wol­ther, der als Teil der deut­schen Dele­ga­ti­on rund um unse­re Ver­tre­te­rin Derya Kap­tan mit vor Ort war, auf eurovision.de berich­te­te, konn­ten die bereits eine Woche im Vor­aus ange­reis­ten Künstler/innen erst­mals am Don­ners­tag, also drei Tage vor der Live­sen­dung, in der Hal­le pro­ben. Und auch da wur­de allent­hal­ben noch “geschweißt, geschraubt, gebohrt und gehäm­mert”. Kein Wun­der, dass der aus­rich­ten­de Sen­der TMB das ursprüng­lich für die­sen Tag geplan­te Semi­fi­na­le noch in der Türk­vi­zyons­wo­che absag­te.

Der bos­ni­sche Bei­trag 2015

TMB konn­te aller­dings selbst am wenigs­ten für das Cha­os: der ursprüng­li­chen Logik der Sen­de­rei­he fol­gend, nach wel­cher die jähr­lich wech­seln­de, aktu­el­le Kul­tur­haupt­stadt der tür­ki­schen Welt auch die Türk­vi­zyon beher­bergt, wäre die­se Ehre eigent­lich dem turk­me­ni­schen Städt­chen Mary zuge­fal­len. Dort ließ sich aller­dings nach Anga­ben der äußerst auto­kra­ti­schen Regie­rung der ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­blik kei­ne geeig­ne­te Hal­le fin­den, so dass die­se den ruhm­rei­chen Wett­be­werb in die Haupt­stadt Aşga­bat ver­le­gen woll­te. Das durch­sich­ti­ge Manö­ver ging nach hin­ten los: Ende August 2015 gaben die Ver­an­stal­ter (die Kul­tur­or­ga­ni­sa­ti­on Türks­oy) bekannt, dass die Türk­vi­zyon nun­mehr in Istan­bul statt­fin­de. Die tür­ki­sche Part­ner­ge­mein­de Marys hat­te man zuvor schon zum Aus­tra­gungs­ort der Bala Türk­vi­zyon erko­ren: die­se Ent­schei­dung soll­te sich im Wei­te­ren noch als gold­rich­tig erwei­sen, auch wenn die rela­tiv kurz­fris­ti­ge Ver­le­gung zur Fol­ge hat­te, dass das aus­er­ko­re­ne Yahya-Kemal-Beyat­lı-Kul­tur­zen­trum bis kurz vor der Sen­dung noch aus­ge­bucht war, was die erwähn­ten Schwie­rig­kei­ten im Pro­ben­ab­lauf nach sich zog.

Ist es denn schön da? Cora zog es schon früh in die tür­ki­sche Metro­po­le

Ein noch grö­ße­res Hin und Her ent­fal­te­te sich aber dies­mal um die Fra­ge, wer denn nun dabei ist. Am 10. Sep­tem­ber 2015 ver­öf­fent­lich­ten die Ver­an­stal­ter auf Face­book eine 25 Län­der star­ke vor­läu­fi­ge Par­ti­zi­pan­ten­lis­te, auf der sich erst mal wenig Ver­än­de­run­gen zum Vor­jahr erga­ben: Alba­ni­en und der ohne­hin ver­däch­ti­ge „Stadt­kreis Mos­kau“ fehl­ten (zunächst), dafür mach­te der tür­kisch besetz­te Teil Zyperns, der in Kasan aus poli­ti­schen Grün­den nicht ein­rei­sen durf­te, wie­der mit: er schick­te sei­ne 2014 zurück­ge­wie­se­ne Ver­tre­te­rin Ipek Amber. Mit ihrem dama­li­gen Titel! Neu dabei sein soll­te die rus­si­sche Kau­ka­sus­re­pu­blik Dage­stan, wobei sich im wei­te­ren zeit­li­chen Ver­lauf noch zwei in die­ser Regi­on behei­ma­te­te Turk­völ­ker, näm­lich die Kumy­ken und die Nogai­er, ein­zeln anmel­de­ten. Anfang Novem­ber ver­mel­de­te auch Alba­ni­en, doch dabei sein zu wol­len. Oder, um genau­er zu sein: die Sän­ge­rin Xhoi, die schon 2014 das Land der Ski­pe­ta­ren ver­trat, ohne dass die dort behei­ma­te­ten Sen­der irgend­et­was davon wuss­ten. Wei­te­re Rück­keh­rer waren der Maze­do­ni­er Kaan Maz­har, des­sen Sohn prak­ti­scher­wei­se bei der Bala Türk­vi­zyon antrat, sowie der Bul­ga­re İsmail Matew, dies­mal als Teil der Bären­brü­der­ban­de Big Star Life. Ende Novem­ber mel­de­te sich auch ein Ver­tre­ter Ser­bi­ens, oder genau­er: der einst­mals otto­ma­ni­schen Regi­on um Novi Pazar, dem Sand­schak. Sowie, eben­falls ein Novum: die syri­schen Turk­me­nen, ver­tre­ten durch Adil Şan, der als Kind aus dem Bür­ger­kriegs­land in die Tür­kei flüch­te­te. Und einen fan­tas­ti­schen Bei­trag mit­brach­te!

Gei­les Out­fit: der syri­sche Bei­trag 2015

Der omi­nö­se “Stadt­kreis Mos­kau” kehr­te übri­gens doch noch (vor­über­ge­hend) auf die Teil­neh­mer­lis­te zurück – als Ersatz­ab­sen­der für den Bei­trag des teil­neh­mer­tech­nisch völ­lig über­lau­fe­nen Dage­stans. Doch die Scha­ra­de währ­te nicht lan­ge: nach dem Abschuss eines rus­si­schen Kampf­jets durch tür­ki­sches Mili­tär Anfang Dezem­ber 2015 unter­sag­te der erbos­te Des­pot Putin sei­nen sämt­li­chen Gebiets­kör­per­schaf­ten, an der Ver­an­stal­tung im Fein­des­land mit­zu­wir­ken. Mehr oder weni­ger zäh­ne­knir­schend zogen ins­ge­samt elf Repu­bli­ken und Stadt­krei­se – ja, auch Mos­kau – ihre Anmel­dung zurück. Was TMB, der aus­rich­ten­de tür­ki­sche Fern­seh­sen­der, dann als offi­zi­el­le Aus­re­de nahm, das Halb­fi­na­le zu strei­chen. Und das, obwohl die Teil­neh­mer­zahl 2015 kaum nied­ri­ger lag als in den bei­den Vor­jah­ren: trotz des Boy­kot­tes gin­gen schließ­lich noch 21 Natio­nen und Völ­ker an den Start, nur vier weni­ger als 2014 (zwei Tage vor dem Fina­le sag­te auch das von Mos­kau unab­hän­gi­ge Turk­me­ni­stan, wie wir uns erin­nern, der ursprüng­li­che Gast­ge­ber, ab). Inter­es­san­ter­wei­se durf­ten die Juro­ren der elf abge­mel­de­ten Völ­ker den­noch mit­stim­men. Die Gunst der Stun­de nutz­te das Koso­vo, das im Vor­jahr wohl auch auf Druck Mos­kaus fehl­te: unmit­tel­bar nach der Absa­ge der rus­si­schen Staa­ten mel­de­te sich das völ­ker­recht­li­che umstrit­te­ne Ter­ri­to­ri­um an.

Stor­niert: der bal­ka­ri­sche Bei­trag 2015

Deutsch­land, das sei­ne erneu­te Teil­nah­me bereits früh zuge­sagt hat­te, wur­de von Derya Kap­tan ver­tre­ten, einer Köl­ner Sport­stu­den­tin / Musi­cal­sän­ge­rin / Schau­spie­le­rin und Schwes­ter der groß­ar­ti­gen Come­di­en­ne Mel­tem Kap­tan. Ihr Song ‘Ses­siz Çığlık’ (‘Stum­mer Schrei’), eine unge­wöhn­lich struk­tu­rier­te, so sper­ri­ge wie fra­gi­le Bal­la­de, war den Opfern eines Ter­ror­an­schlags auf eine Demo in Anka­ra gewid­met, bei der im Okto­ber 2015 rund 100 Men­schen star­ben, und erhielt den Son­der­preis der Jury für den “anspruchs­volls­ten Bei­trag”. Die sel­be Jury wer­te­te Deutsch­land dann aller­dings auf den elf­ten Platz. Das Cha­os bei der Vor­be­rei­tung merk­te man der Show an: Licht- und Ton­re­gie waren kata­stro­phal, stän­dig stan­den die Lead­sän­ger im Dun­keln, wäh­rend man die Backings glei­ßend aus­leuch­te­te. Gele­gent­lich wur­den die Sänger/innen vom Halb­play­back (sämt­li­che Chor­stim­men kamen vom Band) über­tönt, manch­mal war auch der Live-Gesang über­steu­ert, gele­gent­lich sogar bei­des in ein und dem­sel­ben Lied. Als deut­lich nerv­tö­ten­der erwie­sen sich indes die ellen­lan­gen Funk­tio­närs­an­spra­chen, wel­che die Zuschauer/innen über sich erge­hen las­sen muss­ten – in der Tür­kei augen­schein­lich unver­zicht­ba­rer Bestand­teil jeg­li­cher Unter­hal­tungs­sen­dung.

Drei Stun­den Gela­ber mit gele­gent­li­chen musi­ka­li­schen Unter­bre­chun­gen: die Türk­vi­zyon 2015

Ein biss­chen unaus­ge­wo­gen auch der zeit­li­che Ablauf der Sen­dung: den ers­ten Song gab es nach einer hal­ben Stun­de Gesab­bel und der ers­ten Wer­be­pau­se; nach nur fünf wei­te­ren Wett­be­werbs­bei­trä­gen folg­te dann die zwei­te Unter­bre­chung, in der Hal­le über­brückt durch zwei Kin­der von der Bala Türk­vi­zyon, die sich wesent­lich pro­fes­sio­nel­ler gaben als die bis dahin auf­ge­tre­te­nen Erwach­se­nen. Die rest­li­chen fünf­zehn Türk­vi­zyons-Titel ver­sen­de­te TMB dann Schlag auf Schlag, wobei man sich hier zwi­schen­durch schon mal nach einer kur­zen Erho­lungs­pau­se sehn­te, denn es gab schon viel Zähes im Pro­gramm. Ob sich der Duis­bur­ger Kabel­sen­der Avru­pa TV (Euro­pa TV) des­halb nach einer Stun­de aus­blen­de­te und eine Dau­er­wer­be­sen­dung ein­schob? Immer­hin konn­te man hier die Show zumin­dest eine Zeit­lang ver­fol­gen – die Sen­der­fa­mi­lie Türk­show / Dügün TV aus Köln, wel­che den deut­schen Bei­trag stell­te, über­trug ent­ge­gen vor­he­ri­ger Ankün­di­gung dann doch nicht live. Dan­kens­wer­ter­wei­se stell­ten die tür­ki­schen Musik­ka­nä­le Kral TV und TMB Live­streams bereit. Fan­tas­tisch die Vor­jah­res­sie­ge­rin Zha­nar Dugal­o­va aus Kasach­stan, die zur Über­brü­ckung der Jury­stim­men­aus­zäh­lung gebucht war und außer Kon­kur­renz erneut unter Beweis stell­te, war­um sie 2014 zu Recht gewann. Das zen­tral­asia­ti­sche Land ver­pass­te den Dop­pel­sieg übri­gens nur knapp: die her­vor­ra­gend durch­cho­reo­gra­fier­te Boy­band Orda lan­de­te mit einem ein­gän­gi­gen Pop-Stamp­fer mit neun Punk­ten Abstand auf Rang 2.

Rus­la­na lässt grü­ßen: Sie­ge­rin Jiidesh aus Kir­gi­si­en

Der Sieg ging ans Nach­bar­land Kir­gi­si­en, deren Reprä­sen­tan­tin Jiidesh İdir­i­so­va mit einer feh­ler­frei­en Rus­la­na-Gedächt­nis­dar­bie­tung den west­li­che­ren Türk­vi­zyons­staa­ten zeig­te, wo der Ham­mer hängt. Die Gast­ge­ber kamen mit einem Disco­pop­lied­chen auf Rang 3: da hat es sich ja gelohnt, das Semi­fi­na­le zu strei­chen (im Vor­jahr schmier­te der tür­ki­sche Bei­trag zwi­schen Semi und Fina­le vom zwei­ten auf den letz­ten Platz ab, weil sich die rest­li­chen Juro­ren dar­über geär­gert hat­ten, dass der tür­ki­sche Juror so wenig Punk­te an die Kon­kur­renz ver­teil­te und sich mit einer Rache­wer­tung revan­chier­ten). Ob es erneut zu Addi­ti­ons­feh­lern kam, ließ sich nicht veri­fi­zie­ren: TMB prä­sen­tier­te nur die bereits zusam­men­ge­zähl­ten Punk­te. Ins­ge­samt lag das musi­ka­li­sche Niveau etwas nied­ri­ger als bei der zwei­ten Aus­ga­be, was wohl auch mit dem Feh­len der elf rus­si­schen Regio­nen zu tun hat­te. Im Fol­ge­jahr soll­te es unter­des­sen noch chao­ti­scher wer­den: als Kul­tur­haupt­stadt der tür­ki­schen Welt 2016 erkor die Orga­ni­sa­ti­on Türks­oy das aser­bai­dscha­ni­sche Şəki – einen Ort mit knapp 65.000 Ein­woh­nern und damit halb so groß wie das turk­me­ni­sche Mary, wo sich auch schon (angeb­lich) kei­ne geeig­ne­te Hal­le fand. Die vier­te Türk­vi­zyon soll­te dann auch in Baku statt­fin­den, wie am Sonn­tag nach der Show bekannt gege­ben wur­de. Es kam indes deut­lich anders

Nur einen Blu­men­topf gewon­nen: unse­re Ver­tre­te­rin Derya Kap­tan

Türk­vi­zyon 2015

Song Con­test des tür­ki­schen Kul­tur­rau­mes. Sams­tag, 19.12.2015, 15:30 Uhr MEZ, in Istan­bul, Tür­kei.
#Land / Repu­blikTeil vonInter­pretSongPkt.Platz
01Deutsch­landDEDerya Kap­tanSes­siz Çığlık15311
02Alba­ni­enALXho­ana Bej­ko (Xhoi) + Visar Rex­h­epiAdı Has­ret15408
03Aser­bai­dschanAZMeh­man Tagiy­evİstan­bul15507
04Weiß­russ­landBYAlek­san­dra Kazi­mo­vaAzad­lıq12620
05Bos­ni­enBAAdis Škal­joPa šta15312
06Bul­ga­ri­enBGBig Star LifeIstan­bul­day­ız16206
07Geor­gi­enGEAnar AskerovTen­ha yürek13816
08IrakIQOğuz Sır­malıSere­nat13717
09IranIRReza Esbi­la­niMənim Arzum13119
10Kasach­stanKZOrdaOla­ya eme­sa18502
11Kir­gi­si­enKGJiidesh İdir­i­so­vaKim bilet19401
12Koso­voRSTol­ga KazazSev­mek Gün­ah mıdır?14114
13Nord­zy­pernCYİpek AmberSes­siz Gidiş15409
14Maze­do­ni­enMKKaan Maz­harBöyle olm­amalıy­dı16504
15Gag­au­si­enMDValen­tin Orman­jiSev beni Sev15410
16Usbe­ki­stanUZKaa­P­lya + Hur­do­naAzad­lıq11921
17Rumä­ni­enROEdvin Rad­cifSeviyo­rum, Anlas­a­na13418
18San­džakRSAlme­din Varoša­ninTrag14015
19Syri­sche Turk­me­nenSYAdil ŞanGeliş16505
20Tür­keiTRGör­kem DurmazHır­çın Sular17503
21Ukrai­neUAAnna Mitio­gloBaaş­la bana14813

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