Wie man eine Eurovisionskatastrophe durch Rettungsversuche immer nur noch schlimmer macht, beweist die Ukraine. Endgültiger Stand ist, dass Alyosha das Land mit dem Titel ‘Sweet People’ vertritt. Bis dahin war es ein langer Weg. Oder vielmehr eine sich anfangs langsam, dann immer schneller und überstürzter drehende Abwärtsspirale. Nachfolgend der Versuch einer Chronologie der Ereignisse.
Blond, Wind & Fire: die Aljoscha mit ’Sweet People’
Denn es spielten sich unglaubliche Vorgänge ab in einem der größten teileuropäischen Staaten: kaum übernahm in dem innenpolitisch zerrissenen Land, in dem seit seiner Loslösung von der GUS eine Regierungskrise die nächste jagt, mal wieder eine neue Führungsspitze, ließ diese den Direktor des ukrainischen Staatsfernsehens austauschen. Unter dem Vorwurf, das selbiger korrupt sei, da er seinem persönlichen Spezl Vasyl Lazarowitsch die Eurovisionsteilnahme zugeschanzt habe. Der mit dem Aussehen eines Türstehers gesegnete, bis dato nicht überragend erfolgreiche Schnulzensänger stand da bereits seit geraumer Zeit als Vertreter in Oslo fest. Wohl auch deswegen, weil er anbot, die Kosten für seine Teilnahme selbst zu bestreiten. Bei einer nachgerade unterirdischen Vorentscheidung hatte das schnucklige Testosteron-Muskelbrettchen Anfang März fünf Songs präsentiert - einer schlimmer als der andere. Die Fachjury im Studio mäkelte zu Recht an allen (!) Beiträgen herum und nach einer Stunde Rahmenprogramm entschied sie und das Publikum sich für die entsetzlich öde Schmalzballade ‘I love you’, einen Song, mit dem Frank Sinatra schon 1950 hätte Großmütter in den Schlaf singen können.
Der wurde flugs storniert, und in der Rekordzeit von nur sieben Tagen organisierte der Sender auf die wirklich allerletzte Sekunde eine neue Vorentscheidung. Und zwar am vergangenen Samstag, dem spätest möglichen Termin, denn diesen Montag endete die Einreichungsfrist für den Song bei der EBU! Zwanzig Kandidaten fanden sich innerhalb einer Woche. Auch Vasyl trat, nach dem er zunächst mit Klage gedroht hatte, erneut mit ‘I love you’ an! Diesmal landete er jedoch unter ferner liefen. Den ersten Platz teilten sich, wie es für das unsägliche Jury-Televoting-Mixverfahren so typisch ist, gleich zwei Kandidatinnen mit der selben Höchstpunktzahl. Pech für Publikumsfavoritin Masha Sobko: mittlerweile scheint man in der Ukraine Demokratie mit Instabilität gleich zu setzen, daher hatte die Jury das letzte Wort. Und die entschied sich für die blonde Rockröhre Alyosha. Vielleicht, weil ihre enervierende, strukturlose Rockballade ‘To be free’ so depressiv klingt und damit die Enttäuschung über die Erfahrungen des Ex-Sowjet-Volkes mit der Freiheit traf? Oder aus Mitleid, weil die Sängerin, jedenfalls der nicht zu übersehenden Aufschrift auf ihrem Oberteil nach, Aids hat? Ich weiß es nicht, ich weiß nur: gegen das den letzten Lebenswillen raubende Gejaule Alyoshas klang Vasyls unterirdische Schmalzballade noch gut. Unglaublicherweise.
Mit eingängigen Refrains hat man es im Osten nicht so: Publikumssiegerin Masha
Aber dann kam alles noch besser: ein Eurovisionsanorak fand Sonntagfrüh durch eine simple Google-Recherche heraus, dass Alyoshas ‘To be free’ bereits seit 2008 auf CD erhältlich und seit September 2009 auf ihrer Myspace-Seite zum Anhören verfügbar ist. Womit sie gegen die Vorveröffentlichungsregel der EBU verstößt. Und, um dieser Peinlichkeit noch die Krone aufzusetzen, gilt ähnliches auch für Masha Subkos Titel. Was nun? Den Drittplatzierten nehmen? Doch wieder auf Vasyl zurückgreifen? Ganz zurückziehen? Weit gefehlt: die ukrainische Delegation entschied sich für die abstruseste Variante: es bleibt bei Alyosha! Die wie immer in solchen Angelegenheiten äußerst konziliante EBU gewährte dem Land beim Delegiertentreffen in Oslo einen Aufschub bis Freitag, um der blonden Sirene noch schnell ein Lied zu suchen, dass den Vorschriften genügt.[1]
Nicht mehr das frischeste Lied: Jurysiegerin Alyosha und ‘To be free’
Und so fand sich, gar schon am Donnerstag, das (nun hoffentlich endgültige) ukrainische Lied für Oslo. Es heißt ‘Sweet People’. Klingt vom Titel her nach Gospel, ist allerdings erwartungsgemäß nur eine weitere melodie-, refrain- und merkbefreite Klage über die Schlechtigkeit der Welt, die angesichts von Jagd, Umweltzerstörung und Videospielen unweigerlich am Abgrund stehe. Soll noch mal einer sagen, nur die Deutschen neigten besonders stark zum Jammern! Der zurückliegende, gefühlt unendliche Winter muss wohl weiten Teilen der Menschheit aufs Gemüt geschlagen sein – zumindest den größten Teil Osteuropas stürzte er offenbar in die Depression.
Und so singt unsere Dorthe das Schlusswort zum ukrainischen Eurovisiondebakel:
“Wärst Du doch in Tschernobyl geblieben
Liebe ‘Lyoscha, Du wirst nie im Final sein
Wärst Du doch in Tschernobyl geblieben
Das wär’ besser für Dich – und für uns wär’ es auch fein!”
Danke, Dorthe!
Spooky: verfolgen die Ukrainer diesen Blog?
Nachtrag (13.5.): Und als habe Alyosha das obige, zugegebenermaßen geschmacklose Schlusswort gelesen, legt sie nun einen offiziellen Videoclip nach, gedreht in… – na? Sie ahnen es bereits: in Tschernobyl! Genauer gesagt in der dem havarierten Kernkraftwerk nächstgelegenen, heutigen Geisterstadt Pripjat, die 1986 nach dem Super-GAU binnen Stunden evakuiert wurde und seitdem vor sich hin verfällt. Was natürlich eine perfekt pittoreske Kulisse für ein Rettet-die-Welt-Liedchen vom Schlage ‘Sweet People’ abgibt und den simpel gestrickten Song mit einer Bedeutung auflädt, den er gar nicht hat. Michael Jackson dürfte sich gerade im Grabe umdrehen, dass ihm diese Idee nicht bereits für das ähnlich verkitschte (aber musikalisch in einer anderen Liga spielende) ‘Heal the World’ kam. Immerhin lenkt die bedrückende Atmosphäre der auf unendliche Zeit verstrahlten Gegend im Videoclip erfolgreich von Alyoshas katastrophalem Herumgeschreie ab…
- [1] Was die EBU, um fair zu bleiben, auch schon 2006 machte, als den Franzosen am Tag des Einsendeschlusses auffiel, dass das vom Publikum ausgesuchte Lied ihrer Sängerin Virginie Pouchaine überhaupt nicht lag und sie ebenfalls Aufschub bekamen, um hurtig noch ein neues zu schreiben. Immerhin herrscht also Egalité beim Laissez-faire. ↩
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