Die Spiegel-Autoren Markus Brauck und Thomas Tuma stellen in der aktuellen Ausgabe die beiden Castingshows DSDS und USFO gegenüber und konstruieren aus dem doch sehr unterschiedlichen Personal beider Sendungen die steile Theorie eines gesellschaftlichen “Kampfes der Kulturen” zwischen (der “Illusion) einer polyglott-sorgenfreien Mittelschicht” bei Raab und der “bösen und erbarmungslosen Realität” bei Bohlen. Und auch wenn der Artikel natürlich zugunsten seiner holzschnittartigen These ein wenig überzeichnet, erscheint mir eine der Kernaussagen, dass nämlich Raab eine auf das sich abschottende Bürgertum zugeschnittene Sendung mache (“USFO ist letztlich Raabs Rache an den jugendlichen TV-Legasthenikern, denen er einst erste Popularität verdankte”), in der ein “Migrationshintergrund allenfalls noch ein exotisches Accessoire” sei, wahr.
Schaut man sich mal den Kreis der bislang Ausgeschiedenen an, lässt sich – ebenso überspitzt und böse formuliert – eine Selektion aufgrund Nichtzugehörigkeit zum reinweißen, nicht-migrantischen Bildungsbürgertum (“Da singt die Germanistikstudentin neben dem Lehramtsanwärter neben der gelernten Fremdsprachenkorrespondentin”), durchaus konstruieren: raus sind ein Mädel mit armenischen Wurzeln, eine Straßenmusikerin aus dem Osten, ein Philippino und zuletzt ein Schwarzer. Mal schauen, wie lange es Sharyhan Osman noch packt, die letzte Verbliebene mit nichtdeutschen (ägyptischen) Anteilen, die sich in der gestrigen Ausgabe schon mal vorsichtshalber von taxifahrenden Arabern distanzierte, um klar zu machen, welchem Milieu sie sich zugehörig fühlt.
Vielleicht hätte er dieses Bekenntnis mal bei USFO singen sollen
Vor diesem Hintergrund erscheint auch der – mir persönlich sehr merkwürdig aufstoßende – Ratschlag des Juroren Rea Garvey an den ausgeschiedenen Leon Taylor verständlicher, er müsse “einfach mal die Kamera ignorieren”. Obwohl Selbstinszenierung ja zwingend zur Show gehört und beim Grand Prix auch wichtig ist. Aber direkte Blicke in die Kamera, das Buhlen um die Aufmerksamkeit und die Sympathie des Zuschauers ist ja prollig und gehört nicht in das Umfeld einer Sendung, deren schon längst feststehende Leitfigur, die Gymnasiastin Lena Meyer-Landrut, nicht müde wird zu betonen, wie wenig wichtig ihr persönlich der Sieg bei USFO sei und die nur “aus Spaß” mitmache.
Um nicht mißverstanden zu werden: ich selbst schaue kein DSDS; ich bin heilfroh, dass USFO so wenig mit dem dort inszenierten Alptraum des Kampfes um kurzfristige Aufmerksamkeit mit allen Methoden zu tun hat. Und ich finde Lena Meyer-Landrut toll, gerade weil sie “ein bisschen wie Björk klingt, die zu viel grünen Tee geraucht hat”. Ich bin nur immer noch über den Abgang von Leon Taylor entsetzt, der zwar mal wieder ein wirklich schlimmes Lied auswählte, es aber dennoch erneut schaffte, mich mit seiner packenden Stimme (die ich mittlerweile als männliches Äquivalent von Alexandra einordne) und seinem Auftreten zu berühren und mir Tränen in die Augen zu treiben. Und da ich mir nicht vorstellen kann, eine völlig andere Sendung gesehen und gehört zu haben als die knapp zwei Millionen restlichen Zuschauer, gibt mir der Spiegel-Artikel wenigstens eine ansatzweise Erklärung, um meinen Schock zu lindern.
Wenn auch keine schöne.
Lesen Sie auch:

