Üblicherweise gehört das Baltikum zu den von mir wenig geliebten Eurovisionsregionen, kommt von dort doch meistens nur öder Mist. In diesem Jahr aber sind hier zwei vielversprechende Nummern im Rennen, von denen sich eine bereits komplett in mein Herz gespielt hat: das fabelhafte lettische ‘Banjo Laura’!
Die grandiose, fröhliche Countrypopnummer über eine Banjo spielende Flamme des niedlichen Sängers Lauris Reiniks schaffte es, wohl auch dank der komplett abgefahrenen Choreografie mit Wolle wickeln und Riverdance, gestern bis in die Endrunde der Eirodziesma. Nun hoffe und bete ich inständig, das Lauris es am 26. Februar gegen seine Konkurrenten schafft, denn genau das will ich in Düsseldorf sehen! Reiniks ist beim Grand Prix kein Unbekannter: 2003 war er Teil des Trios F.L.Y., das mit dem schrecklichen ‘Hello from Mars’ dem gastgebenden Lettland einen peinlichen vierundzwanzigsten Platz bescherte. Sein damaliger Bandkollege Mãrtinš Freimanis, der auch das nicht minder furchtbare ‘The War is not over’ (2005) komponierte, hat ebenfalls einen Titel in der Eirodziesma am Start: den Song ‘Hop’ der Gruppe Blitze. Und die könnten damit gewinnen, wenn auch nur aus Kondolenzgründen: Freimanis starb vor wenigen Tagen, am 27. Januar 2011, im Alter von nur 33 Jahren in einem Rigaer Krankenhaus an den Folgen einer Grippe. Wie das isländische Beispiel zeigt, kann das zum Sieg bei der Vorentscheidung reichen.
Ebenfalls unglaublich fabelhaft: das offizielle Musikvideo zu ‘Banjo Laura’
Eine Straßenecke weiter, in Estland, gehört die Girlgroup Sängerin Getter Jaani zu den Vorentscheidungsfavoriten. Sie feiert der American Lifestyle mit einem Besuch in der ‘Rockefeller Street’, was ebenfalls von einer sehr hübschen Choreografie begleitetet ist. Kein musikalischer Höhenflug, aber um ein Vielfaches unterhaltsamer als der Großteil der bisher ausgewählten Darbietungen.
Auf in die wohlhabenderen Gegenden: Getter Jaani
Nachtrag: Da ja hier vereinzelt Beschwerden kamen, ob dies wirklich das Beste sei, was das Baltikum zu bieten hat, folgen jetzt noch ein paar bizarre Beiträge, gefunden auf meiner neuen absoluten Lieblings-Eurovisionsseite Eurovision Apocalypse des großartigen Roy D Hacksaw vom oneurope-Team, die ich hiermit jedem ausdrücklich ans Herz legen möchte! Wir beginnen mit dem litauischen Mino und seinen lebendigen Cellos (Celli? Bratschen?). Feministisch zart besaiteten (harr harr) LeserInnen, welche die Idee einer vor dem Sänger knieenden Frau, die als Instrument benutzt wird, für fragwürdig halten, seien gewarnt: zwar befreit selbige sich im Verlauf der Show von ihren musikalischen Fesseln, jedoch nur, um sich in den Schoß des Interpreten zu schmiegen, der zudem auch noch einen Gesichtsausdruck macht wie ein irrsinniger Frauenmörder. Was aber alles gut zu dem leicht morbid-düsteren Song mit dem vielsagenden Titel ‘Don’t go’ passt.
Der irre Litauer und die rückseitig bespielbaren Frauen
Oh, und wo wir gerade bei irren Litauern sind: hier kommt das Trio Mezzo Tronic und ihr Elektropunksong ‘I mean it’. Was genau sie meinen, blieb mir leider verborgen – ich weiß aber auch gar nicht, ob ich es wirklich wissen möchte. Ich weiß nur, dass ich es begrüßen würde, wenn jemand ganz schnell einen elektrischen, mit Selbstschußanlagen bestückten Zaun um Litauen baut, wenn dort solch finstere Gestalten mit zweifelhaftem Mentalzustand frei herum laufen dürfen. Auch wenn ich zugeben muss, das ich für alle drei das Cello geben würde, was mich wiederum an meinem eigenen Geisteszustand zweifeln lässt…
Drei irre Litauer und ein verängstigtes Publikum
Um uns von diesem Ausflug ins litauische La-La-Land zu erholen, suchen wir Trost und Schutz im benachbarten Estland. Treffen dort aber unglücklicherweise auf Meister & Mari und ihr leicht repetitives ‘Unemati’. Ich zitiere jetzt einfach mal die Beschreibung von Meister Hacksaw: “Es beginnt unschuldig, wie die Titelmelodie einer Kinderserie aus den späten Sechzigern. Doch je öfters sie im Refrain den Songtitel wiederholen, Mal um Mal um Mal, desto mehr kriecht er Dir unter die Haut. Bis Du Dich fühlst, als seist Du mit ihnen zusammen in einer kleinen Schachtel gefangen, und die Wände kommen immer näher…”. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.
Wie ging der Songtitel noch mal?
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