ESC 1974: Couldn’t escape if I wanted to

Logo des Eurovision Song Contest 1974

Das Jahr des Schwedenpop

Grün ist ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung. Besonders optimistisch erschienen also die deutschen Vertreter Cindy & Bert zu diesem Grand Prix: Cindy in einem lindgrünen Maxikleid, Bert im popelgrünen Anzug mit giftgrün leuchtendem Sommerschal. Half aber nichts: die von einer ARD-Jury hinter verschlossenen Türen ausgewählte, schwächliche ‘Sommermelodie’ verendete auf dem letzten Platz. Aufgrund der fehlenden öffentlichen Vorentscheidung und des daraus folgenden mangelnden Interesses am internationalen Wettbewerb sahen das nur 28 % der deutschen Zuschauer. Was man insofern bedauern muss, da so viele Deutsche den historischen Contest schlechthin verpassten.

Einen, der das Fundament zur Karriere der erfolgreichsten kontinentaleuropäischen Popgruppe aller Zeiten legte. Im Vorjahr noch mit dem fabelhaften ‘Ring Ring’ bei der schwedischen Vorauswahl gescheitert, entschieden Abba den Wettbewerb im britischen Seebad Brighton mit einer clownesken Kostümierung und dem – trotz gegenteiligen Songtextes – ganz auf Sieg getrimmten Glamrockknüller ‘Waterloo’ für sich. Sie erschütterten damit die Grundfesten der europäischen Popwelt, nichts würde mehr so sein wie vorher… Noch heute ist ‘Waterloo’ der bekannteste Grand-Prix-Titel, die Publikumswahl zum beliebtesten Eurovisionssong aller Zeiten im Rahmen der Fünfzig-Jahr-Feier Congratulations gewann er erwartungsgemäß aus dem Stand. Der Sieg der vier Schweden und ihre anschließende Weltkarriere markiert zweifelsohne den essentiellsten Moment der gesamten Grand-Prix-Geschichte. Leider bedeutet ein Höhepunkt aber auch, dass es danach zwingend bergab geht. Einen vergleichbaren Erfolg als Königsmacher des Pop konnte der Wettbewerb dann auch nie wieder hervorbringen.


Blondblauchen und Rosenrot und die Kostümorgie (SE)

Abba siegten übrigens in der Sprache des Pop, englisch. Die Musikindustrie Skandinaviens hatte auf ein Aussetzen der Sprachregel gedrungen, um die der TV-Show innewohnenden europaweiten Umsatzmöglichkeiten nicht länger verschenken zu müssen. Nicht weniger als sieben von 17 Ländern hatten englische Titel im Wettstreit. Das bekanntermaßen anglophobe Frankreich sagte aber nicht deswegen in letzter Sekunde ab, sondern weil am Tage des Wettbewerbs die Beisetzung des kurz zuvor verstorbenen Präsidenten Pompidou stattfand und Staatstrauer herrschte. Italien übertrug die Sendung zeitversetzt, weil ihr von Gigliola Cinquetti, der Gewinnerin des Contests von 1964, gesungener Beitrag ‘Si’ als Zustimmung zur Abschaffung des alten Scheidungsrechts hätte empfunden werden können, über das am Folgetag in dem katholischen Land eine Volksabstimmung stattfand (so viel zur Behauptung, der Grand Prix sei unpolitisch!). Die Cinquetti litt als Allererste unter den Folgen der neuen Abbamania: ihre superbe, so sanfte wie eindringliche Ballade hätte wohl in jedem anderen Jahr gewonnen. So reichte es nur für den zweiten Platz (sowie Rang #13 in den deutschen Verkaufscharts, #45 für die ebenfalls schöne deutsche Fassung ‘Ja’.)

Inzwischen alt genug für die Liebe: Gigliola Cinquetti (IT)

Luxemburg, das sich nach dem zweiten Sieg in Folge aus pekuniären Gründen weigerte, den Wettbewerb erneut auszutragen, bediente sich wiederum des Importes. Die in Deutschland beheimatete Britin Ireen Sheer ersang mit dem schrecklichen ‘Bye bye, I love you’ einen beachtlichen fünften Rang. Beachtlich vor allem, weil das Lied trotz englischer Leadzeile ausschließlich aus französischem Text bestand. Und Französisch beherrschte die Sheer sehr hörbar überhaupt nicht. Mit dem luxemburgischen Beitrag begann eine neue Ära: es war der erste von zahllosen Grand-Prix-Schlagern aus der Feder des Münchener Komponisten Ralph Siegel, der es in den folgenden drei Dezennien schaffte, wie kein Zweiter dem Song Contest seinen künstlerischen Stempel aufzudrücken. Britische Eurovisionsfans forderten sogar schon eine eigene Landesflagge für Siegel-Songs. Leider war damit auch die Abkoppelung vom regulären Hitparaden-Geschehen und der schleichende Abstieg der Show in die popkulturelle Bedeutungslosigkeit besiegelt.


Schlafzimmeroutfit, einschläferndes Lied: Olivia Newton-Jon (UK)

Auch das Gastgeberland importierte seine Vertreterin: nämlich die in den USA kommerziell sehr erfolgreiche gebürtige Australierin Olivia Newton-John, die 1980 als Heldin des genialsten schlechten Filmes aller Zeiten, ‘Xanadu’, für immer in den Olymp des Camp einkehrte (und wer sang in diesem Jahr die putzige deutsche Fassung des titelgebenden Songs ‘Xanadu’? Na? Richtig: Ireen Sheer!). Olivia erreichte für das Vereinigte Königreich mit ihrer hymnisch aufgebauten, aber arg belanglosen Ballade ‘Long live Love’ den vierten Platz. Und das trotz (oder wegen?) des peinlichen babyblauen Nachthemds, in dem sie auftrat. Geschichte sollte, trotz mageren Ergebnisses, der portugiesische Barde Paulo de Carvalho schreiben, wenn auch eine völlig andere als die von ‘Waterloo’. Sein ansonsten weiter nicht auffälliger Song ‘E depois do Adeus’ (ein weiterer Tropfen im Ozean der portugiesischen Depressionslieder) gab nur wenige Monate nach dem Wettbewerb das Startsignal für die friedliche Nelkenrevolution in seinem Heimatland, die zum Sturz des damaligen Diktators Marcello Caetano führte.


Olivia Newton-John mit dem großartigsten Kitschstück aller Zeiten

Politisch klang auch (wenn das mal keine Hammerüberleitung ist!) der Titel des belgischen Beitrags, ‘Fleur du Liberté’. Dabei handelte es sich eher um einen Ökoschlager, der beklagte, dass “die Bäume heute die Feinde” seien. Vermutlich litt der Interpret Jacques Hustin unter einer schlimmen Birkenpollenallergie, was auch seinen Namen erklärt. Der musikalischen Ödnis des Liedermacherstücks und den wuchtigen blauen Hemdkragen des Sängers ist wohl sein Mittelfeldplatz geschuldet. Enttäuscht über seinen dritten Rang zeigte sich das holländische Duo Mouth & McNeal, das mit Hits wie ‘How do you do’ und ‘Hello-A’ auch in Deutschland bereits große Charterfolge vorweisen konnte. ‘I see a Star’ klang jedoch womöglich etwas zu drehorgelig-kirmeshaft, um gegen Abba einen Stich zu machen. Vielleicht lag es aber auch an der zuvor publik gemachten Drohung von Mouth, bei einem Sieg nackt durch Brighton zu rennen. Das wollte nun wirklich niemand sehen.


Die arme Maggie McNeal hatte hinterher (2:30 Min) sicher blaue Flecken (NL)

Das erstmals teilnehmende Griechenland schickte die lebenserfahrene (und zu Hause gottgleich verehrte) Marinella, die unter vielen “La la la”s und zu extra klischeehaft griechischem Bouzoukigeklimper bekannte, nichts befriedige sie so sehr wie “Etwas Wein, etwas Meer und mein Liebhaber”. Vom Wein (und von den Früchten des Meeres) dürfte es dann doch etwas mehr gewesen sein, so wie ihre schwarzweiße Bluse spannte… Die jugoslawische Band Korni berichtete von der Gnade der frühen Geburt zur Zeit des deutschen Balkanfeldzugs: ‘Generacia 42′. Für Irland durfte nun endlich Tina Reynolds an den Start. Bereits im Vorjahr hatte sie auf einen Einsatz als Streikbrecherin gehofft, weil die Sängerin Maxi sich weigerte, eine schnellere als die geprobte Fassung von ‘Do I dream’ zu singen. Nach einem Machtwort des Senders RTÉ kam die bereits nach Luxemburg Eingeflogene dann aber doch nicht zum Einsatz. Mit ihrem eigenen Lied ‘Cross your Heart’ bleib Tina jedoch, trotz glitzerrosanen Kleidchens, farblos.


Atemlose Spannung: halten die Knöpfe noch drei Minuten durch? (GR)

In Deutschland hielt sich das Gemecker über das katastrophale Abschneiden unseres saarländischen Schlagerduos, selbst in der Presse, in Grenzen. Nicht weiter verwunderlich: über die Schwachbrüstigkeit der ‘Sommermelodie’ herrschte außerhalb der hr-Jury bereits vor dem Contest allgemeines Einverständnis, das Ergebnis deckte sich insofern mit den Erwartungen. Cindy & Bert, die zunächst noch den Volkszorn fürchteten und den Song für lange Jahre aus ihrem Auftrittskatalog strichen, feierten stattdessen mit den von Grünefeldt zurückgewiesenen Spanischen Gitarren sensationelle Hitparadenerfolge. Dennoch drohte der Hessische Rundfunk mal wieder mit dem Ausstieg – allerdings nicht wegen der verdienten Platzierung für C&B, sondern aufgrund des reformbedürftigen Wertungswesens. Diesmal mit Erfolg: 1975 führte die EBU das bis heute gültige Punktesystem ein.

Eurovision Song Contest 1974

Eurovision Song Contest. Samstag, der 6. April 1974, aus dem Dome in Brighton, Großbritannien. 17 Teilnehmerländer. Moderation: Katie Boyle.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01FICaritaKeep me warm0413
02UKOlivia Newton-JohnLong live Love1404
03ESPeretCanta y sé feliz1010
04NOAnne-Karine StrømThe first Day of Love0315
05GRMarinellaKrassi, Thalassa e t'Agori mou0711
06ILPoogyNatati la khaiai1107
07YUKorniGeneracija 420612
08SEAbbaWaterloo2401
09LUIreen SheerBye bye, I love yo1405
10MCRomualdCelui qui reste et celui qui s'en va1406
11BEJacques HustinFleur du Liberté1009
12NLMouth & McNealI see a Star1503
13IETina ReynoldsCross your Heart1108
14DECindy & BertDie Sommermelodie0315
15CHPiera MartellMein Ruf nach Dir0315
16PTPaulo de CarvalhoE depois do Adeus0314
17ITGigliola CinquettiSi1802

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  • S.M.

    … So ganz sicher bin ich mir nicht, ob Giglia Cinquetti ohne Abba-Teilnahme gewonnen hätte. Wann hat schon jemals jenseits der frühen 60er so eine seeeeehr zerbrechliche Ballade gewonnen? Die Siegertitel haben dann ja doch immer einen gewissen ‘Bums’. Das merkte man ja auch daran, dass Molitva gewinnen konnten, während Lane moje und Lejla das Nachsehen hatten.

  • Thomas

    ABBA-Legende War dieser Sieg denn wirklich der Start zur Weltkarriere? Bei anderen Journalisten ist immer wieder zu lesen, daß nachfolgende Singles floppten und die Musikbranche sich einen Dreck um eine schwedische Band scherte. Der ESC hatte schon damals nicht viel mit den sonstigen Medien gemein. Erst zwei Jahre später schrieben B+B einen Song für eine bekannte Sängerin, die ihn jedoch nicht aufnehmen wollte. Also nahm ABBA ihn selbst auf und es wurde ihr erster Welthit: Fernando. Est von nun an ging wirklich los. Natürlich kann diese Geschichte genauso ein Mythos sein, ich war zu jung, um es mitzuerleben.

    • Aufrechtgehn

      ABBA-Legende Dazu gibt es, wie meistens, mehrere Wahrheiten. In dem Fall drei: die britische, die amerikanische und die kontintaleuropäische. England hält sich ja, nicht ganz zu Unrecht, für den popmusikalischen Nabel der Welt. Da hat man den ESC, auch in den Siebzigern, schon immer nur geschaut, um sich über die nicht-britischen Beiträge zu beömmeln. Dort galten Abba auch zunächst als Eintagsfliege und die Nachfolgesingles zu ‘Waterloo’ floppten dort, in der Tat. Erst mit ‘Fernando’ schafften sie es 1976 dort wieder. In den USA waren nur ‘Waterloo’ (#6) und ‘Dancing Queen’ (#1) Hits, ansonsten waren Abba Eurotrash – die Amis sind ja seit jeher kulturell noch egozentrischer als die Briten. Im restlichen Europa aber waren ‘Honey Honey’, ‘SOS’ und ‘Mamma mia’, allesamt 1975, aber echte Hits – auch in Deutschland! Ich war damals acht, ich hab das noch selbst mitbekommen! :D Und ohne den Sieg beim Grand Prix 1974 (und den europaweiten Nummer-Eins-Hit ‘Waterloo’) hätten Abba außerhalb Schwedens niemals diese Aufmerksamkeit gehabt. Insofern war der ESC der Startpunkt zur Weltkarriere, auch wenn es da regional zwischendrin Durchhänger gab.