ESC 1956: Da hilft auch kein Flattiern

Logo des Eurovision Song Contest 1956

Das Jahr des Anfangs

Deutschland schickte zwei Sänger zum allerersten Grand Prix ins schweizerische Lugano, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten: den seinerzeit äußerst erfolgreichen und noch bis heute populären Wiener “Seemann” und ‘Heimweh’-Romantiker Freddy Quinn sowie den vor und nach dem Wettbewerb gleichermaßen unbekannten Kabarettisten und Lyriker Walter Andreas Schwarz. Doppelte Chance – kein Sieg.

Schwarz hatte seine lyrisch kryptische und enervierend weinerlich vorgetragene Moritat ‘Im Wartesaal zum großen Glück’ über den “Kai der Vergangenheit” und die “Wünsche von übermorgen” selbst verfasst. Kernaussage seines Beitrags war der so zeitlose wie goldene Rat, sich nicht an die Vergangenheit zu klammern oder auf eine diffuse, bessere Zukunft zu hoffen, sondern doch lieber ganz und gar im Hier und Jetzt zu leben. Also das, was jeder führende Selbstfindungsratgeber empfiehlt. Soll noch mal jemand sagen, Schlager seien banal! Als verwirrend erwies sich jedoch die Diskrepanz zwischen Geschlecht und Stimme des Sängers. Hört man die Audioaufnahme, tippt man nämlich eher auf eine depressiv gestimmte Lale Andersen als auf einen Mann. Obwohl Lale deutlich tiefer singt als W.A. Schwarz, für den die Loriotsche Invektive “Winselstute” wie erfunden zu sein scheint.


Machte auch später noch erfolgreiche Hörspiele: W.A. Schwarz (DE)

Auch Quinns ‘So geht das jede Nacht’ vermochte die Krone nicht zu erringen. Der Beitrag des Wieners fiel völlig aus dem Rahmen: sein Text beschreibt relativ unverstellt eine offene Beziehung, in der seine Frau sich schamlos durch alle Betten vögelt, während Freddy zunächst brav die Schwiegermutter in den Zoo führt. Allerdings rächt er sich dann in der letzten Strophe durch eigenes serielles Fremdgehen. Auch musikalisch verletzte er sämtliche ungeschriebenen Eurovisionsregeln. Wurde der Grand Prix von seinen Gründervätern doch vor allem als europäisches Bollwerk gegen amerikanische Musikeinflüsse, insbesondere den von vielen damaligen Rundfunkverantwortlichen als “schreckliche Negermusik” verfemten Rock ‘n’ Roll, ins Leben gerufen. ‘So geht das jede Nacht’, der flotteste Eurovisionsbeitrag der gesamten fünfziger Jahre, entpuppte sich aber als genau das: ein quirliger Rock-’n'-Roll-Song! Revolution gleich zu Beginn, und dann noch aus Deutschland: man mag es kaum glauben!


Ausgefeilte Kameratechnik: Lys’ Siegerreprise (CH)

Auch wenn Gerüchte besagen, dass W.A. Schwarz den zweiten Platz belegt haben soll, so bleibt die Wahrheit für immer und ewig im Dunkeln: nach einer geheimen Abstimmung gaben die damaligen Jurys nur die Siegerin bekannt – die Schweizerin Lys Assia mit ihrem schönen Lied ‘Refrain’ – und vernichteten anschließend alle Stimmzettel! Erst- und letztmalig durfte man auch für das eigene Land votieren. Und Luxemburg sandte keine eigene Jury, sondern ließ die Gastgeber für sie mitstimmen. Ob es daran lag, dass Lys Assia gewann? Ich denke nicht: ihr ‘Refrain’ arbeitete in einem breiten Feld sehr getragener (lies: langweiliger) Chansons als einziger Beitrag mit einem Begleitchor und ging melodisch sofort ins Ohr. Also, für damalige Verhältnisse, beinahe schon ein Popsong. Von Freddys ‘Rock around the Clock’-Kopie mal abgesehen, aber die war für die Jurys viel zu wild.


“Man muss es einmal schmiern”: meinte Lys gar die Jurys?

Sieben europäische Nationen nahmen am ersten Concours teil; damit der Abend nicht frühzeitig endete, durfte jeder zwei Beiträge liefern. Und da die Schweiz schon damals unterhaltungsgewerblich nicht all zu viel aufzubieten hatte, kam Frau Assia gleich doppelt zum Einsatz. ‘Das alte Karussell’, eine betuliche Rührschnulze über eine spürbar in die Jahre gekommene Jahrmarktsattraktion, vermochte jedoch nicht zu überzeugen.[1] Selbst so hübsche Textstellen wie “Da hilft auch kein flattier’n” (= schmeicheln) halfen nicht. Womöglich auch, weil sie diesen Titel auf deutsch vortrug: eine für die meisten europäischen Ohren wenig musikalisch klingende Sprache. Lys im Feddersen-Interview: “Ich habe schon [damals] gesagt, dass es unfair ist, wenn die Länder nicht die Chance haben, auf englisch oder französisch zu singen”. Ein Heimvorteil der kulturell dreigeteilten Schweiz, die stets auf das weichere, melodischere Italienisch oder Französisch ausweichen konnte. Und in letztgenannter Sprache dann ja auch ihre beiden einzigen Siege einsackte.

Eurovision Song Contest 1956

Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea. Donnerstag, 24. Mai 1956, aus dem Theatro Kursaal in Lugano, Schweiz. Sieben Teilnehmerländer (mit jeweils zwei Liedern). Moderation: Lohengrin Filipello.
#LandInterpretSongPlatz
01NLJetty PearlDe Vogels van Holland-
02CHLys AssiaDas alte Karussell-
03BEFud LeclercMessieurs les noyés de la Seine-
04DEWalter Andreas SchwarzIm Wartesaal zum großen Glück-
05FRMathé AltéryLes Temps perdu-
06LUMichéle ArnaudNe crois pas-
07ITFranca RaimondiAprite le Finestre-
08NLCorry BrokkenVoorgoed voorbij-
09CHLys AssiaRefrain01
10BEMony MarcLe plus beau Jour de ma Vie-
11DEFreddy QuinnSo geht das jede Nacht-
12FRDany DaubersonIl est la-
13LUMichéle ArnaudLes Amant de Minuit-
14ITTonia TorelliAmani se vuoi-

  1. [1] Etwaige Parallelen zur gescheiterten erneuten Bewerbung der Premierensiegerin für den ESC 2012 möge bitte jeder selbst ziehen.

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