
Das Jahr der deutschen Schande
Heftige Auseinandersetzungen entbrannten im Vorfeld um den deutschen Beitrag. Ausgerechnet nach Jerusalem mit einem Song zu fahren, der von einem gewalttätigen Imperatoren handelt und mit Textzeilen wie “Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land” aufwartet, zeugte nicht gerade von ausgeprägtem geschichtlichen Feingefühl. Es hagelte Proteste und Verbotsforderungen, man befürchtete eine Belastung der diplomatischen Beziehungen und die damalige Familienministerin Antje Huber (SPD) geißelte den Text gar als “dumm und geschmacklos”. Ach was!
Doch allen Befürchtungen zum Trotz begriffen die Israelis ‘Dschinghis Khan’ wohl richtig: nicht als gewaltgeile Machtfantasie, sondern als harmlos-albernen Kinderfasching, zum Mitsingen und -tanzen dank seiner Simplizität bestens geeignet. Sie versorgten ihn sogar mit sechs Punkten, was zusammen mit diversen Höchstwertungen für einen beachtlichen vierten Platz reichte. Und stopften damit den Kritikern den Mund. Wie auch der anschließende internationale Verkaufserfolg der Single, mit der für Ralph Siegel eine ertragreiche Phase begann.
Was für ein herrlicher Spaß: deutsche Barbaren in Israel! (DE)
Deutschland blamierte sich bei diesem Contest dennoch bis auf die Knochen, zwar nicht durch die steppenden Räuberhorden von Dschinghis Khan, dafür aber dank der deutschen Jury. Mit dem extrem eingängigen, nur aus Refrain und sage und schreibe vier (!) Steigerungen bestehenden Weltfriedensschlager ‘Hallelujah’ von Gali Atari – nicht zu verwechseln mit dem legendären Videospieleanbieter – und ihrem dreiköpfigen Begleitchor Milk & Honey gewann Israel nämlich erneut den Wettbewerb und räumte aus fast allen Ländern Punkte ab. Ausgerechnet aus Deutschland aber kamen derer null, obwohl die Single auch hier (wie in ganz Europa) ein Riesen-Hit wurde. Ein bodenloser Abgrund der Peinlichkeit – selbst die deutsche Presse schämte sich in der Nachberichterstattung einhellig für die unmögliche Entscheidung der elf Laienjuroren. Ein erneuter, sehr schmerzlicher Beweis für die Untauglichkeit des Jurysystems. Dabei mag auch Neid im Spiel gewesen sein: ich erinnere mich, dass mein Vater – damals verfolgte man den Grand Prix noch im trauten Familienverbund – hinter dem zweifachen Sieg Israels in Folge ein politisches Komplott vermutete. Das beinhaltete keinerlei antisemitische Färbung, sondern entsprang einem absonderlichen, aber weit verbreiteten Gerechtigkeitsempfinden, wonach “wir” jetzt auch endlich mal “dran” zu sein hätten, im Gegensatz zu den Israelis, die ja ihren Sieg schon hatten…
Und es geht immer noch einen Halbton höher: Milch & Honig (IL)
Auch nicht dran war Österreich, das es mal wieder mit Anspruchsschlager versuchte. Das drückte sich unter anderem in der schlimmen Zickenfrisur der Chansonniere Christina Simon aus, die einen vorgeblich poetischen, tatsächlich aber sehr kruden Text von André Heller (“Übt, Freunde, Eure Wachsamkeit / Dem Weinen und der Angst zu wehren”) deklamierte, während im Hintergrund das Orchester vergeblich versuchte, den Notenvorgaben Sinn zu entlocken. Da half auch die Anbiederung im Songtitel (‘Heute in Jerusalem’) nicht mehr. Frau Simon teilte sich den letzten Platz mit Micha Marah, die nach der belgischen Vorentscheidung aus sehr berechtigten Gründen, aber leider erfolglos, versuchte, ihren Beitrag ‘Hey Nanah’ selbst disqualifizieren zu lassen. Soviel Einsicht ist von Italiens Matia, die sich ihren Vornamen in großen silbernen Glitzerbuchstaben auf die Bluse stickte, damit nicht einer ihrer Bazar-Jungs das Teil aus Versehen anzöge, nicht überliefert. Obwohl sie doch bei ‘Raggio di Luna’ eine Menge schräger Töne erzeugte, die fast so fies in den Ohren schmerzten wie Christina Simons sinnfreies Genöle.
Zwei auf flotter Fahrt: Tommy Seebach & Debbie Camron (DK)
Kultig hingegen der dänische Beitrag. ‘Disco Tango’ lieferte genau das, was der Titel versprach: eine schier unglaubliche Mixtur aus Tango-Motiven, Discogeigen und tanzbaren Beats. Dazu stellte der große, wie seine Kollegen Hanne Haller und Udo Jürgens stets auf dem Klavierhocker festbetonierte Tommy Seebach einen prächtigen Pornobalken und eine Frisur, die Helge Schneider inspiriert haben dürfte, zur Schau. Im Backgroundchor sang und tanzte eine enthusiastische Debbie Camron, die ihn auch 1981 bei dem ähnlich kultigen ‘Krøller eller ej’ begleiten durfte. Das mit feingestimmten kulturellen Antennen ausgestatte israelische Fernsehen nahm die in der Luft liegende Hinwendung zum Trash geschickt auf und präsentierte zwischen den Songs besonders witzige Postkarten, in denen es zu einer Atari-Computermelodie die jeweiligen nationalen Sagenfiguren aufs Korn nahm: Max & Moritz für Deutschland, die kleine Meerjungfrau für Dänemark, und für Griechenland stellte man eine Szene auf der Akropolis nach – eine Vorlage, welche die wie ihr stimmstarker Begleitchor in eine Toga gehüllte Sängerin Elpida mit der grandiosen, hochdramatischen Ode an den Philosophen ‘Socrates’ aufnahm und auf das Allerliebste bestätigte.
Nur Burnus wäscht Ihre Toga so weiss: Elpida (GR)
Sechs Jahre nach ihrem Sieg in und für Luxemburg kehrte Anne-Marie David wieder zurück – diesmal allerdings für ihr Heimatland Frankreich. ‘Je suis l’Enfant Soleil’ überzeugte durch ähnlich starke Qualitäten wie ihr damaliger Siegertitel ‘Tu te reconnaîtras’. Doch obwohl sich Anne-Marie erneut massiv ins Zeug legte, reichte es diesmal nur für den dritten Platz. Vielleicht lag ihr glühender Blick für ein “Sonnenkind” doch einen ganz kleinen Tick zu nahe am manischen Irrsinn. Bei ihrer bereits dritten Grand-Prix-Teilnahme zumindest modisch ganz weit vorne durfte sich Sandra Reemer (hier unter dem Pseudonym Xandra) wähnen, deren durchsichtige Bluse mit bunten Dreiecksmotiven die Zuschauer schon mal auf die noch bevorstehenden optischen Prüfungen der kommenden Achtzigerjahre vorbereitete. Sie hatte sich von den Gebrüdern Bolland & Bolland (‘In the Army now’) aus Holland & Holland eine fröhliche Bubblegum-Popnummer schreiben lassen, die sie vermutlich erst nach der Ablehnung durch Haribo als neuen Werbejingle für ihr gleichnamiges Konfekt zum Wettbewerb einreichte. Denn was der US-Staat ‘Colorado’ mit dem Eurovision Song Contest zu tun haben soll, bleibt schleierhaft. Nett war’s trotzdem.
Auf zu einer Stippvisite bei Alexis Carrington Colby: Xandra (NL)
Im Gegensatz zum faden britischen Beitrag ‘Mary Ann’ der Gruppe Lace, einer stark verwässerten Kopie der in den Vorjahren sehr erfolgreichen Glamrocker Smokie, die zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder ihren Zenit überschritten hatten. Schlimm auch die Schweizer Grand-Prix-Veteranen Peter, Sue & Marc, die mit der kinderkirmeskompatiblen Ohrenfolter ‘Trödler & Co’ bewiesen, dass Gießkannen eben doch keine geeigneten Instrumente zum Erzeugen angenehmer Töne sind. Verzichtbar auch die Norwegerin Anita Skorgan – vielen Dank für das Lied zu meinem Vornamen, aber ‘Oliver’ war musikalisch leider ebenso öde wie nämlicher Name. Schweden scheiterte mit und an der Kommunikationstechnik: ‘Satellit’, ihr Song zu Ehren der in Europa seit Kurzem gebräuchlichen Weltraum-Übertragungsstationen konnte im Gegensatz zu Lenas gleichnamiger Weise nicht punkten, da die Juroren angesichts des dreiminütigen Kampfes des Sängers Ted Gärdestad mit seinem widerspenstigen, ohne Unterlass munter vor sich hin pendelnden Mikrofon so mit dem Abwischen der Lachtränen beschäftigt waren, dass der rockig-flotte Popkracher komplett an ihren Ohren vorbeizog.
Piep piep, kleiner Satellit: wenn Mikrofone flüchten (SE)
Spanien setzte ganz auf den Kinderbonus und stellte der singenden Domina Betty Missiego vier unerträglich wohlerzogene Blagen zur Seite. Hätte auch beinahe funktioniert, wenn nicht die an letzter Stelle abstimmende spanische Jury den Israelis exakt jene zehn Punkte zugeschanzt hätte, die diese für den erneuten Sieg brauchten. Böse Zungen behaupten, diese Punktespende sei erfolgt, weil sonst das Land, in dem “die Sonne scheint bei Tag und Nacht”, den Contest im nächsten Jahr selbst hätte austragen müssen. Was der Staatssender TVE, anders als noch 1968, im Hinblick auf die Kosten unter allen Umständen vermeiden wollte. Zudem trugen die deutschen Pauschalurlauber ja auch so schon massenweise Angst und Schrecken in jenes Land, da brauchte man den Wettbewerb nicht mehr zu weiterer Tourismuswerbung. Die Isrealis hingegen konnten mit dem Doppelsieg beim Grand Prix ihre kulturelle Zugehörigkeit zu Europa eindrucksvoll unter Beweis stellen. Eine echte Win-Win-Situation!
Eurovision Song Contest 1979
Eurovision Song Contest. Samstag, 31. März 1979 aus dem Binyanei-Ha'ooma-Kongresszentrum in Jerusalem, Israel. 19 Teilnehmerländer. Moderation: Yardena Arazi und Daniel Pe'er.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | PT | Manuela Bravo | Sobe sobe, Balão sobe | 064 | 09 |
| 02 | IT | Matia Bazar | Raggio di Luna | 027 | 15 |
| 03 | DK | Tommy Seebach | Disco Tango | 076 | 06 |
| 04 | IE | Cathal Dunne | Happy Man | 080 | 05 |
| 05 | FI | Katri Helena | Katson sineen Taivaan | 038 | 14 |
| 06 | MC | Laurent Vaguener | Notre Vie, c'est la Musique | 012 | 16 |
| 07 | GR | Elpida | Socrates | 069 | 08 |
| 08 | CH | Peter, Sue & Marc + Pfuri, Gorps & Knuri | Trödler & Co. | 060 | 10 |
| 09 | DE | Dschinghis Khan | Dschinghis Khan | 086 | 04 |
| 10 | IL | Gali Atari + Milk & Honey | Hallelujah | 125 | 01 |
| 11 | FR | Anne-Marie David | Je suis l'Enfant-Soleil | 106 | 03 |
| 12 | BE | Micha Marah | Hey Nanah | 005 | 19 |
| 13 | LU | Jeane Manson | J'ai déjà vu ça dans tes Yeux | 044 | 13 |
| 14 | NL | Xandra | Colorado | 051 | 12 |
| 15 | SE | Ted Gärdestad | Satellit | 008 | 17 |
| 16 | NO | Anita Skorgan | Oliver | 057 | 11 |
| 17 | UK | Black Lace | Mary Ann | 073 | 07 |
| 18 | AT | Christina Simon | Heute in Jerusalem | 005 | 18 |
| 19 | ES | Betty Missiego | Su Canción | 116 | 02 |
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