
Das Jahr der Schiebung
Jurys sind Wichser™! Unseren enttäuschenden (und ungerechten!) sechsten Platz in diesem Jahr verdanken wir unter anderen den Norwegern: die reagierten nämlich pikiert, weil die dort gebürtige, in Deutschland jedoch keinen unerheblichen Anteil ihres Einkommens als Schlagersängerin generierende Wencke Myhre nicht fürs Heimatland sang. Und straften sie dafür mit null Punkten ab. Doch auch Deutschland sorgte beim Contest in London nicht nur mit dem fortschrittlichen ‘Ein Hoch der Liebe’ für Furore, sondern eben auch mit den – ohne das beweisen zu können, aber eine andere Schlussfolgerung erscheint mir nicht möglich – von Korruption geprägten Wertungen unserer Juroren.
Die punkteten nämlich, getreu des altbekannten Mottos, dass ein anspruchsvolles Lied gewinnen solle, mit sechs ihrer insgesamt zehn Stimmen die Spanierin Massiel und ihren nun wirklich tiefschürfenden Titel ‘La La La’ überraschend nach vorne. Bei Massiel (eigentlich: Maria de Los Angeles Santamaria) handelte es übrigens um die Zweitbesetzung für das kraftvolle und eingängige, Lebensfreude transportierende Chanson: der ursprünglich vorgesehene Interpret Juan Manuel Serrat wollte den Text (!) nur in der Regionalsprache Katalan singen. Da hatte Diktator Franco aber was gegen. Fairerweise muss man zugeben: das Lied verfügt tatsächlich auch über vier Strophen Text, neben den gezählten 138 “La”s des Refrains (der Song transportiert eben extrem viel Lebensfreude!). Die Zuschauer standen nach dem Überraschungssieg der Spanierin Kopf, denn eigentlich galt jemand ganz Anderes als Top-Favorit…
Im linguistischen Nirwana: die äußerst selbstbewusste Massiel (ES)
Nämlich der britische Superstar Cliff Richard. Sein Wunschsendungs-Evergreen ‘Congratulations’, eine flotte Popnummer mit prominentem Trommelmotiv, stand zum Zeitpunkt des Song Contests bereits seit Wochen hoch in allen europäischen Charts. Frenetisch begrüßte ihn das Publikum in der Royal Albert Hall, sein Sieg schien nur noch Formsache zu sein, kein Wettbüro hätte hierfür etwas gezahlt. Doch nun durchkreuzten die Deutschen seine Pläne. Es lag vermutlich nicht an der sehr exaltierten Darbietung*, sondern an dem idiotischen Mantra der Juroren, Hits hätten beim Grand Prix nichts zu suchen. Oder doch am Geld?
Lustige Sache, das mit dem Geld, finden auch Abba
Einer Dokumentation eines spanischen Privatsenders zufolge habe das Franco-Regime und der Staatssender TVE mehrere europäische Jurys, darunter die deutsche, mit dem Ankauf von Fernsehserien bestochen, die dann ungesendet in den TVE-Archiven verrotteten. Derrick gegen Punkte? Das Ziel: durch einen Sieg Spaniens und die Austragung des Grand Prix im Folgejahr wollte sich die an touristischen Einnahmen interessierte Diktatur als moderne, sympathische europäische Nation (und als Reiseziel) präsentieren. Was auch gelang. Bewiesen sind diese Behauptungen indes nicht, auch wenn Cliff Richard bereits meinte, er sei “der glücklichste Mensch der Welt”, sollten sie sich bewahrheiten. So lange dient ihm der trotz des zweiten Platzes sehr viel größere kommerzielle Erfolg seines Beitrags mit knapp zwei Millionen verkaufter Einheiten sicher als kleines Trostpflaster.
Der Seilspringpantomime: Cliff Richard (UK)
Tanz den Cliffie
*Eine Anleitung zum Nachtanzen der legendären ‘Congratulations’-Performance findet sich auf der britischen, genial zynischen Eurovisionsfanseite Whoops, Dragovic! Hier die Übersetzung:
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Die Tanzschritte zu Cliffs Euroklassiker können Sie überall problemlos nachstellen; ob Zuhause, in Ihrem Garten, der Kirche oder im Loft:
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Laufen Sie den Gartenpfad (bzw. den Kirchgang) hinunter, direkt auf die freudig jubelnden Massen zu.
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Am Ende des Pfades angekommen, tun Sie so, als würden Sie mit Ihren Füßen ein Feuer austreten.
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Beim Singen ducken Sie sich leicht verkrampft zusammen, so als ob Sie unter Durchfall litten. Lassen Sie gleichzeitig Ihre Arme wie Propeller kreisen.
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Während des Instrumentalparts Ihres Liedes weisen Sie die Zuschauer auf die (nicht vorhandenen) Notausgänge zu Ihrer Linken und Rechten hin.
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Beim großen Songfinale treten Sie nochmals die Flammen aus. Recken Sie dann die Arme dem willkommenen Applaus entgegen.
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Verstecken Sie sich auf der Toilette, bis Sie jemand holt.
Verdammicht, es ist Liebe: die Schweden sind schon echte Romantiker!
Aber nicht nur Sir Richard lieferte eine spektakuläre Performance. Mit der Einführung des Farbfernsehens schien auch jeder Rest von chansonseliger Zurückhaltung, durch steife Abendroben bedingter Bewegungsunfähigkeit und Dezenz von der Veranstaltung abzufallen. Schon der für Österreich startende Karel SchlagerGott (mit einem vom Contest-Gewinner Udo Jürgens verfassten, langweiligen alpenländischen Anspruchsschlager über die Einsamkeit der Großstadt) gebärdete sich auf der Bühne so tuntig wie ein Musicalsänger: eine Vier auf der Haldor-Lægreid-Skala. Gruselig die Vertreter aus dem hohen Norden: der Schwede Claes-Göran Hederström wirkte im Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen wie der böse Onkel vom Kinderspielplatz, was den Genuss seines jazzigen Loungesongs ‘Banne mej’, in dem er das schwere Schicksal beklagt, frisch verliebt zu sein, erheblich minderte. Finnland schickte eine junge Sängerin namens Kristina Hautala in einem lindgrünen Kleidchen mit gerüschten Blümchen auf dem Ärmel: eine singende Frühlingswiese! Sympathisch, dafür war ihr Lied langweilig.
Bra bra bra statt la la la: Odd Børre (NO)
Der Norweger Odd Børre schaute seinen Tanzstil ganz offensichtlich bei dem direkt vor ihm aufgetretenen Cliffie ab – nur, dass er mit dicker Hornbrille und Bill-Gates-Frisur aussah wie der verrückte Professor aus einem Hammer-Horrorfilm. Was zwar perfekt zu seinem wirren Lied mit dem treffenden Titel ‘Stress’ passte, ihm aber dennoch bzw. deswegen keine Punkte einbrachte. Unsere Wencke schunkelte und propellerte über die Bühne wie ein zu stark aufgezogener Brummkreisel, und das in einem quietschgelben Minikleid, das ihre nicht gerade rehschlanken Beine (um das unschöne Wort Stampfer zu vermeiden) so richtig zur Geltung brachte. Und dann noch die Daisy-Duck-Schuhe: grausam! Nicht sehr vorteilhaft machte sich auch die französische Siegerin von 1962, Isabelle Aubret, zurecht. Ihr labbriges blassblaues Nachthemd kontrastierte so schmerzvoll zu ihrer platinblonden Lockenpracht, dass man sich gar nicht auf ihr faszinierendes Chanson ‘La Source’, eine Schauergeschichte über ein von ihren drei Vergewaltigern im Wald erschlagenes Mädchen, konzentrieren konnte. Daher reichte es diesmal auch nur für Platz 3.
I’m your Drama Queen tonight (CH)
Den absoluten Vogel schoss aber der Schweizer Gianni Mascolo ab. In einem kürbisfarbenen, schraubstockengen Anzug lieferte er den Beweis, dass das Farbfernsehen nicht immer ein Segen sein muss. Zudem hatte er mit ‘Guardano il Sole’ eine sehr grandprixeske Ballade dabei. Und grandprixesk meint hier vor allem: mit einem großen, emotionsgeladenen, aufwallenden Finale. Ein Song also, wie er eigentlich für französische Chansonetten typisch ist. Und wie eine solche gebärdete sich Gianni auch: er strahlte, schmetterte und warf die Arme in die Luft, exaltierter als jeder Jürgen Marcus und mindestens genau so enthusiastisch wie Jahre nach ihm Sévérine. Die gewann 1971 mit genau so einer Darbietung. Dem armen Gianni bleib das verwehrt: mit nur mageren zwei Pünktchen landete er ganz hinten. Ein glasklarer Fall von geschlechtsspezifischer Diskriminierung – blöde für Gianni, dass es seinerzeit noch keine Gleichstellungsbeauftragten gab…
Eurovision Song Contest 1968
Eurovision Song Contest. Samstag, 6. April 1968, aus der Royal Albert Hall in London, Großbritannien. 17 Teilnehmerländer, Moderation: Katie Boyle.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | PT | Carlos Mendes | Verão | 05 | 11 |
| 02 | NL | Ronnie Tober | Morgen | 01 | 16 |
| 03 | BE | Claude Lombard | Quand tu reviendras | 08 | 08 |
| 04 | AT | Karel Gott | Tausend Fenster | 02 | 13 |
| 05 | MC | Chris Baldo + Sophie Garel | Nous vivrons d'Amour | 05 | 12 |
| 06 | CH | Gianni Mascolo | Guardano il Sole | 02 | 13 |
| 07 | MC | Line + Willy | À chacun sa Chanson | 08 | 07 |
| 08 | SE | Claes-Göran Hederström | Det börjar verka Kärlek, banne mej | 15 | 05 |
| 09 | FI | Kristina Hautala | Kun Kello käy | 01 | 16 |
| 10 | FR | Isabelle Aubret | La Source | 20 | 03 |
| 11 | IT | Sergio Endrigo | Marianne | 07 | 10 |
| 12 | UK | Cliff Richard | Congratulations | 28 | 02 |
| 13 | NO | Odd Børre | Stress | 02 | 15 |
| 14 | IE | Pat McGeegan | Chance of a Lifetime | 18 | 04 |
| 15 | ES | Massiel | La la la | 29 | 01 |
| 16 | DE | Wencke Myhre | Ein Hoch der Liebe | 11 | 06 |
| 17 | YU | Dubrovacki Trubaduri | Jedan Dan | 08 | 08 |
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