
Das Jahr der Zunge
Telefon, Telefon / Lang war ich allein / Sag, wann werde ich zum Lohn / Endlich glücklich sein?’ Dies frug die deutsche Vertreterin Margot Hielscher sich und das Publikum. Wie jede nagelneue Kommunikationstechnik wurde also auch schon der Fernsprechapparat bereits kurz nach seiner Markteinführung zur Date-Anbahnung mißbraucht genutzt! Für den nicht deutsch sprechenden Teil Europas visualisierte Frau Hielscher die Thematik äußerst anschaulich, indem sie während ihres Gesangsvortrags innig mit einem Telefonhörer schmuste. Eurovision leicht gemacht!
Doch weder diese Showeinlage noch das geschickte Einweben englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprachfetzen (“Hallo, grazie, si, si - hallo, nada por mi”) reichten zum Sieg. Wir mussten uns mit dem vierten Rang begnügen.
Kein Brocken, diese Frau: Corry Brokken (NL)
Solche Mätzchen hatte die Gewinnerin Corry Brokken aus den Niederlanden nicht nötig. Sie überzeugte mit einer geschmackvollen Kurzhaarfrisur und einer reichhaltig instrumentierten Ballade mit neckischen Tipps zum Frischhalten der Ehe (“Auch wenn Du fett und grauhaarig wirst, kannst Du noch immer flirten”), die während der Brücke zeitweilig richtigen Schwung entwickelte. Sowie mit einem zurückhaltenden, aber stets präsenten Siegerinnenstrahlen. So fiel es den Juroren leicht zu erkennen, dass hier wohl innere und äußere Größe übereinstimmten. Corry, die in den Sechzigern mit der Superschnulze ‘La Mamma’ auch in Deutschland einen großen Hit landete, übernahm die Siegerinnenstaffette von der Schweizerin Lys Assia, die sich ebenfalls wieder im Wettbewerb befand und, ebenso wie Corry, auch im Folgejahr noch ein drittes Mal antreten sollte. Wie man sieht, betrieb Lena Meyer-Landrut also beileibe nicht das erste “Projekt Titelverteidigung” der Grand-Prix-Geschichte; schon in den Gründerjahren infizierten sich nicht nur Fans mit dem Eurovisionsvirus, sondern auch Künstler.
Der Handetasche musse lebendig sein: Frau Wilke und Herr Winkler (DK)
Als erstes skandinavisches Land nahm das für seine Liberalität und Freizügigkeit bekannte Dänemark teil. Und sorgte sogleich für einen Skandal: am Ende ihres Seefahrerliedchens versank das Schlagerpärchen Birthe Wilke und Gustav Winkler in einem elf Sekunden dauernden, innigen Kuss. Und das vor laufenden Kameras! Europa bebte: dürfen die das? Im Fernsehen, wo Kinder zuschauen könnten? Der Tabubruch zahlte sich, wie fast immer beim Song Contest, aus: Platz drei für das subtil doppeldeutige ‘Mein Schiff sticht in See heute Nacht’! Premiere feierte auch unser geliebtes Nachbarland Österreich. Sehr zu meiner Schadenfreude ersang Bob Martin mit dem selten dämlichen Kinderlied ‘Wohin, kleines Pony?’ (zum Schlachter vielleicht?) gleich zum Start die Rote Laterne. Kein Wunder: sein Ergebnis wohl im Voraus ahnend, streckte er direkt vor dem Instrumentalpart in der Mitte seines Songs, als die Kamera schon von ihm wegschwenkte, den Jurys rasch die Zunge raus! Tollkühne Männer, diese Österreicher! Martin eröffnete hier mit Grandezza einen dankenswerterweise bis heute nicht enden wollenden Strom unglaublich skurriler K&K-Kultknaller (‘Boom Boom Boomerang’, ‘Du bist Musik’, ‘Hurricane’, um nur drei zu nennen), mit denen sich die Alpenrepublik als verlässlicher Lieferant des ungewollt Schrägen und Abseitigen etablieren konnte.
Den Schalk im Nacken: bei 1:56 Min. macht sich Herr Martin (AT) über uns lustig!
Auffällig in diesem Jahr die Differenzierbarkeit der einzelnen Beiträge: alles Balladen zwar, jedoch ganz unterschiedlich in der musikalischen Machart wie in der Länge. So starteten auf den Positionen 3 und 4 direkt hintereinander der kürzeste und der längste Eurovisionsbeitrag aller Zeiten: das operettenhafte ‘All’ der Britin Patricia Bredin brachte es auf lediglich 112 Sekunden, während der Italiener Nunzio Gallo und sein Gitarrist sich für die ‘Corde della mia Chitarra’ über fünf Minuten Zeit ließen. Auch Corry Brokken überzog. Erst ab dem nächsten Jahr sollte die EBU auf die strikte Einhaltung der Drei-Minuten-Regel achten, einer angesichts der wechselvollen Qualität der beim Grand Prix dargebotenen Songs mitunter geradezu menschenfreundlichen Bestimmung. Auch wenn manche Komponisten diese Zeitvorgabe leider als Mindestverpflichtung mißzuverstehen scheinen. Ist sie nicht: ein Grand-Prix-Lied darf durchaus kürzer sein als 180 Sekunden, nur nicht länger! Mir fielen aus dem Stand Dutzende Songs ein, denen eine zeitliche Orientierung am erwähnten ‘All’ zu wünschen gewesen wäre…
Große Eurovisionsdamen: Frau Hielscher und Frau Iplicjian
Einen Sonderapplaus verdient übrigens die Moderatorin des Abends, Anaïd Iplicjian. Erst im Direktvergleich mit solchen Ausnahmefiguren fällt schmerzlich auf, von welch’ untalentierten Sabbelbacken wir uns heutzutage meist zulabern lassen müssen.[1] Frau Iplicjian führte mit der perfekten Mischung aus damenhafter Strenge, liebreizendem Charme und subversivem Humor (“Der französische Beitrag heißt…” [kurzer Blick auf die Stichwortkarte] “…’La belle Amour’. Wie sollte er auch sonst heißen?!?”) völlig souverän durch das televisionäre Neuland des Grand Prix Eurovision. Und ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als es bei der Durchgabe der Juryvoten aus den Teilnehmerländern – unter Zuhilfenahme des bereits von Margot Hielscher so innig beschmusten Telefonhörers – zu zahlreichen Störungen und Verständigungsschwierigkeiten kam. Oder als der Direktor des Hessischen Rundfunks bei der Siegerehrung die Eurovisionsplakette zuerst an Corry Brokken gab, sie ihr dann aber rüde wieder wegnahm, um sie dem Komponisten des Beitrags auszuhändigen. Denn schließlich sei der Grand Prix ja ein Komponistenwettbewerb…
Eurovision Song Contest 1957
Zweiter Großer Preis der Eurovision. Sonntag, 3. März 1957, aus dem Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main, Deutschland. 10 Teilnehmerländer. Moderation: Anaïd Iplicjian.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | BE | Bobbejaan Schoepen | Straatdeuntje | 05 | 08 |
| 02 | LU | Danièle Dupré | Tant du Peine | 08 | 05 |
| 03 | UK | Patricia Bredin | All | 06 | 07 |
| 04 | IT | Nunzio Gallo | Corde della mia Chitarra | 07 | 06 |
| 05 | AT | Bob Martin | Wohin, kleines Pony? | 03 | 10 |
| 06 | NL | Corry Brokken | Net als toen | 31 | 01 |
| 07 | DE | Margot Hielscher | Telefon, Telefon | 08 | 04 |
| 08 | FR | Paul Desjardins | La belle Amour | 17 | 02 |
| 09 | DK | Birthe Wilke + Gustav Winkler | Skibet skal Sejle i Nat | 10 | 03 |
| 10 | CH | Lys Assia | L'Enfant que j'étais | 05 | 09 |
- [1] Diese Moderatorenbeschimpfung gilt selbstredend nicht für Anke Engelke! ↩
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