
Das Jahr der Kultknaller
Deutschland schickte in diesem Jahr die zum Zeitpunkt des Wettbewerbs weltweit prominentesten und kommerziell erfolgreichsten Grand-Prix-Teilnehmerinnen aller Zeiten. Silver Convention konnten bereits einen US-Nummer-Eins-Hit (‘Fly Robin fly’) vorweisen und regierten als unumstrittene Königinnen der alles beherrschenden Discowelle, als sie in London antraten. Für ihren Eurovisionsbeitrag ‘Telegram’, eine etwas fiebrige, aber teutonisch präzise produzierte tanzbare Popnummer aus dem stets gerne bemühten Themenbereich Kommunikationstechnik, schmissen sich die Münchener Discogirls von Weltruf in bonbonfarbene Kostüme und studierten ihre legendäre Saloontürchoreografie ein, die jede Grand-Prix-Tucke mit Selbstachtung noch heute im Schlaf mittanzen kann.
Geld im Handumdrehen: die belgischen Träumer sind wenig idealistisch
Doch der sicher geglaubte Lohn fürs musikalische und stilistische Nasevornhaben blieb aus: mit dem achten Platz wurden alle Anstrengungen auf das Bitterste enttäuscht. Silver Convention fielen genau so durch wie der choreografisch und musikalisch ziemlich ähnliche Dream Express aus Belgien. Der bestand aus den drei Hearts-of-Soul-Schwestern (NL 1970) plus Komponist, die mit ihrem anmutig getanzten Discopopsong ‘A Million in 1-2-3′ machen wollten. Zwei mögliche Erklärungen bieten sich für diese grotesken Fehlurteile an: entweder zeigten sich die Juroren verschnupft, weil beide Länder als einzige nicht in Landessprache sangen (die EBU setzte die altertümliche Sprachregel nur wenige Wochen vor dem Wettbewerb wieder in Kraft, Belgien und wir konnten eine Ausnahme erwirken). Oder aber die Jurys bestanden ausschließlich aus bereits halbverwesten Senioren, die mit dem Sound der neuen Zeit nichts anzufangen wussten. Ich weiß nicht, welche der beiden Möglichkeiten ich schlimmer finden soll.
‘De Malemollen’: der beste holländische Beitrag ever!
Eine ‘Million im Handumdrehen’ hätten auch die irischen Swarbriggs gut gebrauchen können: nach der Verstärkung mit zwei Begleitsängerinnen blieb für die Bühnengarderobe offenbar nicht mehr viel Geld übrig, und so trugen die Herren die Anzüge von 1975 noch einmal auf. Einen (ungerechten) Mittelfeldplatz ersang die Niederländerin Heddy Lester, die mit ‘De Mallemolen’ einen zutiefst anrührenden Durchhalteschlager über das Auf und Ab des Lebens ablieferte. Das haben die Holländer (einschließlich der Flamen) ja nun wirklich drauf: diese tolle Mischung aus ergreifend melancholischem Grundton und dennoch irgendwie optimistischer Botschaft. Weswegen sich etliche ihrer Beiträge ganz tief in meinem Herzen einnisten konnten. So wie auch dieser hier. Leider beherrschen die Niederländer auch die Kunst des selbstzerstörerischen Outfits, denn vermutlich verhinderte Heddys Aufmachung als üppige rosafarbene Marzipan-Hochzeitstorte, die doch zu stark mit dem bittersüßen Ton ihres Chansons kontrastierte, ein eigentlich verdientes besseres Abschneiden.
‘Boom Boom Boomerang’: der beste österreichische Beitrag (nach den Milestones)
Österreich versuchte sich in Gesellschaftskritik: die linksradikale Gruppe Schmetterlinge wollte mit ihrem entlarvend-anklägerischen ‘Boom Boom Boomerang’ – wie sich am Titel schon leicht erkennen lässt – dem verderbten Musikbusiness (“Das hören die Konzernherrn / Von Nashville bis Luzern gern”) die kapitalistische Maske vom Gesicht reißen. Dazu setzten sie selbst erst mal welche auf und drehten sich mit dem Rücken zum Publikum. Was die europäischen TV-Zuschauer und Juroren aber vor allem als rüdes Benehmen mißinterpretierten. Zumal man vom Text (“Ob Album oder Single / klingel, Kassa, klingel”), selbst wenn man des Deutschen mächtig war, dank des von der BBC produzierten Soundbreis kaum ein Wort verstand. Den Höhepunkt des austriatypischen Anspruchsschlagers bildete der bewußt alberne Refrain, der in parodistischer Absicht Worte wie “Känguruh, Boogaloo, Didgeridoo” aneinanderreihte. Und auch die präzise getanzte Zappelchoreographie nahm entsprechende Vorlagen, besonders die der Brotherhood of Man aus dem Vorjahr, aufs Korn. Die Juroren verstanden allerdings keinen Spaß: vorletzter Platz für die wunderbare Satire.
‘Swiss Lady’: der beste schweizerische Beitrag ever!
Weiteres Komik-Highlight: die Pepe Lienhardt Band, welche die in letzter Sekunde vom Englischen ins Deutsche transferierte ‘Swiss Lady’ anpries – nein, keine Sennerin, wie man vermuten könnte, sondern ein Alphorn, das denn auch musikalisch ausführlich zum Einsatz kam! Und sogar gejodelt wurde ein wenig in diesem wohl prägendsten schweizerischen Beitrag aller Zeiten. Für das gastgebende Vereinigte Königreich beschrieb die bereits hitparadenerfahrene Lynsey de Paul (ihr großartiger Discoschlampenhit: ‘Sugar me’) in Begleitung von Mike Moran das geschmackspolizeiliche Urteil über ihren grausamen, aufdringlichen und an Ödnis kaum überbietbaren Beitrag: ‘Rock Bottom’! Aus reiner Gewohnheit setzten ihn die Juroren trotzdem an die zweite Position. Im Gegensatz zur italienischen Reibeisenstimme Mia Martini. Die große, unvergessene Canzonette erschien in einer etwas eigenartigen, floral gemusterten Bluse und mit Steckblume im Haar, so als habe Fleurop ihren Auftritt gesponsort, und raspelte eine hingebungsvolle Ode an die ‘Libera’, was bei den stockkonservativen Jurys gar nicht gut ankam: Platz 13 – ein unfassbares Schandurteil!
Ich verneige mich vor Dir, kleine Blume: die einzigartige Mia Martini (IT)
Für Luxemburg ging die spindeldürre Anne-Marie B. an den Start, die mit ‘Frère Jacques’ das bekannte Kinderlied (“…dormez vous?”) aufgriff und es mit halbherzigem Donna-Summer-Stöhnen, schwülstigen Discogeigen und kruden Reime zu einem ungenießbaren Trash-Epos verrührte. Sehr clever umschifften die Griechen die für sie nachteilige Sprachregelung. Sie schickten ein Quartett aus Pascalis, Marianna, Robert & Bessie, die Männer in schmerzhaft hoch und eng sitzenden Hosen, und thematisierten ihren gemeinsamen Musikunterricht mit dem dort praktizierten Üben der Tonleitern (“Do fa fa fa / sol fa sol fa / mi do si mi mi mi / do si do si / sol si do”). Unterlegt von treibenden Disco-Beats und unterstützt von einer possierlichen Choreografie erreichte die schwungvolle, sehr offensichtlich an ‘Ding A Dong’ und ähnlichen Lautmalereien geschulte Nummer einen fünften Platz. Das beste Ergebnis für die nächsten fünfzehn Jahre, in denen sich die Hellenen vor allem auf hochdramatische, semihistorische Erzählungen verlegten. Und damit von Grand-Prix-Fans wie mir sehr goutierte, von den Jurys jedoch durchgängig unterbewertete Beiträge lieferten. Erst mit der Hinwendung zum mediterranen Discopop konnten sie in diesem Jahrtausend wieder gute Ergebnisse erzielen – auf Englisch[1]!
Nur in Griechenland populär: die Eierquetschhose!
Die genialste Nummer des an Kultkrachern reichen Abends aber stammte aus dem absurden Beiträgen dankenswerterweise niemals abgeneigten Finnland. Monica Aspelunds Hommage an die läppische Heimat ‘Lapponia’, mittlerweile so etwas wie die inoffizielle Nationalhymne des Landes, bot das volle Paket für Fans des Abseitigen: gekleidet in einer umgenähten Tischdecke in Landesfarben, klatschte die selbstbewußte, optisch ein wenig an die Tagesschau-Sprecherin Dagmar Berghoff erinnernde Miss Aspelund zu den peppigen Rhythmen ihres unvergleichlichen Songs anfeuernd in die Hände. Um die Zuschauer dann, nach einem kurzen, gefauchten Intermezzo, mit einer völlig unvermittelt daherkommenden, aber sauber gekrischenen Note in der höchsten gerade noch wahrnehmbaren Operntonlage zu überraschen. Fast wollte man glauben, die Finnin habe vor ihrem Auftritt hinter der Bühne noch schnell Teewasser aufgesetzt und jetzt pfeife der Kessel! Kurzum: es ist eine der Eurovisionsdarbietungen, die man mit eigenen Augen gesehen haben muss, um sie zu glauben – und zu verstehen, warum der Wettbewerb bei Connaisseuren der unfreiwilligen Komik zu Recht ein so hohes Ansehen genießt!
Wenn der Teekessel singt (2:15 Min.): der beste finnische Beitrag ever!
Wenig Sinn für Skurriles bewiesen hingegen die Jurys, welche die anbetungswürdige Finnin mit dem zehnten Platz demütigten. Und auch sonst einen Musikgeschmack bewiesen, der demjenigen der Platten kaufenden Jugend nicht entfremdeter hätte sein können. Mit der Französin Marie Myriam und ihrer mit Hingabe vorgetragenen Eurovisionsballade ‘L’Oiseau et l’Enfant’ gewann ein äußerst klassisches Chanson; man fühlte sich glatt fünfzehn Jahre in der Zeit zurückversetzt. Nun ist ‘Der Vogel und das Kind’, so der akkurat übersetzte Titel der deutschen Einspielung, ja unbestreitbar ein wunderschöner, hochgradig erbaulicher Grand-Prix-Schlager, zu dem ich persönlich eine tiefe Zuneigung hege. Und die BBC hatte wunderbare, herzerwärmende Bilder, als eine geschickte Kameraregie nach Maries Siegesakklamation in den Green Room blendete, wo sich die junge, sympathische Immigrantentochter gerade in Tränen des Glücks auflöste. Wer hätte sie in diesem anrührenden Moment nicht spontan umarmen und sich mit ihr freuen wollen?
Wie süß: Marie Myriam kann ihr Glück kaum fassen (FR)
Ihr Sieg sei ihr also aus vollem Herzen gegönnt (großartig übrigens auch die spontanen Überbrückungsscherze von Moderatorin Angela Rippon, als Marie noch ein Minütchen brauchte, um zur Siegerreprise auf der Bühne zu erscheinen). Aber: mit ihren katastrophalen Fehlentscheidungen, nicht nur in Sachen Discosounds, und mit dem völlig unzeitgemäßen Rückfall in die Landessprachenregelung sorgten die Jurys und die EBU leider dafür, dass der bis dahin noch ziemlich gut im Trend der Zeit mitschwimmende Song Contest bei der entscheidenden jüngeren Zielgruppe zusehends ins Abseits trudelte. Dieser Jahrgang stellt somit gewissermaßen die Demarkationslinie des beim Grand Prix erstmals mit aller Wucht zu Tage getretenen Generationenkonfliktes dar. Der offene Bruch sollte dann fünf Jahre später erfolgen, als eine Saarländerin im Konfirmandinnenkleid siegte…
Eurovision Song Contest 1977
Eurovision Song Contest. Samstag, 7. Mai 1977, aus dem Wembley Conference Center in London, Großbritannien. 18 Teilnehmerländer. Moderation: Angela Rippon.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | IE | Swarbriggs + Two | It's nice to be in Love again | 119 | 03 |
| 02 | MC | Michèle Torr | Une petite Française | 096 | 04 |
| 03 | NL | Heddy Lester | De Mallemolen | 035 | 12 |
| 04 | AT | Schmetterlinge | Boom Boom Boomerang | 011 | 17 |
| 05 | NO | Anita Skorgan | Casanova | 018 | 15 |
| 06 | DE | Silver Convention | Telegram | 055 | 08 |
| 07 | LU | Anne-Marie B. | Frère Jacques | 017 | 16 |
| 08 | PT | Os Amigos | Portugal no Coração | 019 | 14 |
| 09 | UK | Lynsay de Paul + Mike Moran | Rock Bottom | 121 | 02 |
| 10 | GR | Pascalis, Marianna, Robert & Bessie | Mathema Solfege | 092 | 05 |
| 11 | IL | Ilanit | Ha'Ava Hi Shir Lishnayim | 049 | 11 |
| 12 | CH | Pepe Lienhardt Band | Swiss Lady | 071 | 06 |
| 13 | SE | Forbes | Beatles | 002 | 18 |
| 14 | ES | Micky | Enseñame a cantar | 052 | 09 |
| 15 | IT | Mia Martini | Libera | 032 | 13 |
| 16 | FI | Monica Aspelund | Lapponia | 050 | 10 |
| 17 | BE | Dream Express | A Million in 1, 2, 3 | 069 | 07 |
| 18 | FR | Marie Myriam | L'Oiseau et l'Enfant | 136 | 01 |
- [1] Nein, ‘Watch my Dance’ (2011) widerlegt diese These nicht – wie der Titel schon verrät, ist der Text zu drei Vierteln auf Englisch ↩
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