
1959: Das Jahr der Revuen
Nein, eine Vorentscheidung hätten sie nicht mitgemacht, die zu diesem Zeitpunkt schon international erfolgreichen Synchrontänzerinnen und -ausseherinnen Alice und Ellen Kessler, also gab es keine. Deutschlands bekannteste eineiige Zwillinge, die in einem NDR-Interview später behaupteten, zu diesem Auftritt vertraglich gezwungen worden zu sein, stellten aber noch weitere Bedingungen: ‘Heute möcht’ ich bummeln’ erschien ihnen als Titel zu brav, die nahe liegende Abwandlung ‘Heute möcht’ ich fummeln’ hingegen vielleicht doch etwas zu direkt, also frisierte man ihr Lied in ‘Heut’ Abend möcht’ ich tanzen gehn’ um. Trotz all der Änderungen empfanden die Beiden die Nummer als “nicht gut” – da muss ich doch entschieden widersprechen!
Da wackeln die Wände: die Kesslers rocken das Haus! (DE)
Denn auch wenn es musikalisch sehr nach Revue klang, wie übrigens alle Beiträge dieses Eurovisionsjahrganges: textlich kam ihr Song einer kleinen Revolution gleich. Denn dass die Dame den Herrn zum Tanz aufforderte, das stellte in den sittenstrengen Fünfzigern die moralischen Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf. Zumal noch eingeleitet von einem flapsigen “Hallo, Boy” (was ihnen flammende Protestbriefe erzürnter Sprachpuristen eintrug) und einem anzüglichen “Komm mit, sag nicht nein”: da ging es zwischen den Zeilen doch um noch ganz andere rhythmische Körperbewegungen! Auch Gastgeberin Jaqueline Joubert fand das äußerst “curieux”. Zur Strafe mussten sich die zwei Schwestern ein in Nabelhöhe eingestelltes Mikrofon teilen und ihre Tanzeinlage, die allererste ernsthafte Grand-Prix-Choreografie in der Geschichte, auf derartig engem Raum absolvieren, dass man es nur als Meisterleistung bezeichnen kann, dass dies unfallfrei vonstatten ging. Dennoch reichte es nur für den achten Rang: all zu starke Fortschrittlichkeit zahlte sich beim Grand Prix noch nie aus.
Keine Empörung gab es über die Gewinnerin von Cannes, Teddy Scholten aus den Niederlanden, und ihr peppiges ‘Een beetje’. Die Eurovisionsjurys bestanden in den Anfangsjahren scheinbar ausschließlich aus Belgiern: immer brav abwechselnd gewannen Frankreich und Holland, nur 1961 vertat man sich mit Luxemburg (wahrscheinlich, weil sich die Flaggen so ähnlich sehen). ◊ Als wahrer Kultschatz erwies sich der zweitplatzierte Beitrag ‘Sing, little Birdie’ aus dem Vereinigten Königreich: das augenscheinlich unter dem Einfluss aufputschender Substanzen stehende Duo Teddy Johnson und Pearl Carr ließ sich die Arbeit von einem Vöglein aus Plüsch abnehmen, das mit auf die Bühne durfte, und legte dazu eine dermaßen übertriebene Mimik hin, dass der Auftritt als Comedy-Höhepunkt wenigstens dieses Eurovisionjahrzehnts gelten muss. Als weitere Meister im Fach der (unfreiwilligen?) Komik erwiesen sich, wie so oft, die Österreicher, die mit dem ‘K. u. k. Kalypso aus Wien’ ihre Kompetenz in Sachen lateinamerikanischer Rhythmen zu beweisen suchten. Gewürzt mit landestypischen Jodelrufen wirkte das Ganze sehr, sehr drollig. Und ging natürlich sehr, sehr daneben.
Der ist nicht aus Ecuador: Ferry Graf (AT)
Erneut versuchte sich Domenico Modugno für Italien. Sein ‘Piove’ schnitt abermals schlecht ab – nur, um im Anschluss unter dem Titel ‘Ciao, Ciao, Bambina’, gecovert unter anderem von der großen Caterina Valente, europaweite Hitparadenerfolge zu feiern. Lag es am Sänger selbst, der von der Ausstrahlung her mehr an einen gemütlichen Pizzabäcker erinnerte anstatt an einen feurigen Latin Lover? Für Dänemark trat Birthe Wilke erneut an, die im Vorjahr die Weltöffentlichkeit mit scheuer Zungenakrobatik geschockt hatte. Ohne Busserlpartner brachte sie es diesmal jedoch nur auf den fünften Rang. 2005 ließ sie sich übrigens erneut auf der Bühne küssen: diesmal von Reinars Kaupers (Brainstorm), bei der 50-Jahr-Feier Congratulations im heimischen Kopenhagen. Neu dabei diesmal das Steuerparadies Monaco – wie schon Österreich 1957 erntete es bei seinem Debüt die Rote Laterne. Das sollte sich jedoch noch ändern…
Sieh und lerne, N’Evergreen: so geht Schlagerekstase! (UK)
Das gastgebende Frankreich bereicherte die Show mit einigen hübschen Neuerungen. Erstmals begann die Übertragung nicht im Sendesaal, sondern mit (allerdings aufgrund der Dunkelheit kaum erkennbaren) Außenaufnahmen der französischen Riviera und der Croisette von Cannes. Man witterte wohl die Werbemöglichkeiten, die der Grand Prix in Sachen Tourismus für das austragende Land bot. Zum Start des Liederabends präsentierte man alle Interpreten schon mal auf einem lustigen Drehgestell, beklebt mit Fototapeten mit landestypischen Motiven, vor denen sie danach auch sangen. Damit verabschiedete man sich endgültig von der albernen Mär, der Eurovision Song Contest sei ein Komponistenwettbewerb und konzentrierte sich auf den Kampf der Nationalstaaten. Und da Frankreich in diesem Wettstreit nicht wieder siegte, sondern “nur” Dritter wurde, durften im Anschluss an die Wertung eben alle drei Erstplatzierten noch mal singen. In Sachen Nationalchauvinismus macht den Galliern halt so schnell keiner was vor!
Eurovision Song Contest 1959
Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Mittwoch, 11. März 1959, aus dem Palais des Festivals in Cannes, Frankreich. Elf Teilnehmerländer. Moderation: Jacqueline Joubert.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | FR | Jean Phillipe | Oui, oui, oui, oui | 15 | 03 |
| 02 | DK | Birthe Wilke | Jeg ville önske jeg var dig | 12 | 05 |
| 03 | IT | Domenico Mudugno | Piove | 09 | 06 |
| 04 | MC | Jacques Pills | Mon Ami Pierrot | 01 | 11 |
| 05 | NL | Teddy Scholten | Een beetje | 21 | 01 |
| 06 | DE | Alice + Ellen Kessler | Heute Abend wollen wir tanzen gehn | 05 | 08 |
| 07 | SE | Brita Borg | Augustin | 04 | 09 |
| 08 | CH | Christa Williams | Irgendwoher | 14 | 04 |
| 09 | AT | Ferry Graf | Der k. u. k. Kalypso aus Wien | 04 | 10 |
| 10 | UK | Teddy Johnson + Pearl Carr | Sing little Birdie | 16 | 02 |
| 11 | BE | Bob Benny | Hou toch van mij | 09 | 07 |
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