ESC 1958: Risotto am Lagio Maggore

Logo des Eurovision Song Contest 1958

1958: Das Jahr des Déjà vu

Nein, bei Lena Meyer-Landrut handelt es sich  keineswegs um die erste Eurovisionssiegerin der Geschichte, die sich tollkühn an der Titelverteidigung versuchte. Bereits Lys Assia, die Premierensiegerin von 1956, trat im Folgejahr erneut an. Die 1957 siegreiche Niederländerin Corry Brokken folgte ihrem mutigen Beispiel und wurde gar nochmals Erste - leider jedoch vom anderen Tabellenende aus gesehen. Da schlug sich das deutsche Fräuleinwunder beim Zweitversuch doch deutlich besser, auch wenn sie rein numerisch auf dem selben Tabellenplatz (#10) landete wie Frau Brokken.

1958 jedenfalls wimmelte das Starterfeld nur so von alten Bekannten. Die Musikszene der Schweiz bestand in den fünfziger Jahren offenbar ausschließlich aus besagter Lys Assia: die Eidgenossen entsandten sie bereits zum dritten Mal in Folge. Ihr so flottes wie skurriles Lied ‘Giorgio’ nahm, was das Tempo des Songs und des dargebotenen Sprechgesangs angeht, den deutschen Hip-Hop und Flummitechno der Neunziger bereits vorweg. Und belegte damit erstaunlicherweise den zweiten Rang. Textprobe: “Ein Weekend mit Dir und Risotto, Risotto, Risotto, Risotto” - die Assia schien mit ihrem Papagallo am (in Schlagerkreisen äußerst beliebten) Lago Maggiore entweder eine frühe Version von ’9 ½ Wochen’ auszuprobieren. Oder sie befand sich schlicht auf dem Fresstrip. Zumal noch “Polenta”, “Vino”, “Espresso” und natürlich “Chianti” eine Rolle spielten.


Darauf einen Ramazzotti! Lys Assia (CH)

Die deutsche Wiederkehrerin Margot Hielscher hingegen stürzte ab. Wie schon im Vorjahr versuchte sie, die Sprachgrenze mit optischen Illustrationen zu überwinden. Ihr hinreißend vertontes ‘Für zwei Groschen Musik’ handelte von der seinerzeit in keiner Gaststätte fehlenden Jukebox. Also hantierte sie mit ein paar Single-Schallplatten (unverkaufte Restexemplare ihrer eigenen Aufnahmen?) und kostümierte sich sicherheitshalber mit rotem Schleifchen und glitzerndem Krönchen als “Miss Jukebox”. Vermutlich führte genau das zur fatalen Fehlinterpretation durch die Juroren, die möglicherweise glaubten, Hielscher wollte sich bereits vor ihrem Urteil selbst zur Königin des Abends krönen. So reagierten sie etwas verschnupft und verbannten die Deutsche auf einen (damals noch) unglücklichen siebten Platz.


Und alle: Vooooooolare, oh-ho! (IT)

Für Belgien nahm erneut Fud Leclerc teil, der sich noch die nächsten fünf Jahre im stetigen Wechsel mit Bob Benny magere Resultate ersingen durfte: er für Wallonien, den französischsprachigen Teil des Bierpanscherlandes; Benny für Flandern, den holländisch sprechenden Teil. Sein Beitrag hieße in zeitgenössischer Übersetzung wohl ‘My Bitch’. Das erste von drei Malen (erkennt jemand ein Muster?) ging der italienische Komponist, Sänger und San-Remo-Gewinner Domenico Modugno an den Start. Sein ‘Volare (Nel blu dipinto di blu)’ avancierte zum unzählige Male gecoverten, weltweiten Evergreen; erreichte Platz 1 der US-amerikanischen Billboard-Charts und kann gar eine Grammy-Nominierung vorweisen. 2005 wählten ihn die europäischen TV-Zuschauer zum zweitbeliebtesten Grand-Prix-Lied aller Zeiten, nach ‘Waterloo’. Dieser Beitrag zum Weltkulturerbe nutzte Domenico hier nichts: die europäischen Juroren zogen Lys’ Ode an die Völlerei vor, sowie ein gestenreich vorgetragenes französisches Schlummerliedchen (‘Dors, mon Amour’) des 2003 sanft entschlafenen André Claveau, das unverständlicherweise gewann. Der erste wirklich grobe Jury-Missgriff in der Eurovisionsgeschichte, dem bis zur leider nur zeitweiligen Abschaffung dieser absurden Instanz vierzig Jahre später noch etliche folgen sollten.


Schlaf, Kindchen, schlaf, Dein Vater hüt’ die Schaf’ (FR)

Immerhin durfte auch Domenico seinen (zugegebenermaßen in späteren Bearbeitungen deutlich druckvolleren) Beitrag ein zweites Mal vortragen. Der Italiener hatte die Startnummer 1, jedoch waren zu Beginn der TV-Übertragung die Leitungen noch nicht überall hin geschaltet. So musste / durfte er im Anschluss an Lys Assia noch mal ran. Erstmalig fand die Regel Anwendung, dass der Vorjahressieger das Spektakel austragen soll: der Veranstaltungsort Hilversum  machte sich nicht nur durch die Tulpendekoration bemerkbar, sondern auch durch die sparsame Moderation, einem holländischen Eurovisionsmarkenzeichen. Erst zu Beginn der Wertungen tauchte die Gastgeberin des Abends, Hannie Lips, auf. Skurril aus heutiger Sicht erscheint auch die von Hand betriebene Wertungstafel. Öfters schien es bei der Koordination von Wertungspunkten und Anzeige etwas zu hapern. Aber genau für diese Pannen lieben wir ja den Contest…


“There was no Mistake”: Hannie Lips und die schwedischen Punkte

Eurovision Song Contest 1958

3sieme Grand Prix Eurovision de la Chanson Européene. Mittwoch, 12. März 1958, aus den AVRO-Studios in Hilversum, Niederlande. Zehn Teilnehmerländer. Moderation: Hannie Lips.
#LandInterpretTitelPunktePlatz
01ITDomenico MudugnoNel blu, dipinto di blu (Volare)1303
02NLCorry BrokkenHeel de Wereld0109
03FRAndré ClaveauDors, mon Amour2701
04LUSolange BerryUn grand Amour0109
05SEAlice BabsLille Stjärna1004
06DKRaquel RastenniJeg rev et Blad ud af min Dagbog0308
07BEFud LeclercMa petite Chatte0805
08DEMargot HielscherFür zwei Groschen Musik0507
09ATLiane AugustinDie ganze Welt braucht Liebe0806
10CHLys AssiaGiorgio2402

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  1. DVE 1958: Wollt Ihr heiße Musik?
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  • Ospero

    Hihi… Den Contest habe ich erst gestern nochmal in voller Länge gesehen. Wenn ich ehrlich bin, der Reiz von ‘Nel blu dipinto di blu’ erschließt sich mir in dieser Version nicht. Zzzzzz… Ein alles in allem typischer Abend der 50er. Bis auf Lys Assia. Was für Drogen werden eigentlich in der Schweiz gereicht? Rap beim ESC, und das zwanzig Jahre, bevor die Musikrichtung überhaupt erfunden wurde! ;)

  • aufrechtgehn

    Schweizer Drogen Wer weiß, welche Gewürze da im Risotto, Risotto, Risotto, Risotto waren! :wink: