
Das verfluchte Jahr
Drei frühzeitig dahingeschiedene Teilnehmer, zwei Nullpunkter, der erste kommerziell erfolglose Siegertitel seit über zwanzig Jahren, ein Bühnenbild wie das Innenleben eines Toasters und eine sich ständig verhaspelnde Moderatorin: es scheint, als läge ein Fluch über der Münchener Veranstaltung. Selbst die vom federführenden Bayerischen Rundfunk als Location ausgewählte Rudi-Sedlmayer-Halle rottet heute ungenutzt vor sich hin und hat schon eine Betreiberfirma in die Insolvenz getrieben.
Dabei wollte man doch alles richtig machen und sich international präsentieren, nach dem ersten Sieg Deutschlands mit Nicole im Vorjahr. Deren so gut angekommene “spontane” Geste, ihren Titel ‘Ein bisschen Frieden’ bei der Siegerreprise in mehreren Sprachen zu singen, inspirierte die als Moderatorin gebuchte Tänzerin Marlène Charell (geboren als Angela Miebs in Winsen an der Luhe), es ihr gleichzutun. Das ging allerdings völlig in die Hose, da Frau Charell sowohl den Komponisten als auch den Texter, den Dirigenten und den Interpreten einzeln, jeweils dreisprachig, ansagte. Und das ohne jede Rücksicht auf die überzogene Sendezeit und die bereits wundgeklatschten Hände des Publikums krampfhaft bis zum bitteren Ende durchzog: “The Conductor / le Chef d’Orchèstre / es dirigiert…”, gefolgt von einem hektischen Blick auf den Spickzettel und einem gelegentlich auch mal erfundenen Namen, wenn sie die richtige Textzeile auf die Schnelle nicht fand. Dann bestritt sie auch noch das Pausenprogramm, wo sie zu einem Medley “deutscher Hit-Melodien” tanzte! Wie anstrengend professionelles Ballett ist, hörte man allerdings auch sehr deutlich bei der sich anschließenden Punktevergabe…
Moderation, Pausenprogramm, Blumenarrangements: Marlène machte einfach alles!
Eine hübsche Idee, jedes Land bei der Ansage mit einem eigenen Blumenarrangement in den jeweiligen Landesfarben zu präsentieren. Mal bastelte man die Flagge nach, mal gab es einsturzgefährdet aussehende Hängegärten, mal einfache Sträuße. Und in Einzelfällen leuchteten auch schon mal rot die Tomaten aus dem Gesteck! Am allerschlimmsten war jedoch der Eröffnungsfilm, in dem der ausführende Bayerische Rundfunk gefühlte vier Stunden lang die malerischsten provinziellen Winkel unserer Heimat (Schlösser, Seen, Berge) sowie allerliebst geschmückte Kühe (!) und bayerische Grantler mit prachtvollen Rauschebärten in voller Tracht zeigte, um sämtliche Klischees auf das Vortrefflichste zu bestätigen. Nach dem man dann auch noch die Interpreten aller 20 Länder schon mal zur gemeinsamen Vorstellung auf der Bühne versammelt hatte, ging es auch schon los!
Echte Chavs: Sweet Dreams (UK)
Obwohl er im Vorjahr bereits ‘Adieu’ sagte sang, kehrte die Grand-Prix-Legende Jahn Teigen noch ein letztes Mal zurück. Es lohnte sich: mit einer Lockerungsübung aus dem Musikunterricht (dem Aufsagen der Tonleiter ‘Do-Re-Mi’) errang er seine beste Platzierung. Erheitert zeigte sich der norwegische “Chef d’Orchèstre”, Sigurd Jansen, als Marlène Charell ihn als “Johannes… Skorgan” ansagte. Großbritannien schickte einen poppigen Synthie-Schlager namens ‘I’m never giving up’, der seinem offensichtlichen Vorbild ‘Making your Mind up’ nicht nur musikalisch wie ein Ei dem anderen glich. Die 1981er Siegesingredenzien – flotter Rhythmus, tuckige Armbewegungen, viel Bein, aerobeske Choreografie – ergänzte man sicherheitshalber um das 1982er Siegeselement, den Hocker. Dass die drei Mädels von Sweet Dreams sich beim (kalkulierten) Sturz von selbigem nichts brachen, hätte sie alleine schon für die Spitzenposition qualifiziert. Weniger schön hingegen, dass man die Backingsänger hinter der Bühne versteckte.
Mit aufgesticktem Tierschwanz auf der Hose: Carola (SE)
Für Schweden erschien erstmals Ihre Heiligkeit, die hinter der Bühne fleißig in der Bibel lesende Carola Häggkvist. “Främling, vad döljer du för mig?” (“Fremder, was versteckst Du da vor mir?”), die Auftaktzeile ihres possierlichen Schwedenschlagers, ist eine unter Eurovisionsfans bis heute gerne genutzte Aufreißphrase – wartet der Song doch noch mit anderen interessanten Textstellen wie “Mach den ersten Schritt und zeig mir heute Nacht den Weg” auf! Trotz ihrer Vorliebe für profane Vergnügungen ging von der aufgeputscht wirkenden Schwedin ein mehr als weltliches Strahlen aus, wie es Eurovisionssiegerinnen öfters auszeichnet. Dass es in diesem Jahr für die blutjunge Christin noch nicht reichte, mag an ihrer etwas unglamourösen Bühnengarderobe gelegen haben. Italien entbot einen etwas weihnachtlich klingenden, sonst aber unspektakulären Italoschlager. Dass Marlène Charell den Dirigenten mit “Maurizio Fabrizio” ansagte, war diesmal kein Fehler – der arme Mann heißt wirklich so!
Ungebrochener Stolz trotz hässlichen Blockstreifenfummels: Nilpointerin Remedios Amaya (ES)
Es folgten zwei der interessantesten, wenn auch nicht zwingend besten Eurovisionsbeiträge aller Zeiten. Die barfüßige, in einen gestreiften Morgenmantel gewickelte spanische Neo-Flamenco-Königin Remedios Amaya stimmte mit ‘¿Quién maneja mi Barca?’ einen enthusiastisch dargebotenen Ethnobeitrag an, der fast ausschließlich aus immer eindringlicher, gar zorniger werdenden Wiederholungen der Eingangsfrage bestand; nämlich welcher verfluchte Vollidiot ihr beschissenes Boot denn nun verdammt noch mal steuere? Was auch Remedios’ wütend-anklagende Mimik und ihr Herumgefuchtel mit erhobenem Zeigefinger erklärt. Grandiose Show! Für nicht an Flamenco gewöhnte Ohren (also die sämtlicher Europäer außerhalb Spaniens) klang das allerdings eher wie der Gesang türkischer Klageweiber. Also ziemlich schmerzhaft. Die Türkei wiederum verirrte sich zu seifigen, chaotischen Fahrstuhlklängen ausgerechnet in die italienische ‘Opera’, was nicht nur musikalisch ungemein schräg wirkte. Den also ohnehin schon hohen Camp-Faktor dieses Auftritts steigerte der Sänger Çetin Alp, der optisch als der uneheliche Sohn von Horst Tappert und Liberace daherkam und eine Show abzog, wie sie die Gäste jedes sechstklassigen amerikanischen Revueschuppens nicht besser hätte zum Verzweiflungssaufen animieren können, geradezu ins Unermessliche.
Der türkische Derrick beim Besuch in der Oper: Nilpointer Çetin Alp (TR)
Jurys können grausam sein: leider straften sie beide Länder für diese unschlagbaren Komik-Highlights mit jeweils null Punkten ab. Was im Fall von Herrn Alp, wie Tim Moore in seinem Buch recherchierte, ziemlich tragische Folgen nach sich zog: der Sänger bekam anschließend in seinem Heimatland keinen Fuß mehr an Deck. Egal, was er versuchte; egal, wie viel Anläufe er unternahm: er blieb stets nur der Mann, der ‘Opera’ gesungen hatte. Alp zog sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Erst anlässlich der ersten Austragung des Eurovision Song Contests durch die Türkei im Jahre 2004 lud der Sender TRT Çetin Alp zu einer Show mit allen bisherigen türkischen Grand-Prix-Teilnehmern ein – nur, um ihn dort erneut öffentlich für sein blamables Ergebnis von 1983 abzuwatschen. Dieses massiv nachtragende Verhalten seiner Landsleute nahm er sich so zu Herzen, dass er nur drei Tage nach dem Contest von Istanbul siebenundfünzigjährig an einem Infarkt verstarb.
Die kleine Schwester: Amy Aspelzund (FI)
Eine spannungsgeladene, treibende und für finnische Verhältnisse fast schon unskurrile Popnummer präsentierte Ami Aspelund, die Schwester der ‘Lapponia’-Kultsängerin Monica. Mit Rang 11 sträflich unterbewertet, was allerdings an dem grausamen Oversize-Kleid gelegen haben dürfte, in das man die Interpretin steckte und in dem sie aussah wie eine Playmobil-Figur. Zudem watschelte sie beim Refrain seltsam seitwärts über die Bühne und ihre Backings schmissen die Köpfe von links nach rechts. “Die spinnen, die Finnen!”, dachte man da ganz automatisch. Die halslose Bernadette aus den Niederlanden zog beim Singen nicht nur ein Gesicht wie bei einer Wurzelbehandlung. Sie ließ die Zuschauer auch an diesem Vergnügen teilhaben, indem sie ihr ‘Sing me a Song’ (so der schamlose Versuch, die Sprachregel zu umgehen) in einer schmerzhaft hohen Stimmlage krisch. An dieser Stelle wünschte man sich sehnlichst Remedios Amaya zurück – die beherrschte ihr Handwerk wenigstens! Und wirkte, im Gegensatz zu Bernadette, sympathisch.
Bewegungslegastheniker Daniel und seine Schicksen (YU)
Zum eindeutigen Saalfavoriten avancierte der Jugoslawe Daniel Popovic. Anders als Remedios und Çetin verleugnete er seine kulturelle Herkunft und hatte damit Erfolg: seine ‘Dzulie’ überzeugte als maßstabsgetreuer Abklatsch des aktuellen “Elvis lebt”-Rock’n'roll-Revivals, mit dem Shakin’ Stevens zu dieser Zeit gerade die europäischen Hitlisten aufmischte. Daniel auch: Rang 13 in den deutschen Charts (und damit 50 Plätze besser als der Gewinnertitel). Dass nicht der arythmisch arschwackelnde Jugoslawe siegte, quittierten einige Münchener Zuschauer mit Buhrufen und dem vorzeitigen Verlassen der Rudi-Sedlmayer-Halle. Mag aber auch sein, dass sie einfach nur ihre U-Bahn kriegen wollten. Die patentierte englische Mischung aus billigen Discoschlagern, augenkrebserregend kribbelbunten Bühnenklamotten im aktuellen Aerobic-Look und absurden Schautänzen präsentierten auch Dänemark (die schluckaufartig hüpfende Gry Johansen mit ‘Kloden Drejer’), Belgien (das besonders auf dem Kopf wie von Ratten angenagt aussehende, barfüßige Duo Pas de Deux und ihr wavig-anstrengendes ‘Rendezvous’) sowie Österreich.
Ein Wirbelwind des Tanzes (und kick!): Westend (AT)
Deren Beitrag, Westends flauer ‘Hurricane’, darf man wohl mit Fug und Recht als echte, erlesene Trashperle und Spitzenbeispiel für unfreiwillige Komik bezeichnen. Vier zum treibenden Discobeat völlig synchron tanzende Jungs mit entrückten Gesichtern, angetan mit schreiend bunten Pullis mit identischen grafischen Motiven; Zeilen singend wie “Die Einsamkeit von morgen / macht mir schon heute Sorgen” oder “Ich warte auf die Eine / nur auf mich, da wartet keine”… Damit das Ganze weniger schwul aussähe, stellte man ihnen noch eine Tänzerin davor, die nicht mitsingen durfte. Dschinghis Khan unter umgekehrten Vorzeichen, quasi. Ganz große Eurovisionskunst! Hoffmann & Hoffmann, das singende deutsche Brüderpaar, hatte 1977 mit dem ungesunden ‘Himbeereis zum Frühstück’ einen Hit. Dann kam lange nichts. ‘Rücksicht’, ihr Eurovisionsbeitrag, war also auch der Versuch, ihre lahmende Karriere wieder ins Laufen zu bringen. Dass sie “nur” auf den fünften Platz kamen – und das in Bühnenklamotten, die eher einem Geographielehrer bei der Freizeitkaraoke angemessen gewesen wären - nahmen ihnen die Deutschen übel, Anschlußhits gab es keine. Desillusioniert und durch eine gescheiterte Beziehung deprimiert, nahm sich Günther Hoffmann ein Jahr später in Rio de Janiero das Leben.
Es gibt achtzigtausend Schreibweisen für den Songtitel, aber nur eine Ofra Haza (IL)
Als drittes Todesopfer ist die Israelin Ofra Haza zu beklagen. Die in den späten Achtzigern im Rahmen der kurzlebigen Weltmusik-Welle zu internationalen Hitehren (‘Im nin’alu’) gekommene, hochtalentierte Sängerin starb im Februar 2000 an den Folgen von Aids. Ihr dezent ethno-angehauchtes, dennoch sofort ins Ohr gehendes und beschwingtes ‘Hi’ (dessen das Leben feiernder Text im Angesicht ihres späteren Schicksals zynisch erscheint) wäre ohne jede Frage der berechtigte Siegertitel gewesen. Doch die Jurys erwiesen sich erneut als stockkonservativ. Zwar presste die für Luxemburg singende Französin Corinne Hermès, die letzte Interpretin des Abends, ihr ‘Si la Vie est Cadeau’ eher, als es zu singen. Doch der Titel war ein weiteres Musterbeispiel für die Gattung des beim Grand Prix seit jeher hoch bewerteten frankophilen Gefühlssturms. Endlich wohlvertraute Klänge für die Menschen über Sechzig also, nach all diesem modernen Bummbumm und den schreienden Spanierinnen! Auch dem bayerischen Sonnenkönig Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß, in der ersten Reihe sitzend und von den Kameras des ausstrahlenden bayerischen Rundfunks oft und gerne eingefangen, soll das Lied gut gefallen haben, wie die Presse eilfertig zu berichten wusste.
Haare wie im Windkanal gefönt: Corinne Hermès (LU)
Dankbar schaufelten die wohl mehrheitlich der älteren Generation zugehörigen Juroren Frau Hermès die Punkte zu, auch wenn ihr Sieg mit nur sechs Punkten Abstand zu Ofra Haza deutlich knapper ausfallen sollte als der von Nicole im Vorjahr. Nur: in den Charts floppte der Titel ziemlich (Rang # 67 in Deutschland), aus der von der jungen Frau mit dem teuren Namen und den dramatisch nach hinten gefönten Haaren erträumten internationalen Karriere wurde nichts. Der bislang sehr verkaufsfördernde Hinweis “Sieger beim Grand Prix” begann, seine Strahlkraft einzubüßen. Kein Wunder, wenn man sich zu weit vom aktuellen Popgeschehen entfernt!
Eurovision Song Contest 1983
Eurovision Song Contest. Samstag, 23. April 1983, aus der Rudi-Sedlmayer-Halle in München, Deutschland. 20 Teilnehmerländer, Moderation: Marlène Charell.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | FR | Guy Bonnet | Vivre | 056 | 08 |
| 02 | NO | Jahn Teigen | Do-Re-Mi | 053 | 10 |
| 03 | UK | Sweet Dreams | I'm never giving up | 079 | 06 |
| 04 | SE | Carola Häggkvist | Främling | 126 | 03 |
| 05 | IT | Ricardo Fogli | Per Lucia | 041 | 11 |
| 06 | TR | Çetin Alp & the Short Wave | Opera | 000 | 19 |
| 07 | ES | Remedios Amaya | ¿Quién maneja mi Barca? | 000 | 19 |
| 08 | CH | Mariella Farré | Io così non ci sto | 028 | 15 |
| 09 | FI | Ami Aspelund | Fantasiaa | 041 | 11 |
| 10 | GR | Christie Stasinopolou | Mou les | 032 | 14 |
| 11 | NL | Bernadette | Sing me a Song | 066 | 07 |
| 12 | YU | Daniel Popovic | Dzulie | 125 | 04 |
| 13 | CY | Stavros & Constantina | I Agapi ahoma zi | 026 | 16 |
| 14 | DE | Hoffmann & Hoffmann | Rücksicht | 094 | 05 |
| 15 | DK | Gry Johansen | Kloden drejer | 016 | 17 |
| 16 | IL | Ofra Haza | Hi | 136 | 02 |
| 17 | PT | Armando Gama | Esta Balada que te dou | 033 | 13 |
| 18 | AT | Westend | Hurricane | 053 | 09 |
| 19 | BE | Pas de Deux | Rendez-vous | 013 | 18 |
| 20 | LU | Corinne Hermès | Si la Vie est Cadeau | 142 | 01 |
Keine verwandten Beiträge.
