
Das Jahr der Herzschlagwertung
Schon einmal, 1974, war der Eurovision Song Contest das Sprungbrett für eine internationale Musikkarriere der Superlative, seinerzeit für Abba. In diesem Jahr nun legte die bis dahin bei uns weitgehend unbekannte Frankokanadierin Céline Dion den Grundstein zu ihrer Weltkarriere. Sie holte den Sieg für die Schweiz mit dem Musterbeispiel eines klassischen frankophilen Gefühlssturms, ‘Ne partez pas sans moi’, für meinen Geschmack das schönste Exemplar dieser vielgeliebten, wenngleich mittlerweile hoffnungslos veralteten Musikgattung.
Ausgesprochen selbstbewußt trat die magersüchtige Chanteuse auf – was angesichts ihrer grausam entstellenden Sauerkraut-Dauerwelle und ihres weißen Tüll-Outfits, in dem ein vermutlich blinder Schneider irgendwie einen Petticoat, eine Lederjacke und sehr viel schlechten Geschmack verarbeitet hatte, besondere Hochachtung verdient. Da konnte man ruhig darüber hinwegsehen, dass sie das Geld aus ihren bisherigen Plattenverkäufen in Frankreich und in ihrer Heimat noch nicht in eine Nasenkorrektur investiert hatte. Wie schon Anne-Marie David 1973 verfügte sie über diesen gewissen, den Sieg bringenden Dobermann-Charme, der sich auch in dem aggressiv, beinahe schon bellend, vorgetragenen “Vous…” niederschlug, mit dem sie ihre Textzeilen jeweils eröffnete. Aus ‘Ne partez pas sans moi’ wurde allerdings kein Charthit. Was Thomas Gottschalk bei der Kommentierung des 1989er Jahrgangs, als Céline nochmals zur Staffettenübergabe erschien, zu der vorausschauenden Bemerkung veranlasste, dass man von ihr wohl nichts mehr hören werde…
Wuff! Donnez-moi ma Chance: Céline (CH)
Ganz im Gegenteil hielt sich Céline, die ihre Eurovisionsteilnahme dann mit keiner Silbe mehr erwähnen wollte, aber Jahre später mit weltweiten Bestsellern wie ‘Because you loved me’ und ‘My Heart will go on’ schadlos. Sie gewann – in der spannendsten Wertung aller Zeiten – erst in wirklich allerletzter Sekunde mit nur einem einzigen Pünktchen Vorsprung vor dem britischen Sänger Scott Fitzgerald. Der sah aus wie Frankensteins Monster Bata Illics häßlicherer Zwillingsbruder. Mit Ausnahme der Frisur, die arg an Sévérines (MC 1971) charakteristischen Haarhelm erinnerte. Dazu raspelte er sich mit schmerzbringendem Pathos durch eine nicht enden wollende Langweilerballade, bei der man immerfort nur eines dachte: ‘Go’ (away)! Entweder es saßen nur Masochisten in den Jurys, die gerne optische wie akustische Qualen erleiden. Oder sie voteten den Briten aus reiner Gewohnheit so hoch – der zweite Platz schien ja bis Anfang der Neunziger fest für die Insulaner reserviert.
Hey ya, hey ya, Südkorea: MFÖ (TR)
Über den Rest des Feldes lohnt sich im Grunde die Rede nicht. Eventuell wohnten wir hier dem bis auf die Wertung langweiligsten Grand Prix aller Zeiten bei. Die Isländer eröffneten ihn mit einer Gruppe, die frisch aus der Irrenanstalt entlaufen zu sein schien. In dem verzweifelten Versuch, trotz ihrer für die weitesten Teile Europas unverständlichen Sprache Gehör zu finden, verlegten sie sich aufs Name-Dropping. ‘Sokrátes’ zählte nicht weniger als 16 bekannte Europäer auf, darunter der für den Bandnamen Pate stehende Beathoven. Treffende Bemerkung des (ohnehin den ganzen Abend mit sehr subtilem, aber wunderbar bösartigem Spott kommentierenden) irischen Moderators Pat Kenny: “Der ist wohl gerade” (im Grab) “rotiert”. Auch Tommy Körberg wirkte, wie schon so viele schwedische Sänger vor ihm, wie der böse Onkel vom Kinderspielplatz. Er verbüßte später eine Gefängnisstrafe wegen Drogenbesitzes. Die Türkei entsandt nach 1985 bereits zum zweiten Mal die Gruppe MFÖ (Musikalisches Flugöbjekt?), dessen flott-belangloses ‘Sufi’ jedoch nicht richtig zu punkten vermochte. Wahrscheinlich, weil MFÖ die besungenen ekstatischen Drehtänze der sufischen Derwische nicht nachtanzten.
Im Gleichschritt nach rechts: Made in Espain (ES)
Die Spanier brachten mal wieder Fahrstuhlmusik, welcher der treibende Synthesizer-Beat etwas künstlichen Schwung verlieh. Sie legten Wert auf die Feststellung, dass für sie nur reinrassige heimische Mädchen (‘Made in Spain’) in Frage kämen. Erstaunlicherweise gab es hierfür aus Deutschland keine Punkte – obwohl wir diese Idee doch in der Década von 1933 bis 1945 auf die Spitze getrieben hatten. Besonders possierlich stach hier mal wieder ins Ohr, dass der Spanier generell nicht in der Lage ist, ein am Wortanfang stehendes “S”, dem kein Vokal folgt, auch so auszusprechen, sondern ein Auftakt-E hinzufügen muss: “Made in Espain”. Estark! Für die Niederlande fistelte sich eine Schießbudenfigur namens Gerard Joling, stolzer Träger eines furchtbaren Vokuhilas, durch seine Suche nach dem sagenumwobenen ‘Shangri-La’. Wozu er so befriedigt grinste, als habe ihn Pat Kenny kurz vor dem Auftritt noch höchstpersönlich dorthin geblasen. 2009 ging übrigens der Kelch nur knapp uns vorbei: eigentlich Mitglied der campen holländischen Band De Toppers, verlor Joling seine Fahrkarte nach Moskau durch einen in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Zickenkrieg mit seinen Bandkolleginnen, der letztlich in seinem lautstarken Abgang gipfelte. Puh, noch mal Glück gehabt!
So klingt Jodeln ohne Jodeldiplom: Gerard – let it be! (NL)
Israel blieb seiner Welle der Bibelvertonungen treu: ‘Ben Adam’, der ‘Sohn des Adam’, dargeboten von der allerliebst frisierten Yardena Arazi, erreichte den siebten Platz. Auch Jump the Gun, die irische Band mit einem der dümmsten Namen aller Zeiten, erfüllte ihren Zweck: sie bewahrte Irland vor einem erneuten, kostspieligen Sieg. Einen unerwarteten Glücksmoment erlebten deutsche Zuschauer nach dem Auftritt der Familie Gärtner Garden, als nämlich das bohrende Schamgefühl über diesen Peinlichkeitsgipfel in unmittelbare Schadenfreude über den österreichischen Barden überging. Der in einem pastellfarbenen Anzug in Übergröße grausam deplatziert wirkende Hüne Wilfried Scheutz raspelte sich in rettungsloser Atonalität durch das unbeschreibliche Machwerk ‘Lisa, Mona Lisa’. Erfolglos jagte er dem richtigen Ton hinterher, lag aber stets meilenweit daneben. Weder eine Melodie noch ein auch nur ansatzweise sinnvoller Text ließen sich erahnen. Es war das schmerzerfüllte Winseln eines Bernhardiners zu einer Kaskade unstrukturierten Soundbreis. Dabei vergeigte Wilfried seinen Auftritt, den auch die graduell fähigere Backingsängerin nicht mehr retten konnte, noch nicht mal: auch auf Platte klingt die Nummer keinen Deut besser! Das vermutlich schlechteste jemals produzierte Lied: auch eine Leistung!
Jemini (UK 2003) waren doch nicht soo schlecht: Wilfried (AT)
Drei Mal dabei, bitte nicht wieder wählen: die aktuelle Oversized-Mode, die Wilfried so entstellte, kam der hochschwangeren Kirsten Siggaard von Hot Eyes sehr entgegen. Ihr Friseur, der sie zurecht gemacht hatte wie eine Ananas, über die ein Schwarm Stare hergefallen war, hingegen nicht. Dennoch erreichte sie mit ihrem wie üblich sinnlos-fröhlichen dänischen Kirmeslied den dritten Platz. Anlass genug, endlich den lange überfälligen Erziehungsurlaub anzutreten. Danke! Für Griechenland machte sich Aphroditi Frida zum ‘Clown’, worüber nur sie lachen konnte. Welch grausame Scherze die Haarmode der späten achtziger Jahre mit den Menschen trieb, bewies auch der Belgier Reynaert, der eine besonders hässliche Kombination aus Vokuhila, Vollbart und Dauerwelle zur Schau stellte. ‘Laissez briller le Soleil’ hieß sein (überflüssiger) Titel – bei seinem Anblick wünschte man sich eher eine Sonnenfinsternis.
Zu früh gefreut: Jugoslawien macht Scott einen Strich durch die Rechnung
Für Italien röchelte sich Luca Barbarossa dem (Punkte-)Tod entgegen, während die Juroren Portugals ‘Voltarei’ (‘Ich komme wieder’) zu Recht als Drohung begriffen und abstraften. Dora (wurde nach ihr die kroatische Vorentscheidung benannt?) hielt Gott sei Dank nicht Wort. Auch Luxemburg schickte, wie die Schweiz, eine Frankokanadierin mit einer dramatischen, allerdings vergleichsweise drögen Ballade. Lara Fabian konnte ihr ‘Croire’ an vierter Position annageln und feierte in späteren Jahren im französischsprachigen Popraum eine Karriere als musikalische Schwangerschaftsvertretung für Céline Dion, während sie in Deutschland nur mit ‘I will love again’ einen nennenswerten Hit landete. Sie krisch zwar ähnlich hoch wie die spätere Titanic-Diseuse, strahlte aber im Gegensatz zu der siegeshungrig dreinblickenden Dion ähnlich viel Glamour aus wie Maxi Garden. So musste sie den Zweikampf der Balladessen verlieren.
Eurovision Song Contest 1988
Eurovision Song Contest. Samstag, 30. April 1988, aus der Royal Dublin Society in Dublin, Irland. 21 Teilnehmerländer, Moderation: Pat Kenny und Michelle Roca.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | IS | Beathoven | Sókrates | 020 | 16 |
| 02 | SE | Tommy Körberg | Stad i Ljus | 052 | 13 |
| 03 | FI | Boulevard | Nauravat silmät muistetann | 003 | 20 |
| 04 | UK | Scott Fitzgerald | Go | 136 | 02 |
| 05 | TR | MFÖ | Sufi | 037 | 15 |
| 06 | ES | La Década Prodigiosa | Made in Spain (La Chica que yo quiero) | 058 | 11 |
| 07 | NL | Gerard Joling | Shangri-La | 070 | 09 |
| 08 | IL | Yardena Arazi | Ben Adam | 085 | 07 |
| 09 | CH | Céline Dion | Ne partez pas sans moi | 137 | 01 |
| 10 | IE | Jump the Gun | Take him Home | 079 | 08 |
| 11 | DE | Maxi & Chris Garden | Lied für einen Freund | 048 | 14 |
| 12 | AT | Wilfried Scheutz | Lisa, Mona Lisa | 000 | 21 |
| 13 | DK | Hot Eyes | Ka du se hva jeg sa? | 092 | 03 |
| 14 | GR | Aphroditi Frida | Klaun | 010 | 17 |
| 15 | NO | Karoline Krüger | For vår Jord | 088 | 05 |
| 16 | BE | Reyneart | Laissez briller le Soliel | 005 | 18 |
| 17 | LU | Lara Fabian | Croire | 090 | 04 |
| 18 | IT | Luca Barbarossa | Ti scrivo | 052 | 12 |
| 19 | FR | Gérard Lenorman | Chanteur du Charme | 064 | 10 |
| 20 | PT | Dora | Voltarei | 005 | 19 |
| 21 | YU | Silver Wings | Mangup | 087 | 06 |
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