
Das Coming Out
In diesem Jahr fand die beinahe schon unumkehrbar geglaubte irische Siegesserie schließlich ihr abruptes Ende. Auch wenn es für Marc Roberts und seine ‘Mysterious Woman’ noch zu einem zweiten Platz reichte: 70 Punkte Abstand zum Sieger sprachen schon eine deutliche Sprache. Und das sollte erst der Anfang sein! Nach dem Quoten- und Finanzdesaster des Vorjahres, bedingt durch das unfreiwillige Ausscheiden Deutschlands, begann hinter den Kulissen ein folgenreiches Umgestalten. Aufgrund hinhaltenden Widerstands ewig gestriger Grand-Prix-Traditionalisten kamen die dringend notwendigen Reformen zwar nur scheibchenweise. Das konnte ihren Erfolg aber nicht aufhalten.
So galt ab sofort die Big-Four-Regelung, wonach die vier finanz- und zuschauerstärksten Länder Frankreich, Großbritannien, Spanien und Deutschland automatisches Startrecht genießen[1]. Aus den übrigen Teilnehmerstaaten siebte man nach jährlich wechselnden Verfahren aus, um das erneut auf 25 Startplätze aufgestockte Feld nicht zu überschreiten. Erstmals vergaben, auf freiwilliger Basis, die deutschsprachigen Länder sowie Schweden und das Vereinigte Königreich ihre Länderpunkte per Televoting. Und auch das ohnehin immer weniger genutzte Orchester war nicht mehr verpflichtend. Nur die Sprachregel liess sich (noch) nicht knacken, und so gab es wieder einige kreative Anstrengungen aus den benachteiligten Ländern, diese zu umgehen. Lag es nun an diesen ersten zaghaften Reformschritten oder war die Zeit ohnehin einfach reif für einen frischeren Eurovisionssound? Denn eine neue Ära brach in diesem Jahr an: das goldene Zeitalter der von mir heiß geliebten Ethno-Disco.
Auch ein von Herzen kommendes ‘Da ba da ba dam’ hat im Schlager durchaus seine Berechtigung! (CY)
Im Doppelpack eröffneten die Pioniere des neuen Eurovisionsounds den Abend. Für Zypern gingen die Geschwister Hara und Andreas Konstantinou an den Start. Ihr hoch patriotisches ‘Mana mou’ kreuzte griechische Folkloreelemente mit treibenden Discobeats und einer unwiderstehlichen, auch für Nichtgriechen phonetisch mitsingbaren Hookline. Sowie universell verständlichen Textzeilen wie “tam tabadabadam tabadabadam”. Einzig der mit seiner zusammengewachsenen Augenbraue den gängigen mitteleuropäischen Schönheitsstandards nicht ganz entsprechende Andreas verhinderte wohl einen besseren als den für Zypern dennoch hervorragenden fünften Platz. Die größte Überraschung folgte jedoch gleich im Anschluß. Die Vorjahresvertreterin Sebnem Paker sang erneut für die Türkei, diesmal begleitet von der sehr passend benannten Group Ethnic. ‘Dinle’ (‘Lausche’), forderten sie die Zuschauer auf – und zu Recht! Auch die Türken mischten kräftige, aber für’s Ohr angenehme landestypische Klänge mit treibenden Percussions und einem mitreißenden Arrangement. Das war grandios – und zum allgemeinen Erstaunen kam das bislang immer unter “ferner liefen” gelistete Land mit dem modernsten und besten Song des Abends auf einen sensationellen dritten Platz.
Dann folgte erst mal wieder viel Durchschnitt. Der wie eine Testperson für Valium auftretende Tor Endresen erklampfte sich mit dem selbst geschriebenen Früher-war-alles-besser-Schlager ‘San Francisco’ (das genau so wenig in Norwegen liegt wie das ‘Brandenburger Tor’) ein gerechtes Null-Punkte-Ergebnis. Die Zeit der ‘Rock’n'Roll Kids’ war eben vorüber! Bettina Soirat, die im Vorjahr noch so ausgelassen zum österreichischen Gospel des Nussbaumerschorschs tanzte, beklagte sich nun, dass auf ihrem “Highway” “schon lange kein Verkehr” mehr stattfinde. Verständlich, wenn man die Klimakteriumsschabracke in ihrem metallicblauen, bauchfreien Aerobictop so verzweifelt auf der Bühne herumhopsen sah. Liebste Bettina, erstens: Nicki (der Stoff, nicht die Schlagersängerin!) mag ja als Material vielleicht noch für Kinderschlafanzüge durchgehen, keinesfalls jedoch für eurovisionstaugliche Bühnenoutfits. Zweitens: es ist keine Schande, nicht über einen Waschbrettbauch zu verfügen. Aber dann halte das welke, bleiche Wellfleisch bitte nicht auch noch unbedeckt in die Kameras. So kriegst Du niemanden auf Deinen Highway – schon gar nicht mit einem “ungedeckten Scheck”!
Batman = bad lovin’? Kein Wunder, der steht ja auch eher auf seinen Butler! (AT)
Die Niederlande setzten ihre Reihe mit geriatrischen Beiträge fort. ‘Niemand heeft nog Tijd’, ihnen auch nur zehn Minuten zuzuhören, bedauerten fünf aufgetriedelte Hausfrauen aus dem Stepaerobickurs der Volkshochschule (Moment mal: hatten sich da etwa die Eurocats unter Tarnnamen eingeschlichen?). Dennoch falsch, Mrs. Einstein: noch nicht mal drei Minuten will sich das Gesabbel freiwillig jemand antun! Das eigentlich schon längst ausgestiegene Italien verpasste eine Abmeldefrist (!) und sah sich nun zur Vermeidung einer Vertragsstrafe gezwungen, den San-Remo-Gewinner, die Gruppe Jalisse, nach Dublin zu prügeln. Die wie die Jungfrau zum Kind gekommenen Eurovisionsvertreter standen zudem vor dem Problem, ihren ‘Strom der Worte’ (kann man das Klischee noch schöner bestätigen?) von viereinhalb auf die eurovisionskonformen drei Minuten einzudampfen. Klang trotzdem hinreißend und reichte noch mal für einen vierten Platz. Dennoch ward des Deutschen liebstes Urlaubsland erst wieder 2011 beim Contest gesehen: vermutlich entdeckte man bei der RAI zwischenzeitlich die Wiedervorlagefunktion von Outlook.
Fabio Ricci hätte ruhig öfters im Bild sein dürfen! (IT)
Die mit großen Hoffnungen angetretene und auch von den Buchmachern favorisierte Bianca Shomburg wirkte in dem überwiegend mit frischer, für Eurovisionsverhältnisse direkt progressiver Musikware bestückten Wettbewerbsumfeld auf einmal entsetzlich bieder und verstaubt. Die ‘Zeit’ für solche bombastischen Siegel-Schnulzen war wohl endgültig abgelaufen, wie der Komponist dem ernüchternden Ergebnis (Platz 18) dennoch nicht zu entnehmen bereit war. Noch schlechter erging es der Portugiesin Célia Lawson. Ihr lyrisch anspielungsreiches ‘Antes do Adeos’ genießt unter Aminas (den Connaisseuren des Anspruchsvollen und Außergewöhnlichen) hohes Ansehen. An Carolas wie mir, die beim Grand Prix starken, eingängigen Pop hören wollen, rauscht die dröge Nummer jedoch komplett vorbei. Anscheinend waren die Aminas bei der Juryabstimmung gerade alle auf dem Klo: Célia kassierte ganze null Punkte. Worauf hin sie in ihrem Heimatland in Ungnade fiel. Wie der Buchautor Tim Moore herausfinden mußte, erholte sie sich von diesem Schock nie so wirklich: bei einem Interview für sein Buch über die Nilpointer sponn Frau Lawson die wirrsten Verschwörungstheorien und zeigte generell erschreckende Symptome von Realitätsverlust.
Die Hose! *bauchhalt* Die… Hose! *lachtränenabwisch* Die… *aufdemBodenroll* Hoho… *gacker* Hohoho… *wieher* Hoooooohooo…! *zusammenbrech* (DK)
Unter Realitätsverlust schien auch Russlands größter lebender Superstar, Alla Pugatschowa, zu leiden. Die ‘Primadonna’ erwartete ernsthaft, alleine aufgrund ihrer heimischen Popularität mit ihrer schwermütigen, selbstrefentiellen Ballade über eine alternde Bühnendiva die Krone zu holen. Doch da konnte das ein wenig an eine aufgeschwemmte Alice Schwarzer erinnernde Bühnenwrack so oft “Bravo, Primadonna, bravo!” rufen, wie sie wollte – außer ihr tat das keiner. Alleine nach Hause gehen mußte auch der dänische Hip-Hopper Kølig Kaj. Der bebrillte, beleibte, bärtige, blonde Kasper brachte sein Handy mit auf die Bühne und suchte nun bei der himmlischen Partnervermittlung nach der ‘Stimme in meinem Leben’. Die Jurys fanden bei sich kaum eine, die sie ihm mitgeben wollten. Während Ungarn und Schweden mit lächerlichen Boyband-Imitationen zu Recht untergingen, entschied sich Kroatien für eine örtliche Variante der Spice Girls namens Eni. Das Land litt wohl sehr unter den Kriegsfolgen: die Mädels mussten sich ihre spärlichen, augenkrebsbunten Plastikklamotten offensichtlich im Altkleidercontainer vor dem Point Theatre zusammenklauen. Selbst bei der Choreografie passte nichts zueinander. Über die stimmlichen Leistungen der vier Grazien wollen wir die Legging des Schweigens breiten. Nicht aber über den Text von ‘Produbi me’, der nur spärlich verhüllten Aufforderung zum morgendlichen Beischlaf (“Ich brauch was Größeres, um meine Träume zu verjagen”). Womit sie eine Tradition fortsetzten: auch Mary Roos forderte in der englischen Fassung ihres Grand-Prix-Erfolges von 1972 bereits: “Take me early in the Morning”.
Weiß, wie man Prinzen wachküsst: Tanja Ribic (SI)
Es kam aber auch Klassisches vom Balkan. Für Slowenien präsentierte Tanja Ribic eine wunderschöne, schmachtend kitschige Sehnsuchtsballade; auf der Suche nach dem Traumprinzen, dem sie ihre Jugend (lies: Unschuld) opfern wollte. Und lieferte ein vortreffliches Beispiel dafür, warum ich den Ostzuwachs beim Grand Prix so begrüße: auf deutsch (englisch, französisch) gesungen, müsste ich so eine Nummer natürlich als hoffnungslos altmodisch geißeln und für den Contest ablehnen. Auf slowenisch (serbisch, bosnisch, kroatisch), wo ich nichts verstehe, kann ich mich in dem Schmalz aber hemmungslos und guten Gewissens (Stichwort: multikulturell) suhlen. Ist das nicht prima? Anna Maria Jopek fügte sich nahtlos in die Reihe der stimmstarken Polinnen. Ihr ‘Ale jestem’ war um Klassen zu gut für den Grand Prix: textlich herausragend, musikalisch spannend; fröhlich, ohne flach zu sein. Sowie mit ansteckender Freude und Hingabe dargeboten. In der beim ESC zelebrierten Gesellschaft des Spektakels musste das selbstredend untergehen. Bevor Griechenland 2001, dem türkischen Beispiel folgend, auf Ethno-Disco umschwenkte (und das sehr erfolgreich!), zog es hier noch mal alle Klischeeregister. ‘Horepse’ (‘Tanz’) wartete mit gleich zwei Bouzoukis, Flötenbegleitung, klassischen Klängen und einer schönen, eine anmutige Handography vorführenden, Sängerin auf. Und die heißt auch noch Marianna Zorba! Griechischer, da werden Sie mir sicher zustimmen, geht es wohl kaum!
Guck mal, Fingerschellen. Wie die Türken! (GR)
Katrina & the Waves, denen seit ‘Walking on Sunshine’ 1985 kein weiterer Hit mehr gelungen war, versuchten mit einem ursprünglich als Erkennungsmelodie für die Samariter geschriebenen Lied beim Grand Prix ihr Comeback. Das fiel kurz, aber fulminant aus. ‘Love shine a Light’ war eine dezent angerockte Weltfriedenshymne von beinahe israelischer Qualität: perfekt dazu geeignet, die Feuerzeuge und Wunderkerzen im Takt mitzuschwenken und sich friedvoll, fröhlich und als rundherum guter Mensch zu fühlen. Ein Erdrutschsieg war die Belohnung. Hervorzuheben ist Katrina Leskanichs lesbentypische Trinkfestigkeit: es war lustig mitanzusehen, wie sie sich während der Punkteauszählung im Green Room parallel zum immer deutlicher werdenden Sieg fröhlich mit Sekt zuschüttete. Dennoch gelang ihr die Siegerreprise! Obwohl sich die Single gut verkaufte – Top Ten in Großbritannien, Skandinavien und den Beneluxländern, aber nur Rang 62 in den deutschen Charts – löste sich die Band schon kurze Zeit später auf. Katrina versuchte es 2005 noch mal beim schwedischen Melodifestivalen und konnte bei der 50-Jahr-Feier Congratulations in Kopenhagen ihr Talent als Moderatorin unter Beweis stellen.
Besteht, wie ‘Hallelujah’ auch, ausschließlich aus Refrain: Katrinas Feelgoodsong (UK)
Als viel entscheidender, nachgerade als Markstein für die Grand-Prix-Geschichte, entpuppte sich aber der letzte Act des Abends: der Isländer Paul Oscar war der erste offen – und vom deutschen Kommentator Peter Urban auch nachdrücklich so angekündigte – schwule Sänger beim Eurovision Song Contest. Gut, bei seinem flamboyanten Auftreten, dem lasziven Räkeln auf dem eigens bereit gestellten Popsofa und den extravaganten Ringen an seinen Fingern ließ sich das auch schwerlich übersehen! ‘Min hinnsti Dans’, das Abschiedslied einer vom glamourösen Leben übersättigten Diva, zeigte eine enge thematische Verwandtschaft mit Allas ‘Primadonna’, war stilistisch jedoch Welten entfernt. Zum laut wummernden Technobeat zog Paul, umgossen von Gespielinnen in schwarzem PVC, seine aufregende Show vom abdankenden Star ab. Der Song erwies sich zwar als sperrig und landete auf einem abgeschlagenen zwanzigsten Platz. Dennoch verschaffte er damit dem seit jeher von Schwulen besonders geschätzten Wettbewerb – unserer Europameisterschaft – endlich das ganz offizielle Coming-Out! Und revolutionierte, ganz nebenbei, noch die Show. Denn nach dieser klaren Kampfansage an die verstaubte Schlagerseligkeit (à la Bianca Shomburg) konnte beim Grand Prix einfach nichts mehr so bleiben, wie es war! Und das sollte es auch nicht…
Da dürfte manchem maltesischen Muttchen der Mund offen gestanden haben (IS)
Eurovision Song Contest 1997
Eurovision Song Contest. Samstag, 3. Mai 1997, aus dem Point Theatre in Dublin, Irland. 25 Teilnehmerländer, Moderation: Carrie Crowley und Ronan Keating.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | CY | Hara & Andreas Konstantinou | Mana mou | 098 | 05 |
| 02 | TR | Şebnem Paker + Etnic | Dinle | 121 | 03 |
| 03 | NO | Tor Endresen | San Francisco | 000 | 24 |
| 04 | AT | Bettina Soriat | One Step | 012 | 21 |
| 05 | IE | Marc Roberts | Mysterious Woman | 157 | 02 |
| 06 | SI | Tanja Ribič | Zbudi se | 060 | 10 |
| 07 | CH | Barbara Berta | Dentro di me | 005 | 23 |
| 08 | NL | Mrs. Einstein | Niemand heeft nog Tijd | 005 | 22 |
| 09 | IT | Jalisse | Fiumi di Parole | 114 | 04 |
| 10 | ES | Marcos Llunas | Sin Rencor | 096 | 06 |
| 11 | DE | Bianca Shomburg | Zeit | 022 | 19 |
| 12 | PL | Anna Maria Jopek | Ale jestem | 054 | 11 |
| 13 | EE | Maarja-Liis Ilus | Keelatud Maa | 082 | 08 |
| 14 | BA | Alma Čardžić | Goodbye | 022 | 18 |
| 15 | PT | Célia Lawson | Antes do adeus | 000 | 24 |
| 16 | SE | Blond | Bara hon älskar mig | 036 | 14 |
| 17 | GR | Marianna Zorba | Horepse | 039 | 12 |
| 18 | MT | Debbie Scerri | Let me fly | 066 | 09 |
| 19 | HU | VIP | Miért kell, hogy elmenj? | 039 | 13 |
| 20 | RU | Alla Pugatschowa | Primadonna | 033 | 15 |
| 21 | DK | Kølig Kaj | Stemmen i mit Liv | 025 | 16 |
| 22 | FR | Fanny Torres | Sentiments Songes | 095 | 07 |
| 23 | HR | Eni | Probudi me | 024 | 17 |
| 24 | UK | Katrina & the Waves | Love shine a Light | 227 | 01 |
| 25 | IS | Paul Oscar | Minn hinsti dans | 018 | 20 |
- [1] Mit seiner Rückkehr 2011 erweiterte sich dieser privilegierte Kreis um Italien ↩
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