
Das Jahr des Bruchs
1982 – eine magische Zahl für Deutschland, ein nationales Trauma. Nicht nur, weil sich damals ein birnenförmiger Oggersheimer anschickte, das Land mit einer sechzehn Jahre währenden Schreckensherrschaft zu überziehen. Viel wichtiger: wir gewannen den Grand Prix! Zum ersten – und, wie ich bis zum 29. Mai 2010, als die fantastische Lena Meyer-Landrut die Wachablösung vollzog und die Ära Siegel beendete, fest glaubte – auch zum letzten Mal. Der Contest zog von den bisher meist als Austragungsort ausgewählten Hauptstädten in die tiefste britische Provinz nach Horrorgate Harrogate. Wie passend, denn provinziell mutete auch das musikalische Aufgebot an.
Wie lange die BBC wohl an der Titelübersetzung arbeitete? (PT)
Den Auftakt machte der wohl flotteste und tanzbarste portugiesische Beitrag der Contestgeschichte. Das lautmalerische ‘Bem Bom’, von der BBC für die englischsprachigen Zuschauer hilfreich in ‘Bim Bom’ übersetzt, dient noch heute bei jeder Eurovisionsdisco als unfehlbarer Tanzflächenfüller. Die schlechte Platzierung (# 13) ist womöglich der karnevalesken Kostümierung der Gruppe Doce zu verdanken, die offensichtlich beim Ausverkauf im Theaterfundus zuschlug – nach der Absetzung des Stücks “Der gestiefelte Kater”. Oder es lag an der vom BBC-Orchester errichteten, “gigantischen Mauer aus Käse” (Tim Moore), gegen welche es alle Teilnehmer dieses Abends schwer hatten, anzusingen. Die norwegische Kultgranate Jahn Teigen gab hier gemeinsam mit Ehefrau Anita Skorgan seine Abschiedsvorstellung: ‘Adieu’. Naja, war geflunkert: Jahn kam nächstes Jahr noch mal zurück, mit Anita als Backingsängerin im Gepäck. Erst die Bendiks, dann die Teigens: in Norwegen bleibt der Grand Prix in der Familie!
Eine Elf auf der Haldor-Lægreid-Skala: Neço (TR)
Auf nur einen Eurovisionsauftritt für sein Heimatland brachte es hingegen der Türke Neço. Eigentlich schade, denn der Musicalstar legte hier einen der schwulsten Auftritte der Eurovisionsgeschichte hin! Auch wenn man sein Outfit, ein weißes Sakko mit aufliegendem goldenen Hüftgürtel, sowie seinen schlimmen Mittelscheitel der damaligen Mode zurechnet: so verräterisch, wie Neço zu seinem besinnungslos billigen Synthie-Stück ‘Hani?’ (‘Wo?’) über die Bühne zuckte und tuckte, blieben keine Fragen offen! Schön auch die eins zu eins bei den Vorjahressiegern Bucks Fizz abgeschaute Handography der Backgroundsängerinnen. Und wo wir gerade beim Thema sind: auch die diesjährigen britischen Vertreter Bardo nahmen sich die mit sexuellen Konnotationen aufgeladene Show ihrer Vorgänger zum Vorbild, überboten diese in Sachen Vulgarität aber um ein Vielfaches. Zwar fielen hier keine Röcke, dafür aber probte das Mann-Frau-Duo in seinen drei Minuten dermaßen viele Dry-Humping-Posen[1], dass man eigentlich nur darauf wartete, wann sie endlich übereinander herfielen. ‘One Step further’ führte uns das in der Tat – an den kulturellen Abgrund, in welchen das besinnungslos billige Synthie-Stück auch gehört hätte!
Da zuckt der Unterleib ohne Unterlass: Bardo (UK)
Mit dem kiffenden Finnen Kojo trat ein weiterer singender Pazifist an. Doch seine, für die Ohren unangenehme, flammende Anklage mit dem Titel ‘Nuku Pommiin’ (“Schlaf, bis die Bombe kommt”) erwies sich als viel zu politisch und direkt, um die Herzen der Juroren zu erwärmen. Dazu noch wirkte der grimmige Finne am Bildschirm eher wie jemand, dem man zutraute, die Bombe zu zünden, anstatt sie wie Nicole mit der reinen Kraft ihres unschuldigen Herzens und ihrer Zaubergitarre wegzusingen. Zudem galt 1982 noch der Satz, dass die Finnen nie gewinnen. Und tatsächlich erntete der blonde Hüne ganze null Punkte von den europäischen Punkterichtern. Er nahm es, wie Tim Moore erleichtert berichten konnte, im Gegensatz zu Vorjahres-Nilpointer Finn Kalvik, aber gelassen auf. Deutlich besser schnitt die Schweizerin Arlette Zola ab, wobei mir nicht klar ist, warum. An ihrem Kochtopfschnitt kann es nicht gelegen haben, und ihr Lied war einfach nur sterbensöde. Weil ihr Namen an einen Frischkäse erinnerte? Es bleibt mir für immer ein Rätsel.
Das Kleid ist schwarz-weiß: Anna Vissi (CY)
Zum zweiten Mal startete die großartige Anna Vissi, diesmal allerdings für ihre Heimat Zypern: Griechenland zog seine Teilnahme auf Weisung seiner Kultusministerin wegen Peinlichkeit zurück. Annas Hymne an die Liebe, ‘Mono i Agapi’ mag getrost als (wenn auch etwas spröde) Reverenz an das textlich wie musikalisch ähnliche deutsche ‘Nur die Liebe lässt uns leben’ von 1972 durchgehen. Völlig abstrus hingegen die englische Fassung ihres Liedes: ‘Love is a lonely Weekend’. Liebe ist also wie zwei freie Tage voller Einsamkeit? Wenn Du da eben noch mal drübergehen möchtest, Anna? Unter dem hochoriginellen Gruppennamen Chips traten die von Connaisseuren des gepflegten Schwedenschlagers hochverehrten Bettan (Elisabeth Andreassen) & Kikki (Danielsson) an, die beide auch 1985 wieder auf der Grand-Prix-Bühne stehen sollten – Bettan dann als Teil des siegreichen norwegischen Duos Bobbysocks. Der diesjährige Rock’n'Roll-Schlager ‘Dag efter Dag’ wollte zwei Dinge auf einmal sein: abbaesk und bucksfizzig. Und blieb dabei doch schal und farblos, auch wenn Kikki & Bettan in kräftigem Babyblau und Babyrosa performten.
Dann folgte ein Kultknaller des schlechten Geschmacks: das österreichische Duo Mess (welch sprechender Name, vor allem in Harrogate!), optisch ein schiefgegangenes Experiment aus dem Klonlabor, tanzte zu seinem besinnungslos billigen Synthie-Schlager ‘Sonntag’ eine aerobicinspirierte Hochleistungschoreografie – und das, ohne hörbar außer Puste zu kommen! Michael Scheikl, der männliche Teil des Duos, grinste sogar die ganze Zeit über wie ein Honigkuchenpferd, und das trotz des textlichen Dünnpfiffs, den er da singen musste. Das hat er bis heute nicht verlernt: ihm verdanken wir nämlich den noch kultigeren Esoterik-Knaller ‘Jede Zelle meines Körpers ist glücklich’. Mit dem von ihm verfassten Selbstheilungs-Mantra und der dazugehörigen, energiemobilisierenden Choreografie zieht Scheikl dieser Tage durch die Lande und leichtgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche. Auch aus Grand-Prix-Teilnehmern kann also noch etwas Anständiges werden. Meinen Respekt!
Körperzellen-Rock für Nichtsängerinnen und -sänger
Die belgische Vertreterin Stella Maessen, mit ihren beiden Schwestern bereits 1970 als holländisches Quartett Hearts of Soul und 1977 als belgische Disco-Combo Dream Express am Start, hatte endlich ihren Soloauftritt und sich dafür eine hübsche Löwenmähne zugelegt, die sie mit einem Sträußchen Schleierkraut noch frisch und fein dekorierte. Bei ihrem discotastischen ‘Si tu aimes ma Musique’ bediente sie sich zwar eines eher phonetisch antrainierten Französischs, das jedoch bei weitem nicht so grottig klang wie weiland bei Baccara mit ihrem eher ironisch betitelten ‘Parlez-vous Français?’. Trotz des sprachlichen Handicaps trug also Stella ihren possierlichen Discoschlager sehr überzeugend vor. Ihren vierten Rang empfand sie womöglich nicht als angemessene Entlohnung ihrer Mühen, und so lautete die deutsche Fassung ihres Beitrags dann auch ‘Tut mir leid, dass ich weine’. Och, Armes!
Vom Floristen frisiert: Stella (BE)
Wie schon Portugal versuchten es auch Dänemark (Brixx, ‘Video Video’) und Jugoslawien (Aska, ‘Hallo, hallo’) mit kurzen Gruppennamen, international verständlichen Lautmalereien und Synchrontanz, fügten damit dem Abend aber nichts Substanzielles hinzu. Außer vielleicht der bangen Frage, ob es sich bei den doch extrem herb wirkenden Jugoslawinnen gar um Transen handelte? Die im Gegensatz hierzu hinreißend schöne Spanierin Lucía hatte einen hinreißend schönen Tangotänzer mit auf der Bühne, denn auch ihr Lied ‘Él’ war ein Tango. Das kam im sich gerade mit Argentinien[2] im Falklandkrieg befindlichen England nicht so gut an: Platz 10. Auf den berechtigten zweiten Rang schaffte es hingegen Avi Toledano für Israel, mit der schwungvollen Kibbuz-Disco-Nummer ‘Hora’ (nein, nicht, was Sie schon wieder denken, Sie altes Ferkel!), ebenfalls ein Klassiker und unfehlbarer Dancefloorfiller bei der Eurovisionsdisco. Erstaunlich übrigens, dass die Stimmen der wirklich überenthusiastisch tanzenden Backings im Refrain trotz der Nichtverwendung von Handmikrofonen so gut zu verstehen waren. Mal wieder die schon von 1963 berüchtigten “Boom-Mikros” der BBC?
Patentierter israelischer Formationstanz™ at its best! (IL)
Und dann kam sie. Als letzte Teilnehmerin des Abends (wie schon beim Vorentscheid in München) setzte Nicole einen optischen wie musikalischen Kontrapunkt zu all dem vorangegangenen Flitter, den pastellfarbenen Aerobic-Klamotten (selbst die britische Moderatorin Jan Leeming trug ein Glitzerstirnband!), Synchrontänzen und plastikhaften Synthie-Melodien. Als “blockflötenhaft” und “katholisch” beschrieb die Presse ihren Auftritt, und das ist wahr. Bombenfest auf dem Barhocker installiert, fast hinter ihrer gigantischen, unschuldsweißen Lagerfeuergitarre verschwindend, piepste sie ihr naiv unpolitisches, gerade deswegen aber von der schweigenden Mehrheit uneingeschränkt geteiltes Gebet für ‘Ein bisschen Frieden’ heraus. Weniger als vierzig Jahre nach dem Ende des von Deutschland angezettelten barbarischen Vernichtungskrieges, der in ganz Europa rund 60 Millionen Menschenleben forderte, signalisierte unser braver saarländischer Friedensengel augenscheinlich glaubhaft, dass von den Deutschen keine Gefahr mehr ausginge. Und eroberte so die Herzen der Zuschauer (und, wichtiger noch, der Juroren) im Sturm.
Veränderte die Wahrnehmung Deutschlands in Europa: Nicole (DE)
Die Zwölf-Punkte-Wertungen flogen nur so herein – weswegen es um so negativer auffiel, dass wir aus Österreich “nur” einen einzigen Punkt erhielten. Ein historischer Umstand, den eiserne Grand-Prix-Fans den Schluchtenkackern bis heute noch nicht verziehen haben. Doch egal, Nicole gewann letztendlich mit unglaublichen 61 Punkten Vorsprung. Nicht unbedingt ein Wunder angesichts der mehr als dürftigen Konkurrenz – dennoch: ein überwältigender Erfolg. Dass sie bei der Siegerreprise ihr Lied auch noch (angeblich “spontan”) strophenweise in Holländisch, Englisch und Französisch sang, trug ihr anerkennenden Szenenapplaus ein und erweiterte den neuen Sympathiebonus für die Deutschen von friedvoll auf polyglott. Zudem erwies sich dieser Kniff für den Abverkauf der bereits produzierten fremdsprachigen Fassungen ihrer Single, die es sogar – sonst für Deutsche undenkbar! – bis an die Spitze der britischen Hitparade schaffte, nicht gerade als hinderlich. Sie erreichte die # 1 ebenfalls in Österreich, der Schweiz, Irland, den Niederlanden, Schweden und Norwegen. Insgesamt verkaufte sie über 5 Millionen Einheiten und lieferte damit einen der erfolgreichsten Eurovisionstitel aller Zeiten ab.
Ob nun spontaner Einfall oder cleveres Marketing: das war schon verdammt beeindruckend, was die Frau Hohloch hier ablieferte! (DE)
Auch zu Hause in Deutschland blockierte die Saarländerin wochenlang gewaltfrei die Nummer Eins der Charts. ‘Ein bißchen Frieden’, in seiner Außenwirkung ein kaum zu unterschätzender kultureller Meilenstein für unser Land und der unbestreitbar größte künstlerische Erfolg des Grand-Prix-Abhängigen Ralph Siegel, markiert zugleich dessen schöpferischen Zenit. Sowie den nicht mehr zu kittenden Bruch der Generationen bei Europas größtem Musikfestival: freuten sich die älteren und konservativeren Deutschen uneingeschränkt über den überragenden Triumph, so ergoss sich aus den Reihen der progressiveren Jugend Häme und Ablehnung über Nicoles Lied, welches als gezielte Provokation der Friedensbewegung begriffen wurde. Damit stellte sich der Grand Prix bei den Jüngeren endgültig ins gesellschaftliche Abseits. Wollte man nicht als gestrig gelten, durfte man ihn fortan nur noch heimlich schauen.
Eurovision Song Contest 1982
Eurovision Song Contest. Samstag, 24. April 1982 aus dem Conference Center in Harrogate, Großbritannien. 18 Teilnehmerländer, Moderation: Jan Leeming.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | PT | Doce | Bem Bom | 032 | 13 |
| 02 | LU | Svetlana | Cours après le Temps | 078 | 06 |
| 03 | NO | Jahn Teigen + Anita Skorgan | Adieu | 040 | 12 |
| 04 | UK | Bardo | One Step further | 076 | 07 |
| 05 | TR | Neço | Hani? | 020 | 15 |
| 06 | FI | Kojo | Nuku pommiin | 000 | 18 |
| 07 | CH | Arlette Zola | Amour on t'aime | 097 | 03 |
| 08 | CY | Anna Vissi | Mono i Agapi | 085 | 05 |
| 09 | SE | Chips | Dag efter Dag | 067 | 08 |
| 10 | AT | Mess | Sonntag | 057 | 09 |
| 11 | BE | Stella | Si tu aimes ma Musique | 096 | 04 |
| 12 | ES | Lucía | Él | 052 | 10 |
| 13 | DK | Brixx | Video Video | 005 | 17 |
| 14 | YU | Aska | Halo, halo | 021 | 14 |
| 15 | IL | Avi Toledano | Hora | 100 | 02 |
| 16 | NL | Bill van Dijk | Jij en ik | 008 | 16 |
| 17 | IE | Duskeys | Here today, gone tomorrow | 049 | 11 |
| 18 | DE | Nicole | Ein bisschen Frieden | 161 | 01 |
- [1] Mit “dry humping” bezeichnet der Brite angedeutete, aber eindeutige sexuelle Posen im angezogenen Zustand. Wörtlich übersetzt hieße das “Trockenficken”, aber so ein vulgärer Ausdruck kommt mir natürlich nicht in meinen Blog! ↩
- [2] Ebenfalls eine der großen Tangonationen der Welt, neben Spanien und Finnland. ↩
Lesen Sie auch:
