
Das Jahr der Damendarsteller
Ein kollektives, erleichtertes Seufzen ging durch Europa: nach fünf Jahren Vorherrschaft der Show über die Musik siegte endlich mal wieder ein Lied! Ein sanftes, melodiöses, in der Landessprache gesungenes noch dazu. Eines ganz ohne Choreografie! Allerdings: so ganz stimmte das nicht. Auch ‘Molitva’ gewann aufgrund seiner Show – nur, dass diese halt sehr viel unaufdringlicher daherkam als beispielsweise bei den finnischen Monsterrockern. Genau diese charmante Präsentation zärtlicher Solidarität zwischen fünf gutaussehenden und einer stimmgewaltigen Frau (nicht zu vergessen der dezent lesbische Unterton) hob den serbischen Beitrag aus der Flut aufwändiger Tanzchoreografien heraus und führte ihn zum hoch verdienten Sieg.
Wenn uns die Bibel überhaupt eines lehrt, dann, dass es nur eine Maria geben kann. Heute Abend war es die aus Serbien. Da konnten die Chorsängerinnen der bosnischen Marija, passend zum Thema vom ‘Fluss ohne Namen’, noch so hübsch mit den Armen rudern. Diese Marija, die Šestic, ließ sich am Schluss ihres anmutig fließenden Vortrags von einem ebenso merkwürdig wie sie angezogenen Mann in die Arme nehmen. Heterosexuelle Zärtlichkeiten wollten die Zuschauer in diesem Jahr aber nicht sehen, zumal noch so unglaubwürdige! Spanien und sein von einem Schweden geschriebener Beitrag war mal wieder vom Pech verfolgt: Startplatz 2, der Todesslot – und natürlich schlachteten die umherirrenden finnischen Kameras die in der Halle noch perfekt synchrone Choreografie der schnuckligen Boyband D’Nash. Nun mag die Zeit für Caught-in-the-Act-Imitationen vielleicht schon abgelaufen sein, aber ich sehe sowas persönlich immer wieder gerne. Zumal, wenn da Spanier versuchen, englisch zu singen und dabei so schöne Textzeilen rauskommen wie “Cum gimme your Load”…
Auf Weiß sieht man’s ja auch nicht so: D-Nash (ES)
Ein bisschen unsauber auch die englische Aussprache des Weißrussen Dima Koldun: “Work your magic Eye / Work your magic Shoe”? (Wenn Peter Urban seine Scherze aus dem Semi wiederholt, darf ich das ja wohl auch)! Eine Ode an Michael Flatley? Dass er, als Einziger der Spitzenreiter, im Westen nicht ankam, lag wohl daran, dass er gleich zu Beginn eine seine Tänzerinnen als Fußschemel benutzte. So ein Macho-Verhalten ist hierzulande aber nur Frauen gestattet. Nach der britischen Bankrotterklärung von 2003 mit Jemini folgte hier die irische: wie einst schon Gemma Abbey suchte nun Cathy Jordan, Leadsängerin Regimentschefin bei Dervish, drei quälende Minuten lang den richtigen Ton und fand ihn ums Verrecken nicht. Im Gegensatz zu der hiermit teilrehabilitierten Gemma konnte Cathy aber darüber hinaus noch nicht einmal die Melodie halten. Der gnadenlose, ja schon brutal zu nennende Untergang einer einstmals führenden Eurovisionsnation: das war Live-Katastrophen-TV! Apropos Katastrophen: sollte sich irgendjemand fragen, welches Schicksal unsere Gracia nach der Schande von Kiew ereilte, hier gab es die Antwort. Sie flüchtete nach Finnland, futterte sich 30 Kilo drauf und tritt jetzt unter dem Tarnnamen Hanna Parka-Innen Pakarinen auf. Es gab dann sogar noch einen Sympathiepunkt aus der alten Heimat. Schön!
They cannot stop the Spring? She cannot cope to sing! (IE)
Die Drogen, die Alenka Gotar nimmt, will ich auch! Oder hatte sie direkt vor dem Auftritt Sex? Ihren Gesichtsausdruck würde das erklären – und den präventiven Einsatz ihres Schwarzlicht-Spermaspuren-Scanners (wie gesagt, wenn Peter Urban… dann ich auch) ebenso. Übrigens hab ich das am Dienstag nach dem Contest gleich mal ausprobiert, mich wie Magdi Rúsza barfüssig an die Bushaltestelle gestellt und suizidal rumgegreint. Und was soll ich sagen: es gab keinen begeisterten Zuspruch aus ganz Europa, sondern die Einweisung in die Klapse. Und da sitze ich nun und grüble immer noch, was in aller Welt die Zuschauer an diesem Schrott toll fanden. Ich verstehe es einfach nicht! Gerne sähe ich ja, wie Sarbel ‘Yassou Maria’ Šerifovic seine Nummer vorsingt - in der stillen Hoffnung, dass ihm die sympathische serbische Powerlesbe für seinen ranzigen Machismo (“Probably should mention: she is mine”) direkt eins auf die Ömme gibt! Schamlos melkte der hüftsteife Schlaks die seit sieben Jahre gültige griechische “Shake it”-Erfolgsformel und bediente sich auch noch dreist bei Sertab Ereners Domina-Tanznummer mit den Bändern.
Sensationeller Schulter-Shuffle: Sarbel (GR)
Wie Marianne Rosenberg auf LSD wirkte Ark-Frontmann Ola Salo. Hübsch die Nummer mit der psychedelischen Drehscheibe, die das finnische Fernsehen halb versemmelte. Aber der schlimme Song! Rocksound und Glamour schließen sich einfach gegenseitig aus: Glamrock kann also schon vom Konzept her nicht funktionieren. Da helfen weder literweise Eyeliner noch Glitzerpailetten im spärlichen Brusthaar. ‘The worrying Kind’, in der Tat! Dass bei den Franzosen kein militanter Tierschützer die Bühne stürmte, wo doch der glatzköpfige Sänger der Fatals Picards eine tote Katze auf der Schulter spazieren trug, war dann auch das einzig Interessante an diesem zweisprachigen, netten Fun-Punk-Versuch. Oh, und der Nachlauf mit dem Kameramann. Dezenz ist den Russen wahrlich nicht zueigen: nach einem Pseudolesbenduo 2003 kamen sie diesmal mit einer Aufforderung zum rückwärtigen Liebesspiel: “Listen up, you know I got / The place you’ve never been // Nasty Guy, take it, don’t be shy / Put your Cherry on my Cake and taste my Cherry Pie”. Sowie, um sämtliche Unklarheiten zu beseitigen: “My bad Ass spinnin’ for you”. Dass die drei aggressiven Lolitas im Böse-Nonnen-Outfit mit dieser perfekt und kalt produzierten, kontemporären Bollerpopnummer, dem Krawallsound der sozialen Verwahrlosung, die Kirschen nicht ernteten, lag wohl auch am Namen der Girlgroup: Serebro meint “Silber”. Wenn ich den ‘Song #1′ will, muss ich die Band aber “Gold” nennen. Sonst kommt, wie hier, Bronze dabei raus.
Achten Sie bei 2:07 Min mal auf den Drummer! (DE)
Wenn er sich in der ungemütlichen Gegenwart nicht mehr zurecht findet, unternimmt der Mensch ja gerne Ausflüge in die vermeintlich goldene Vergangenheit. Und so nahm Deutschland (in Gestalt Roger Ciceros) Europa mit auf eine Zeitreise, zurück in einen amerikanischen Jazzclub aus der guten alten Besatzungszeit. Den die Televoter ganz schnell wieder verließen, denn die haben ja noch ein Leben im Hier und Jetzt zu organisieren. Bei “sie geben alles, wenn sie irgendwas woll’n” fielen dem (recht niedlichen) Drummer übrigens vor lauter Langeweile die Schlegel aus der Hand – der einzig unterhaltsame Moment unserer drei Minuten. Und dann wieder diese Schwachsinnsidee, die letzte Strophe in englisch zu singen! Schreibt’s Euch bitte ein für alle mal hinter die Ohren: die Zuschauer entscheiden in den ersten 15 Sekunden, ob sie einen Song mögen oder nicht. Wenn Anbiederung, dann da! Welchen Reiz fremde Sprachen haben können, bewies übrigens der wunderschöne, hochdramatische serbische Siegertitel mit dem Fake End: “Nebo zna, kao ja” (“Der Himmel weiß, so wie ich”) sang Marija Šerifovic ein ums andere Mal. Ich verstand “Ne Bosna Kaviar”: ein Protestsong gegen den Import von Fischrogen aus Neum? Verrückt!
Sapphos Töchter: Marija & die Molivettes (RS)
Überaus lustig ging es weiter: eine etwas füllige, komplett durchgeknallte ukrainische Transe hüpfte durch einen scheinbar sinnfrei-fröhlichen Technoschlager und brüllte zur Akkordeonbegleitung deutsche (“Sieben, sieben, ein, zwei”), englische und ukrainische Sprachfetzen. Verka Serdutschka erschien als Kreuzung aus Hüpfburg, Zarah Leander, lebender Discokugel und Weihnachtsbaum, wie ihre zwei Begleittänzer aus der Jungpioniergruppe komplett in Alufolie gewickelt. Bei allem Amüsement (und “ich lieben”): im Refrain folgte auf zwei Mal “Lasha Tumbai” - eine Nonsens-Wortschöpfung in der Tradition von ‘Diggy loo diggy ley’[1] - stets ein nicht misszuverstehendes “Russia goodbye”. Und die deutschen Abzählreime hatten Gerüchten zufolge die Funktion, die in der einst zum Sowjetreich gehörenden Ukraine nicht mehr sehr wohlgelittenen Russen in die Nähe von (Nazi-)Deutschen zu rücken. Nicht mehr ganz so lustig, oder? Dennoch: als Performance (auch Verka spielte Nachlauf mit dem Kameramann und stellte auch sonst etliche amüsante Dinge an) unschlagbar. Und für die zwei direkt darauf folgenden Comedyacts der sichere Punktetod.
Schaut her, liebe Georgier: so geht eine subtile Russlandverarsche (UA)
Der witzigste Moment beim diesjährigen Grand Prix ereignete sich jedoch am Sonntagmorgen, als ich auf meinem Hotelzimmer die Wiederholung der TV-Ausstrahlung vom Samstagabend auf YLE sah. Und hörte, wie der finnische Kommentator das eigens für den Contest wiedervereinte Eurodance-Projekt Scooch mit dem Song “Flying the Fag” ansagte. Wie passend: camp war die Trashnummer der singenden Stewardessen beiderlei Geschlechts bis zum Abwinken. Auch wenn all die großartigen Gags mit den “salted Nuts” und ähnlichen köstlichen Doppeldeutigkeiten leider komplett untergingen. Die überraschenden zwölf Punkte aus Malta verdankt das Königreich übrigens alleine den Schlagerboys aus Birmingham, die am Freitag nach dem Semi im maltesischen TV zu Gast waren und die Wahrheit sprachen, dass nämlich Malta um einen Platz im Finale betrogen worden sei… Todomondo, das singende Politbüro aus Rumänien fiel mit seiner sechssprachigen Ode an die ‘Liubi’ unter den Völkern, welche die Grundidee der Eurovision wunderschön auf den Punkt brachte, nach diesen zwei spektakulären Höhepunkten des schlechten Geschmacks leider deutlich ab. Trash noch mal zum Schluss: Hayko, ein jüngerer Tom Jones, stand vor einem kahlen Baum, in dem Klopapierstreifen im Wind flatterten, und knödelte voller Inbrunst die armenische TV-Reklame für Charmin: “Immer, wenn Du musst”, steht ein Baum mit Toilettenpapier für Dich bereit! Super!
Flyin’ high in Amsterdam: Scooch (UK)
Hatte Hape mit ‘Helsinki is Hell’ Recht? Keineswegs! Das Hauptstädtchen, wo es wegen der geografischen Lage bereits morgens um halb Vier hell wurde (was man deswegen mitbekam, weil da sämtliche Clubs schlossen), war putzig und pittoresk. Zwar könnte man den Heimbeitrag ‘Leave me alone’ der grimmig dreinschauenden Hanna als Botschaft an die zahlreich eingefallenen Eurovisionsfans deuten, sich bitte bald wieder zu verkrümeln, damit man endlich wieder Platz habe. Von dem brauchen die Finnen nämlich viel, wie ich auf einer Hafenrundfahrt im eisigen Wind erfuhr: weil ihnen das Leben in der überlaufenen 570.000-Mann-Metropole zu hektisch und drangvoll ist, verfügt fast jeder zweite Einwohner über ein Häuschen auf einem der vorgelagerten Inselchen, wo er am Wochenende endlich den Trubel hinter sich lassen und für sich allein sein darf.
Look, they’re happy, just like Children: die tolle Krisse
Doch gastfreundlicher und wohlorganisierter als die Finnen könnte niemand sein. Das sah man schon am Moderationspärchen Jaana Pelkonen und Mikko Leppilampi: die Ersten seit vielen, vielen Jahren, die nicht nur ein gut verständliches Englisch sprachen, sondern einem auch das Gefühl vermittelten, sie hätten richtig viel Spaß bei dem, was sie da tun. Und an der sensationell lustigen Krisse, Finnlands Silvia Night, die in unnachahmlicher Art und Weise durchs Pausenprogramm führte sowie die einzigen sinnvollen Green-Room-Interviews in der gesamten Contestgeschichte führte (“You are beautiful. You think that helps?”). Brillant auch die Postkarten zwischen den Songs: perfekt gemachte, unglaublich charmante und sehr unterhaltsame Filmchen, in denen die Finnen ihre eigene so liebenswerte Skurrilität entspannt aufs Korn nahmen. Die dürfen gerne bald mal wieder gewinnen!
Eurovision Song Contest 2007
Eurovision Song Contest Finale. Samstag, 12. Mai 2007, aus der Hartwall Areena in Helsinki, Finnland. 24 Teilnehmerländer, Moderation: Jaana Pelkonen & Mikko Leppilampi.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | BA | Marija Šestić | Rijeka bez imena | 106 | 11 |
| 02 | ES | D'Nash | I love you, mi Vida | 043 | 20 |
| 03 | BY | Dima Koldun | Work your Magic | 145 | 06 |
| 04 | IE | Dervish | They can't stop the spring | 005 | 24 |
| 05 | FI | Hanna Pakarinen | Leave me alone | 053 | 17 |
| 06 | MK | Karolina Gočeva | Mojot Svet | 073 | 14 |
| 07 | SI | Alenka Gotar | Cvet z juga | 066 | 15 |
| 08 | HU | Magdi Rúsza | Unsubstantial Blues | 128 | 09 |
| 09 | LT | 4Fun | Love or leave | 028 | 21 |
| 10 | GR | Sarbel Michael | Yassou Maria | 139 | 07 |
| 11 | GE | Sopho Khalvashi | Visionary Dream | 097 | 12 |
| 12 | SE | Ark | The worrying Kind | 051 | 18 |
| 13 | FR | Les Fatals Picards | L'amour à la française | 019 | 23 |
| 14 | LV | bonaparti.lv | Questa Notte | 054 | 16 |
| 15 | RU | Serebro | Song #1 | 207 | 03 |
| 16 | DE | Roger Cicero | Frauen regiern die Welt | 049 | 19 |
| 17 | RS | Marija Šerifović | Molitva | 268 | 01 |
| 18 | UA | Verka Serduchka | Dancing Lasha tumbai | 235 | 02 |
| 19 | UK | Scooch | Flying the Flag (for you) | 019 | 22 |
| 20 | RO | Todomondo | Liubi, liubi, I love you | 084 | 13 |
| 21 | BG | Elitsa Todorova + Stoyan Yankoulov | Water | 157 | 05 |
| 22 | TR | Kenan Doğulu | Shake it up Shekerim | 163 | 04 |
| 23 | AM | Hayko Hakobyan | Anytime you need | 138 | 08 |
| 24 | MD | Natalia Barbu | Fight | 109 | 10 |
- [1] In einem Interview im Vorfeld behauptete Verka, dies sei mongolisch und heiße “geschlagene Butter”, was aber, wie eifrige Eurovisionsanoraks sofort nachrecherchierten, schlichtweg nicht stimmt. ↩
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