
Das Jahr des Supertrashs
Ein Jahrgang, der mich wie kein zweiter gespalten hinterlässt: einerseits so voll gepackt wie kaum ein anderer mit Spitzenerzeugnissen des Trashs und der unfreiwilligen Komik. Andererseits ruiniert durch die rundweg skandalösen Juryentscheidungen und den ungerechtfertigsten Siegertitel aller Zeiten. Doch zunächst zu den schönen Seiten dieses Contests. Das schweizerische Fernsehen unterhielt die Zuschauer zum Auftakt und in den Postkarten mit idyllischen Klischeebildern über Berge, Kühe, Käse, Alphörner und das Heidi. Was man sich eben unter der Schweiz so vorstellt – diskrete schwarze Konten für das Blutgeld aus den Diktaturen dieser Welt wurden hingegen nicht gezeigt.
Thomas Gottschalk, der für die ARD kommentierte, machte sich mit mildem Spott über die Veranstaltung lustig, was illustrierte, wie wenig ernst man den Wettbewerb auch von offizieller Seite noch nahm. Als schweizerische Moderatoren fungierten ein älterer Sportreporter mit einem etwas staubigen Charme und die damalige Schönheitskönigin und zeitweilige Ehefrau von Loddarmaddäus mit dem hübschen Namen Lolita Moreno. Sie bezauberte durch einen atemberaubenden Scheibenwischer-Stehkragen und miserable Fremdsprachenkenntnisse. Italien eröffnete den Reigen grandios mit einer pornoblonden Sängerin nebst Duettpartner mit den nicht minder hübschen (und pornotauglichen) Namen Anna Oxa & Fausto Leali. Ihr ‘Avrei voluto’ erwies sich als heiser gekrächztes, aber anregendes Stück Italopop vom Feinsten und hätte eine bessere Platzierung als den erreichten neunten Rang verdient.
Achten Sie mal auf das Bäuerchen bei 3:30 Min. Putzig! (IL)
Rührend erschien der Auftritt des sehr aufgeregten, erst zwölfjährigen Israelis Gali, der seine damals sicherlich noch nicht einmal selbst geahnte sexuelle Orientierung für jedermann klar erkennbar im Rahmen seiner Bühnenshow offenbarte. So schwul sang und tanzte niemals zuvor oder danach in der Grand-Prix-Geschichte irgendjemand. Aus Fürsorgegründen, und um Galis durchdringend hohes Organ auf eine für das menschliche Ohr angenehme Tonlage herunterzudämpfen (in Schlagerkreisen als “der Bert-Effekt” bekannt), stellte ihm das israelische Fernsehen eine bereits volljährige Aufsichtsperson namens Galit singend zur Seite. Auch sie konnte jedoch nicht verhindern, dass ihrem Schützling vor lauter Aufregung zur Halbzeit ein winziges Bäuerchen entfleuchte. Was gar nicht weiter aufgefallen wäre, wenn der ansonsten durchgehend künstlich grinsende Knabe nach diesem kleinen Mißgeschick nicht so erschrocken-verdrießlich dreingeblickt hätte. Alles in allem eine Darbietung voller großartiger, anrührender, unfreiwilliger Komik.
So sieht eine Preßwehe aus: Justine gebiert einen Ton (NL)
Die Niederländerin Justine Pelmelay trug zwar eine der fantastischsten Achtzigerjahre-Frisuren… der Achtzigerjahre, litt aber unter dem Tina-Turner-Syndrom: dem stimmlichen Nichtliefernkönnen, wenn es drauf ankommt (vgl. ‘Goldeneye’). Auch Justine verkrächzte das Finale ihrer aufwallenden, vollständig auf die große, hohe Schlußnote hinzulaufenden Ballade, auf die man die ganzen drei Minuten gewartet hatte, äußerst kläglich. Das tat richtig weh. Die Türkei überraschte das verdutzte Europa mit einem tanzbaren, ja geradezu hörbaren Popstück namens ‘Bana Bana’. Leider kontrastrierte die Gruppe Pan ihren fantastischen, seiner Zeit voraus seienden Ethno-Disco-Klopfer mit ihrer strikten Geschlechtertrennung und den eigenwilligen Kostümen ein wenig. Um so lustiger die hysterische Performance des Komponisten und Dirigenten Timur Selçuk. Die Hinwendung zur Modernität wurde von den offensichtlich gehirnamputierten Jurys mit dem 21. Platz abgestraft, eine schlichtweg kriminelle Entscheidung! Ein Skandal auch das Ergebnis für die tapfere flämische Hausfrau Ingeborg, die sich, wie schon zwei Jahre zuvor ihre (etwas glamourösere) holländische Kollegin Marcha, dem auf dem Flachland anscheinend besonders oft in Orkanstärke wehenden Wind trotzig entgegen stellte. ‘Door de Wind’ war voller sanfter Anmut.
Heutzutage würde die Türkei mit diesem Song aus dem Stand gewinnen – und zu Recht!
Für Großbritannien und deren Vertreter Live Report (ein schlechterer Bandname ging wohl nicht mehr?) fragte ein abgrundhäßlicher Sänger mit einer verstörenden Kombination geschmacklicher Todsünden wie Halbglatze und Mini-Pferdeschwanz sowie Bundfaltenhose und Ledersakko: ‘Why do I always get it wrong?’. Unklar bleibt, ob sich das auf seinen Modegeschmack oder die erbärmliche musikalische Qualität seines Titels bezog. Unfasslicherweise kam er auf den – anscheinend für das Königreich fest reservierten – zweiten Platz. Die für Luxemburg antretende Sängerin von Park Café (okay, ein noch schlechterer Bandname geht anscheinend doch!) erlitt scheinbar nur wenige Minuten vor ihrem Auftritt einen folgenschweren Zusammenstoß mit einer Brennschere. Eine grausamer verstümmelte Frisur hat man auf einer Eurovisionsbühne wohl nie mehr gesehen. Unglücklicherweise taten weder die barocken Goldohrringe noch der dröge Song ‘Monsieur’ irgendetwas, um von dem Haardesaster abzulenken. Island schickte einen blutjungen, jedoch unter Blutarmut leidenden, autistisch wirkenden Sänger namens Daníel Ágúst Haraldsson, der sich in seiner schlimmen Hüfthose auf der Bühne verständlicherweise sehr unwohl fühlte. Angestrengt vermied er jeglichen Kamerakontakt – wenn er es doch mal tat, schaute er drein wie ein Serientäter. Bei Textzeilen wie “Beleuchte meinen Pfad, lüsterner alter Mond” und “Jeder begehrt etwas, das er für sich behalten will” auch kein Wunder. Der nächste Nilpointer, und zu Recht.
Dinge, von denen ich gar nichts wissen will: Daníel Ágúst (IS)
Zur Erholung ein Doppelpack skandinavischer Lebensfreude: Dänemark entbot das patente und in heimischen Fankreisen noch heute vielgeliebte Schlagerschlachtroß Birthe Kjær, die im passenden roten Kleid, ganz im Stil alter Musikrevuen der fünfziger Jahre, die ‘Stadt rot anmalen’ wollte. Dass sie da mal nicht von der Anti-Graffiti-Soko erwischt wird! In die gleiche Kategorie Camp-Klassiker, wenn auch um ein Vielfaches besser, fällt die rundweg anbetungswürdige Anneli Saaristo aus Finnland, die live zu erleben ich in Helsinki das große Vergnügen hatte. Die in einem ebenfalls roten Zeltkleid mit quer liegender Blumenschärpe antretende Anneli sang eine fröhliche, optimistische Weise über ‘La dolce Vita’, wie es ja für die bekanntermaßen stets lebensbejahenden und sinnenfrohen Finnen, unstrittig die Italiener Skandinaviens, nicht typischer sein könnte. Und um die Verwirrung noch größer zu machen: musikalisch umrahmt und angetrieben wurde das Ganze von feurigen spanischen Flamencogitarren, die in sehr amüsanter Weise zu den süßlichen Klangwällen aus Geigen kontrastierten, mit den das Orchester versuchte, die Nummer zu erdrosseln. Doch nicht mit Frau Saaristo: die lächelte tapfer und setzte sich in adorierenswerter Weise durch. Bravo, Anneli!
Dio, come ti amo: Anneli Saaristo (FI)
Frankreich schickte einen enervierenden zwölfjährigen Pippi-Langstrumpf-Verschnitt, die behauptete, das ‘Leben gestohlen’ zu haben. Erst der rülpsende Israeli, dann die diebische Französin - damit war das Maß voll: im Folgejahr erließ die EBU eine bis heute gültige Altersgrenze von 16 Jahren für die Eurovisionsteilnahme. Danke sehr! Es folgte die hinreißend schöne Spanierin Nina. Sie interpretierte das leidenschaftliche und hoch dramatische ‘Nacida para Amar’ mit voller Hingabe und großer Stimme und lieferte einen der besten spanischen Beiträge aller Zeiten. Sowie, ohne jede Frage, die beste Performance dieses Abends. So stark legte sie sich beim Schlussvers ins Zeug, dass ihr die sorgsam auf die Stirn drapierte einzelne Haarsträhne ihres anmutigen Lockenköpfchens ins Gesicht stürzte. Das war rührend komisch und hätte zwingend mit dem Sieg belohnt werden müssen. Doch, wie in diesem Jahr besonders deutlich erkennbar, verstopften sich die Juroren mal wieder mutwillig Augen und Ohren und stimmten mutmaßlich nach der Dicke des Bestechungsgeldbündels ab.
Geboren, um Liebe zu geben: die fabelhafte Nina (ES)
Anders als mit Geldverschiebungen auf Schweizer Nummernkonten lässt sich der Sieg der jugoslawischen Band Riva nicht erklären. Ihr “schlichter Sommerbeat” (Jan Feddersen) ‘Rock me’, bestehend aus ein paar Brocken Kroatisch und endlosen Wiederholungen der englischen Titelzeile, erwies sich als dergestalt unerträglich billig, dass ihn anschließend die europäischen Plattenkäufer nicht mal für geschenkt haben wollten. Die Zuschauer in Lausanne wandten sich schon während der Siegerreprise ab und gingen. Ob aus Protest gegen die sehr, sehr offensichtliche Schiebung oder weil sie die schreckliche Nummer einfach nicht noch mal hören wollten, bleibt Spekulation. ‘Rock me’ hält jedenfalls seither ungebrochen die Nummer Eins meiner persönlichen Haßliederliste, direkt gefolgt von den ‘Rock’n'Roll Kids’ (IE 1994)- ‘Rock’-Songs haben halt aber auch beim Grand Prix schlichtweg nichts verloren!
Das wohl schwulste Outfit aller Zeiten: Thomas Forstner (AT)
Eine Bruchlandung erlebte hingegen Nino de Angelos ‘Flieger’. Dummerweise schrieb Bohlen nämlich, seinem heimlichen Vorbild Ralph Siegel folgend, auch gleich den diesjährigen Beitrag Österreichs. Und der kam im Starterfeld als erster dran. Da konnte Thomas Forstner noch so scheiße aussehen mit seiner Vokuhila-Frisur und seinem pastellfarbenen Eisläuferoutfit, da konnte er das balladeske ‘Nur ein Lied’ noch so sehr vergeigen. Nino, obschon um Längen besser, nahmen die meisten Juroren wohl nur noch als Wiederholung wahr (einen Bohlen erkennt man halt so sicher wie einen Siegel) und bestraften den Verrat seines Komponisten mit dem vierzehnten Rang. Zu Recht schäumten und tobten die deutschen Zuschauer und über zwei Millionen von ihnen wandten sich für immer enttäuscht vom Song Contest ab. Toll gemacht, Dieter!
Eurovision Song Contest 1989
Concours Eurovision de la Chanson. Samstag, 6. Mai 1989, aus dem Palais de Beaulieu in Lausanne, Schweiz. 22 Teilnehmerländer, Moderation: Lolita Morena und Jacques Deschenaux.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | IT | Anna Oxa + Fausto Leali | Avrei voluto | 056 | 09 |
| 02 | IL | Gili + Galit | Derech Hamelech | 050 | 12 |
| 03 | IE | Kiev Collony & the Missing Passengers | The real me | 021 | 18 |
| 04 | NL | Justine Pelmelay | Blijf zoals je bent | 045 | 15 |
| 05 | TR | Pan | Bana bana | 005 | 21 |
| 06 | BE | Ingeborg | Door de Wind | 013 | 19 |
| 07 | UK | Live Report | Why do I always get it wrong? | 130 | 02 |
| 08 | NO | Britt Synnøve Johansen | Venners nærhet | 030 | 17 |
| 09 | PT | Da Vinci | Conquistador | 039 | 16 |
| 10 | SE | Tommy Nilsson | En Dag | 110 | 04 |
| 11 | LU | Park Café | Monsieur | 008 | 20 |
| 12 | DK | Birthe Kjær | Vi maler Byen rød | 111 | 03 |
| 13 | AT | Thomas Forstner | Nur ein Lied | 092 | 05 |
| 14 | FI | Anneli Saaristo | La dolce Vita | 076 | 07 |
| 15 | FR | Nathalie Pâque | J'ai volé la Vie | 060 | 08 |
| 16 | ES | Nina | Nacida para Amar | 088 | 06 |
| 17 | CY | Fanny Polymeri + Yannis Savidakis | Apopse as vrethoume | 051 | 11 |
| 18 | CH | Furbaz | Viver senza tei | 047 | 13 |
| 19 | GR | Mariana | To dikou sou Asteri | 056 | 10 |
| 20 | IS | Daníel Ágúst Haraldsson | Það sem enginn sér | 000 | 22 |
| 21 | DE | Nino de Angelo | Flieger | 046 | 14 |
| 22 | YU | Riva | Rock me | 137 | 01 |
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