
Das traurige Jahr
Den Doppelsieg Israels in zwei aufeinanderfolgenden Jahren quittierten viele Zuschauer mit erbostem Gegrummel. Im Fußball findet es kaum jemand anstößig, wenn Bayern München fast jedes Jahr die Schale holt – beim Grand Prix hingegen, wo es ja nicht um klar nachzählbare Tore, sondern um persönlichen Geschmack und um Sympathien geht, ließen die Vorwürfe der Preisklasse “Alles Politik!” oder “Schiebung!” nicht lange auf sich warten. Ob es daran lag, dass Israel die nochmalige Austragung des Wettbewerbs ablehnte? Oder fehlte dem Sender schlicht das Geld? Jedenfalls sprang ausnahmsweise nicht die britische BBC ein, sondern die Holländer. Die legten die Veranstaltung auf den Holocaust-Gedenktag, so dass Israel auch seine Teilnahme am Wettbewerb absagen musste: und schon war die Gefahr eines dritten Sieges in Folge gebannt![1]
Wie schon vor zehn Jahren fand die Show also in den Niederlanden statt, und wie schon vor zehn Jahren ging für Deutschland Katja Ebstein an den Start. Die berichtete hinterher, von den Holländern im Gegensatz zu ihrem ersten Besuch 1970 in Amsterdam, wo sie im Restaurant immer als letzte bedient wurde, diesmal herzlich und freundlich behandelt worden zu sein. Da machte es sich doch bemerkbar, dass mittlerweile eine Generation nachgewachsen war, welche die deutschen Kriegsgräuel nicht mehr unmittelbar am eigenen Leib erlebt hatte. Die entspanntere Haltung den Deutschen gegenüber zahlte sich auch an der Punktetafel aus. ‘Theater’, ein protoypischer Siegel-Schlager mit eigener Kitsch-Choreografie, belegte einen sensationellen zweiten Platz. Ein großartiger Erfolg für die frisch geliftete Sängerin, der es – wenngleich mit wesentlich innovativeren und moderneren Songs als diesem beliebigen Zirkusgesäusel – zuvor schon zwei Mal gelungen war, dritte Plätze für Deutschland zu holen. Wahrlich ein Grund zur Freude also!
Singt er noch oder weint er schon?: Johnny Logan (IE)
Typischerweise zogen es viele der mitfiebernden Deutschen (Einschaltquote: 40%) statt dessen vor, sich über den verpassten Sieg zu ärgern. Hierzulande ist das Glas halt immer halb leer… Dennoch wurde der Gewinnertitel ‘What’s another Year’ des für Irland gestarteten Australiers Johnny Logan, genau wie im restlichen Europa, auch bei uns zum Riesenhit (# 2 der Verkaufscharts) und bleibt ein noch heute gerne gehörter Evergreen. Logan, der mittlerweile seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, als Stargast durch osteuropäische Grand-Prix-Vorentscheidungen zu tingeln, wurde zu einem der Stars, dessen Name auch weniger eurovisionsinteressierten Menschen unweigerlich im Zusammenhang mit dem Contest einfällt. Unaufdringlich, dabei stimmig und berührend sein Auftritt: zu seiner herzzerreißenden Trennungsschmerzballade (“Was ist schon ein Jahr / Für jemanden, der keine Zukunft mehr kennt?”, so die nicht minder tränentreibende deutsche Fassung) schaute der entfernt an den Kinderschokolade-Jungen erinnernde Sänger dermaßen waidwund und verzweifelt in die Kameras, dass man gar nicht anders konnte, als mit ihm zu leiden – und über die unglaublich peinlichen weißen Damenlederstiefel mit zehn Zentimeter Absatz, die Logan zum John-Travolta-Gedächtnisanzug trug, gnädig hinweg zu sehen.
Eine Bagatelle, Banale: Blue Danube (AT)
Das restliche Feld bot ein Trash-Highlight nach dem anderen: unser so vielgeliebtes Nachbarland Österreich eröffnete den Abend mit einer Ode an die Musik. Natürlich – wo wäre der Rahmen dafür passender als beim Grand Prix? – an die Hochkultur! Blue Danube definierten ‘Du bist Musik’ folgendermaßen: “Du bist Liszt, Chopin, Debussy, Couperin” (die dazu garantiert im Grabe rotierten) bzw. “Du bist ein Ballett, ein Konzert, Menuett”… Und zwar liebreizend kontrastiert von einer musikalischen Popsoße, die problemlos als Titelmelodie jeder beliebigen TV-Nachmittagsgameshow oder Fahrstuhlbeschallung auf Kreuzfahrten hätte durchgehen können. Gekrönt von einer Synchrondarbietung, für die Wind ihre Großmütter verkauft hätten. Großes Eurovisionshandwerk mithin! Die türkische Sängerin Ajda Pekkan brachte eine Liebeserklärung an das ‘Erdöl’, vor dessen Förderung die Welt ein dunkler und eintöniger Platz gewesen sei. Kritisch merkte sie jedoch auch an, dass der wertvolle Stoff ihre Liebe nicht mehr erwidere, sondern nur noch von Dollars und Mark spräche. Ach was!
Sehr von sich überzeugt: Alan Sorrenti (IT)
Das verfeindete Griechenland entsandt erstmals Anni Vissi – zur Reduzierung der Reisekosten kam sie per ‘Auto-Stop’. Erst- und letztmalig nahm, die Abwesenheit Israels nutzend, das nordafrikanische Land Marokko teil. Der vorletzte Platz für den schwer verdaulichen Ethnosong ‘Bitakab Hob’ bestätigte sehr eindrucksvoll, dass mehr als nur das Meer Europa und die Maghrebstaaten voneinander trennt. Italien schickte einen Kastraten namens Alan Sorrenti, der – vom prachtvollen Pornobalken mal abgesehen – nicht nur optisch an Thomas Anders erinnerte. Und der sich in einem pastellfarbenen Oversize-Jacket (oh ja: in den Achtzigern sahen alle Männer schwul aus!) enthusiastisch durch seinen Italopopkracher ‘Non so che darei’ fistelte. Um das Ganze ein klein wenig zu heterosexualisieren, begleiteten ihn zwei weibliche Models auf der Show-Gitarre. Für Dänemark folgte ein lustiges singendes Walroß im schlank machenden Streifenpulli mit dem sprechenden Namen Bamses Venner. Sein ‘Tænker altid på dig’ (‘Tanker ess ich allzeit gerne’) nahm man dem leider am Neujahrsmorgen 2011 Verstorbenen ohne Weiteres ab. Für die Schweiz ging erneut Paola an den Start: das ‘Cinéma’ hat solch eine fade Liebeserklärung sicher nicht verdient.
Da hab ich was Eigenes, da hab ich mein Jodeldiplom: Sverre und Matthis (NO)
Den abgefahrensten Beitrag des Abends lieferte Norwegen. Zunächst betrat ein Klon von Gunter Gabriel names Sverre Kjelsberg die Bühne und sang etwas, das wie die aufgepimpte Version eines traditionellen nordischen Weihnachtsliedes anmutete. Nach nur einer Strophe brach er unvermittelt ab, denn aus dem Hintergrund gesellte sich ein schüchternes Bürschelchen in einem pittoresken Minnesängerkostüm namens Mattis Hætta zu ihm. Der hob nun an, ein Mantra über seine Liebe zu Lappland zu jodeln (!), das mit dem so rüde unterbrochenen Weihnachtsschlager nicht das Geringste zu tun hatte. Sverre schien indes keineswegs böse ob der Störung, sondern stimmte kraftvoll mit ein, und als Krönung versuchte sich Mattis am Ende an einem gesungenen Fadeout – oder hatte er schlicht seinen Text (“Hej lo lo lelole lo le lo lo leloja”) vergessen? Jedenfalls war das Lied dann aus und die Zuschauer so baff, dass sie eine Schrecksekunde lang brauchten, bis sie sich gefangen hatten und applaudierten. Die Jurys zeigten sich ähnlich verwirrt: Platz 16.
Die niederländische Bette Midler: Maggie McNeal
Ein weiteres, diesmal musikalisch deutlich eingängigeres Loblied auf die Heimat kam von den Gastgebern. Und zwar auf deren wunderschöne und freigeistige Hauptstadt ‘Amsterdam’ – “De Stad waar alles kan”, wie jeder Tourist nach einem Abstecher in einen der zahlreichen dortigen Coffeeshops oder in die Warmoesstraat sicherlich begeistert bestätigt. Von der wunderbaren Maggie McNeal kompetent vorgetragen. Schon hier zeichnete sich im Vergleich zu ihrem Auftritt von vor sechs Jahren, damals noch gemeinsam mit dem Poltergeist Mouth, deutlich ab, was sich bei ihren heutigen Gigs als Teil der Dutch Divas bestätigt: wie auch ihre Kollegin, die fabelhafte Marcha (NL 1987, ‘Rechtop in de Wind’), gehört Maggie zu den Frauen, die immer besser aussehen, je älter sie werden! Für ‘Amsterdam’ wäre vermutlich ein besserer als der erreichte fünfte Platz drin gewesen, hätte nicht das holländische Fernsehen den fantastischen Lobgesang ausgerechnet durch die Verlegung des Contests in die öde Verwaltungshauptstadt Den Haag, dem Düsseldorf der Niederlande, Lügen gestraft.
Hier hatte Ira Losco (MT 2002) also die Idee mit dem Sternenstaub her! Belgien war der Zeit weit voraus.
Grottigen Musik- wie Klamottengeschmack bewiesen die beiden heutigen Big-Five-Länder Großbritannien (die belanglose Instant-Girlgroup Primadonna hatte zwar ‘Love enough for Two’, aber ein Garderobenbudget for a half) und Frankreich, dessen profillose Instant-Band Profil in Kostümen steckte, auf denen über die gesamte Breite des Quintetts ein aufgebügelter Regenbogen prangte. Auch dieser optische Trick konnte von der unterirdischen Güte ihres Beitrags ‘Hé hé, M’sieurs Dames’ nicht ablenken, der allenfalls dazu taugt, Junkies aus der Bahnhofshalle zu vertreiben. Belgien blamierte sich nach Leibeskräften mit einer Gruppe vollbärtiger Brillenkaspern mit dem hippen Namen Telex (Vorsprung durch Technik?) und einem Song namens, originellerweise, ‘Euro-Vision’! Die synthesizergeschwängerte Nummer könnte man mit sehr viel gutem Willen als interessante Parodie auf zeitgeistige Gruppen wie Kraftwerk oder die Buggles (‘Video kills the Radio Star’) rezipieren – oder aber einfach als den von ein paar Technik-Nerds produzierten Billigschrott, der sie tatsächlich war.
Frisch aus Hagenbecks Tierpark: Sophie & Magali (LU)
Einen weiteren Kultknaller mit inszenatorischem Overkill hatte der umtriebige Ralph Siegel, schon damals auf Masse statt Klasse setzend, für Luxemburg als Gesamtkunstwerk entworfen: ‘Papa Pingouin‘![2] Dafür steckte er die blonden französischen Zwillinge Sophie & Magali in bonbonfarbene Catsuits und ließ sie das schwarzweiße Zootier in einem Mix aus Schlager und Kinderlied besingen. Damit auch der Dümmste es kapiere, watschelte ein bedauernswerter Mann in einem gigantischen Pinguinkostüm über die Bühne, und auch die weiblichen Backings trugen, wie die arktischen Vögel, einen Frack. Ein wenig mit dem Vorschlaghammer aufgetragen, aber amüsant! Weniger amüsant endet indes die Geschichte der beiden in einer Pariser Vorstadt aufgewachsenen und als Models entdeckten Gilles-Schwestern: nach ihrem neunten Platz in Den Haag ließ Ralph Siegel, der die beiden Kessler-Nachfolgerinnen trotz einer Million verkaufter Singles mit lediglich 10.000 € abspeiste, Sophie und Magali fallen. Mit anderen Produzenten aufgenommene Platten floppten. Ende der Achtziger infizierte sich Magali mit HIV und starb im April 1996 an den Folgen von Aids. Sophie verfiel daraufhin in tiefe Depressionen und lebt heute zurückgezogen in Südfrankreich, wo sie die Tage vor dem Fernseher verbringt.
Ob Schni-schna-Schnappi oder Pa-pa-Pinguin: Hauptsache, es ist bunt und knallt!
Kein besonders heiterer Abschluß für diesen eigentlich doch kultigen Jahrgang, ich weiß. Doch es lauern halt nicht nur musikalische, sondern manchmal auch menschliche Abgründe hinter der bunten Fassade des scheinbar so heiteren Eurovisionszirkusses.
Eurovision Song Contest 1980
Eurovisie Songfestival. Samstag, 19. April 1980, aus dem Kongressgebäude in Den Haag, Niederlande. 19 Teilnehmerländer, Moderation: Marlous Fluitsma.| # | Land | Interpret | Titel | Punkte | Platz |
|---|---|---|---|---|---|
| 01 | AT | Blue Danube | Du bist Musik | 064 | 08 |
| 02 | TR | Ajda Pekkan | Petr' Oil | 023 | 15 |
| 03 | GR | Anna Vissi | Auto-Stop | 030 | 13 |
| 04 | LU | Sophie & Magali | Papa Pingouin | 056 | 09 |
| 05 | MA | Samira Bensaid | Bitakat Hob | 007 | 18 |
| 06 | IT | Alan Sorrenti | Non so che darei | 087 | 06 |
| 07 | DK | Bamses Venner | Tænker altid på dig | 025 | 14 |
| 08 | SE | Tomas Ledin | Just nu | 047 | 10 |
| 09 | CH | Paola | Cinéma | 104 | 04 |
| 10 | FI | Vesa-Matti Loiri | Huilumies | 006 | 19 |
| 11 | NO | Sverre Kjelsberg + Mattis Hætta | Sámiid Ædnan | 015 | 16 |
| 12 | DE | Katja Ebstein | Theater | 128 | 02 |
| 13 | UK | Prima Donna | Love enough for Two | 106 | 03 |
| 14 | PT | José Cid | Um grande, grande Amor | 071 | 07 |
| 15 | NL | Maggie McNeal | Amsterdam | 093 | 05 |
| 16 | FR | Profil | Hé hé, M'sieurs Dames | 045 | 11 |
| 17 | IE | Johnny Logan | What's another Year | 143 | 01 |
| 18 | ES | Trigo Limpio | Quédate esta Noche | 038 | 12 |
| 19 | BE | Telex | Euro-Vision | 014 | 17 |
- [1] Dass der irische Sieges-Hattrick in den Neunzigern dann für keinerlei Empörung mehr sorgte, erklärt sich durch das völlige Desinteresse der Medien und der Zuschauer am Song Contest in diesem Zeitraum. ↩
- [2] Jawohl, liebe Nachgeborenen! Der Kinder-Zeichentrick-Techno-Hit aus dem Jahre 2007 ist in Wahrheit die Coverversion eines Ralph-Siegel-Grand-Prix-Liedes von 1980! Da staunt ihr, was? ↩
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