Das neue Jahrtausend

Im fünften Jahrzehnt seines Bestehens kehrte nun endlich die Demokratie ein beim Eurovision Song Contest – wenn auch leider nur vorübergehend. Auf hartnäckiges Betreiben des damaligen deutschen Grand-Prix-Beauftragten Jürgen Meier-Beer fielen 1999 die lästigen Hemmschuhe Jury, Orchester und Sprachregel, die aus dem einstmals relevanten Popevent ein kaum noch beachtetes Trash-Spektakel gemacht hatten. Mit der Zuschauerbeteiligung kamen auch die Zuschauermassen wieder zurück, und in vielen der immer zahlreicher teilnehmenden paneuropäischen Staaten fanden sich auch zunehmend etablierte Stars wie Tatu, Patricia Kaas oder Sertab Erener zu einer Teilnahme bereit. Selbst in Deutschland schickten die Plattenfirmen im Jahre 2004 etliche ihrer besten Umsatzträger zur Vorentscheidung, wo sie allerdings von einem durch Stefan Raab (dem neuen Ralph Siegel) gecasteten No-Name derartig deutlich deklassiert wurden, das sich das Format bis heute nicht mehr davon erholt hat. Der volkskammerkompatible Sieg von Max Mutzke markierte so einschneidend wie augenfällig die Wachablösung der von der Tonträgerindustrie aufgebauten Popstars durch die Casting-Gilde (oder, wie es die kurzzeitig wiedervereinten Modern Talking als Pausenact treffend zusammenfassten: ‘TV makes it, TV even breaks it’).


Der erkaufte Sieg (RU 2008)

Auf internationaler Ebene sorgten die neuen Regeln für die lange überfällige Professionalisierung der Beiträge. Mit immer aufwändigerer Bühnentechnik, abgefeimteren Trickkleidern, spektakuläreren Hochleistungschoreografien und wahnsinnigeren Materialschlachten, die 2008 in einer Kunsteislaufbahn und einer millionenteuren Stradivari auf der Bühne ihren Höhepunkt fanden. Zum zunehmenden Verdruss der ehemaligen Gründungsväter des Eurovision Song Contest, deren singende Vertreter gegenüber den ehrgeizigen Kollegen vom Balkan und dem früheren Ostblock nicht mehr mithalten konnten. Was in einem ebenso verblendeten wie lautstarken Lamento über das angebliche “Blockvoting” kulminierte und dazu führte, dass die um die Teilnahmegebühren der Big-Four-Länder fürchtende EBU das Rad der Geschichte zurückdrehte und die diabolischen Jurys wieder zurückholte 8-O , wenn auch nur zur Hälfte. Um so erfreulicher, dass die Dekade nicht märchenhaft-versöhnlicher hätte enden können als mit dem eindeutigen Sieg von Alexander Rybak, einem in Weißrussland (Ost) geborenen und in Norwegen (West) aufgewachsenen Musiktalent, dessen zu gleichen Teilen folkloristisches wie popmodernes ‘Fairytale’ sowohl das klassische Musikinstrument Geige wie eine von sportgestählten Bodenturnern dargebotene Choreografie aufbot und somit geradezu mustergültig alle Elemente eines Eurovisionsbeitrags neuerer Prägung in sich vereinte. Inklusive des kommerziellen Erfolgs.