Ach, die Achtziger! Das unbestreitbar schaurig-schönste Jahrzehnt der Popgeschichte. Die Ära der Schulterpolster, Haarhelme, Pastellfarben, Vokuhilas und des Spachtel-Make-ups. Hier erfuhr ich als damals Adoleszenter meine popmusikalische Prägung: kein Wunder, das ich auf Trash stehe! Hatte der Grand Prix von 1979 mit dem unvergesslichen Auftritt von Dschinghis Khan meine Passion für den Contest geweckt, so musste ich im Verlauf dieses Jahrzehnts schmerzlich bewegt den Niedergang der Show mit ansehen. Jedenfalls, was ihre kulturelle Bedeutung und ihre musikalische Bestückung betraf. Denn wenn auch der Eurovision Song Contest zu Beginn der Achtziger noch beachtliche Einschaltquoten erzielte und echte nationale (‘Theater’) und internationale Hits (‘What’s another Year’) abwarf, so war er zum Ende des selben Jahrzehnts bereits zu einem obskuren, abseitigen TV-Spektakel mit peinlichsten Protagonisten (Riva) verkommen, das man allenfalls noch schaute, um sich darüber lustig zu machen und von dem Medien wie Menschen immer weniger Notiz nahmen.
Das linguistische Nirwana, zehn Jahre nach Abba (SE 1984)
Zahlreiche Faktoren trugen dazu bei: die geschmacklich vergreisten und korrupten Jurys vergraulten mit ihren absurden Fehlentscheidungen systematisch alle namhaften Popstars und sorgten so für eine zunehmend uniforme Bestückung des Wettbewerbs mit Retortensängern und mit Wegwerfbeiträgen, die auf den vermuteten, konservativen Geschmack dieses Häufleins älterer Männer zugeschnitten waren. Was übrigens kaum ein Komponist so gut beherrschte wie Ralph Siegel, dessen immergleiche Musikplatitüden nicht nur in Deutschland zunehmend die Grand-Prix-Szene dominierten. Das Videoclip-Zeitalter und die Einführung des Privatfernsehens, insbesondere der Start von MTV Europe, machte zudem den Eurovision Song Contest als prominente TV-Schaubühne für europäische Popmusik überflüssig. Außerdem splittete sich der Popmarkt in immer weitere, nur noch von Jugendlichen goutierte Sub-Genres auf, die beim eher am Musikgeschmack Erwachsener orientierten Grand Prix nicht vorkamen. 1982 beispielsweise vollführte im realen Popleben gerade die Neue Deutsche Welle ihren ‘Tanz auf dem Vulkan’ (Nena), die erfolgreichsten Superstars der Zeit hießen Ideal, Extrabreit und Trio. Zeitgleich erkämpfte Nicole Hohloch aus dem Saarland im britischen Harrogate den ersten Sieg für Deutschland mit ‘Ein bisschen Frieden’. Immerhin: ihre Friedensbotschaft versöhnte Europa mit den ehemaligen Kriegstreibern und verkaufte sich auch im Ausland (Platz 1 in Großbritannien!) wie Schnittbrot. Und war gleichzeitig doch ein weiterer Sargnagel für die musikalische Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs.
